„Einmal wandert Läuten durch mich hin“ – Gertrud Kolmar weiß um ihre wahre Heimat und ihre Schwesterseele.

Liest jemand an heißen Spätsommertagen Gedichte?

Eher nicht.

Aber es drängt mich, dieses Gedicht von Gertrud Kolmar dennoch zu veröffentlichen und jemandem, der doch liest, mitzuteilen. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte von ihr; sie schrieb es in jenem poetisch für sie so fruchtbaren Jahr 1917, dreiundzwanzigjährig, und es deutet sich ihre Tiefe, die sie später u.a. in ihren Wappengedichten und dem Zyklus Welten uns zeigt, mehr als nur an. Sie weiß um eine Zeit, in der wir einmal wieder reine Seele sein werden mit all den Erfahrungen, die uns jetzt ereilen und die wir den himmlischen Mitbewohnern, die uns auf unserer Reise über die Erde so aufmerksam verfolgen, spürend, wie schwer erkauft unsere Erfahrungen oft sind, aber zugleich uns bewundernd und teilnehmen wollend, weil sie ihnen nicht vergönnt waren, seien sie Cherubim, Seraphim, Throne, Erzengel, Engel. dann mitbringen werden.

Gertrud Kolmar weiß um das Es war einmal der Märchen, das auf jene Zeit anspielt, als wir aufbrachen, und sie wiederholt diese magische Formel in ihrem ersten Wort und verwandelt in und mit ihm die Vergangenheit zugleich in eine uns erwartende Zukunft.

Sie weiß darum, dass wir eine sozusagen vertikale Schwesterseele haben – die Germanen und die nordischen Mythen nannten sie Walküren – die in ewigen Regionen sich aufhält, um unseren Weg abzusichern, weswegen sie als unverlierbarer Teil von uns, als wir abstiegen, zurückblieb.

Sie weiß auch um etwas, was wir Schwesterseele auf einer horizontalen Ebene nennen könnten, jener Teil, von dem wir uns trennten – die Bibel bezieht sich mit jener Stelle darauf, als Gott aus der Rippe Adams (was bekanntlich Mensch, nicht Mann bedeutet) die Frau erschuf -, um wirklich zu erfahren, was Liebe sei, Liebe, die wir sehnsüchtig in dem verlorenen Teil suchen und so oft nicht finden und deshalb erst wirklich wertschätzen lernen (n unseren Erdenwanderungszeiten begegnen wir in unseren vielen Leben ingesamt zwölfmal unserer Schwesterseele, so habe ich es bei Aivanhov gelesen und halte es für durchaus der Wahrheit entsprechend, und wir können so oft nachlesen, dass solche Begegnungen leider auch sehr unglücklich ausgehen können – Shakespeare hat es in Romeo und Julia abgebildet, die Volkslieder in jenem Lied von den Königskindern, Schiller in Reminiszenz, Ödon von Horvath in seinem Schaupiel Das jüngste Gericht, Marc Levy in Sieben Tage für die Ewigkeit, das Nibelungenlied in der unerfüllten Liebe Brünhildes zu ihrem wahren Mann Siegfried – die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen; selbst Nietzsche spricht in Also sprach Zarathustra von ihr: Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht? Zusammen lernten wir alles; zusammen lernten wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos lächeln . . .

Woher weiß die junge Gertrud Kolmar darum? Ich vermute, dass das in ihrer Familie gelebte Judentum dieses Wissen nicht unbedingt zuließ, vielleicht aber die Kabbala, zu der sie womöglich Zugang besaß – darüber habe ich aber keine Informationen.

Hier nun dieses wunderschöne Gedicht:

Einmal

Einmal wandelt Läuten durch mich hin,
Seelensingen – eine Glocke tönt,
Glocke, der ich reines Echo bin,
Nicht mehr Fleisch, das sündig jauchzt und stöhnt.

Bin ein Sprößling dann des grünen Baums,
Sinnbild ew’gen Werdens, ew’ger Rast,
Und mein Leib, der Rest des Menschentraums,
Steht und wartet, daß er Wurzel faßt.

Einmal bist du Trug, mein Leib, mein Stamm,
Der du heute noch mir Wahrheit heißt,
Einmal bist du tot, bist Erde, Schlamm,
Doch ich leb‘, ein Nichts, ein Alles: Geist.

Bald!

Denn schon hör‘ ich, wenn den bitt’ren Tag versüßt
Irgendwo mir eine Vogelkehle,
Liebe, ferne Stimme, die mich lautlos grüßt:
»Schwesterseele!«

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8 Antworten zu „Einmal wandert Läuten durch mich hin“ – Gertrud Kolmar weiß um ihre wahre Heimat und ihre Schwesterseele.

  1. wildgans schreibt:

    Danke für Ihre wunderbare Seite! Auch an heißesten Tagen schönes Stöbern möglich!
    Das ausgewählte Gedicht spricht für sich.-

  2. Änne Rauen schreibt:

    Ein sehr ergreifendes Gedicht. Wenn wir der Schwesterseele begegnen, erkennen wir es sofort. In uns beginnt etwa zu schwingen – und im Gegenüber auch (Läuten – Seelensingen). Dieses Erleben kann unser ganzes bisheriges Leben umkrempeln. Schwesterseele ist ein sehr schönes Wort dafür. Welch hohe Sensibilität muss diese junge Gertrud Kolmar gehabt haben, dass es ihr möglich war, solch ein Gedicht zu schreiben.
    Danke, dass sie es neu erklingen lassen.

  3. Ich habe mich vor vielen Jahren, als ich mich zum ersten Mal mit dem Thema befasste, in einem esoterischen Dualseelen-Forum angemeldet und hatte den Eindruck, dass sich der ein oder andere Teilnehmer/Teilnehmerin viel einbildet, unbewusst womöglich, weil Sie/er es als Ausweis spiritueller Entwicklung sehen wollten, wenn man auf seine Schwesterseele trifft. Ich kenne allerdings mindestens einen Fall, wo ich mir ziemlich/sehr sicher bin, dass Schwesterseelen ein Paar sind, aber viel zu unterschiedlich seelisch entwickelt in ständigem Unfrieden leben. Horvath bildet in seinem Stück auch ein großes Unglück ab und es gilt auch für Tristan und Isolde ebenso wie für Brünhilde/Kriemhilde und Siegfried.

    Ich bin sehr vorsichtig geworden in Bezug auf dieses Thema, das ja auch Platon sehr deutlich anspricht. Manchesmal projiziert beispielsweise ein Partner eine hohe eigene Liebesfähigkeit in den Anderen und meint dann, dass es die große Liebe, die Schwesterseele sei; aber der Partner hat in der Realität diese Liebesfähigkeit nicht. Und leider wird dann womöglich diese seelische Konstellation lange, viel zu lange aufrechterhalten.
    Ich kann dazu aus persönlicher Erfahrung nichts sagen; es gibt bestimmt auch positive Beispiele; das ist dann wirklich wahrscheinlich wunderschön und wenn es so ist, dann gibt es sicherlich auch untrügliche Signale, von denen vielleicht nur die beiden wissen; damals, als ich dazu einiges las, habe ich sozusagen offiziellle, allgemeingültige Anzeichen/Signale nie angesprochen gefunden.

    Ich habe im Übrigen bei Gertrud Kolmar den leisen Verdacht, dass sie in ihre so große Liebe etwas hineinprojizierte; sie erlebbte ja Ähnliches mindestens noch einmal und wurde auch da riesig enttäuscht (der Mann hatte verschwiegen, dass er verheiratet war und sie besuchte ihn überraschend Weihnachten zu Hause …).
    Man spürt auf Schritt und Tritt Gertrud Kolmar die vielen Leben und diesen rieisigen Facettenreichtum der Seele an. Ich möchte dazu ein Video auf meinem You-Tube-Accoumt machen. Selten habe ich bei einem Dichter diesen Reichtum der Seele wahrgenommen. Wenn man überlegt, dass sie in ganz bekannten Gedicht-Anthologien nicht mit einem einzigen Gedicht vorkommt und auch in Dichterlexika verschwiegen wird, fragt man sich, was da wohl los ist – Zufall kann das nicht sein. In Auschwitz zu sterben – und dann als Dichter noch einmal: das ist hart.

    • Anne Rauen schreibt:

      Auf esoterische Erfahrungen kann ich nicht zurückgreifen. „Schwesterseele“ ist für mich ein Synonym für Gleichklang (nicht Verliebtheit, womöglich mit Bindungsanspruch). Nach meiner Erfahrung wird dieser Gleichklang sofort erkannt und mit großer Intensität erlebt, selbst dann, wenn die äußeren Umstände und/oder auch die innere Reife dieser Erfahrung wenig Dauer in Aussicht stellen. Wie sich die Beziehung nach diesem Erkennen entwickelt, kann man nicht sagen.
      Ganz vergessen ist Gertrud Kolmar übrigens nicht. Es gibt z.B. den mit 10.000 € dotierten Gertrud Kolmar Preis ( https://www.fixpoetry.com/gertrud-kolmar-preis ), der die Erinnerung an Sie weckt und wach hält. Was Sie für diese halb vergessene Dichterin tun, bewundere ich sehr und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.

      • Wenn man eine glückliche Beziehung führt – mit den natürlichen Höhen und Tiefen -, dann ist das schon mal schön. Wenn man – und ich füge das zu Ihrer Aussage, Frau Rauen, aus meiner Sicht ganz subjektiv und ergänzend hinzu – ein Wissen davon hat, dass der Partner die Schwesterseele ist, dann stelle ich mir das als etwas ganz Besonderes vor und ich beziehe mich da auf eine wirkliche Esoterik, wie sie sich aus der biblischen Schöpfungsgeschichte (Luther hat sie leider an wichtiger Stelle nicht korrekt übersetzt), Platon und anderen für mich ernst zu nehmenden Quellen ergibt (vielleicht komme ich im Winter dazu, das mal auszuführen). Der Mensch wurde ja als geistiges Yin-Yang-Wesen geschaffen und ich glaube, er kehrt auch dahin zurück, nur wird dann nichts mehr wie damals sein (wie im Märchen, wenn der Märchenheld auszieht, den alten Zustand wieder herzustellen und am Schluss mit der Liebe, die er gefunden hat, glücklich ist, aber auf ganz neue Weise).

        Velen Dank für Ihren Wunsch und den Link mit dem damit verbundenen Hinweis – eine klasse Initiative, die ich nicht kannte und die mich sehr freut. Es gibt natürlich das ein oder andere Buch über Gertrud Kolmar – die Biografie von Dieter Kühn (mir zu voluminös, aber den Kommentaren nach wirklich gut) oder das empfehlenswerte von Johanna Woltmann sowie das eher germanistische von Kambas/Brandt, auch sind Teile ihres Werkes in europäsche Sprachen übersetzt worden und es liegt eine deutsche Gesamtausgabe vor -, aber sie ist meines Wissens kaum einmal in Schulbücher vorgedrungen und das wäre Voraussetzung, dass sich Wissen um sie wirklich verbreitert. Ich habe nicht in Erinnerung, während meiner Zeit als aktiver Lehrer von ihr in einem Atemzug mit den großen deutschen Dichterinnen gehört oder gelesen zu haben; eher „zufällig“ bin ich auf sie gestoßen; irgendetwas ist da für mich seltsam (unstimmig).

        Danke für Ihre Gedanken und liebe Grüße!

  4. brigwords schreibt:

    wunderschön! Und auch deine Gedanken dazu! Danke fürs Teilen, Johannes :-)

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