„Stehst du fast als wie ein Weltenmeister / In der Hand den Feldherrnstab der Geister.“ Christian Wagners prophetische Worte.

Es gibt Buchstabenfolgen, die wirken nachdrücklich in einen hinein, ohne dass man so genau sagen könnte, warum. So ist es hier; seit ich es gelesen habe, liebe ich Christian Wagners Oswalds Gedächtnis. Nun habe ich mich ihm ein wenig zugewandt und mir ist bewusster geworden, warum die Strophen mir so nahegehen: Sie haben einfach sehr viel mit meiner Geschichte und der möglicherweise nahen Zukunft der Menschheit zu tun.

Geschrieben hat Christian Wagner (1835-1918) sein Gedicht soviel ich weiß noch vor dem Ersten Weltkrieg und man möchte fast meinen, dass dessen Ausbruch Wagners Strophen ad absurdum zu führen scheinen, doch kommt es mir so vor, als seien seine Schlusszeilen noch heute Zukunftsmusik oder wir lebten just in der Zeit, in der jeder sich des Feldherrnstab(s) der Geister, von dem in der letzten Strophe die Rede ist, zu bedienen lernen muss, nicht, um jene zu befehligen, sondern um mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Wie die Zeilen, so berührt mich auch ihr Verfasser und sein Leben: Bauer war er von Beruf und eine Zeitlang musste er sich noch als Holzfäller verdingen, weil er Schulden hatte. Gegen Ende seines Lebens hin wurde seine finanzielle Situation deutlich besser, u.a., weil sich Hermann Hesse um ihn bemühte. Seine erste Frau starb früh; mit seiner zweiten Frau  hatte er vier Kinder.

Echt doof, dass ich wohl einige Male nahe an seinem Geburts- und lebenslangen Wohnhaus in Warmbronn, ca. 20 Kilometer vor den Toren Stuttgarts gelegen, vorbeigegangen und -gefahren bin, ohne zu wissen, dass ich es mal gar zu gern gesehen hätte.

Eine nach Wikipedia formulierte Information vorab (Vorsicht, brutal, man kann sie auch weglassen und gleich das Gedicht lesen, sie spielt ohnehin nur ganz kurz eine Rolle) erleichtert das Verständnis der siebten Strophe. Es geht um Philomele, eine Figur der griechischen Mythologie. Sie war eine Tochter des attischen Königs Pandion und seiner Gemahlin Zeuxippe; ihre Geschwister waren Prokne, Erechtheus und Butes.

Philomeles Vater Pandion hatte zum Dank für dessen Hilfe im Krieg gegen die Thebaner dem Thrakerkönig Tereus seine Tochter Prokne zur Frau gegeben. Doch Tereus begehrte auch deren Schwester Philomela. Er verschleppte sie in einen tief im Wald gelegenen Stall und vergewaltigte sie. Damit sie ihn nicht verraten konnte, schnitt er ihr die Zunge heraus und hielt sie hernach an jenem Ort gefangen.

Philomela aber war eine Weberin, und so fertigte sie ein Gewand für ihre Schwester Prokne, in das sie die Bilder ihrer Leidensgeschichte einwob. Prokne, als sie es erhielt, verstand die Botschaft und befreite Philomela aus ihrem Waldgefängnis.

Es war gerade die Zeit der wüsten nächtlichen Feiern des Weingottes Dionysos; Prokne raste mit den Bacchantinnen durch den Wald und riss anlässlich dieser Gelegenheit ihre Schwester mit. Die beiden Frauen zerstückelten in der Folge aus Rache Tereus‘ und Proknes gemeinsamen Sohn Itys, kochten dessen Glieder und setzten sie dem Vater zum Mahle vor; der König erkannte erst, was er gegessen hatte, als ihm Philomela das Haupt seines Sohnes zuwarf. Mit gezücktem Schwert verfolgte er die Schwestern. Um dem Töten Einhalt zu gebieten, verwandelte Zeus sie zu Vögeln: Philomela in eine Schwalbe, Prokne in eine Nachtigall und Tereus in einen Wiedehopf.

In späteren Überlieferungen wurde die Zuordnung der Vögel verändert: Tereus soll zum Habicht geworden sein, und Philomela zur Nachtigall.

Christian Wagner spielt vermutlich auf Philomele als Nachtigall an, wenn er in der siebten Strophe des Gedichtes das Klingen aus sich selbst heraus mit dem Schlag der selgen Philomene vergleicht.

Hier nun das Gedicht:

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Oswalds Gedächtnis

Wohl genug ist´s, dass die Menschheit grausend
Marterwege wandelte Jahrtausend,
Zeit nun ist´s, dass sie, befreit von Sorgen,
jetzund feire Auferstehungsmorgen.

Zeit ist´s, dass das Nachtgestirn verglühe,
Lerchen schmettern in der Morgenfrühe,
Und der junge Tag mit freudgen Schlägen
Eilt der Sonne und dem Glanz entgegen.

So auch du, mein Sohn: Nicht gilt´s zu liegen,
Mach dich auf, den Weltkreis zu besiegen,
Von des Geistes freudgem Flügelschlagen
Mehr und mehr zum Licht emporgetragen.

Dass im Fluge du nicht mögst ermatten,
magst du kreisen ob der Schönheit Matten;
Niederschwebend von dem Flug nach Osten
Jede Freude, die dir rein ist, kosten.

Dein ist alles, all und jede Wonne,
Wann sie aufgeht, dir als eigne Sonne;
Jeder Tag, vom Licht emporgetragen,
Wann er aufgeht, dir als eignes Tagen.

Dein ist alles, all der Blumen Glühen,
Wann hervor sie aus dir selber blühen;
All die Rosenknospen auf der Erden,
Wann sie Rosen in dir selber werden.

Dein ist alles, all der Lieder Singen,
Wann heraus sie aus dir selber klingen;
jeder Schlag der selgen Philomele,
Wann er hallt aus deiner eignen Seele.

Dein ist alles, was in Tal und Hügeln
Lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln;
Dein die Himmel selbst und selbst die Sterne,
Wann du Glanz hast für den Glanz der Ferne.

Bist du adlergleich herausgekommen,
Alles Schöne in dich aufgenommen,
Göttertrank gekostet so im Fluge
Auf dem Sieges- und Erobrungszuge.

Liegt das Vorurteil, das Wahnbefangen
Zu den Füßen dir als kriegsgefangen,
Stehst du fast als wie ein Weltenmeister
In der Hand den Feldherrnstab der Geister.

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Wenn wir erkennen, dass es ein Wahn ist und keine Wirklichkeit, dass wir gar nicht getrennt sein müssen von den Geistern, dass es einfach nur ein Urteil über uns selbst, ein Vor-Urteil ist, dann halten wir wieder den Feldherrnstab in der Hand, um unser eigenes Schicksal zu gestalten.

Die indische Philosophie nennt diesen Zustand des Wahns, des Scheins, des scheinbaren Getrenntseins von der geistigen Welt Maya.

Von einer gewissen Perspektive aus mag es stimmen, dass das Getrenntsein nur Maya sei, allerdings stimmt es nicht für unser ganz persönliches Bewusstsein, fühlen wir uns doch oft getrennt (und war die Menschheit auch durch einen einseitig aufgeklärten Intellektualismus und den zunehmenden Materialismus real getrennt), auch wenn es Momente gibt, wo wir spüren, dass wir jener jenseitigen Welt sehr nahe sind.

Diese Trennung – und es ist eine ganze Zeitlang eben eine reale Trennung, Maya hin oder her – ist auch wichtig für unsere Entwicklung als Menschen, denn wären wir nie getrennt gewesen, so wären wir immer nur Marionetten der Götter – im Christentum sind es die Engelhierarchien – gewesen, die selbst nicht die Freiheit Gott gegenüber besitzen, die der Mensch sich seit Luzifer zu erringen auf dem Weg ist. Wir mussten wie Prometheus den Göttern das Feuer rauben, selbständig agieren, ziemlich verblendet unseren Intellekt für das allein Seligmachende halten, tief in die Materie hinabtauchen und den Himmel aus den Augen verlieren, ein Zustand, in dem heute noch viele Menschen sich befinden, wobei wir eben zur Zeit (wieder einmal) ganz besonders intensiv erkennen müssen, wohin das auf der Erde führt. Aber mehr und mehr Menschen sind auf dem Weg zurück, nehmen wieder bewusst Verbindung auf, manche auf esoterisch verkorkste Weise, manche recht pseudochristlich, manche aber auch sehr ehrlich, wobei dieser ehrliche Weg eben richtig schwierig sein kann; davon erzählen die Märchen, der Parzivalmythos und der Jesus-Weg im Johannes-Evangelium; aber es ist der einzige Weg, zu wirklicher Freiheit zu finden; deshalb auch ließ Jesus nach seiner Auferstehung jenen Geist, auch als Heiliger Geist bezeichnet, zurück, damit der Mensch lernt, eigenverantwortlich mit ihm umzugehen. Es ist ein Weg, den jeder Mensch ganz selbständig gehen muss, denn jeder hat seine Weise, sich mit dem Jenseits, das zugleich sein Innerstes ist, zu verbinden. Zur Zeit fallen noch viele Menschen auf Reiki, geführte Meditationen aus dem Internet, reale Meditationen in irgendwelchen Zirkeln oder auf irgendwelche Channelings herein. Leider kann das alles für eine Seele sehr gefährlich sein.

Auf seine Weise war Christian Wagner ein tief religiöser Mensch, der allerdings von der Kirche nicht viel hielt, schon allein, weil er felsenfest an Reinkarnation glaubte, ein Glaube, den die Katholische Kirche ja bekanntlich vor über 1500 Jahren auf dem Konzil zu Konstantinopel verboten hat – wie man sieht, bis heute noch recht erfolgreich, wenn sich auch ein Lessing, ein Goethe, ein Wilhelm Busch, ein Christian Morgenstern, ein Michael Ende und viele andere (auch ich) nicht von diesem Verbot haben beeinflussen lassen – die Kirche verfluchte damals sogar jene, die an Seelenwanderung glauben (der Kirche ist offensichtlich, einen Fluch auszusprechen, erlaubt; aber beide Kirchen horten auch allein in Deutschland ein Vermögen von um die 400 Milliarden Euro und das, wo weit über 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind; da kommt es auf einen Fluch auch nicht mehr an – in den Himmel kommen die Kirchen eh nicht – wobei ich nicht  jene verunglimpft wissen möchte, die in ihrem Rahmen für Menschen wertvolle Arbeit leisten).

Die erste Strophe aus Oswalds Gedächtnis erinnert mich an die Gespräche mit einer lieben Freundin über das kaum zu ertragende Leid, das es auf der Erde gib; es sind wirklich Marterwege, ein trefflicher Ausdruck. Mit vielen anderen mache ich Gott als Summe aller Energien dafür verantwortlich, insofern ich ihn für den Schöpfer unseres Kosmos halte, wobei am Ende des Prozesses Vorwürfe ganz anderer Art an Gott gerichtet sein könnten.

Obwohl das Leid der Menschen des Öfteren nicht auszuhalten ist (bei manchen Bildern mache ich, weil ich sie nicht ertrage, einfach den Fernseher aus oder wechsle das Programm), fürchte ich, dass die Dimensionen des Leids für die Menschheit und den einzelnen Menschen notwendig sind. Man erinnere sich nur mal an Schillers Taucher: Obwohl er gesehen hatte, was in der Tiefe Grässliches auf ihn wartet, meinte er einer ziemlich unsicheren Liebe zuliebe nochmal in den Höllenraum, wie er die Untiefen in der Ballade selbst nannte, hinabtauchen zu müssen. – Wie schwer doch uns Menschen Lernen fällt und trotz eigener Erkenntnis – der Mensch versuche die Götter nicht – sind wir oft nicht in der Lage, Erfahrung in gelebte Wirklichkeit umzusetzen. Trotz eines kaum überbietbaren Infernos während der Zeit des Nationalsozialismus sympathisieren noch immer viele Menschen mit diesem seelischen Weg. Eigentlich kaum möglich, aber es ist so. Manchen reicht ganz offensichtlich dieser Marterweg der Menschheit nicht.

Und noch etwas, fürchte ich, ist wahr: Je tiefer der einzelne Mensch und die Menschheit hinabsinkt, absinkt, desto klarer und reiner kann, wenn er die Tiefen in Höhen verwandelt, sein Bewusstsein werden. Ich stelle mir vor, dass es sein könnte, dass Menschen nach dieser Marterzeit, obwohl sie wie meine Freundin und ich jetzt entsetzt sind, vor Gott stehen und sagen: Hättest Du uns doch noch tiefer fallen lassen! Wir wären innerlich noch klarer, noch bewusster.

Dann könnte Gott sagen: Millionenfach schriet ihr Menschen mich an, ich solle doch endlich dieses unverantwortliche Leid beenden. Und jetzt beschwert ihr euch.

Ich persönlich glaube, dass mehr und mehr Menschen eines, wie in Strophe 1 angesprochen, Auferstehungsmorgens würdig sind, insofern sie ein entsprechendes Bewusstsein erlangt haben. Tatsache ist aber auch, dass die Bibel unter anderem in Matthäus 24 darauf aufmerksam macht, dass noch eine Zeit kommen wird, die als Kampf aller gegen alle bezeichnet wird (Amen, ich sage euch: Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben. Alles wird nur noch ein großer Trümmerhaufen sein.«), von dem schon der englische Philosoph Hobbes sprach, ihn aber nicht wirklich seelisch-geistig einzuordnen wusste, kommt er doch in seiner Schrift Leviathan zu dem Ergebnis, dass vor diesem Zustand nur eine zentralisierte Macht die Menschheit bewahren könne, die Monarchie.

Was auf dem Hintergrund der biblischen Aussage so schlimm sein muss, dass es in der Bibel heißt, dass, wenn Gott sie nicht verkürze, niemand selig werde: so grausam und brutal müssen die Anfechtungen werden. – Geistig überleben werden das vielleicht nur Menschen, die an dem Leben überhaupt nicht mehr hängen, sondern das Bewusstsein des Stirb und Werde , von dem Goethe in Selige Sehnsucht schrieb, vollständig in sich integriert haben.

In dieser Zeit, wenn dieser Kampf stattfindet, werden sicherlich nicht alle Seelen auf der Erde sein, aber doch sehr viele. Trotz des unvorstellbaren Leides werden manche, vielleicht auch viele, adlergleich – wie Wagner schreibt – aufsteigen.

All dem liegt zugleich auch das Bewusstsein zugrunde, dass der Dichter in dem kurzen Hauptsatz erfasst: Dein ist alles; er nimmt ihn nicht von ungefähr anaphorisch mehrfach auf. Dein, so könnte er sagen, ist das Leid, Dein ist aber eben auch, wie er schreibt, all und jede Wonne, aller Blumen Glühen, all der Lieder Singen, alles, was in Tal und Hügeln / Lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln.

Wagners Zeilen erinnern mich an einige Strophen aus Goethes Vermächtnis altpersischen Glaubens – fast glaube ich, er hatte Goethe unbewusst oder bewusst im Ohr. Christian Wagner spricht von dem Weltenmeister, in der Hand den Feldherrnstab der Geister, Goethe spricht von dem Mensch(en) als Priester, der, nachdem er sich bewährt hat, Göttliches zu schaffen vermag:

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Und nun sei ein heiliges Vermächtnis
Brüderlichem Wollen und Gedächtnis:
Schwerer Dienste tägliche Bewahrung!
Sonst bedarf es keiner Offenbarung.

Regt ein Neugeborner fromme Hände,
Dass man ihn sogleich zur Sonne wende,
Tauche Leib und Geist im Feuerbade!
Fühlen wird es jeden Morgens Gnade.

Dem Lebend’gen übergebt die Toten,
Selbst die Tiere deckt mit Schutt und Boden,
Und, so weit sich eure Kraft erstrecket,
Was euch unrein dünkt, es sei bedecket!

Grabet euer Feld ins zierlich Reine,
Dass die Sonne gern den Fleiß bescheine!
Wenn ihr Bäume pflanzt, so sei’s in Reihen!
Denn sie läßt Geordnetes gedeihen.

Auch dem Wasser darf es in Kanälen
Nie am Laufe, nie an Reine fehlen;
Wie euch Senderud aus Bergrevieren
Rein entspringt, soll er sich rein verlieren.

Sanften Fall des Wassers nicht zu schwächen.
Sorgt, die Gräben fleißig auszustechen!
Rohr und Binse, Molch und Salamander,
Ungeschöpfe, tilgt sie miteinander!

Habt ihr Erd‘ und Wasser so im Reinen,
Wird die Sonne gern durch Lüfte scheinen,
Wo sie, ihrer würdig aufgenommen,
Leben wirkt, dem Leben Heil und Frommen.

Ihr, von Müh‘ zu Mühe so gepeinigt,
Seid getrost! nun ist das All gereinigt,
Und nun darf der Mensch als Priester wagen,
Gottes Gleichnis aus dem Stein zu schlagen.

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