Was die Ewigkeit des Weiblichen ausmacht. – Worte, verfasst von einer, die ich, Mann, als Weib empfinde:

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Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

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Wenn sich eine Frau, ein Weib, Gedanken macht, was das Wesentliche ihres Geschlechtes ausmacht, finden sich keine feministischen Gedanken, die den wahren Wert der Weiblichkeit oft nur verzerren, nichts, was an die weiblichen Abziehbilder unserer Mediengesellschaft erinnert, sondern das, was sie als Wertvolles aller Weiblichkeit durch die Ströme der Zeit hindurchträgt – bis heute.

Gertrud Kolmar überschreibt ihre Gedanken mit „Die Sünderin“, ein Attribut, das uns an jene Frau des Neuen Testaments erinnert, deren Tränen auf Jesu Füße fielen, die sie mit ihren Haaren trocknete und die Jesus im Grunde heilig sprach, nicht als Mann, sondern als Bewusstsein, weil er wusste, dass diese Frau für Millionen  und Abermillionen ihres Geschlechtes steht. Da findet keine Verurteilung statt für vergangene sogenannte Schuld, das Abgleiten in hohle Weiblichkeit, vertane Leben oder was wir auch immer als Versäumnis betrachten. Aber diese Frau kniet und ihre Tränen sind jenen vergleichbar, die in Goethes Faust immer auch bedeuten, dass das Herz weich wird und eine Milde sich selbst gegenüber den Raum der Seele betritt.

Gertrud Kolmar weiß darum, wie schwer es ist, als Weib durch die Zeiten zu gehen – und sei es, als Hexe verbrannt zu werden oder im übertragenen Sinne im Feuer des Lebens zu verglühen und Schmerzen zu ertragen, die so groß sind, dass man sie nur aushält, indem sich Kiefer ineinander verbeißen und zermalmen.

Auf ihre Bilder gilt es sich einzulassen, auf ihre rote Hölle, dem malvenfarbenen Himmel gegenübergestellt, auf Gesetz und Sitte, Anstand und Schein, die als Konturen unseres Lebens als Leben einer Stadt erscheinen, eigene Verworfenheit und das Bedürfnis, geliebt zu werden, und jene ewig glühende Kohlenkrone, die Zeugin dessen ist, was ihr Leben ausmacht – und dieser Jüngling macht einen Teil ihres Lebens aus – und auch ihr Gewissen, ein Gewissen, das sie dennoch erkennen lässt, dass sie nicht lasterhaft ist, nicht böse, zugleich aber den Schrei nach Erlösung in sich trägt, den Schrei einer Jüdin, die Psalmen singt und weiß, dass jene auch davon sprechen, dass der Herr die Seelen am stillen Wasser erquickt.

An anderer Stelle habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass man, die Bilder der Kolmar nachvollziehend, sich dazu die Zeit nehmend, selbst innerlich an Reichtum gewinnt. Gewiss gewinnen wir inneren Reichtum durch eigenes Handeln und eigene Erfahrungen, aber auch, indem wir durch den Nachvollzug des Denkens, der Gedanken und Bilder anderer uns innerlich eigene Türen öffnen, indem wir auf diese Weise uns neue Dimensionen erschließen, was Leben ausmacht:

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Die Sünderin

Wem sollte ich meine rote Hölle schenken ?
Wem meinen malvenfarbenen Himmel zwischen Abend und Nacht
Mit Lampen, dickflüssig gelb aus Eidotter gemacht,
Und der sich auf die Stadt hinlegt, lastend wie Denken?

Dieser Stadt Häuser haben seltene Türme.
Ihre Dächer steigen, Gebirg, in die freien Lüfte ein;
Sie heißen Gesetz und Sitte, manche auch Anstand und Schein.
Ummauerte Gäßchen, häßliche Namen, verkriechen sich wie Gewürme.

Mir ward all das Kriechende längst von goldenen Flammen zerrissen;
Nicht stand ich in heimlichen Toren, gierig, lachte dem Dieb,
Zuckte glänzende Schultern aus Fetzen, lüstern: Hast du mich lieb ?
Ich trug die ewig glühende Kohlenkrone, trug sie auf meinem Gewissen.

Einmal ward sie entzündet, verschlungen, gesteigert
In unendliches Wehn, feuerwipfligen Wald.
Ihre Zunge schlug in den Mund, der meinen Schenkel umkrallt,
Und nie hat sich stürzender Funke den starken,
………………den reinen Händen des Jünglings geweigert.

Er hielt ihn hinauf in Nacht als schmerzende Leuchte,
Und hält er ihn durch sein Leben als unaufhörlichen Brand,
So wird es geklärt, erscheinend und eingeschmolzen dem Land,
Das keine erstickenden Moore schleppt voll laulicher Feuchte.

Das ist wahr. Ich bin nicht die Lasterhafte. Ich bin nicht die Böse,
Die dem Toten die Mannheit raubt, des Vogels kindliches Auge durchsticht,
Die dem vertrauenden Knaben den zarten Wirbel zerbricht.
Ich fresse mich selbst in dem sengenden Schrei: Erlöse!

Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

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PS: Auf diesem Blog finden sich weitere Gedichte der Gertrud Kolmar, ebenso auf meiner EthikPost

 

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3 Antworten zu Was die Ewigkeit des Weiblichen ausmacht. – Worte, verfasst von einer, die ich, Mann, als Weib empfinde:

  1. brigwords schreibt:

    Wie sie schreibt! Krass! Ich mag sie.

  2. brigwords schreibt:

    und wie du über sie schreibst – das mag ich auch :-)

  3. Ja, das geht uns beiden so, liebe Brigitta, ich mag diese Frau auch, die ja mit ihrer Verehrung für Napoleon, in die Rolle von dessen Geliebten sie in einem ihrer Gedichtzyklen schlüpft, manchen verwundern macht oder auf Ablehnung trfft mit ihrer großen Verehrung für Robespierrre, den für viele Tote verantwortlichen Mann der Französischen Revolution. Aber genau das gefällt mir, dass sie nichts beschönigt oder auch manches einfach nicht sieht bzw. mit ihren Seelenaugen anders wahrnimmt, immer aber schonungslos offen und tief aus sich heraus schreibend wie kaum einer der mir bekannten Dichter oder Dichterinnen.
    Wir haben ja alle solche Seiten, nur manche verbergen sie gekonnt oder wollen sie nicht annehmen. Wer so agiert, kommt auch nur wenig überzeugend an seine starken Seiten heran, an deren Tiefe und Wurzeln in unserem Menschsein. Gertrud Kolmar kommt an solche Tiefen und Wurzeln heran, an die vielen Tiere , wie sie in ihren Gedichten auftauchen, die vielen Farben, Edelsteine, Halbedelsteine und das ganze Personal, das in ihr ist und das sie in ihren Gedichten abbildet, die Sündern, die Verworfene, die Mutter, die Einsame, die Unerschlossene, das Räubermädchen, die Landstreicherin, die Gärtnerin, die Geliebte . . .
    Danke für Dein liebes Kompliment :-)

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