„Wohin dein Herz mich führe / frag ich nicht nach.“ – Frauen wollen keinen Mann ohne Herz – wenn er aber Rilke heißt? Eine Gedichtinterpretation in Gender-Zeiten.

Alle zwei, drei Wochen gucke ich mal in einem Literaturforum vorbei, in dem ich Mitglied bin. Die am liebsten gelesene Literatur sind eine gewisse Art von Poesiealbum-Sprüchen, wenn bitte möglich von einem möglichst namhaften Dichter; und wenn man dann noch ein schönes Bild zufügt, sind 30 bis 120 Likes möglich/sicher. Selten, dass mir mal um die sechs, sieben Likes vergönnt waren (seufz – schnief). Mein letzter Beitrag bekam gerade mal vier Likes und es ging um das Gedicht, dessen erste Strophe lautet

Ein halbes Jährchen hab’ ich nun geschwommen
Und noch behagt mir dieses kühle Gleiten,
Der Arme lässig Auseinanderbreiten –
Die Fastenspeise mag der Seele frommen!

Zugegeben, diese Schwimmer-Gedichte und -Balladen à la Wie ich ein Fisch wurde sind nicht sonderlich attraktiv (blöderweise für mich schon und Conrad Ferdinand Meyers Nicola Pesce ist hier in Gänze nachzulesen).

Mein  Shakesspeare-Gedicht in Englisch und Deutsch, das ich zu veröffentlichen wagte, erhielt auch nur vier – es ist hier auf meinem Blog zu sehen (heul).

Ich fand das Gedicht echt gut, aber ich war halt so ziemlich der Einzige. Da kommt eine wenigzeilige Tagore-Weisheit einfach besser an:

Screenshot_2019-06-11 Weltliteratur – World literature(1).png

 

Oder hier, vor 14 Stunden veröffentlicht und bereits bei 62 Likes, sicherlich mit Aussicht auf 10, 20 weitere

 

Screenshot_2019-06-12 Weltliteratur – World literature.png

 

Nur scheinbar überraschenderweise macht ein Kommentator darauf aufmerksam, dass es besser sei, saubere Unterwäsche anzuhaben. Solche geistvollen Zitate wie jenes von Julian Barnes provozieren eben auch Geist – das multipliziert sich, deshalb wird unsere Welt auch so geistvoll . . .

Klar, wenn ich da mit einem der für mich besten Gedichte der neueren Zeit komme – logisch ist meine Wertung sehr subjektiv -, mit Enzensberger Befragung um Mitternacht, das beginnt:

wo, die meine hand hält, gefährtin,
verweilst du, durch welche gewölbe
geht, wenn in den türmen die glocken
träumen, dass sie zerbrochen sind,
dein herz?

wo, welchen kahlschlag durcheilst du,
die ich berühre wangenzart, welch ein
betäubendes nachtkraut streift dich,
träumerin, welch eine furt benetzt
deinen fuß?

ein Gedicht, das einen Mann sprechen lässt, der damit ringt, seiner Gefährtin Freiheiten jenseits alles Haltenwollens und allen Bildnisses Raum zu geben für ihre Reisen ohne ihn, für ihre Entwicklungen, die vielleicht nur ohne ihn möglich sind, da gibt das vier Likes für ein Thema, das weder Frauen noch Männer interessiert – kein Instant-Format.

Heute ist das so: Wenn man Likes abgreifen will (und nicht wenige in dem Forum legen es darauf an – es macht das Leben einfach auch sooo sinnvoooll), muss alles mundgerecht serviert sein (mehr als acht oder zehn Zeilen sind schon eine Zumutung). Es  zählt das Ergebnis, nicht die Entwicklung. Tagore schreibt zwar von begreifen (was irgendwie mit Entwicklung zu tun hat), aber sein Spruch lässt sich in 20 Sekunden lesen, lässt sich gegebenenfalls auf den eigenen Blog stellen oder an den Freund oder die Freundin schicken – und fertig. – Und es kommt noch hinzu:

Wer Tagore liked, liked auch sich und sagt damit: Ich hab ihn verstanden und Tagore gut zu finden, ist auch einfach wirklich cool; man ist quasi wie von selbst ein Kenner des Lebens und der Religionsphilosophie! Man fühlt sich nicht nur gleich richtig gut! Zugleich hat man offensichtlich einen Zugriff auf den Sinn des Lebens. Das ist Lebenssinn im Instant-Format! Das ist gefragt, nicht mehr ein ganzes Gedicht lesen oder gar ein Buch . . .

Verständlich, dass ich mittlerweile stolz auf jeden Nicht-Like bin. Ich könnte mir vorstellen, davon hab ich tausende . . . sagen wir: ein paar Dutzend.

Das folgende Gedicht von Rilke, das ein Mann, der, so mein Eindruck, durchaus einen tiefergehenden Zugang zur Literatur pflegt, in das Forum stellte, wurde auch mit ziemlich viel Nicht-Likes abgestraft, aber immerhin noch vier Likes:

Ich geh dir nach, wie aus der dumpfen Zelle
ein Halbgeheilter schreitet: in der Helle
mit hellen Händen winkt ihm der Jasmin.
Ein Atemholen hebt ihn von der Schwelle, –
er tastet vorwärts: Welle schlägt um Welle
der großbewegte Frühling über ihn.

Ich geh dir nach in tiefem Dirvertrauen.
Ich weiß deine Gestalt durch diese Auen
vor meinen ausgestreckten Händen gehn.
Ich geh dir nach, wie aus des Fiebers Grauen
erschreckte Kinder gehn zu lichten Frauen,
die sie besänftigen und Furcht verstehn.

Ich geh dir nach. Wohin dein Herz mich führe
frag ich nicht nach. Ich folge dir und spüre
wie alle Blumen deines Kleides Saum..
Ich geh dir nach auch durch die letzte Türe,
ich folge dir auch aus dem letzten Traum …

.

Eben auch kein Instant-Format. Und dann diese Rilke-Bilder, da braucht man ja, um eines zu verstehen, so viel Zeit wie für ein Barnes-Zitat. – Aber es gibt doch noch den ein oder anderen, die ein oder andere Frau, die Rilke liest. Und Rilke ist immer wunderschön. Immer er ist er wunderschön. Oder, wie eine Kommentatorin schrieb: hinreißend schön.

Ehrlich, ich finde Rilke manchmal ziemlich kaputt.

Was folgenden Kommentar zur Folge hatte:

Das sind Verse, wie sie kaum einer so schreiben konnte wie Rilke. Doch gibt es eine Verehrung, die sich ins Ungesunde wenden kann; Goethes Werther hat das erleben müssen und andere Männer auch, die ihre männlich notwendige Seite einem Sehnsuchts-, einem Suchtgefühl, das einen so wunderbar umgarnen mag, opferten.
Diese Gefahr besteht immer; seit Goethes „Faust“ wissen wir: Das Ewig-Weibliche zieht – aber es zieht nicht naturnotwendig hinan. Schon manchen hat es in den Abgrund gezogen: Odysseus hätte es um ein Haar bei der Circe erlebt und der Schiffer in seinem Kahn auf dem Rhein weiß angesichts der Loreley auch ein Lied davon zu singen (Heine hat es dann für ihn tun müssen, nachdem der Schiffer zu viel Wasser schluckte).
Hier ist das lyrische Ich gleich einem erschreckten Kind, das seine ganzen Gefühle in das Herz der Angebeteten verlagert.
Es ist gut, wenn Männer sich von IHREM Herzen führen lassen. Manchmal ist es auch gut zu fragen. – Rilke hat das Gedicht ja seiner Lou geschrieben. Es ist wirklich schön, es fühlt sich so schön an. Rilke konnte das, in solchen Gefühlen sich baden. Ob für Männer das immer gesund ist, ist die andere Frage; für Rilke mag ich das bezweifeln.

Rilkes Gedicht stammt ja aus der Gedichtsammlung Dir zur Feier, wo sich ein Gedicht nach dem anderen förmlich für Lou Andreas-Salomé überschlägt, eine der begehrtesten Frauen ihrer Zeit – auch Nietzsche mag ein Lied davon singen -, die für Rilke wohl noch viel mehr Mutterersatz war als er für sie ein intellektuelles Spielzeug oder ein unterhaltsamer Reisebegleiter (nach Russland).

Ich finde,  und mir tut das fast weh: Da hat jemand sich als Mann aufgegeben – bzw.: er hat gar keinen Anspruch, meldet gar keinen Anspruch an, ein Mann zu sein. Vielleicht wirst Du sagen: Warum auch? Das muss ja nicht sein. Warum soll ein Mann sich nicht wie ein erschrecktes Kind fühlen? Warum soll er seine Furcht nicht eingestehen? Warum soll er nicht gestehen, dass er ihr folgt, noch über die Schwelle des Lebens, also bis in den Tod (mehr geht doch nun wirklich nicht)?

Ja, würde ich sagen, das kann man alles so sehen, das ist auch eine mögliche Persektive, und warum soll das lyrische Ich sich nicht als Halbkranker outen, kaum bodenverhaftet (Ein Atemholen hebt ihn von der Schwelle), sich vorwärts tastend.

Zumal es Verse gibt und Wortbildungen, die kaum jemand auch nur ansatzweise so schreiben kann wie Rilke. Wer schreibt von Dirvertrauen, wer evoziert ein Bild, dass eine Frau vor den ausgestreckten Händen eines blind sie Liebenden geht, der sie nie erreicht? Wer schreibt: Ich geh Dir nach (genauer gesagt schreibt er es fünfmal), um diesen Worten dann im zweiten Vers der dritten Strophe ein frag ich nicht nach folgen zu lassen (dir nach mit Echowirkung), dem ein Wohin dein Herz mich führe vorausgeht, wobei ein Enjambement, ein Zeilensprung, dem Folgenden eine Wertigkeit verleiht, die ungeheuer ist. Wer vermag eines Kleides Saum erspüren zu lassen, der aus allen Blumen besteht, aus allen! Anaphorisch wird dann wieder Ich geh dir nach aufgenommen, es folgt eine Metapher, die für den Tod steht (auch durch die letzte Türe),  und noch der letzte Vers verrätselt seinen letzten Traum, den das lyrische Ich sicherlich träumte mit ihr als Erträumter.

So können einfach nur wenige schreiben und ich kann nachvollziehen, dass man da einfach schreibt: hinreißend schön.

Aber als Mann finde ich das nicht schön: Ich stelle mir vor, Rilke hätte bei Lou gern mal beide Beine auf den Boden bekommen, er hätte sie wirklich wie ein Mann lieben wollen, wäre nicht nur ein Kind geblieben bzw. hätte sich liebend gern nicht immer nur zum Kind gemacht.

Oder konnte Rilke gar nicht anders? War das ein Problem seines Lebens, dass er mit Wortgirlanden ein Unvermögen umschrieb, seine männliche Seite auszuleben? – Rilke hatte immer Gönnerinnen, die ihm ein Schloss oder eine Nobelbleibe zur Verfügung stellten? Und niemand wirft ihm vor, dass er es kaum ein Jahr bei seiner Frau aushielt und, um ein Buch über Rhodin zu schreiben, nach Paris reiste/flüchtete, sein Kind den Großeltern überlassend.

Ja, das Gedicht klingt wunderschön und ist vielleicht auch wunderschön. Aber etwas in mir lehnt es ab. Werther hat sich von Lotte auf der Nase herumtanzen lassen (und wie toll fanden so viele diesen Werther, der nicht in der Lage war, konsequent zu handeln oder zu einer Frau zu sagen: Entscheide Dich, ich will dich! – Nein, stattdessen arrangierte er sich bis zur Selbstverleugnung mit ihrem Mann und gab das Einpersonenstück: Warten auf (Godot) den inneren Gekreuzigten.

Man kann sich auch in Worte flüchten und sich selbst etwas schönschreiben, was überhaupt nicht schön ist, sondern als unschöne Situation gelöst sein will.

Rilke spricht an keiner Stelle von seinem Herzen. Um das hätte er sich kümmern müssen. Lou Andreas-Salomé hatte Hunderte Bewunderer. Und gewiss war er so privilegiert, mit ihr nach Russland reisen zu dürfen. Aber ob sich da sein Herz verwirklichte: Ich glaube nicht und vermute, Lou hat sein Sich-sein-Herz-Versagen nicht als Verhalten eines Erwachsenen sehen können.

Ästhetisch kostümierte Selbstaufgabe. So kommt Rilkes Gedicht bei mir an. Ich will es nicht lesen. Es ist so viel männliches Unglück darin enthalten. Ich schreibe das auch in Gender-Zeiten. – Gerade deswegen!

.

PS. Muss doch wenigstens ein wenig Abbitte tun bei den zehn Forum-Mitgliedern, die meine Veröffentlichung des doch ziemlich langweilig wirkenden Gedichtes von Annette von Droste-Hülshoff Die beschränkte Frau ( hier nachzulesen ) gut fanden. Das hätte ich nicht erwartet, dass immerhin zehn auf dieses für mich bemerkenswerte Gedicht reagieren! Freu! Ich finde, Annette hat´s verdient!

.

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2 Antworten zu „Wohin dein Herz mich führe / frag ich nicht nach.“ – Frauen wollen keinen Mann ohne Herz – wenn er aber Rilke heißt? Eine Gedichtinterpretation in Gender-Zeiten.

  1. Karin schreibt:

    Rilke war ein in die eigenen Worte verliebter, kein real liebender Mann in meinen Augen und Mensch und Dichter – wie bei so vielen, Goethe zählte auch dazu – klaffen weit auseinander, er war in gewisser Weise nicht lebenstüchtig, immer auf Gönnerinnen, die ihn anhimmelten, angewiesen.
    Dass er nicht wirklich lieben konnte, herzlos war, sah man an seinem Verhalten seiner Tochter gegenüber.
    Aber auch ich liebe viele seiner Gedichte ob ihrer Wortschönheit und finde immer wieder mich überwältigende Zeilen, manche überfordern mich auch, aber missen möchte ich ihn nicht.
    Einen späten Gruß vom Dach in Hanau, Karin

    • Danke für den Gruß vom Dach :-) Ja, so feinfühlig wie er konnten nur ganz ganz wenige Gefühl in Worte fassen, in Bilder. Vielleicht musste er auch so sein, dass er so schreiben konnte (wer weiß). Was mich bewegt, ist auch seine Spiritualität, wie intensiv er Gott suchte und von Engeln schrieb, auf der anderen Seite aber Jesus und Christus in seinen Christusvisionen im Grunde fast beleidigte ( https://bit.ly/2WwYPJO ) und okkult aktiv war. Ich denke bei ihm immer daran, dass deutlich wird, warum wir solche Leben leben: solche Erfahrungen, auch wenn wir sie nicht immer positiv sehen, machen uns reicher und müssen in gewisser Weise wohl sein. Auf Rilkes Leben trifft das gewiss zu.

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