Hammerschlag contra Flügelschlag: Wie Matthias Claudius den Tod überwindet!

Der Wandsbecker Bote (1740-1815), wie man ihn gern nach jenem Journal, für das er sich so engagierte, auch nannte, hätte allen Grund gehabt, das Kruzifix als Kennzeichen menschlichen Lebens vor sich herzutragen: Elf Jahre ist er alt, da stirbt im zarten Alter von zwei Jahren seine Schwester Lucia Magdalena, wenige Tage später stirbt sein Bruder Lorenz, gerade mal 5 Jahre alt; zwei Monate später stirbt sein Halbbruder Friedrich Karl aus der ersten Ehe des Vaters. Des Dichters erstes Kind stirbt kurz nach der Geburt.

Viele kennen in Matthias Claudius den Verfasser des einer Umfrage zufolge bekanntesten deutschen Gedichtes, seines Abendlieds, das im Grunde einen Zugang zu richtigem Glauben vermittelt (hier mein Video dazu); doch wusste er sehr wohl auch um die Schattenseiten des Lebens; ganz besonders vermittelt sich das in einem Gedicht von ihm, das 1798 erschien:

Der Tod

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt.

Nicht von ungefähr spricht man davon, dass jemandem die letzte Stunde schlägt. Kurz und knapp und nur noch dreihebig – der erste Vers wies noch sechs, die beiden folgenden fünf Hebungen auf – lässt der Dichter den Tod tönen und sein Schlagen beendet das Gedicht nicht von ungefähr mit einem unangenehm unreinen Reim (bewegt – schlägt).

Wehe, wenn der Tod seinen Hammer hebt! Es ist, als ob das Ach des Beginns – es ist ja unmittelbar betont, das Gedicht ist im Trochäus geschrieben – sich über die Zeilen bis zum Ende erstreckt, die sich von diesem Auftakt nie wirklich erholen. Man sieht ihn nicht, den Tod, sieht nur die Dunkelheit; umso mehr hört man ihn – wie sehr wirkt die Alliteration in Tönt so traurig.

Da ist ganz und gar nichts von jener Heiterkeit, mit der sich der Tod in Markus Zusaks Die Bücherdiebin präsentiert – einem Buch, das so bemerkenswert gut auch verfilmt wurde.

In vielen Gedichten des treu sorgenden Familienvaters, Publizisten und Dichters finden sich Bezüge zum Tod und sein Gedicht, das markerschütternd beginnt – ’s ist Krieg! ’s ist Krieg! / O Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein! – und Der Mensch  mit jenen Zeilen – erbauet und zerstöret und quält sich immerdar (beide hier)verweisen darauf, dass dieser Mann um den Ernst des Lebens wusste, zumal er auch in einer Zeit lebte, in der der preußische Friedrich nicht gerade ziemperlich mit kriegerischen Fehden umging.

Aber Matthias Claudius kennt auch eine ganz andere Kammer: In seinem Abendlied spricht er von der Welt als einer stillen Kammer, / wo ihr des Tages Jammer / verschlafen und vergessen sollt.

Es dürfte eigentlich nie geschehen, dass man obiges Gedicht ohne das folgende zitiert, obwohl das immer wieder sehr oft in Anthologien geschieht. Ihr Verfasser hat beide sehr bewusst nebeneinander gestellt und sie geben Auskunft über sein religiöses Verständnis. Das folgende Gedicht ist die Antwort der Religiosität eines Matthias Claudius auf den Tod und es wäre gut, wenn sich manche Christen endlich hinter die Ohren schreiben würden, dass eben nicht der Karfreitag der wichtigste Feiertag im Kirchenjahr ist, sondern der Auferstehungstag. Christus, der Logos, die Liebe begab sich aus Liebe in den Körper eines Menschen namens Jesus, um als Gott eine Erfahrung  zu machen, die die menschliche Erfahrung des Todes fortan transzendiert und völlig verändert hat. Deshalb folgt eben, wie Goethe auf sein Gedicht Meeresstille, das von einer wahren Todesstille erzählt, immer seine Glückliche Fahrt hat folgen lassen, bei Matthias Claudius, den Goethe leider verachtete, wohl, weil er meiner Ansicht nach dessen Religiosität nicht wirklich begriff, ein Gedicht namens Die Liebe:

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel,
Und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
Und schlägt sie ewiglich.

Niemand vermag die Liebe aufzuhalten. Auch in letzterem Gedicht finden sich drei Hebungen in dem hier jambisch gestalteten Schlussvers, doch diesmal schlagen die Flügel der Liebe. Der ein oder andere mag von fern die Worte des Paulus aus dem Korintherbrief über die Liebe mitklingen hören.

Matthias Claudius trägt noch heute dazu bei, dass mehr und mehr Menschen erkennen können, dass der Karfreitag dazu da ist, überwunden zu werden. Der Sinn des Todes besteht in seiner Überwindung. Deshalb hat Goethe seinem Stirb ein Werde, seiner Todesstille eine Glückliche Fahrt (wenn es interessiert: beide Gedichte im Video ab 8.55′) und unser Dichter dem Tod die Liebe folgen lassen. Deshalb kann jedes Grab sich öffnen.

Wenn das nicht geschieht, liegt es nicht am Tod, nicht an der Liebe, nicht am Grab, sondern  an uns.

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