Ein notwendig frauliches Bewusstsein: ohne männliche Seite keine Entfaltung der eigenen Weiblichkeit. – Annette von Droste-Hülshoffs „Am Turme“.

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Am Turme

Ich steh‘ auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass‘ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh‘ ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht‘ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh‘ ich ein Wimpel wehn
So keck wie ein Standarte,
Seh‘ auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht‘ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöve streifen.

Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lassen es flattern im Winde!

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1842 hat Annette von Droste-Hülshoff obige Verse geschrieben, da war sie 45 Jahre alt, wahrlich kein biblisches Alter, dennoch aber schrieb diese 1,50 Meter große Frau, die ihr Leben lang kränklich war, in dieser Zeit auch Zeilen, die vermittelten, dass sie sich dessen bewusst war, nicht mehr allzu lange zu leben.

Drei Männer hatte sie geliebt, womöglich nicht einen körperlich. Zwei hatten ihr übel mitgespielt, in die sie sich zu gleicher Zeit verliebt hatte. Der eine, August von Arnswaldt, ließ sie fallen, nachdem er ihr ein Geständnis ihrer Zuneigung entlockt hatte, und erzählte alles brühwarm jenem jungen Mann, Heinrich von Straube, der, ganz im Gegensatz zu Arnswaldt, ein wohl ziemlich hässlicher Gevatter war, aber von seiner Persönlichkeit her genialisch-exaltiert, in den sich Annette ebenfalls verliebt hatte. Beide verfassten dann jenen Absagebrief, der in die Literaturgeschichte einging, weil er das weitere Leben einer der größten deutschen Dichterinnen prägte; beide kündigten ihr die Freundschaft auf, was über kurz oder lang natürlich ihre ganze adelige Sippschaft samt Umfeld wusste. Was muss Annette gelitten haben! Und ausgerechnet die Frau, der sie sich brieflich anvertraute, heiratete dann einige Jahre später den einen der beiden, was insofern unglücklich war, als unsere Dichterin in dem brieflichen Kontakt ein Ausmaß der Schuld auf sich genommen hatte, das auf dem Hintergrund des bigott-durchtriebenen Verhaltens der beiden Männer gewiss nicht gerechtfertigt war.

Ihre größte Liebe trat Jahre später in ihr Leben, ein 17 Jahre jüngerer Mann, den sie als hübschen Jungen, dem früh die Mutter, die sie gut kannte, starb, in Münster kennengelernt hatte, und mit dem sie in einem späteren Lebensabschnitt für einige Monate, wenn auch in getrennten Türmen, die Meersburg teilte, bis er wegzog.  Sie wohnte im Nordost-Turm, in dem die Schwester ihr ein bescheidenes Zimmer eingeräumt hatte, Levin Schücking, so hieß der junge Mann, im Südwest-Turm. Ihre Liebe zu ihm ist unüberlesbar:

Blick‘ in mein Auge, – ist es nicht das deine,
Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?
Du lächelst und das Lächeln ist das meine,
An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich;
Worüber alle Lippen freundlich scherzen,
Wir fühlen heil’ger es im eignen Herzen.

Falls es je Phasen gab, in denen sie sich Illusionen oder ungebremst Phantasien hingab, so wurde ihr doch schnell klar, dass – vielleicht hat sie es für sich nicht so radikal formuliert – Levin nicht das innere Format hatte, ihrer Liebe gerecht zu werden (wobei man nicht vergessen darf, dass er wesentlich jünger war und sein Lebensskript gewiss einen weiteren Verlauf ohne Annette von Droste-Hüshoff vorsah); jedenfalls schreibt sie:

Du zweifelst an der Sympathie
Zu einem Wesen dir zu eigen?
So sag‘ ich nur, du konntest nie
Zum Gletscher ernster Treue steigen,
Sonst wüßtest du, daß auf den Höhn
Das schnöde Unkraut schrumpft zusammen
Und daß wir dort den Phönix sehn,
Wo unsre liebsten Zedern flammen.

Es sind dies Verse, wie sie all jene schreiben könnten, die mit ihrer Liebe die mindere Liebesfähigkeit eines geliebten Menschen zudeckten, so dass sie nicht bemerkten, dass die vermeintliche Gegenliebe nur ihre eigene übergroße war. – Annette von Droste-Hülshoff deutet hier an, dass ihr dieses seelische Geschehen bewusst geworden ist.

Die folgende Strophe ist für mich deshalb so beeindruckend, weil sie jenes Gebot einbezieht, dass Menschen darauf verweist, Gott und den Gott im Menschen nicht in ein Bildnis zu sperren:

Sieh her, nicht eine Hand dir nur,
Ich reiche beide dir entgegen,
Zum Leiten auf verlorne Spur,
Zum Liebespenden und zum Segen,
Nur ehre ihn, der angefacht
Das Lebenslicht an meiner Wiege,
Nimm‘ mich, wie Gott mich hat gemacht,
Und leih‘ mir keine fremden Züge!

Annettes Hingabe jedenfalls ist offensichtlich. Es sollte jedoch nicht allzu lange dauern, dass beider Verhältnis sehr erkaltete. Im Grunde hätte es die Droste voraussehen können – sie hat es auch, wie angesprochen, in gewisser Weise.

Später wird Schücking schreiben, er habe damals mit Empfindungen,  die über sich selbst nicht klar gewesen seien, in die großen, leuchtenden Augen der besten Freundin seines Lebens geschaut. Doch war diese Liebe im Grunde wohl immer sehr einseitig. Annette hat ihre ganze Liebe, deren sie fähig war, in ihn hineinprojiziert, in einen durchaus attraktiven jungen Mann, der sich einer kränklichen Frau gegenüber sah, deren dichterisches Vermögen er erkannte und das er auch durch seine Gegenwart in ihr belebte und so dazu beitrug, dass sie es zu einer Meisterschaft wachsen lassen konnte, so dass dieser Zeitraum zu einem großen der deutschen Literatur wurde, denn Annette von Droste-Hülshoffs Weise zu schreiben hat etwas Einzigartiges.

Man kann sich allerdings nicht des Eindrucks erwehren, dass Schücking, als er ihr von einer Frau, die er liebte, vorschwärmte, sich in einem Ausmaß als Elefant im Porzellanladen erwies, wie es bei größerer Sensibilität nicht hätte sein müssen. Man mag sich fragen, in welchem Ausmaß sich Annette ihren Gefühlen diesem so viel Jüngeren gegenüber hingab. Vergessen wir aber nur nicht, dass sich der 72-jährige Goethe in  eine 17-Jährige verliebte und sie heiraten wollte, ja seinen Fürsten schon als Brautwerber verpflichtet hatte, bevor er zur Vernunft kam, nachdem die junge Dame an der Hand ihrer Mutter, der alles ziemlich peinlich war, von Marienbad nach Karlsbad geflüchtet war, auch, um das Gerede der Leute zu beenden (Goethe war dann sogar nochmals hinterhergereist, bevor er zur Vernunft kam).

Es ist ein Recht jeden Alters, sich Liebesgefühlen hinzugeben.

Im April 1842 verließ Schücking Meersburg, da war er 28 Jahre alt. In der Zeit davor hatte Annette mehr als 50 Gedichte verfasst  und es wird so gewesen sein, dass  ihre Muse mittels der Gefühle für den geliebten Freund eine bis dahin verborgene Quelle in der damals über 40-Jährigen öffnete. Ende September 1841 war Annette mit ihrer Schwester und deren beider Töchter nach Meersburg gereist. Seit Anfang Oktober wohnte auch Schücking auf der Burg. So lang also war ihre gemeinsame Meersburger Zeit nicht. Dennoch aber war sie gewiss intensiv. Obiges Gedicht wird entstanden sein, als er nicht mehr auf der Meersburg weilte.

Man sieht förmlich die Droste auf dem Balkon des Turmes stehen und ahnt, was sie gefühlt haben muss und wie sie sich fühlte, denn alle Bilder, die wir kennen, zeigen sie mit strengster Frisur, die Haare engstens der Kopfhaut anliegend. Nicht die Spur von Freiheit, die jemals diesen Haaren vergönnt gewesen sein mag.

Wir wissen, welche Bedeutung den Haaren zukommt, welche Macht mit weiblichen Haaren verknüpft war, so dass sich Nonnen und jüdische Frauen – gewiss nicht immer freiwillig – der Haare verlustig geben, zumindest aber ein Kopftuch, wie es auch für moslemische Frauen gilt, tragen mussten, und welche Verfügungsgewalt Frauen über Haare hatten, man denke an die biblische Geschichte von Simson und Delila (mehr zum Thema Haare und Frauen hier). Zeit ihres Lebens hat die Droste den Zeitnormen entsprechend ihre Haare einem dressierten Frisurengefängnis zwangsverpflichtet. Wenn man Bilder von ihr unter diesem Blickwinkel sieht, wird deutlich, was einen intuitiv stören, ja fast weh tun mag > Bilder von ihr.

Hier aber empfindet sie sich als Mänade, jene hemmungslose Gefolgschaft des Gottes Dionysos, der besser kein Mann in den Weg kam (wir wissen um das Schicksal des Orpheus). Sie setzt sich nicht nur dem Wind, wilder Geselle zugleich und toller Fant, also jugendlichster Ausgelassenheit aus, nein, sie setzt ihm zu – etwas vorsichtiger formuliert sie dann doch: sie möchte es tun (Ich möchte dich kräftig umschlingen). Gleichzeitig aber lässt sie keinen Zweifel: Was sie empfindet, was geschieht, ist absolut existentiell, es ist auf Tod und Leben. Ihr ganzes Sein ist inbegriffen, natürlich auch körperlich-sexuelle Lust.

Auch wenn in der zweiten Strophe nur wieder von mögen geschrieben steht, die Dynamik dessen, wessen sie ansichtig wird und womit sie sich so sehr gedanklich verbindet (O, springen möcht‘ ich hinein alsbald, / Recht in die tobende Meute), vermittelt eine Intensität, die weit über das hinausgeht, was diese kränkliche und sich selbst als ältlich empfindende adlige Dame eigentlich hätte aushalten können.

Sie sieht auf den Bodensee, das Schwäbische Meer; das Schiff steht für ihr Lebensschiff, und sie hätte es so gern – wie sehr ist das fühlbar -, dass sie wirklich, am liebsten wohl auch körperlich, mit den Elementen und dem Leben um ein spürbar elementares Leben kämpfen dürfte: O, sitzen möcht‘ ich im kämpfenden Schiff, / Das Steuerruder ergreifen (…)

Wie sehr sie sich reduziert wahrgenommen haben muss, vermitteln die beiden ersten Verse der letzten Strophe (Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur, / Ein Stück nur von einem Soldaten), gewiss im Konjunktiv II gehalten, dem Bewusstsein der Nicht-Wirklichkeit, und doch nehmen wir die Klimax, die Steigerung in Jäger, Soldat und Mann war, am liebsten Mann – um den geht es in Wirklichkeit vor allem, auch wenn sie ihn mit einem „nur“ versieht – fühlt sie sich doch als Weib gleichsam vom Himmel ausgeschlossen (Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur, / So würde der Himmel mir raten).

Nicht das leiseste Bewusstsein einer doch so wertvollen Weiblichkeit. Genauer gesagt: Wie sehr mag sie fühlen, dass sie dieser angesprochenen Männlichkeit bedurft hätte, der Kraft also der männlichen Seite, um ihre Weiblichkeit hätte leben zu können!

Flucht in die Männlichkeit? Für mich beileibe nicht. So wie Männlichkeit erstarrt  und irgendwann an der eigenen Härte zerbricht, also ohne Weiblichkeit keine wahre Männlichkeit entfaltet, so geht es umgekehrt dem Weiblichen auch: Ohne Männliches gibt es keine lebensfähige, lebendige Weiblichkeit (von hier aus wird die ganze Weisheit des Yin-Yang-Symbols deutlich,  wenn immer in der einen Seite die andere notwendig enthalten ist).

Von Flucht kann deshalb keine Rede sein, auch wenn manche psychologisch das so werden verstanden sehen wollen und von Ersatz, Kompensation und Ähnlichem reden, nicht erkennend, wie sehr diese Verse notwendig sind, weil sie einen Mangel bewusst werden lassen, der im Fall der Droste kaum behebbar war. Sie musste wohl schon nach dem Eklat damals mit ihren 23 Jahren erkennen, dass grundsätzlch eine Beziehung nun schwer werden würde (auch aufgrund der eigenen tiefen Verletzung). Zu sehr mag sie sich selbst auch des ganzen Geschehens geschämt haben, wiewohl sie sich nach außen  hin wohl wenig hat anmerken lassen. Aber wie hätte eine feinfühlige Seele wie die der Droste das Geschehene verarbeiten sollen? Wie sehr mag sie auch mit der Gestalt des Friedrich Mergel in der Judenbuche sich selbst beschrieben, zumindest aber mit ihm mitgefühlt haben, mit seinem Heimatverlust, dem Verlust eigener Identität!

Gerade auf dem Hntergrund dieses fast erzwungenen Verzichtes auf ein Leben mit einem Mann ist dieses geschilderte Er-Leben in den Wogen ihrer männlichen Seite meines Erachtens für ihre Seele so wertvoll, nicht als Kompensation, sondern als Wahr-Nehmen einer möglichen Fülle.

Ein Deutschkollege, der zahlreiche Bücher zu Interpretationen lyrischer, epischer und dramatischer Texte geschrieben hat und eine umfangreiche Web-Site mit Interpretationen betreibt, schreibt zu dem Gedicht:

Wenn man in Ruhe über das Gedicht nachdenkt, muss man feststellen: Viel ist der Droste hier nicht eingefallen. Selbst wenn man die konservative, weil letztlich rollenbestätigende Fantasie „Ja, wenn ich ein Mann wäre…“ akzeptiert, sind die darin fantasierten Lebensvollzüge nur die von körperlich kräftigen jungen Männern; Jäger und Soldaten werden genannt – bedeutende Jäger und Soldaten des 19. Jahrhunderts kenne ich allerdings nicht. Jäger und Soldaten standen in Diensten des Adels, also im Rang unter der Droste, sie werden als knackige Jungs fantasiert. Die Reduktion des Mannes auf die körperlich sich frei entfaltende Kraft entspringt der kompensatorischen Fantasie einer älteren kränklichen Dame; emanzipatorisch und sachlich bedeutsam war das Gedicht bereits für ihre Zeitgenossen kaum, höchstens als Zeugnis des Leidens an der Frauenrolle

Schlimmer geht´s nimmer. Mir tun alle jungen Damen Leid, die seelisch der Annette von Droste-Hülshoff ähnelten: verstanden haben kann der Kollege sie in seinem Lehrerleben wohl kaum. Wie gut wäre es, wenn er für seine weibliche Seite leisten würde, was Annette von Droste-Hülshoff mit ihrem von ihm so unverstandenen Gedicht ihrer männlichen zukommen ließ.

Deutlich wird, dass sie wusste, wie es um ihre männliche Seite bestellt war. Gut, dass ihr all das, all die Bilder eingefallen sind, von denen sie geschrieben hat. Am Turme mag für sie selbst eines ihrer wertvollsten Gedichte gewesen sein. Warum: Indem sie dieses Gedicht schreibt, erkennt sie, was sie nicht leben konnte. Gewiss hat ihr adliges Umfeld eine wesentliche Rolle gespielt, gewiss auch die Zeit, in der sie lebte; aber sie mag sich dessen bewusst gewesen sein, dass nicht alles an äußeren Bedingungen gelegen haben mag: Jeder bringt in sein Leben einen Schatz von Erfahrungen und seelische Konstellationen mit, die zu ihm und nur zu ihm gehören: vieles gilt es zu verwandeln. In der Realität mag dies der Droste nicht gelungen sein. Warum aber dieses Gedicht so wertvoll ist für ihre weiteren Leben: Es ist ihr ganz offensichtlich klar, was sie nicht zu leisten, zu leben vermochte und für mich ist offensichtlich, wie sehr sie das tun will und wird, sobald sie es wieder tun darf. Gerade, weil sie diese Seite so wenig leben konnte, hat sie sie mit großer Klarheit anschauen müssen – und eben auch dürfen. Das wird Zeile für Zeile deutlich: Sie weiß um die ungelebte Mänadenseite in sich, weiß um ihre Wünsche, weiß um ihren Standpunkt und wie sehr sie entfernt ist von dem tosenden Meer  und wie gern sie auf andere Weise Lebenskräfte spüren würde, sie weiß um ihr Rapunzeldasein. Vielleicht aber hat ihr Glaube ihr ermöglicht darum zu wissen, dass die äußere Realität nicht die entscheidende ist, sondern die seelisch-geistige. Noch der letzte Vers lässt in der Intensität der Sehnsucht deutlich werden, dass, indem sie die Verse formuliert, diese so wertvoll für sie sind.

Wir sollten nie unterschätzen, wie wichtig es ist, dass wir in Gedanken uns unsere Zukunft bahnen.

In meinem letzten Video In der Schwebe des Lebendigen habe ich jene Worte aus Wilhelm Meister Lehrjahre zitiert, mittels deren uns Goethe bewusst werden lassen kann:

Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.

Das gilt genau auch für uns selbst.

Vergessen wir auch nicht: Es gibt Leben, in denen Menschen eine oft schreckliche Mangelsituation erleben, die vor allem dazu zu dienen scheinen, sich der Bedeutung, dessen man sich ermangelt, bewusst zu werden. Ich glaube zum Beispiel zu spüren, dass meine Mutter solch ein Leben ohne wirkliche Liebe lebte, um zu erfahren, wie bedeutend und wertvoll Liebe sei. Das mag für den ein oder anderen schrecklich klingen nach dem Motto: Wie kann Gott so etwas zulassen? 

Was mir in letzter Zeit bewusst geworden ist, als ich mich mit dem unsagbaren Leid auf der Erde auseinandersetzte und es nicht begreifen wollte: Wenn diese Zeit des Leidens für die Menschheit vorbei ist, könnte der ein oder andere an Gott – wie immer er auch aussieht und wer auch immer Unvorstellbares er sein mag – herantreten und ihm den Vorwurf machen: Warum hast Du uns nicht länger und intensiver leiden lassen, nunmehr in der Erkenntnis, dass, je tiefer das Leiden ist, desto tiefer auch das Bewusstsein ist, um das es geht. Es ist wie in den Bergen mit einem Bergsee: je tiefer er ist, desto höher sind die umliegenden Berge. So wird es auch mit unserem Bewusstsein sein.

Noch in der letzten Strophe tauchen wieder ihre Haare auf. Wie sehr weisen sie auf die Intensität des seelischen Geschehens hin. Wie sehr schwenkt mit ihrer Erwähnung das Bewusstsein zurück und diese Frau empfindet sich als eine eingesperrte Rapunzel, die zwar heimlich ihr Haar lösen kann, aber weiß, dass es nie einen Mann wird zu ihr den Weg finden lassen können.

Kein Wunder, dass bald darauf die Quelle in ihr versiegt. Die Liebe zu Schücking erkaltet, ja bricht im Grunde. Sie kritisiert sein Verhalten in manchem Brief und ich kann es nachvollziehen. 1846 erkrankt sie schwer, reist noch einnmal in ihre westfälische Heimat, um dann doch an den Bodenssee zurückzukehren, wohl weil sie hier sterben wollte, wo sie mehr Weite empfand. Ihr liebstes Buch damals ist Thomas von Kempfens Nachfolge Christi. In jener stand sie Zeit ihres Lebens. Am 24. Mai 1848 stirbt sie auf der Meersburg, für unsere Zeit heute ein nicht gerade langes Leben, aber an Erfahrngen und Gedanken und Worten so reich.

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