Bleib unten, Nicola! – Ehrlich, ich kann den Mann verstehen! – Conrad Ferdinand Meyers „Nicola Pesce“.

Schiller verfasste aufgrund der Legende um Nicola seine Ballade Der Taucher, Conrad Ferdinand Meyer schrieb das Sonett um Nicola. Und ehrlich, so genial ich Schillers Ballade aufgrund dessen, wie gekonnt sie menschlich-seelische Realität abbildet, finde: ich finde Meyers Gedicht fast noch besser, um genau zu sein: Ich liebe es.

Nicola Pesce

Ein halbes Jährchen hab’ ich nun geschwommen
Und noch behagt mir dieses kühle Gleiten,
Der Arme lässig Auseinanderbreiten –
Die Fastenspeise mag der Seele frommen!

Halb schlummernd lieg’ ich stundenlang, umglommen
Von Wetterleuchten, bis auf allen Seiten
Sich Wogen thürmen. Männlich gilt’s zu streiten.
Ich freue mich. Stets bin ich durchgekommen.

Was machte mich zum Fisch? Ein Mißverständniß
Mit meinem Weib. Vermehrte Menschenkenntniß
Mein Wanderdrang und meine Farbenlust.

Die Furcht verlernt’ ich über Todestiefen,
Fast bis zum Frieren kühlt’ ich mir die Brust –
Ich bleib’ ein Fisch und meine Haare triefen!

.

Klar, das kann passieren, ein Streit mit der Frau und irgendwann reicht´s und du bleibst unten und stellst dir vielleicht vor, wie sie oben jammert und wehklagt. Irgendwie tut das gut, die Vorstellung, dass dich jemand vermisst. Zumal hier unten es gar nicht so fürchterlich ist, wie Schiller schreibt. Nach einem halben Jahr lässt sich feststellen, es tut nach wie vor gut, die Arme einfach lässig hängen zu lassen. Ein bisschen kalt ist es, okay, aber das Gleiten ist nach wie vor cool, niemand kräht und regt sich auf, wenn man stundenlang auf dem Rücken liegt und durch die Wellen das Wetterleuchten da oben draußen sich illuminieren lässt, da, wo man nicht mehr hin will. Oder du drehst dich einfach auf den Bauch und hast die Korallen vor dir. Diese Farben! Unbeschreiblich. Besser als Fernsehen. Klar muss man manchmal, wenn´s stürmt, fighten, wie halt im Leben oben auch. Auch als Fisch muss man bisweilen seinen Mann stehen. Aber bis jetzt bin ich immer durchgekommen.

Um meiner Frau nicht zu Unrecht zu tun, es war nicht nur sie, weswegen ich hier unten geblieben bin (ohnehin war´s ja eh wieder mal ein Missverständnis). Die Menschen waren einfach nicht mehr das, was sie mal waren. Wenn du zunehmend merkst, wie sie drauf sind, bleibst du einfach unten. Okay, anfangs hatte ich noch Herzrasen, wenn nach unten alles endlos war. Aber das gibt sich, zumal die Haie und Rochen, mit denen Schiller droht, sich hier noch nie gezeigt haben. Und – ganz nebenbei – schwimm ich auch nicht zum Friseur; ich mag es, wenn die Haare triefen.

Ehrlich, ich – und der Ich bin jetzt ich – könnt mich kringeln ob dieses Meyerschen Gedichts. Nichts a la Stapfen (das mag ich ja schon auch ganz arg) oder Füße im Feuer oder Der römische Brunnen. Ganz anders als gewohnt, Meyers Conrad. Immerhin hat er sein Gedicht ja als Sonett geschrieben und damit noch den Dichter rausgehängt. Das genügt dann auch!

PS.

Der Vollständigkeit halber hier noch die Legende und der Einfachheit halber wikipediakopiert:

Colapesce oder auch Cola Pesce, eigentlich Nikolaus, kurz Cola genannt, war Sohn eines Fischers aus Messina. Es wird erzählt, dass er oft zum Meeresgrund tauchte und anschließend von den Wundern und den Schönheiten berichtete, die er dort sah. Er soll sogar einmal einen Schatz mitgebracht haben. Diese Erzählungen erreichten auch den Kaiser von Sizilien, Friedrich II., der darauf die Fähigkeiten des Fischersohnes testen wollte. Der Kaiser ging daher mit einigen Beratern in einem Boot aufs Meer und warf eine Tasse ins Wasser, die sofort von Colapesce wieder heraufgeholt wurde. Der König war noch nicht zufrieden und warf seine Krone in tieferes Wasser und Colapesce holte sie wieder zurück nach oben. Beim dritten Mal soll Friedrich einen Ring in noch tieferes Wasser geworfen haben, doch Colaspesce erschien nicht mehr zurück an der Oberfläche.

Glaubt man der Legende, so sah Colapesce bei seinem letzten Tauchgang für Friedrich, dass Sizilien auf drei Säulen gebaut ist, von denen eine verrostet war, und er beschloss, unter Wasser zu bleiben und für den Kaiser die Säule zu unterstützen, damit die Insel nicht unterginge und er stütze sie noch heute. Wenn die Insel bebt, so heißt es, sei er erschöpft und wechsle die Schulter.

 

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