Geschändete Brüste. Lyrik kann so gnadenlos sein: Gertrud Kolmars „Die gelbe Schlange“ und „Mörder Taube“

Gnadenlos erbarmungslos war ihr Tod. Gertrud Kolmar starb auf dem Weg nach oder in  Auschwitz. Ihre Spur verliert sich nach dem Abtransport. – Es gab aber wohl etwas, was sie womöglich als noch erbarmungsloser empfunden haben mag. Es kriecht als gelbe Schlange durch ihr Gedicht und in sie hinein:.

Die gelbe Schlange

Ich war ein Mädchen auch im Traum.

Und meine Brüste lagen, helle Inseln,
Auf jeder eine kleine braune Stadt
Mit spitzem Turm
Und rot geheimer Ströme unterirdnem Rinseln.

Wann werden weiße Quellen aus den Steinen brechen?

Die Schlange zuckte
Ungesehn durch Kraut.
Ach, alle Moose, die sie grüßte,
Verrotteten.
Ihr Leib ließ eine Wüste.
Baumgrün vergilbte vor der gelben Haut.

Die gelbe Schlange kam.
Sie zog sich über Meer
Und sank in Grund,
Wo seltsam bunt und schwer
Tierblumen an verfallnen Schiffen saugen
Mit zähnelosem Mund.

Sie schlich
In meine roten Grottenflüsse ein.
Sie lächelte.
Die kleine Stadt ward krank,
Zermürbte, wich.
Ihr stolzer Wartturm sank
Tief in ein Weiches ein.

Die Insel, einmal glücklich schön
Mit Hügelkuppe und mit sanfter Bucht
Um vieler Wellen blitzendes Getön,
Hing müd in See.

Wie überreife, halbvermulschte Frucht.

Wenn es ein Zeugnis, eine Zeugin dafür gibt, wie sehr Frauen unter einer Abtreibung leiden, dann ist es Gertrud Kolmar. Ihr Kind, das nie leben durfte, taucht so oft in ihren Gedichten auf, dass man, liest man sie, aufhören möchte, diese Gedichte gesondert zu vermerken. Nicht nur, dass sie einen tief eindrücklichen Zyklus mit 33 Gedichten Mein Kind genannt hat, nein, u.a. auch in dem 50 Gedichte umfassenden Zyklus Tierträume taucht es immer wieder auf.

Es mag sein, dass der ein oder andere eine Frau kennt, die ohne große Probleme eine Abtreibung verkraftet hat. Wenn man Gertrud Kolmars Gedichte liest, weiß man, was im Unbewussten sich abspielen muss.

Am Kinn des Mörders sproßt kleines gelbes Feuer

Die Farbe gelb taucht in den Gedichten Kolmars über 70-mal auf; da ist in dem Gedicht Hexe von ginstergelbem Flüsterwind die Rede, von gelbseidenen Puppen in Spaziergang und in Ein Mädchen heißt es

Ich war der Krug, drin Rose stand
Mit Blättern, gelb wie Honigsüße

Gelb ist also keineswegs immer negativ konnotiert. Wenn es da nur nicht das gelbe Feuer des Mörders in einem Gedicht – Der Mörder – gäbe, das so herzzerreißend ist wie kaum eines, das ich jemals las, und das ab der vierten Strophe lautet:

Der Mörder kommt ja schon. Er trägt den Hut,
Einen breiten Hut mit Turmkopf, ungeheuer;
Am Kinn sproßt kleines gelbes Feuer.
Es tanzt auf meinem Leib; es ist sehr gut …

Die große Nase schnüffelt, längert sich
Zu dünnem Rüssel. Wie ein Faden.
Aus seinen Fingernägeln kriechen Maden
Wie Safran, fallen auch auf mich.

In Haar und Augen. Und der Rüssel tastet
Auf meine Brüste, nach den rosabraunen Warzen.
Ich seh‘ ihn weißlich fleischlich winden sich im Schwarzen,
Und etwas sinkt an mich und keucht und lastet –

Ich kann nicht mehr … ich kann nicht … Laß die Schneide schlagen
Als einen Zahn, der aus dem Himmel blitzt!
Zerstoße mich! Da wo der Tropfen spritzt:
Hörst du ihn »Liebe Mutter« sagen?

Hörst du – ? O still. In meinem Schoße ruht das Beil.
Von seinen Seiten brechen eibenhaft zwei Flammen;
Sie grüßen sich und falten sich zusammen:
Mein Kind. Aus dunkelgrüner Bronze, ernst und steil.

Brüste wie die Sulamiths

Eigentlich wunderbar, wie das Gedicht Die gelbe Schlange beginnt. Das Ich thematisiert sich und liebevoll werden die eigenen Brüste mit Bildern ausgestattet. Dieser Umgang mit der weiblichen Brust klingt in dieser Weise auch im Hohelied Salomos an. Da ist Gertrud Kolmar ganz Jüdin und Sulamith, die glücklichste Frau des Alten Testaments.

Doch auch in der Verwendung des Schlangensymbols ist sie ganz Jüdin. Man muss Schlange nicht zwangsläufig negativ sehen. Luzifer war keineswegs immer nur und von allen Philosophen und Theologen als das Böse gesehen. Er war es, der abstürzte, aber er ermöglicht durch diesen Engelsturz dem Menschen, als Kind Luzifers zu einer Freiheit zu gelangen, die den vorausgehenden Engelhierarchien, so überwältigend sie auch in ihrer göttlichen Größe sind, nicht möglich war und wohl auch nicht sein wird. Gleichzeitig aber macht gerade das Schicksal unserer Dichterin nicht nur durch ihren Tod  und ihr Frausein, das ich in einem künftigen Video auf meinem You-Tube-Kanal thematisieren möchte und das bei zeitgenössischen Feministinnen nur ein Stirnrunzeln hervorrufen würde, wollte sie doch keineswegs die Starke sein und gab sich mit einer Rolle zufrieden, die heute kaum noch eine Frau akzeptieren würde, darauf aufmerksam, wie unfassbar schwer dieser unser Weg, der mit Luzifer begann, mit der Schlange, war, ist  und sein wird. Diese zwei Seiten des Weges deuten sich auch in Lied der Schlange an:

. . .
Denn ich bin alt, bin vieltausendjährig,
Gepflegt und erzogen in heimlichen Riten,
Ward zauberzeugend, ward machtgebärig,
Mit Milch genährt von frommen Ophiten

. . .

Verlockt‘ ich die Toren Erkenntnis zu essen,
Ein süßeres Obst, das die Ängstlichen scheuten ?
. . .

Zugleich ist die Schlange in den Gedichten Kolmars auch in sexueller Hinsicht ein Wesen der Verführung, das sich als solches in Die Rose in der Nacht, diesem beeindruckenden Sonett, in den Haaren der reifen Frau zeigt

Sie glüht. Und ihre Haare kriechen groß
Auf blutrot dumpfen Sammet, schwarze Schlangen.
Sie neigt sich müd in duftendem Verlangen,
Die reife Frau. Und ist ein Herz doch bloß,

Ein heißes, sanftes Herz. Und birst, ein Schoß,
Der Liebe auf, den Himmel zu empfangen.
Und wird ein Antlitz mit gemalten Wangen.
Wenn Abend meerwärts fährt auf braunem Floß,

Ein Totenkauz im Düster greinend lacht,
Dann schlägt es tiefe Augen auf und wacht
Und fängt den Männertraum auf seinem Fluge.

Und sinkt schon morgen welk, am Strauch, im Kruge,
Und stand als eine Rose in der Nacht.
Die dunkelrote Rose in der Nacht.

Die Verführung durch die Schlange bringt es jedenfalls mit sich, dass aus den Steinen der kleinen braunen Stadt bald Muttermilch hervorquellen möge.

Es kam eine Taube, rosa und blaugrau, geschwebt

Doch in der Folge wird klar, welche Bedeutung der gelben Schlange zukommt. In diesem letzten Gedicht aus Tierträume thematisiert Gertrud Kolmar aus meiner Sicht den Augenblick des schicksalhaft wohl auch elterlich erzwungenen Verlustes ihres Kindes und wenn man dieses Gedicht zusammen sieht mit dem vorausgehenden Mörder Taube überschriebenen, in dem die Taube, die seit eh und je, seit Noah ein Symbol der Hoffnung und des Lebens ist, als mordendes Wesen sich zeigt, dann kommt die ganze menschliche Tragik dieses Geschehens, die sich auch in der fünfhebig daktylischen Gestaltung zeigt und schon von daher nicht einfach zu lesen ist, zum Ausdruck:

. . .

Und in meiner Mitte, da waren Ufer, war Land,
Da saß es wie Zwergenkind: Wesen, wunderlich klein;
Es grub seine Füße spielend in glitzernden Sand
Und tauchte den Finger sacht in die roten Quellbäche ein.

Ich wollte es küssen und rührte die Haut von Glas,
Die konnte ich nicht zerbrechen, weil selbst ich sie war;
Nun häufte sich Düne, und auf der Düne trieb Gras,
Wuchs hoch und dicht und grau und wucherte in mein Haar.

Es kam eine Taube, rosa und blaugrau, geschwebt
An einem bleichen Himmel. Der Himmel war nackt.
Ihr Schnabel schien mächtig, krumm und vom Blute verklebt
Der schwachen Gefährtin, der sie die Stirne zerhackt.

Und ich sah, wie es wirklich war, das lächelnde Perlglanzkleid,
Ich fand in ihm das Bild von den Tauben der Welt
Und fand aller Tauben Gier und Jähzorn und Neid.
So schwang sich der große Vogel über mein Feld.

Und wo der Halm das verborgene Kind umstrich,
Da zückte er lang sanft schimmernder Schwingen Schlag
Da sank er nieder, anmutig und fürchterlich,
Und es verging ein Blick und es verging ein Tag.

Und es verging ein Jahr. Und ich hob mich auf,
Ich rieb meine Augen, ich wußte kaum, was geschehn,
Erspähte die Inseln, suchte der Flüsse Lauf,
Das Kind, die Taube und konnte nichts mehr verstehn.

Mich haben Gedichte selten so berührt und ergriffen wie jene Gertrud Kolmars. Diese Frau, die zwar äußerlich recht unscheinbar gewesen sein muss, deren Augen aber als ganz besonders herausgehoben wurden und die von Zeitgenossen als herb und verschlossen charakterisiert wird – sie selbst hat sich eine Spartanerin genannt -, offenbart sich in ihren Gedichten auf eine Weise, die, befasst man sich näher mit ihr, unvergesslich wird. Selten ist mir eine Verstorbene so nahegekommen. Manchmal glaube ich sie beim Lesen ihrer Gedichte in unmittelbarer Nähe.

 

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Fülle des Lebens, Gedicht, Gertrud Kolmar, Leben und Tod, Symbol als Wirklichkeit, Weiblichkeit abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s