Gegen den Trend zum Turbo-Aktivismus: Goethes „Dauer im Wechsel“

Dauer im Wechsel
 
Hielte diesen frühen Segen,
Ach, nur eine Stunde fest!
Aber vollen Blütenregen
Schüttelt schon der laue West.
Soll ich mich des Grünen freuen,
Dem ich Schatten erst verdankt?
Bald wird Sturm auch das zerstreuen,
Wenn es falb im Herbst geschwankt.
 
Willst du nach den Früchten greifen,
Eilig nimm dein Teil davon!
Diese fangen an zu reifen,
Und die andern keimen schon;
Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal,
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum Zweitenmal.
 
Du nun selbst! Was felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan,
Mauern siehst du, siehst Paläste
Stets mit andern Augen an.
Weggeschwunden ist die Lippe,
Die im Kusse sonst genas,
Jener Fuß, der an der Klippe
Sich mit Gemsenfreche maß.
 
Jene Hand, die gern und milde
Sich bewegte, wohlzutun,
Das gegliederte Gebilde,
Alles ist ein andres nun.
Und was sich an jener Stelle
Nun mit deinem Namen nennt,
Kam herbei wie eine Welle,
Und so eilt’s zum Element.
 
Laß den Anfang mit dem Ende
Sich in eins zusammenzieh’n!
Schneller als die Gegenstände
Selber dich vorüberflieh’n.
Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt:
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.
 
 
Was für einen Anlauf nimmt Goethe, um nach 36 Versen das, um was es ihm geht, zum Schluss in einem Satz zu Papier zu bringen:
Was du im Busen trägst und was dein Geist formatiert, ist unvergänglich – oder sagen wir lieber: kann unvergänglich sein.
 
Alles allerdings, was er über die vorausgehenden vier Strophen hin nennt und mit vollem Herzen vor unsere Augen hinzaubert, ist – so betörend es wirken mag – vergänglich; der vorwärtsdrängende vierhebige Trochäus und die immer wieder vorhandenen Zeilensprünge unterstützen auf der formalen Ebene diesen Charakter. Und nicht von ungefähr nimmt der weise Weimarer Bezug zu Heraklit und seinem ´panta rhei´ und jenem Hinweis, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steige, der das Fließen der Zeit im Bild des Wassers intoniert.
 
Der 2002 verstorbene Publizist und Literaturkritiker Werner Ross verweist in seinen Gedanken zu diesem Gedicht in Reich-Ranickis Gedichtsammlung´“1000 Deutsche Gedichte“ darauf, dass dieses Poem in der „Ausgabe letzter Hand“ in der gewichtigen Sammlung „Gott und die Welt“ stehe, die anhebt mit dem Proömium „Im Namen dessen, der sich selbst erschuf!“ und fortfährt mit so ewigkeitsraunenden Gedichten wie „Vermächtnis“ und „Urworte Orphisch“. Verglichen mit diesen tiefsinnigen Entfaltungen Goethescher Weltanschauung sei der Gehalt von „Dauer im Wechsel“ bescheiden.
 
Was dem guten Mann entgangen sein könnte, ist, dass Goethe mit der Gewichtung des Gedichtinhaltes zugunsten wechselhaften und für jenen Literaturkritiker vielleicht zu banalen Geschehens uns vor Augen führt, wie sich für die Mehrheit der Menschheit Leben präsentiert:
 
Es ist der Wechsel, das Reich der Zeit, das Menschen in Beschlag nimmt. Und wir wissen doch, dass sich der Hang zur Aktion, zur ständigen Abwechsung im Grunde immerfort verstärkt – und wie schwer es den Menschen fällt, auf Action zu verzichten, zeigt Corona auf..
 
Darf es noch die gute alte Lange-Weile geben?
Muss//musste nicht vor Corona jeder Kindergeburtstag ein Staccato bestgeplanter Turbo-Unterhaltung sein?
Und geben mittlerweile nicht nur Journalisten, sondern auch geisteswissenschaftlich orientierte Menschen jenem Schwachsinn nach, für ihren Beitrag die Lesezeit anzugeben!
Bloß nicht zu lange irgendwo verweilen müssen. Dann lieber gleich weiterklicken!
 
Für viele endet im Grunde ihr Leben nach Goethes vier Strophen, in denen mit so facettenreichen Anspielungen den Wechsel, wie ihn die Goethezeit kannte, gestalten.
 
Gibt es überhaut ein Ewiges, ein Überdauerndes? Etwas mithin, was für die meisten Menschen immer weniger, so scheint es, ein Thema ist . . .
Goethe hat sich klar entschieden. In „Eins und alles“ äußert er:
 
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
 
Manchen Goethe-Nörglern, aber auch nicht wenigen seiner Verehrer mag das doch zu viel gewesen sein, dem Nichts so ins Auge sehen zu müssen, weshalb der weise Alte in „Vermächtnis“ zu allseitiger Beruhigung nachgeschoben hat:
 
Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ew´ge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte Dich beglückt!
 
Bei sich mag er gedacht haben:
Es bleibt dabei: ohne Nichts, kein Sein; ohne Stirb, kein Werde; ohne Wechsel keine Dauer.
 
Unserer menschlichen Wirklichkeit hat er jedenfalls mit dem Aufbau seines Gedichtes Tribut gezollt: Noch dominiert – mindestens im Verhältnis 4:1 – die Vergänglichkeit, der Wechsel, die Abwechslung und Kurzweil statt Langeweile in der Seele der Menschen. 
Und eigentlich immer mehr. Dennoch:
Das muss nicht so bleiben.
 
Die Frage, die sich stellt, ist, was Dauer ausmacht.
Was ist Dauer?
Was macht es aus, dass Dinge, Taten, Worte Ewigkeitswert haben?
 
Klar kennen wir das Weibliche.
Was aber ist das Ewig-Weiblich?
 
Dieses Wissen, diese Erkenntnis bekommt niemand auf dem Tablett serviert.
Der Gehalt im Busen, die Form im eigenen Geist machen den Unterschied.
 
Im Werk Goethes ist, was ewig ist, vielfach angesprochen, im „Faust“, in seinem „Märchen“, im „Vermächtnis altpersischen Glaubens“, in . . .
 
Natürlich besteht die Möglichkeit, sich weiterhin glauben zu machen, dass nach dem Wechsel alles aus sei – wie eben das Gedicht nach der vierten Strophe.
 
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