„Schaut auf! Nehmt wahr! // Er ist’s, er ist’s; die Flamme zuckt“ – Annette von Droste-Hülshoffs „Am Pfingstsonntage“

Annette von Droste-Hülshoffs Gedichtzyklus über das „Geistliche Jahr in Liedern“ umfasst in seiner Entstehung einen Zeitraum von etwas über zwanzig Jahren. Sein Beginn steht im Zusammenhang mit jener unsäglichen, fast entehrend zu nennenden Erfahrung Annettes mit zwei Männern, zu denen beiden sie sich hingezogen fühlte und die diesen Tatbestand schamlos ausnutzten, indem sie sie kompromittierend auflaufen ließen und sie zum Gesprächsobjekt, ja Gespött verwandtschaftlichen Geredes machten.19 Jahre später bringt sie den Zyklus zu Ende und wir begegnen einer seelisch tief gereiften Frau, die in dieser abschließenden Phase unter anderem ein Gedicht zu Pfingsten schreibt, das nicht mein Pfingsten wiederspiegelt, das mir aber in ihrer Sicht sehr nahe geht:


Still war der Tag, die Sonne stand

So klar an unbefleckten Domeshallen;
Die Luft, von Orientes Brand
Wie ausgedörrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen knieend; keine Worte hallen,
Sie beten leis!

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit uns scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er nur, wo? Stund‘ an Stund‘,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? Und schweigt der Mund,
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.
Der Wirbel stäubt, der Tiger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sand’gen Fluten,
Die Schlange lechzt.

Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt und steigt zu Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schar,
Was läßt sie bang‘ und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! Nehmt wahr!

Er ist’s, er ist’s; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht, o Tröster, bist du, ach,
Nur jener Zeit, nur jener Schar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und Trostes bar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh‘ das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.


Das Gedicht zeigt uns eine Meisterin der deutschen Sprache.

Warum es uns kaum unberührt lassen kann, erschließt sich allein schon aufgrund seiner formalen Struktur: Es alternieren regelmäßig vier- und fünfhebige jambische Verse. Nur der letzte jeder Strophe, der siebte, ist jeweils zweihebig, und diese sechs letzten Zeilen lesen sich, als ob Inhaltliches der vorausgehenden Strophe noch einmal erfasst und auf den Punkt gebracht sein wollte.
Gerade der letzte Vers ist hier so nachdrücklich durch seine W-Alliteration und keine Frage, das Auge steht hier, pars pro toto, für die Seele der Dichterin.

Dieser letzte Vier-Wort-Satz: was für ein Bekenntnis.

Da ist allerdings keine Pfingstfreude und es ist wahrlich keine Stimmung, wie wir sie der Apostelgeschichte entnehmen.

Wir erinnern uns: Noch anlässlich der Kreuzigung hatte zwar die Besatzungsmacht, Jesu Ankündigung, dass er in drei Tagen wieder auferstehen werde, ernst genommen und Vorsorge getroffen, doch seine Jünger glaubten ihm nicht. Die saßen verschreckt beisammen und trauten sich nicht aus dem Haus. Wären nicht Frauen so mutig gewesen – in einem der Evangelien ist es allein Maria Magdalena (für mich eine der schönsten Szenen der Bibel, als sie dem „Gärtner“ begegnet) – dann hätte der Auferstandene gar niemanden vorgefunden.

Die Zwölf – Matthias war für Judas hinzugekommen – harrten diesmal zuversichtlich. Jesus hatte den Tröster angekündigt, den Heiligen Geist; sie hatten gelernt zu glauben.
Glauben hängt mit Vertrauen zusammen.

Von diesem Glauben wird Annette von Droste-Hülshoff, wie wir oben lesen konnten, sagen: „Ich hab ihn nicht.“

Diese Ehrlichkeit ist es, die mich so überzeugt. Sie ist Voraussetzung für Weiterentwicklung.

Wer sich gerade im spirituellen Bereich das Geringste vormacht, kann nicht zur Wahrheit vordringen, die eine Vorstufe der Freiheit ist, wie sie auf der Erde als wirkliche Freiheit kaum jemand kennt. Obwohl doch so viele ständig über Freiheit reden.

Auch über Liebe.

Ich hoffe, die meisten Menschen wissen über die wahre mehr als ich.

Georg Trakl, der mir mit seinem Ringen um ein inneres Christentum, das in der Literatur viel zu wenig wahrgenommen wurde und wird, so nahegeht, schrieb ein Gedicht „De profundis“. Aus der Tiefe. Aus der Tiefe rufe, nein schreie ich, Herr, zu Dir, so der Psalmist, so Trakl, so Annette von Droste Hülshoff, deren Schreien ein Weinen ist:

Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh‘ das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

Es gibt Menschen, denen spürbar dieser Schritt nicht gelungen ist, Auferstehung als Erlösung zu begreifen, weil es für sie (noch) nicht möglich ist, sich jenem Auferstehungsleib, der das Ziel des Weges von Jesus ist, zu nähern, der jedem von uns zuteil werden mag, wenn er ihn denn in seine Lebensoptionen integrieren wollte – was nicht einmal, wenn es geschähe, genügen würde, denn er müsste schon Ziel vor allen anderen sein; um nicht zu sagen: alleiniges Ziel

Nur so ist es möglich, dass der Mensch der luziferischen Umklammerung, die im Allgemeinen Tod genannt und so auch empfunden wird, entkommt.

Noch hat sich das Bewusstsein nicht durchgesetzt, dass die Lehre Jesus, wie wir sie beispielsweise in der Bergpredigt und ihren Seligpreisungen finden, aller Ehren wert, aber nicht das Entscheidende ist, weil wir im Grunde deren geistige Essenz auch im Achtfachen Pfad des Buddhismus finden.

Noch hat sich jedoch ebenfalls nicht durchgesetzt, dass es, so sehr ich das Dhammapada und den Achtfachen Pfad schätze, nicht Ziel sein kann, aus dem Rad der Wiedergeburten dringendst ausscheiden und den Durst nach Leben im Fleisch des physischen Körpers überwinden zu wollen – Hauptanliegen buddhistischer Religiosität -, weil es zu erkennen gilt, dass unsere physisch-materielle Existenz Voraussetzung einer Entwicklung ist, gipfelnd in Pfingsten, die nur so – im Rahmen einer physischen Existenz – und vermutlich nicht anders möglich ist (sieht man einmal davon ab, dass die Menschheit wohl tiefer in die Materie abzusteigen scheint als notwendig).

Ein Bewusstsein der Bedeutung von Kreuzigung, Ostern und Pfingsten ist Voraussetzung, um über dieses Stadium hinauszukommen, in dem ein Rilke, Christus verschmähend, steckenblieb, ein Trakl aufgrund seiner Süchte und schwesterlich-karmischen Belastung, ein Nietzsche in falscher Selbstüberschätzung, ein Karl May, so tief religiös ja theosophisch orientiert er nach seiner Orient-Reise auch war (vielleicht auch gerade deshalb), und auch eine Annette von Droste-Hülshoff, die sich so mutig ihrer inneren Realität stellte.

Ich schreibe „steckenbleiben“. Ich verwende dieses Wort, um ansprechen zu können, dass es das nur ausgesprochen vordergründig ist, wissen wir doch nicht, dass jede der Inkarnationen der oben Genannten Vorbereitung sein kann für einen entscheidenden Durchbruch in einer nächsten, die vielleicht gerade schon stattfindet.

Ich wünsche mir jedenfalls, dass sie möglicht in ihrer nächsten Inkarnation schon bewusst wahrnehmen können, warum noch in der Jordan-Taufe von Jesus, wie wir dem Johannes-Evangelium entnehmen können, der Geist vom Himmel herabfährt als eine Taube. Und warum es zu Pfingsten nicht mehr eine Taube ist, sondern der Geist als Zungen, als Geistesflammen niederkommt, nicht mehr für Einen, sondern für Zwölf – und in Zukunft, wenn es nach jenem Einen geht, für unbegrenzt viele.

Vielleicht auch für uns.Es kann kaum etwas Erfreulicheres geben, als dass wir selbst dafür verantwortlich sind, dass es so sein kann.

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