Man muss den Dingen / die eigene, stille / ungestörte Entwicklung lassen. – Aus Briefzeilen Rainer Maria Rilkes.

Jenen Menschen, der aus den tiefen Gedanken der Briefzeilen Rainer Maria Rilkes (1875-1926) an den Schriftsteller und Journalisten Franz Xaver Kappus (1883-1966) ein Gedicht formte, überschrieben „Über die Geduld“, kenne ich leider nicht. Das Gedicht findet sich nicht unter den Gedichten Rilkes und doch ist es wert, als solches angesehen zu werden.

Im Brief selbst (http://www.rilke.de/briefe/230403.htm) finden sich bemerkenswerte Zeilen wie:

Lassen Sie Ihren Urteilen die eigene stille, ungestörte Entwicklung, die, wie jeder Fortschritt, tief aus innen kommen muß und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann. Alles ist austragen und dann gebären. Jeden Eindruck und jeden Keim eines Gefühls ganz in sich, im Dunkel, im Unsagbaren, Unbewußten, dem eigenen Verstande Unerreichbaren sich vollenden lassen und mit tiefer Demut und Geduld die Stunde der Niederkunft einer neuen Klarheit abwarten: das allein heißt künstlerisch leben: im Verstehen wie im Schaffen.
(…) Künstler sein heißt: nicht rechnen und zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, daß dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos still und weit.

Daraus von mir unbekannter Hand geworden ist

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit …

Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, 
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Werbung
Dieser Beitrag wurde unter über unsere Seele, Fülle des Lebens, Gedicht, Literatur, Rilke abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Man muss den Dingen / die eigene, stille / ungestörte Entwicklung lassen. – Aus Briefzeilen Rainer Maria Rilkes.

  1. hannahbuchholz schreibt:

    Wo hast du dieses schöne Gedicht, das aus den Briefzeilen Rilkes entstanden ist – oder vielmehr: aus ihnen geformt wurde – denn gefunden, lieber Johannes….?
    Liebe Grüße, Hannah

    • Ich hatte es irgendwann im Netz gefunden und unter einem Link stand auch, dass das wohl ein Unbekannter oder eine Unbekannte in diese Form gebracht hat. Tatsächlich findet es sich nicht in meiner Rilke-Gedicht-Ausgabe, so dass ich davon ausgegangen bin, dass das stimmt, was ich da gelesen habe. – Heute nun habe ich es dann mal auch veröffentlicht – inhaltlich ist es ja auch einfach bemerkenswert, wie ich finde; es kann weiterhelfen, denn Geduld ist einfach wichtig … Liebe Grüße

  2. Hiltrud Hornung schreibt:

    Wahrheit und Weisheit beinhaltet dieses Gedicht. Es ist zu verstehen als Aufruf zur Geduld
    Vielen Dank für dein Tun ,das immer wieder überrascht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s