Als man noch, ohne unter Rassismusverdacht zu geraten, „Zigeuner“ sagen durfte. – Georg Trakl schrieb ein Zigeuner-Gedicht. Dieser Zigeuner war er.

„Ihr Linken habt immer Probleme mit dem Wort Zigeuner“, zitierte (..) das
sozialistische „Neue Deutschland“ den Violinisten Markus Reinhardt, der die
Wortakrobatik „Sinti und Roma“ zu „Quatsch“ erklärte. Auf der Webseite des Musikers steht ein Liedtext: „Wir gehen unseren Weg und bleiben auf der Welt, weil wir immer wieder anders erscheinen. Weil wir Zigeuner sind.“ (aus Die Welt, Link s. unten)

Heute allerdings ist es so, dass, wenn man Pech hat, noch eine Anzeige wegen Volksverhetzung hinzukommt.

Da tut richtig gut, was Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu dem Thema sagt:

„Ich bin mit dem Wort ‚Roma‘ nach Rumänien gefahren, habe es in den Gesprächen anfangs benutzt und bin damit überall auf Unverständnis gestoßen. ‚Das Wort ist scheinheilig‘, hat man mir gesagt, ‚wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.'“

Vielleicht kann eine solche Aussage uns darauf besinnen lassen, dass entscheidend ist, was Menschen über Menschen denken und dass es tatsächlich noch Menschen gibt, für die jeder Andere Würde hat, ob er nun HIV hat, aussätzig ist, von Corona befallen oder dem Schicksal, ein Jude oder Zigeuner zu sein. 

Wir sollten nur darauf achten, dass es in Deutschland tatsächlich wieder eine AfD gibt, die Gräben aushebt zwischen Deutschen und Untermenschen Nicht-Deutschen.

Für Georg Trakl ist ein Zigeuner wie Ahasver, der Ewige Jude.

Und auch hier gilt Vergleichbares. Erwin Leiser schrieb dazu:

Der ewige Jude gehört mit Jud Süß und Die Rothschilds zu den drei 1940 in Deutschland uraufgeführten Filmen, die Juden nicht mehr, wie bis dahin gemäß nationalsozialistischer Filmpolitik üblich, als komische Figuren, sondern als gefährliche „Untermenschen“ darstellen

Tatsächlich war die Gestalt des Ewigen Juden ursprünglich gar kein Jude und jene, die ihren Juden brauchen, weil sie einen haben müssen, den sie fertig machen können, haben aus ihm einen Juden gemacht. – Gut, dass manche nicht vergessen, dass die vielleicht wertvollste Gestalt unserer Erdengeschichte ein Jude war und ist.

Georg Trakl (1887-1914)

Zigeuner

        Die Sehnsucht glüht in ihrem nächtigen Blick
        Nach jener Heimat, die sie niemals finden.
        So treibt sie ein unseliges Geschick,
        Das nur Melancholie mag ganz ergründen. 

        Die Wolken wandeln ihren Wegen vor,
        Ein Vogelzug mag manchmal sie geleiten,
        Bis er am Abend ihre Spur verlor,
        Und manchmal trägt der Wind ein Aveläuten       

        In ihres Lagers Sterneneinsamkeit,
        Daß sehnsuchtsvoller ihre Lieder schwellen
        Und schluchzen von ererbtem Fluch und Leid,
        Das keiner Hoffnung Sterne sanft erhellen.

……………………………………………….(aus Gedichte 1909)

Wer die Gedichte Trakls kennt, weiß, dass er selbst dieser Zigeuner ist, der keine Heimat findet, keine Ruhe für seine Seele. Er hat ja durchaus immer wieder über Gott und Christus geschrieben, aber nie von Auferstehung, immer von des Letzteren Verwesung und Tod. Und Gott hat ihm nie geantwortet.

Gut, wer erkennt, dass dieser ererbte Fluch, von dem Trakl schreibt, weder ein ewiges Erbe ist noch ein Fluch. Alles hängt davon ab, ob man gewillt ist, den Sinn des Menschseins zu ergründen. Denn dessen Ziel ist nicht – mal einfach so kitschig-christlich-kirchlich dahingesagt – der Himmel oder alternativ, die Ewige Verdamnis, sondern ein Weg zu einer Freiheit, die viele meinen zu haben, dabei aber einem großen Irrtum erliegen. Frei ist der Mensch ansatzweise – für mich jedenfalls – frühestens vielleicht im Rahmen der fünften Erdinkarnation – in der Bibel heißen diese Inkarnationen der Erde Schöpfungstage -, eher im Rahmen des sechsten oder siebten. – Solange wir sterben wie im Rahmen des vierten, in dem wir leben, sind wir nicht wirklich frei. (Ich bin da ganz auf der Seite Hildegard von Bingens, die das so sieht, dass wir mitten in der Schöpfung sind und auch nicht glaubt, was die heilige christliche Kirche so erzählt von wegen, die Schöpfung sei vorbei und das Ebenbild Gottes vollendet erschaffen).

Auch wenn jemand sagen mag, wir sterben ja nicht wirklich, wir nennen eben Tod, wenn wir von einem momentan beleuchteten in einen unbeleuchteten Raum eintreten, so ist doch der Einfluss von Kräften, die auf uns einwirken, noch so groß, dass wir – auch das ist natürlich meine persönliche Meinung – nicht wirklich selbstbestimmt sind. Selbstbestimmt sind wir, wenn wir die Glocken des Aveläutens, von dem Trakl am Ende der zweiten Strophe schreibt, sehen.

Melancholie vermag das Geschick des Menschen nicht ergründen, auch Sehnsucht nicht. Trakl hat immer wieder diese Sehnsucht abgebildet, in seinem Gedicht über den Knaben Elis zum Beispiel, der den Menschen vor der luziferischen Verführung darstellt (dazu in meinem nächsten Beitrag mehr). Aber es ist die Sehnsucht dennoch notwendig, denn nur sie treibt den ein oder anderen dazu, danach zu forschen, was es mit unserem Geschick auf sich hat. Dazu muss man die Angst vor Luzifer – Goethe nennt ihn Mephistopheles, er ist der ständige Begleiter des Faust und von uns – ablegen. Sonst ist man ständig sein Opfer.

Nur wer jenes Geschick erforscht, ist einem Hauch von Freiheit begegnet.

Wolken und Vogelzüge spielen bei Trakl immer wieder eine Rolle. Der Vogelzug verliert bei unserem Dichter die Spur der Zigeuner. Es ist das tragische Gefühl des Verloren-Seins dieses Menschen, dieser großen Seele, ein Gefühl, das ihn im Grunde sein Leben lang begleitet. Auch ein Nietzsche war zutiefst von diesem Gefühl ergriffen. Es ist ein Gefühl, das mit dem Schicksal der Menschen tief in seinem Inneren verbunden ist. Ich fürchte fast, man muss es in irgendeinem Leben mit aller Intensität erfahren haben, um als verlorener Sohn oder verlorene Tochter bedingungslos wieder ins Vaterhaus zurückkehren zu wollen.

PS: Zu dem Thema „Zigeuner“ gibt es, finde ich, zwei bemerkenswerte Zeitungsartikel:

Welt/Kultur: „Wir sind Zigeuner,  und das Wort ist gut“
stern.de: Darf man neute noch Zigeuner sagen?

Und auch die Wikipedia-Artikel zum Ewigen Juden sind aufschlussreich:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiger_Jude
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_ewige_Jude

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2 Antworten zu Als man noch, ohne unter Rassismusverdacht zu geraten, „Zigeuner“ sagen durfte. – Georg Trakl schrieb ein Zigeuner-Gedicht. Dieser Zigeuner war er.

  1. Gisela Seidel schreibt:

    Lieber Johannes,

    wie Schiller bereits schrieb, begreift man den Abfall vom Instiktiven als Beginn der Freiheit.
    Man trägt doch immer Verantwortung für sich selbst, die Entscheidung zwischen Gut und Böse. Das sagt nicht ein Teufel, sondern das Gewissen.

    Ich freue mich auf das Gedicht über den Knaben Elis, wie er den Menschen vor der luziferischen Verführung darstellt. Adam Kadmon war ein Mensch aus Licht, Mann und Frau in einem. Woher stammt der Knabe Elis? Es bleibt spannend.
    Wir Menschen sind doch alle Wanderer zwischen den Welten, auf der Suche nach dem Zuhause, das wir einst verließen.
    Haben Sie eine gute Zeit!

    Herzliche Grüße von Gisela

  2. Danke, die wünsch ich Ihnen auch! – Ich bin selbst darauf gespannt, ob es mir gelingt, das, was ich in dem Trakl-Gedicht sehe, zu vermitteln.
    Bis dann und liebe Grüße!

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