Achtsam gegenüber Mascha Kaléko: so anrührend, so gefährlich! – Zu ihrem Gedicht „Rezept“.

 

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

 

In einem Facebook-Forum zur Weltliteratur, in dem ich Mitglied bin, ist es Usus, immer wieder Sinnsprüche berühmter Schriftsteller, Essayisten und Philosophen zu veröffentlichen, bestehend aus ein, zwei oder drei Sätzen – möglichst jedenfalls kurz und in Instant-Form, sozusagen Sinn-Burger.

Oft sind sie aus dem Zusammenhang gerissen. Und selbst wenn dem ein oder anderen das auffällt und es auch erfreulicherweise stellenweise moniert wird: Ihr Inhalt klingt ja doch immer wieder total überzeugend. Schaut man jedoch genauer hin, fällt einem auf, wie pauschal und undifferenziert diese aus dem Zusammenhang gerissenen Sentenzen oft formuliert sind. Wohlklingend werden Inhalte transportiert, die man besser hinterfragte.

Das gilt übrigens ebenso für mehrstrophige Gedichte, auch eines Rilke (dazu ein andermal mehr). Und mit Gedichten einer Mascha Kaléko verhält es sich nicht anders, wobei Souvenir à Kladow zu meinem Lieblingsgedichten gehört ebenso wie An mein Kind und An meinen Schutzengel. Niemand unterstelle mir also, ich hätte grundsätzlich etwas gegen sie. Aber manche verehren einen Rilke oder eine Kaléko – und das gilt für andere Dichter ebenso -, ohne zu beachten, dass beide auch gefährliche seelische Unklarheiten transportieren. Man liest sie und nickt sie ab. Alles Unklare, das wir klaglos aufnehmen, aber trübt unsere Seele ein.

In den obigen Zeilen Mascha Kalékos nun finden sich Gehalte, die ich unterschreiben würde. Den Koffer bereitzuhalten – zumal, wenn es nur noch um einige Jahre einer Koffer-Zeit geht – korrespondiert beispielsweise einem wertvollen Gleichnis der Bibel, dem, das von den zehn Jungfrauen berichtet, von denen gerade mal die Hälfte auf den Bräutigam auf eine seelisch angemessene Weise wartet; die anderen sind nicht vorbereitet auf sein Kommen. Ob das Koffer-Bereithalten sich auf eine grundsätzliche Haltung in Bezug auf unsere Leben bezieht oder auf eine spezifische im Leben eines Einzelnen – dieses Bild finde ich bedenkenswert. Allemal ist unsere Reise auf der Erde nicht zu Ende.

Anders ist es mit den Zeilen

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.

Was kommen muss, muss eben nicht kommen. Gewiss haben wir in der Zeit vor unserem Leben – die indisch-spirituelle Tradition nennt sie Devachan – maßgebliche Konstellationen unseres Lebens in gewisser Weise programmiert (womit zusammenhängt, dass wir auf Menschen treffen, von denen wir das Gefühl haben, sie seien uns vollkommen vertraut); aber es ist falsch anzunehmen, ein Programm könne nicht umgeschrieben werden.

Viele Menschen leben zudem ein Leben, das nicht ihren Vorstellungen entspricht und den Möglichkeiten, die sie vor ihrem Leben im Devachan gesehen und sich zu leben vorgenommen hatten. Wenn das so ist – und ich gehe davon aus -, dann muss es genauso die Möglichkeit geben, die Grenzen des Vorstellbaren in eine positive Richtung zu überschreiten.
Ganz davon abgesehen, dass eine innere Haltung, die nicht unserem wahren Wesen entspricht, dazu führen kann, dass wir fälschlich annehmen, dem Schicksal Genüge tun zu müssen oder ihm ausgeliefert zu sein. Solch eine Haltung kann zusammenhängen mit Kindheitserlebnissen, die uns geprägt haben und die wir nicht in der Lage waren aufzuarbeiten. Wir folgen dann einem Schicksal, das in Wirklichkeit dieses große Wort nicht verdient, sondern auf ein Trauma unseres Lebens zurückzuführen ist. Wenn wir dieses Trauma Schicksal nennen, akzeptieren wir seine Nicht-Aufarbeitung womöglich auf eine fatale Weise und verpassen eine wichtige Möglichkeit, die unser Leben eigentlich bereithält.

Was „sie“ sagen, wie Kaleko in oben zitierter Stelle ebenfalls formuliert, ist eine Aussage, die sie, die Sagenden betrifft: noch lange nicht mich.
Ich muss nicht alles glauben, was „sie“ sagen. Und ich finde es schade, dass Mascha Kaléko per Rezept rät, von diesen doch recht diffusen Anonymen sich so beeinflussen zu lassen.

Gewiss verraten uns Brüder der eigenen Familie, wie in der folgenden, der vierten Strophe angesprochen wird. Das kommt immer wieder vor. Es muss nicht sein, aber die Familie ist ein Lernfeld, kein seelisch-geistiges Zielfeld.
Es gibt aber einen Bruder und eine Schwester im Geiste. Ich wünsche jedem, dass er einen solchen Bruder und eine solche Schwester um sich weiß. Meist braucht man nicht einmal die Finger einer Hand, um ihre Zahl zu zählen. Aber eine schon, nur einer ist so wertvoll!

„der Bruder verrät“? – Mein Bruder, meine Schwester, die mit mir auf einem Weg unterwegs sind, über dessen Ziel ich mir im Klaren bin, verraten weder sich noch mich. Sie machen Fehler, wie jeder auf der Erde. Aber ich bin voller Vertrauen. – Mascha Kaléko übergeht, dass uns jenes unsere Kultur prägende Buch, das sowohl ein Brecht als auch ein Rilke ebenso wie viele andere schätzten, lehrt, auf unserem spirituellen Weg uns von den Familienbanden, in die wir hineingeboren wurden, zu entwickeln hin zu unserer geistigen Familie (was nicht bedeutet, dass wir erstere nicht weiterhin wertschätzen und achten).

Ich nehme auch nicht den eigenen Schatten zum Weggefährten.
Meine Schatten begleiten mich, ob ich will oder nicht. In Goethes Faust heißt des gleichnamigen Protagonisten Schatten Mephistopheles. In ihm vereinen sich all unsere seelischen Konstellationen, die wir mit dem Fall Luzifers in uns angehäuft haben und die uns zwingen, zu wahrer Freiheit zu gelangen, durch viele Kämpfe hindurch. Keine unserer geistigen Vorgänger auf diesem Weg, kein Engel, Erzengel oder Cherubim besitzt das, was am Ende des menschlichen Weges steht: eine Form des Bewusstseins, die Menschen erstmalig im Kosmos erreichen können. Und dieses Bewusstsein hat zu tun mit einer Freiheit, wie sie sich in Kain und in Prometheus in den Mythen beispielhaft abbilden.
Ich nenne diese Schatten nicht Gefährten, Weggefährten. So dahingesagt klingt das, als ob sie mir gar willkommen seien. Sie sind es höchstens, um aufgelöst zu werden; davon aber schreibt Mascha Kaléko leider nichts.

Einen Schatten nach dem anderen will ich durchschauen wie den Stein, den Sisyphos vor sich herschiebt und dessen Sinn er nicht durchschaut, weshalb Camus seinen Sisyphus in seinem berühmten Essay glücklich nennt und einen Rebellen. Dieser große Schriftsteller und Existentialist erkennt nicht, dass ein Rebell, nimmt man seine Übersetzung aus dem Lateinischen wörtlich (re-bellum), immer wieder Krieg führt, und zwar gegen sich selbst. Das aber kann kein Ziel sein.
Nein, ich bemühe mich, einen dieser Schatten nach dem anderen aufzulösen. Insofern hoffe ich mein Leben in wachsenden Ringen zu leben, wie Rilke es formuliert.
Solange ich jene Hilfe, die jedem Menschen zuteil wird, Wunder nenne (Str. 6), so lange bin ich auch vom Schicksal auf ziemlich fatale Weise abhängig. Ich will nicht sagen, dass ich mein Leben bis zum letzten der Ringe – es sind Ringe unseres Bewusstseins – lebe; das glaube ich, wie auch Rilke, nicht; zu viel an Bewusstsein fehlt mir noch. Deshalb bleibe ich auch immer noch ein Stückweit – bei dem einen ist dieses Stück größer, bei dem anderen schon kleiner (keiner ist deshalb besser oder schlechter) – dem Schicksal ausgeliefert.

Mascha Kaléko spricht in der vorletzten Strophe von einer Wunde, die es wach zu halten gilt, und es sind Wunder, von denen sie in der letzten spricht. Beide Worte trennt nur ein Buchstabe und in der Tat sind auch beide aufs Engste miteinander verzahnt. Solange wir an jener luziferischen Wunde leiden, die sich im Verlaufe der Menschheitsgeschichte weit mehr ausgedehnt haben mag, als es jene Elohim, die uns geschaffen haben (Luther übersetzte Gott statt wie es dasteht: elohim), vorausschauend sich ausdachten, solange glauben wir an Wunder.
Wenn wir diese oben angesprochene Wunde heilen, wird das auch das Ende von Wundern bedeuten, denn in dem dann vorhandenen Weltinnenraum alles Geschaffenen gibt es kein Schicksal mehr, keine Wunder, keine Wunden.
In diesem Raum – einem Weltinnenraum eben, wie ihn Rilke nennt – mag alles wunderbar sein und wir werden das sogenannte Böse auf neue Weise sehen können.

Es ist gut, wenn wir die Ängste auflösen können und zu guter Letzt die Angst vor den Ängsten. Aber wenn dies nicht nur eine Floskel sein soll, dann müssen mir mit den Worten sorgfältiger umgehen und nicht so sehr, wie es Mascha Kaléko in ihren oft so berührenden Gedichten gut, uns Gefühlen hingeben, die uns auf eine unklare, neblige Seite des Lebens ziehen. Mascha Kalékos Wirkung beruht sehr oft darauf, dass sie an diese Gefühle appelliert. So verständlich ich das finde, so sehr auch möchte ich raten, genau hinzuschauen, ob man sich ihnen wirklich hingeben möchte. Solches Hinschauen kann eine wertvolle Übung zu mehr Klarheit hin sein.

PS

Nachtrag zu obiger Interpretation am 24. Dezember, genau zwei Tage, also 48 Stunden nach ihrer Veröffentlichung:

Normalerweise kann ich mich nach Veröffentlichung eines Post gedanklich neuen Dingen zuwenden. Aber hier war es anders und mich hat sehr bald ein erhebliches Unwohlsein in Bezug auf obigen Beitrag beschlichen. Mittlerweile ist mir klar, woran das liegt:

Menschen wie Mascha Kaléko entwickeln sich in ihrem Leben zwischen den Leben weiter und das bringt es mit sich, dass, wenn sie Dichter waren, sie ihre Werke auch anders wahrnehmen. Franz Kafka wollte bemerkenswerterweise schon zu Lebzeiten nicht, dass der überwiegende Teil seines Werkes veröffentlicht wird – was ich nachvollziehen kann und zu respektieren m. E. sinnvoll gewesen wäre, was hier aber auszuführen zu weit führen würde. Dichterinnen wie Mascha Kaléko möchten möglicherweise über vierzig Jahre nach ihrem Tod nicht, dass Gedichte wie „Rezept“ weiterverbreitet werden. Gewiss sind sie Dokumente ihrer Zeit und Dokumente eines Bewusstseinszustandes eines Menschen namens Kaléko zur Zeit ihrer Veröffentlichung, falls diese zeitnah mit dem Schreiben geschah. Aber viele unserer Zeitgenossen lesen sie nicht so. Sie nehmen sie als bare Münze und übernehmen auch die Gefühlsebenen der Mascha Kaléko, die nun wahrlich nicht immer vorwärtstreibend sind, sondern sich auch gern in überholten und melancholischen Gefühlen suhlen. Genau diese Ebene aber suchen oft auch jene, die sie so gern rezipieren. Gefühle an sich können wertvoll sein, nicht aber jene, die eine klebrige Masse bilden, die an Vergangenes bindet, an Nostalgisches, in dem man nunmal gern steckenbleibt (was viele, die mit diesen Gefühlen bestens vertraut sind, vermutlich abstreiten würden). Damit will ich nicht sagen, dass das bei unserer Autorin immer so ist, aber dennoch immer wieder.

Es ist meine subjektive Sicht, dass ich glaube, dass Mascha Kaléko heute sieht, dass nicht wenige ihrer Gedichte der menschlichen Entwicklung nicht unbedingt förderlich sind, auch, weil sie Geschehen zwar durchaus gekonnt auf den Punkt bringt, gern aber auch zu simplifizierend.

Auf dem Forum Weltliteratur hat eine Leserin geschildert, wie sie sich aus ihren Kindheitstraumen in jahrelanger Arbeit an und mit sich selbst herausgearbeitet hat. Ich fand den Mut, dass diese Frau uns teilhaben lässt an ihrem Weg, bemerkenswert und wichtig, denn ihre Worte haben gezeigt, dass Arbeit an sich selbt notwendig ist, verbunden mit viel Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen

Auf ihre Erfahrungen eingehend, habe ich ihr geschrieben: Aus meiner Sicht sind solche Erfahrungen besonders wertvoll, weil sie in das große Arsenal all unserer Erfahrungen eingehen und unsere weitere Zukunft – und sie ist für mich mit diesem Leben nicht abgeschlossen – formen. Sie haben – und das ist ein Aspekt, der Mascha Kaléko nicht zu sehen vergönnt war – ihr eigenes Wunder geschaffen, wenn man das mit den Worten der Dichterin formulieren will. Hätten Sie auf die Wunder gewartet, die im großen Plan verzeichnet sind, würden Sie vielleicht heute noch warten. Gut, dass Sie der Rezeptur Mascha Kalékos nicht gefolgt sind.

Ich bin damit auf die letzte Kaléko-Strophe eingegangen. Ihr Inhalt ist, wie mancher andere, fragwürdig, finde ich. Und ich vermute deshalb, Mascha Kaléko hat heute kein Interesse mehr, dass ihr Gedicht noch unnötig viele Leser findet. Durch meinen Beitrag aber habe ich das Gegenteil lanciert.

Was mir zudem an meinem Beitrag nach einigem Nachdenken missfällt:

Einerlei, ob ich die Ansichten Kalekos teile oder nicht: Als menschliche Erfahrungen sind sie es in ihrer Ernsthaftigkeit, in der die Frau doch fast durchgehend schrieb, wert, so genommen zu werden, wie sie sind. Zu wenig habe ich, abgesehen von der Kofferstelle, gewürdigt, was Kaléko an Wertvollem anspricht; zum Beispiel ist der Umgang mit Leid, ihm also still ins Gesicht zu sehen, eine wirklich beachtenswerte Aussage.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich mir hätte überlegen sollen, ob Mascha Kaléko einverstanden ist mit einem Beitrag zu ihrem Gedicht. Aus meiner Sicht heute bin ich fest überzeugt, dass sie ihn nicht gewollt hätte. Zum anderen möchte ich einen Interpretationsgestus, den man auch als überheblich bezeichnen kann, in Zukunft meiden, nämlich die Sicht eines Autors, wie sie in „Rezept“ vorliegt, einer eigenen gegenüberzustellen, ohne zumindest immer wieder darauf zu verweisen, dass ein Mensch ein Recht auf diese Sicht hat und dass sie auch in gewisser Weise aus der der damaligen Zeit heraus zu verstehen ist.

 

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