Gertrud Kolmars Erntedank: „O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille! / Wie lieblich seid ihr hergereift!“ – Nichts geht verloren!

                    

Wappen von Zinna  

 
In Blau eine goldgewandete Frauengestalt, die in
der rechten Hand eine Traube trägt und einen
Apfel in der linken.

O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille!
Wie lieblich seid ihr hergereift!
Wie hat euch Hand der Sommerstille
Mit sonngemaltem Glanz gestreift,
Wie scheint ihr sanft mit gelber Schale
Und flimmert heiß mit blühndem Rot
Und geht geschmückt zum ew’gen Mahle,
Da selbst ihr Speise seid und tot.

Das aber ist, wofür ihr glühtet,
Ihr Hauch und Strahl euch angeschmiegt
Und tief den kleinen Kern behütet,
Der braun und blinkend in euch liegt.
Die Wange, klar von Regenzähren,
Hobt lächelnd ihr dem Lichte nach
Und lauschtet froh der Säfte Gären,
Das süß und singend in euch sprach.

Wohl allem, was nicht siech gefallen,
Schon vor des Pflückers Griff und Schnitt,
Was nicht verdorrt aus Feuerkrallen,
Verfault aus schleim’ger Feuchte glitt,
Was, wenn es Erntehand verschmähte,
Zu jener Scholle legt ein Wind,
Die selber säte, selber mähte
Und immer Mutter war und Kind.

Was singt wie Herz mit roten Saiten,
Erglüht wie Apfels goldne Stirn
Und aufwirft über Jahresbreiten
Den Arbeitstag von Pflug und Hirn,
Das ruht einst müd‘ im Erdensinnen,
Vom Winterschneesturm ungeweckt,
Und träumt nur weißes, leises Rinnen,
Das liebend seine Spuren deckt.

Glühen, um zu sterben? – In der Tat, so sieht es Gertrud Kolmar im Übergang von der ersten zur zweiten Strophe:

Da selbst ihr Speise seid und tot. // Das aber ist, wofür ihr glühtet . . .


Glühen, um zu sterben: das ist Goethes ewiges Stirb und Werde, was zugleich ein Werde, um zu sterben ist, eine Aussage, die man nur versteht, wenn man weiß, dass der Tod nur eine andere Form des Lebens ist, ein Leben, das wir Tod nennen, weil die Zeit zwischen den Leben für uns Menschen eine black box geworden ist, in die uns unsere über Jahrhunderte gewachsene materialistische Sicht auf das Leben verwehrt, Einblick zu nehmen. Wenn wir es könnten, würden wir wahrnehmen können, was alles wir im Leben zwischen unseren Leben taten, um in unserem augenblicklichen sinnvoll tätig zu sein. Vermutlich würden nicht wenige Zeitgenossen – vielleicht auch wir – viel bewusster mit unserer Lebenszeit umgehen, die wir doch so gründlich vorbereiteten.


Uns ist ebenso die Sicht auf das Erdinnere verwehrt, wo sich träumend neues Leben vorbereitet – und die letzten Zeilen des Gedichtes verweisen genau darauf – , so wie wir in unseren Nächten von neuen Tagen träumen und sie vorbereiten. Das Gedicht Wappen von Zinna klingt in tiefem Frieden aus, wissend, dass unter dem Winterschnee etwas vor sich geht, was Joseph von Eichendorff in seiner Wünschelrute so erfasst:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.


Die erste Strophe besingt Wachstum und Gedeihen und erinnert an Matthias Claudius´ Erntedank-Hymnus und wir verstehen nun, warum die letzte Zeile der ersten Strophe in keinster Weise negativ zu verstehen ist.

Die zweite lässt uns das Wappen von Zinna tiefgehender verstehen und noch die erste Hälfte der dritten Strophe singt ein Loblied auf die Ernte; doch das Wohl allem des Stropenauftaktes gilt eben auch jenem, was sich im Kreislauf der Natur, ohne geerntet worden zu sein, zur Scholle legte, die nimmt und wieder gibt.

Dieses Gedicht, das zu den Preußischen Wappengedichten von Gertrud Kolmar gehört, zeigt das gewachsene Sprachbewusstsein der Dichterin, das sich bis zu dem Zeitpunkt, als sie in deutscher Sprache zu schweigen begann, bevor ihre Stimme in Auschwitz endgültig für uns Lebende verlorenging, mehr und mehr zu zeigen wusste. In den vier Strophen des in vierhebigem Jambus durchweg kreuzgereimten Gedichtes zeigen sich viele formale Mittel, seien es Anaphern, Alliterationen, Binnenreime, Dikola oder auch Metaphern, denen insofern eine hohe Bedeutung zukommt, weil an keiner Stelle von Gott dem Herrn, von dem Matthias Claudius in Wir pflügen und wir streuen zu singen weiß, die Rede ist, doch von der Hand der Sommerstille, von sonngemaltem Glanz und ew´gem Mahle. 

Wie so oft erweist es sich, dass sich eine innere Religiosität und das Wissen um unser Werden und Vergehen, um das Geheimnis von Tod und Leben, überzeugender kundtut, wenn es leise angesprochen wird, als laut und oberflächlich.

Diese weitgehend vergessene gewaltige Dichterin deutscher Sprache weiß um all dies und die ersten beiden Zeilen dieses Gedichtes teilen uns mit, wie herzinnig ihr Ausruf gemeint kann; man vermag es zu fühlen, wie sehr sie die Traubem und Äpfel des Lebens, die die Frau des Wappens hochhält, schätzt:

O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille!
Wie lieblich seid ihr hergereift!

Möge auch uns eine solche Wertschätzung möglich sein! 

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Fülle des Lebens, Gedicht, Gertrud Kolmar, Leben und Tod, Natur abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Gertrud Kolmars Erntedank: „O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille! / Wie lieblich seid ihr hergereift!“ – Nichts geht verloren!

  1. brigwords schreibt:

    danke vielmals für diesen schönen Beitrag, Johannes. Du hast eine wunderbare Begabung, Gedichte und Dichter zu „lesen“ und sie anderen Menschen nahe zu bringen.

  2. Gisela Seidel schreibt:

    Lieber Johannes,
    danke für Ihren Beitrag über das tiefsinnige Herbst Gedicht von Gertrud Kolmar.
    In diesem Gedicht beschreibt sie den Sinn des Kern-Obst-Daseins mit „Da selbst ihr Speise seid und tot. // Das aber ist, wofür ihr glühtet . . .“
    Ein Baum fragt nicht nach seiner Bestimmung. Er wächst ihr entgegen und gibt Nahrung für viele. Ob nun gegessen, gepflückt, heruntergefallen oder gar verfault, bleibt dieses Obst immer ein Träger von Lebensenergie. Leben setzt sich fort. Dies beschreibt sie in den Zeilen:
    „Zu jener Scholle legt ein Wind, // Die selber säte, selber mähte // Und immer Mutter war und Kind…“
    Überträgt Gertrud Kolmar diesen Lebenssinn auch auf den Menschen?
    Ist dessen Bestimmung Nahrung für andere zu sein und dann der Tod? Wissen wir um das Leben in uns, den göttlichen Kern für den wir „glühen“!?
    Werden und vergehen …wiederkommen als etwas Neues, Gereiftes.

    Herzliche Grüße
    Gisela

  3. Danke für Ihr danke. – Ja, ich finde diesen Aspekt wichtig, dass, auch wenn eine Frucht heruntergefallen ist und verfault, sie in dem Kreislauf des Lebens integriert bleibt; schließlich braucht auch die Scholle Nahrung.
    Es ist ja im Grunde das Wappen von Zinna, welches das Geschehen von Werden und Vergehen auf den Menschen überträgt, denn die weibliche Gestalt ist ja in den Mythen und der Bibel und sicherlich auch in der Kunst Ausdruck für die menschliche Seele. Die hält hier Früchte nach oben hin, zum Himmel hin, dankbar. Die ersten beiden Strophen, vor allem natürlich der emphatische Ausruf zu Beginn, zeigen, dass Gertrud Kolmar das auch so sieht.
    Vergehen und Werden ist ja in das natürliche Sein integriert, ja, macht es eigentlich aus. Für die Natur sah Gertrud Kolmar das auch. Ob sie es im Sinne einer Reinkarnation sah, für die sich ja sogar die moderne Wissenschaft aufzuschließen beginnt ( https://bit.ly/2OorXSZ ), glaube ich eher nicht, ich bin jedenfalls noch auf keine Stelle in ihrem Werk gestoßen, die das vermuten lässt. Als Jüdin wird sie eher dem Generationengedanken zugetan sein, also der Bedeutung der Abfolge der Geschlechter, die weitervermitteln, was für den Fortgang der Menschen wichtig ist; die vielen Auflistungen im AT zeigen das ja deutlich auf und noch im NT wird darauf angespielt.

    Ihnen einen schönen Herbst und liebe Grüße
    Johannes Klinkmüller

  4. Gisela Seidel schreibt:

    Hallo Johannes,
    gerade als Jüdin hat Gertrud Kolmar gewiss über die Reinkarnation gewusst.
    Hier ein interessanter Link dazu http://kabbala-info.net/deutsch/reinkarnation.htm,
    Schon Origenes wusste davon, wurde jedoch von der römisch-katholischen Kirche unterdrückt und eingekerkert.
    Das Herbstgedicht von Gertrud Kolmar ist für mich überraschend positiv geschrieben. Bisher hatte ich nur larmoyante Zeilen (nicht abwertend gemeint) von ihr gelesen, wenig hoffnungsvoll.

    Beste Grüße
    Gisela

  5. Liebe Gisela,

    wenn ich recht mit erinnere, ging´s im Hause Chodziesner, wie G.K. eigentlich hieß, nicht sonderlich religiös zu, allerdings nahm ihre Hinwendung zum Judentum meines Wissens im Verlauf ihres Lebens zu und es gibt auch ein Gedicht von ihr; „Die Jüdin”, wenn ich mich recht entsinne. Wenn ich meine Videos zu ihr mache, nehme ich das ziemlich sicher auf, denn Jude zu sein, ist einfach ein Lebensthema per se.
    Dass ein wenig religiöser oder orthodoxer Jude die Kabbala liest oder in ihrem Sinne denkt, wäre m.E. eher ungewöhnlich. Aber GK. muss sehr, sehr belesen gewesen sein und ich könnte mir gut vorstellen, dass sie sie gelesen bzw. sich mit ihr, vielleicht auch dem Sohar beschäftigt hat.
    Danke für den Link, der ist klasse. Ich habe im Sohar geblättert und zusammen mit der Kabbala kann die Verwendung von Seelenschwester, wie es auch G:K in einem Gedicht tut, wirklich im Sinne Aivanhovs gemeint sein; das hätte ich eigentlich nicht vermutet.

    Danke für die Anregungen und liebe Grüße,
    Johannes

    PS Die nicht gewollte Abtreibung hat ihr Leben total verändert, der Tod der Mutter, die zunehmende Drangsalierung durch die Nazis und der erzwungene Umzug in ein Judenhaus etc. – das macht verständlich, dass wirklich wenig Freudiges in ihren Gedichten auftaucht. Es gibt aber auch Gedichte voller Leben. Nur wenn man Gedichte von ihr veröffenticht, weiß man nicht, wo anfangen . . . es gibt so viele, die mich total beeindrucken . . . sie sind aber zum Teil so schwer zu verstehen wie Hölderlin-Gedichte :-)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s