Wo du mir entschwunden, / Hab ich dich gefunden / Inniger in mir. – Rückerts „Waldstille“, zu unrecht vergessen!

Selten habe ich ein Gedicht gelesen, das thematisch so viel anspricht, so vielschichtig ist. Es ist wohl so wie jener Mann, der es geschrieben hat, der 50 Sprachen beherrschte und aus 44 Sprachen Texte übersetzte, der 10 Kinder zeugte, wobei seine auch durch die Vertonung von Gustav Mahler so bekannt gewordenen Kindertotenlieder zeigen, wie sehr er unter dem Tod zweier litt.

Friedrich Rückert (1788 – 1866) hat über 1000 Gedichte verfasst, was ein Leistungs-, aber noch kein Qualitätsnachweis ist. Als kleiner Anhaltspunkt aber sei gesagt, dass er mit einigen seiner Gedichte eigentlich in jeder Gedichtanthologie zu finden ist.

Das folgende findet sich nicht unter jenen, die dort anzutreffen sind; wenn es nach mir ginge, stünde es dort. Es berührt mich schon gleich zu Beginn, wenn es über das eigene Leben und sein Verhältnis zur Welt heißt: Wo du mir geschwunden, / Hab‘ ich dich gefunden / Inniger in mir. – Worte, die mich berühren, weil sie eine Erfahrung betreffen, die auch ich gemacht habe: Wenn die Welt schwindet, die Vorstellung, die sich die Menschen und man selbst von ihr macht – und das geschieht eben manchmal und vor allem durch leidvolle Erfahrungen -, dann findet man etwas, was wert ist, Welt genannt zu werden und als Welt ganz anders sich darstellt als die Vorstellung, die man bisher von ihr hatte. Da zeigt sich eine Welt, in der nicht die Krakeeler dominieren und immer wieder ein lautes Gekreische und  Bildzeitungs-Mentalität herrscht, in der nicht die Circes dieser Welt, ob sie Helene Fischer oder Heidi Klum heißen, den Ton angeben, bzw. die Herren der Verlogenheit und politischen Machotums wie Trump und Erdogan.

In dieser anderen Welt – und vielleicht nur in dieser  – ist es möglich, dem Leben so produktiv-schöpferisch zu begegnen, wie Rückert das in der letzten Strophe tut:

Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

Dieser Welt und dieser Erde muss man fern sein, um ihr wirklich nahe sein zu können. Dieses Fernsein ermöglicht einen anderen Blick, einen Blick der sie einem nur scheinbar entfremdet, in Wirklichkeit aber eine innere Bewegung ermöglicht, deren Ergebnis ein staunendes „Ach so bist du in Wirklichkeit!“ ist.

Dazu ist es notwendig, in des Daseins Schacht zu steigen. Rückert allerdings meint damit nicht Hofmannsthals tiefen Brunnen, nicht den Bauch des Wals, den Jonas erlebt, oder Gethsemane, in dem es so totenstill ist, dass man das Schlafen der Freunde hört, deren Zuspruch man doch eigentlich bedürfte.

Nein, Rückert schaut mit Wohlgefallen „Wie durch Bachkrystallen“ der Welt auf den Grund. Es geht ihm nicht um jenes absolut existentielle Geschehen, das jeder erleben muss, der sein Ego auf die Schädelstätte tragen will, damit ein ganz anderes Bewusstsein auferstehen kann. Rückerts Stille ist jene einer absolut gesteigerten Empfindsamkeit, in der der Wald zum Ort der Sinne wird, jener Sinne, deren wahre Existenz wir nicht mehr erleben, weil sie im Getöse einer kreischenden Wirklichkeit sich abgeschaltet haben, um nicht ganz verloren zu gehen. In der Waldstille wagen sie sich wieder hervor:

Leise hör‘ ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.

Wer das erlebt, hört einen Ton, der nur dort zu finden ist; manche Menschen hören ihn ein Leben lang nicht; Rückerts Gedicht erinnert nicht nur an ihn:

Waldstille.

Tief im Walde saß ich,
Und die Welt vergaß ich,
Die nie mein gedacht;
Mich in mich versenkt‘ ich,
Und mein Sinnen lenkt‘ ich
In des Daseins Schacht.
Welt, ich dein vergessen?
Erst dich recht besessen
hab‘ ich fern von dir.
Wo du mir geschwunden,
Hab‘ ich dich gefunden
Inniger in mir.
Wie durch Bachkrystallen,
Dir mit Wohlgefallen
Schau‘ ich auf den Grund.
Du bist nicht so böse,
Wie du mit Getöse
Selbst es thuest kund.
Draußen im Gewirre
Kann man werden irre,
Welt, an sich und dir;
Fern von deinem Rauschen
Kann ich dich belauschen
In mir selber hier.
Leise hör‘ ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.
Einen leisen Odem
Hör‘ ich, der den Brodem
Haucht hinweg vom Tag.
Du bist ohne Schleier,
O Natur, und freier
Geht mein Herzensschlag.
Durch des Waldes Stille
Tönt die Sommergrille,
Und die Unk im Sumpf;
Lauter oder leiser,
Keine Stimm‘ ist heiser,
Keine Stimm‘ ist dumpf.
Wer den Ton gefunden,
Der im Grund gebunden
Hält den Weltgesang,
Hört im lauten Ganzen
Keine Dissonanzen,
Lauter Uebergang.
O Natur, du große
Mutter die im Schooße
Viele Kinder hält!
Lächelst recht von Herzen,
Wenn sie fröhlich scherzen,
Wie dir’s wohlgefällt.
Wenn die Kinder streiten,
Schlichtest du beizeiten,
Brauchest deine Macht;
Wenn sie sich verlaufen,
Sammelst du den Haufen
Doch zu dir bei Nacht.
Deine Sonne wecket
Alles was bedecket
Goldner Schlummerduft.
Wache Lebenstriebe
Wiegst du ein in Liebe:
Wiege, Brautbett, Gruft!
Deine Arbeitsbienen,
Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.
Wo die beiden ringen
Werden sie bezwingen
Leben und den Tod,
Sich zum Himmel schwingen,
Und zur Erde bringen
Ew’ges Morgenroth.
Geisteswaffenschärfung,
Stoffes Unterwerfung,
Welterobrungskunst;
Hier den Forst zerschmettert,
Was ihn dort beblättert,
Stürmische Liebesbrunst.
Auch der Haß ist Liebe,
Schöpfend mit dem Siebe
Statt der Schal‘ im Born.
Als ich hassen wollte,
Fühlt‘ ich nur, es schmollte
Kind’scher Liebeszorn.
Du verzeihst den Kindern,
Aber weißt zu hindern
Ihre Unart auch.
Der ist wohlerzogen,
Dessen Hochmuthswogen,
Legt von dir ein Hauch.
Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.
Was der Vogel singet,
Was die Quelle springet,
Was die Blume blüht,
Was die Schöpfung rauschet,
Mutter, nur belauschet
Hab‘ ich dein Gemüth.
Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

.

Wer Rückerts Zeilen mit Bedacht liest, findet neben den oben angesprochenen viele weitere bemerkenswerte Gedanken, wie jener, der uns erkennen lässt, dass mancher scheinbaren Hass-Liebe-Problematik kindlicher Zorn zugrunde liegt. Gewiss schreibt unser in Schweinfurt geborener Autor nicht darüber, welche realen Ängste und Nöte kindlichem Zorn zugrunde liegen – das lässt sich im Rahmen dieses Gedichtes nicht leisten und war dem Bewusstsein dieser Zeit vielleicht auch noch nicht so präsent, aber er deutet an, wohin wir manches Mal unseren Blick richten sollten, bevor sich auf der Erde der Hass der Erwachsenen gegen die Liebe austobt.

Auch müssen wir nicht Arbeit gegen Kunst ausspielen. Wie die Bienen den Ertrag ihrer Arbeit in den Korb einbringen, der zum Honig wird, so können auch wir als Menschen den Ertrag unseres Lebens in unser Herz einbringen – man versteht, warum den Griechen die Biene eines ihrer Seelensymbole war und warum Rückert andeutet, dass Arbeit und Kunst kein Gegensatz sein müssen:

Deine Arbeitsbienen,
Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.

So wie eines der wunderbarsten Gedichte des deutschen Kulturraums, das Abendlied von Matthias Claudius mit jener für mich so bemerkenswerten Zeile abschließt, die lautet:

Und unserm kranken Nachbarn auch.

und damit allem, was vorab an Wertvollem gesagt ist, die Richtung weist für wahres Menschsein, das sich in Mitfühlen und Nächstenliebe zeigt, so sollte man nicht jene fast unscheinbar sich gebende Strophe übersehen, die ein wesentlicher Zug unseres Menschseins ist:

Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.

Wir graben uns durch unterirdische Gänge und haben nicht einmal die Sinnesorgane eines Maulwurfs, der weiß, wo er rauskommt. Zumeist zumindest wissen wir es nicht.

Wenn wir es wissen, dann sollten wir jenen Bruder neben uns nicht verschmähen, dem es ganz anders geht.

Ich finde es bemerkenswert, ja, es berührt mich sehr, dass und wie – schlicht und doch so eindringlich – Friedrich Rückert uns diesen Gedanken auf seine Dichterweise ans Herz legt. – Wie viele wertvolle Gedanken dieses scheinbar unscheinbare Gedicht doch enthält!

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