„Komm, o komm zum stillen Grund!“ – Über Abgründe des Todes und Kräfte der Stille in Gedichten, Liedern und Novellen.

Vorab hier ein aktuelles Video zu

Ur-Thema der deutschen Kultur: Die dreifach gefährliche Stille

 

Der folgende Post basiert auf dem Themenabend des Literaturkreises Bad Kissingen vom 18. Dezember 2018:

Stille hat, wie alles in unserem Leben, eine dunkle Seite … Es ist die trügerische Venus-Sphäre, wie sie Wagner in der Tannhäuser-Opfer gestaltet hat oder Eichendorff in seiner Marmorbild-Novelle; mit Vergangenheit hat sie zu tun hat, mit Rückwärtsgewandtheit, mit Wollust, an der Leben erstickt. Die Liebe einer Circe oder Loreley reduziert den Menschen auf Elementares, letztendlich auf Triebbestimmtes; sie mag glorifiziert werden, doch wer ihr wie ein Don Juan verhaftet bleibt, ist ewig auf der Suche. In Volksliedern und Gedichten sind es die Wasserfrauen und -männer, die ihre Opfer unter Wasser ziehen. Auch Günter Kunerts Ballade „Wie ich ein Fisch wurde“ berichtet davon. – Zunächst aber wollen wir uns ihrer wertvollen, heilsamen Seite zuwenden:

Die beiden folgenden Texte sind aus Weißt Du das die Bäume reden. Weisheit der Indianer. Wien 1985

Erziehung zur Stille, zum Schweigen begann schon sehr früh. Wir lehrten unsere Kinder, still zu sitzen und Freude daran zu haben.
Wir lehrten sie, ihre Sinne zu gebrauchen, die verschiedenen Gerüche aufzunehmen, zu schauen, wenn es allem Anschein nichts zu sehen gab, und aufmerksam zu horchen, wenn alles ganz ruhig schien. Ein Kind, das nicht stillsitzen kann, ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben.
Übertriebenes, auffälliges Benehmen lehnten wir ab, und ein Mensch, der pausenlos redete, galt als ungesittet und gedankenlos. Ein Gespräch wurde nie übereilt begonnen und hastig geführt. Niemand stellte vorschnell eine Frage, mochte sie auch noch so wichtig sein, und niemand wurde zu einer Antwort gezwungen. Die wahrhaft höfliche Art und Weise, ein Gespräch zu beginnen, war eine Zeit gemeinsamen stillen Nachdenkens; und auch während des Gespräches achteten wir jede Pause, in der der Partner überlegte und nachdachte. Für die Dakota war das Schweigen bedeutungsvoll. In Unglück und Leid, wenn Krankheit und Tod unser Leben überschatteten, war Schweigen ein Zeichen von Ehrfurcht und Respekt, ebenso, wenn uns Großes und Bewundernswertes in seinen Bann schlug. Für die Dakota war das Schweigen von größerer Kraft als das Wort.

Luther Standing Bear (1868-1939), der Obiges schrieb, hatte  das Erziehungs- und Schulsystem der weißen Amerikaner am eigenen Leib erfahren müssen. Indianerkinder, die ihre eigene Sprache verwendeten, wurden hart betraft. Standing Bear betonte in seinen Schriften – dieser Auszug entstammt seinem Buch Land of the Spotted Eagle – die Freundlichkeit seines Volkes Kindern gegenüber. Er war überzeugt, dass nicht nur die Indianer von den Weißen, sondern auch die Weißen von den Indianern lernen können. Die weißen Amerikaner, die die indianische Kultur ablehnen und ihr verständnislos gegenüberstehen, berauben sich selbst, meinte er. – Die folgende Aussage ist von einem Arzt und Schriftsteller der Dakota mit Namen Ohiyesa:

Wenn du den Indianer fragst: „Was ist Stille?“, wird er dir antworten: „Das Große Geheimnis. Die heilige Stille ist seine Stimme.“ Und wenn Du fragst: „Was sind die Früchte der Stille?“, so wird er sagen: “Selbstbeherrschung, wahrer Mut und Ausdauer, Geduld, Würde und Ehrfurcht.“
„Hüte Deine Zunge in der Jugend“, sagte der alte Häuptling Wabashaw, dann wirst Du vielleicht im Alter deinem Volk einen weisen Gedanken schenken.“
………

Und in Michael Endes Momo lesen wir:

Momo hörte allen zu, den Hunden und Katzen, den Grillen und Kröten, ja sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise.
An manchen Abenden, wenn ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der sternfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große Stille.
Dann kam es ihr so vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte. Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu Herzen ging.

In der Folge habe ich einige weitere prägnante Aussagen zum Thema Stille zusammengestellt; jede für sich stellt für mich eine Weisheit dar und wenn Zeit und Stille möglich ist, lohnt es sich, sie in Ruhe zu lesen:

Die Seele hat sich mit den Kräften nach außen zerspreitet und zerstreut, so sagt der deutsche Mystiker Meister Eckehardt (1260 – 1327), in gleichem Maße sind sie schwächer, inwendig ihr Werk zu treiben. Denn jede zerspreitete Kraft ist unvollkommen. Darum: will sie inwendig eine kräftige Wirksamkeit entfalten, so muß sie alle ihre Kräfte wieder heimrufen und sie aus den zerstreuten Dingen heraussammeln in ein inwendiges Wirken.

Die größte Offenbarung ist die Stille.
Laotse (vermutlich 6. Jh. v. Chr.)

Wenn alles still ist, geschieht am meisten.
Søren Aabye Kierkegaard (1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller

Wer die Stille nicht erträgt, erträgt auch nicht sich selbst.
(Anke Maggauer-Kirsche (*1948), deutsche Lyrikerin, Aphoristikerin und ehemalige Betagtenbetreuerin in der Schweiz)

Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille. (Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Freitod)

Es ist diese tiefe Stille, die Matthias Claudius anspricht: Wie ist die Welt so stille / und in der Dämmrung Hülle / so traulich und so hold (…)

Diese Stille gibt es auch im Sommer, aber da ist sie ungeheuer schwer wahrzunehmen. Wir empfinden sie vor allem im Winter, bevorzugt in der Stillen Nacht, in der Heiligen Nacht. Es ist die natürliche Stille der Hirten, die anbetende der Weisen, die demutsvolle des Stalls, wo kein Pomp lärmt.
Insbesondere Weihnachtslieder, aber auch Volkslieder nehmen auf ihre schlichte Weise diese Stille wahr:

Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin;
Deines Schöpfers weiser Wille
Hieß auf jener Bahn dich ziehn.
Leuchte freundlich jedem Müden
In das stille Kämmerlein!
Und dein Schimmer gieße Frieden
In’s bedrängte Herz hinein! (Version von Karl Enslin, 1851)

Im sogenannten Pommernlied [Pommern war der Name eines früheren Herzogtums und später einer preußischen Provinz im Nordosten Deutschlands und Nordwesten Polens] heißt es:

Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehn,
bringen frohe Kunde Geister ungesehn,
reden von dem Lande meiner Heimat mir,
hellem Meeresstrande, düsterm Waldrevier.

Dieses Wenn zu Beginn ist nicht oder nicht nur zeitlich gemeint, sondern es weist auch auf die Bedingung hin; diese Träume gibt es nur in stiller Stunde. Und genau darin besteht auch die Weisheit eines Paul Gerhardt, der in einer zum Volkslied gewordenen Strophe weiß:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Was die meisten Menschen nicht beachten: Zum einen, wenn es im Außen still wird,  aber auch im Schlaf geht das Ich des Menschen auf Entdeckungsreise. In der Stille der Nacht, in der Stille des Schlafes sind unsere Sinne kosmisch unterwegs; dann beginnen siw genau das, was ihrem Schöpfer wohlgefällt. Einer wie Mörike hat unbewusst  darüber geschrieben, wenn er in seinem Gedicht An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang  mitteilt, welchen Kräften und Reichen er im Schlaf begegnete, und was leider bald der Tag, das Tagesbewusstsein verscheuchen wird:

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ists, daß ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub ich doch zu schwanken;
Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.
Seh ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
Zur Pforte meines Herzens hergeladen,
Die glänzend sich in diesem Busen baden,
Goldfarbgen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

Es ist kein Wunder, dass Paul Gerhardt von den Sinnen spricht, die tun, was unserm Schöpfer wohl gefällt und Mörike in diesem Zusammenhang der Hirtenflöten Gesänge und die Krippe der Wundernacht anspricht.

Es ist auch kein Zufall, dass es im Pommernlied in der dritten Strophe in Bezug auf die Heimat, also das Pommerland heißt:

Aus der Ferne wendet sich zu dir mein Sinn,
aus der Ferne sende trauten Gruß ich hin.
Traget, laue Winde, meinen Gruß und Sang;
: wehet leis und linde treuer Liebe Klang. :

Die Heimat ist fern, unsere irdische wie auch unsere geistige, und genau aus diesem Bewusstsein heraus singt eine Ottilie im 25. Kapitel des Romans Godwi, den Clemens Brentano schrieb, diesem Godwi zu, in Versen, die zu einem der bekanntesten Gedichte der Romantik geworden sind, hier die ersten Strophen:

…….Sprich aus der Ferne
…….Heimliche Welt,
…….Die sich so gerne
…….Zu mir gesellt.

Wenn das Abendroth niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze stillleuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

…….Wehet der Sterne
…….Heiliger Sinn
…….Leis‘ durch die Ferne
…….Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Thränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

…….Glänzender Lieder
…….Klingender Lauf
…….Ringelt sich nieder,
…….Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

…….Wandelt im Dunkeln
…….Freundliches Spiel,
…….Still Lichter funkeln
…….Schimmerndes Ziel.

.

Natürlich dünkt uns diese heimliche Welt weit entfernt. Und natürlich hat Stille in der Romantik die Bedeutung, diese heimliche Welt hören zu können.
Woher kommt dieses Sprechen der heimlichen Welt denn genau?
Antwort gibt ein Dichter, der wie kaum ein zweiter spirituell war, Novalis: Er schreibt in seinem Blütenstaub-Fragment Nr. 18:

Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, ein­sam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.

Es war im Übrigen ein Mann namens Winckelmann, dessen lebenslangem Drang, sich mit der Antike zu beschäftigen wir jene Aussage über die antike Kunst verdanken, die uns bis heute geprägt hat, wenn er von deren stiller Einfalt und edlen Größe spricht.

Seitdem sind stille Einfalt und edle Größe Charakteristika einer hohen Seele.

Wir wissen um die Bedeutung der Stille und wie sehr gerade sie zu Größe und Kraft führen kann im Übrigen schon seit 2700 Jahren, damals wirkte der Prophet Jesaja, bei dem es heißt:
Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. (Jes. 30,15)
Und klarer könnte die Bedeutung der Stille noch sein, wenn Luther den 23. Psalm nicht übersetzt hätte:
(1) Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (2) Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Denn eigentlich muss es laut dem Original heißen:

(1) Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (2) Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum stillen Wasser – zum Wasser am Ruheplatz, wie manche Übersetzungen formulieren.

Warum auch die angeblich gründlich überarbeitete Lutherbibel 2017 diese fehlerhafte Übersetzung weiter in die Welt setzt, ist mir ein Schleier, wie mir genauso schleierhaft ist, dass nicht nur die Lutherbibel, sondern auch andere Übersetzungen das Vater unser falsch übersetzen, wenn sie permanent formulieren: Vater unser, der du bist im Himmel, wo doch der griechische Text klar und deutlich formuliert: Vater unser, der du bist in DEN HIMMELN (tois ouranois)

Man möchte das folgende Gedicht fast als heiliges Gedicht bezeichnen; es ist von Karl May, dem berühmten Schöpfer von Old Shatterhand und Winnetou und Kara Ben Nemsi Effendi. Wie beispielsweise Wilhelm Busch eine tief spirituelle Seite hatte, die man kaum kennt, so hatte sie auch Karl May:

Wie das Meer

Sei still in Gott, still wie das Meer!
Nur seine Fläche streift der Wind,
und tobt als Sturm er noch so sehr,
wiß, daß die Tiefen ruhig sind.

Sei weit in Gott, weit wie das Meer!
Es wogt nicht bloß am heim’schen Strand,
und wird dir’s auch zu glauben schwer,
wiß, drüben gibt’s doch wieder Land.

Sei tief in Gott, tief wie das Meer!
Nach dort, wo dich die Welt vergißt,
sei dein Verlangen, dein Begehr,
wiß, daß die Tiefe Höhe ist.

Ja, sei, mein Herz, stets wie das Meer
in Gott so still, so tief, so weit!
Dann landest du nicht hoffnungsleer
am Küstensaum der Ewigkeit.

.

Neben Brentano, in dessen Roman Godwi das Wortfeld der Stille über 150-mal anzutreffen ist, wären natürlich weitere Romantiker zu nennen wie Eichendorff, in dessen Novelle Das Marmorbild das Wortfeld der Stille über 60-mal auftaucht – bei etwas mehr als 40 Reclam-Seiten Umfang durchaus eine respektable Menge, oder auch Dichter wie Goethe, den man mit der Aussage zitieren mag:

Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.

bzw. Autoren wir Rilke und andere.

Am meisten aber beeindruckt mich, wenn Hölderlin von Stille spricht – Das Wortfeld der Stille (also in Form von Verb, Adjektiv oder Substantiv bzw. Wortzusammensetzungen) ist bei Hölderlin unentwegt anzutreffen, in manchen Gedichten mehrfach:

Man spricht bekanntlich gern von dem armen Hölderlin. Das geht vielleicht auf ein Schreiben der Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg zurück – sie nannte Hölderlin „Holterling“ -, die am Abend des 11. September 1806 schrieb:

Man hat heute früh den armen Holterling abtransportiert, um ihn seinen Eltern
zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen.

Dabei gibt es kaum einen, der innerlich reicher war als dieser arme Holterling, der zur Hälfte seines Lebens geisteskrank wurde. Vielleicht so reich, dass er diesen Reichtum nicht mit normalem menschlichenn Bewusstsein fassen und erfassen konnte – vermutlich würde es ihm heute anders ergehen, da das menschliche Bewusstsein, allen Unkenrufen zum Trotz, sich weiterentwickelt hat.

Sicherlich gibt es für seine Geisteskrankheit nicht nur einen Grund. Natürlich mag eine Rolle gespielt haben, dass er den Verzicht auf seine Diotima – die Frau des Frankfurter Bankiers Gontard, Susette Gontard, deren Kinder er als Hauslehrer unterrichtete; hier ihre Briefe an ihn – nie verkraftet hat und, als er schon verwirrt und in aufgelöstem Zustand am 7. Juni 1802 den Rhein nach seinem Frankreichaufenthalt überquerte, ihren frühen Tod wenige Tage später, am 22. Juni, vorausahnte. Gewiss ist es nicht so, wie ein berühmter Hölderlinforscher – Pierre Bertaux – vermutet hat, dass er seine Geisteskrankheit nur gespielt habe; dazu sind die Aufzeichnungen über die Behandlung in der Tübinger Klinik, in die ihn ein Freund, als er sich nicht mehr zu helfen wusste, einliefern ließ, zu dramatisch.

Stille war bei ihm immer wieder mit Freude verbunden und mit Frieden. Stille beinhaltete für ihn das Wissen, dass es bei allem Leid, das es auf unserer Erde gibt, immer auch dessen Überwindung gibt, eine Mitte zwischen Freud und Leid, einen Raum der Stille, einen göttlichen Raum, den göttlichen Weltinnenraum, um eine Vokabel Rilkes aufzugreifen, den er vielfach übrigens in der Natur fand.

Wie kaum ein anderer Dichter hat Hölderlin Bezug genommen auf seine heimatliche Landschaft; seine Gedichte über den Rhein, den Neckar, Stuttgart, Heidelberg und die Donau geben ein beredtes Zeugnis. Landschaft war für ihn immer auch Seelenlandschaft, auch wenn er sie ganz selten selbst transzendiert. Es gibt für mich keinen Dichter, bei dem Landschaft und Natur spürbar mittels seiner Worte zu solch einem heiligen Raum wird. In seiner Ode Die Heimath (erste Fassung Mitte 1798) schreibt er:

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom,
Von Inseln fernher, wenn er geerndtet hat;
So käm‘ auch ich zur Heimath, hätt‘ ich
Güter so viele, wie Laid, geerndtet.

Ihr theuern Ufer, die mich erzogen einst,
Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,
Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich
Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Die letzte Strophe dieses Gedichtes ist legendär, sie lautet:

Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn,
Die Götter schenken heiliges Laid uns auch,
Drum bleibe diß. Ein Sohn der Erde
Schein‘ ich; zu lieben gemacht, zu leiden.

Hölderlin war zeitlebens ein Wanderer zwischen den Welten und so nimmt es nicht wunder, dass es ein Gedicht mit dem Titel Der Wanderer gibt, aus dem ich eine beeindruckende Passage wiedergebe:

Seliges Tal des Rheins! kein Hügel ist ohne den Weinstock,
Und mit der Traube Laub Mauer und Garten bekränzt,
Und des heiligen Tranks sind voll im Strome die Schiffe,
Städt und Inseln, sie sind trunken von Weinen und Obst.
Aber lächelnd und ernst ruht droben der Alte, der Taunus,
Und mit Eichen bekränzt neiget der Freie das Haupt.
Und jetzt kommt vom Walde der Hirsch, aus Wolken das Tagslicht,
Hoch in heiterer Luft siehet der Falke sich um.
Aber unten im Tal, wo die Blume sich nähret von Quellen,
Streckt das Dörfchen bequem über die Wiese sich aus.
Still ists hier. Fern rauscht die immer geschäftige Mühle,
Aber das Neigen des Tags künden die Glocken mir an.
Lieblich tönt die gehämmerte Sens und die Stimme des Landmanns,
Der heimkehrend dem Stier gerne die Schritte gebeut,
Lieblich der Mutter Gesang, die im Grase sitzt mit dem Söhnlein;
Satt vom Sehen entschliefs; aber die Wolken sind rot,
Und am glänzenden See, wo der Hain das offene Hoftor
Übergrünt und das Licht golden die Fenster umspielt,
Dort empfängt mich das Haus und des Gartens heimliches Dunkel,
Wo mit den Pflanzen mich einst liebend der Vater erzog;
Wo ich frei, wie Geflügelte, spielt auf luftigen Ästen,
Oder ins treue Blau blickte vom Gipfel des Hains.
Treu auch bist du von je, treu auch dem Flüchtlinge blieben,
Freundlich nimmst du, wie einst, Himmel der Heimat, mich auf.

.

Wer Muse hat, diese Zeilen zu lesen – man wird an mancher Stelle verweilen wollen – mag einen tiefen Frieden spüren, der von ihnen ausgeht; ja, sie sind heilsam.

Wer die Natur mit den Augen Hölderlins sieht, begreift sie als göttliches Kunstwerk:

Wenn aber die Himmlischen haben
Gebaut, still ist es
Auf Erden, und wohlgestalt stehn
Die betroffenen Berge

so heißt es in einem Fragment gebliebenen Gedicht. Und in einer ganz ähnlichen Atmosphäre beginnt eine seiner letzten großen Hymnen, Die Friedensfeier:

Der himmlischen, still widerklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seliggewohnte Saal;

In ihrer Mitte lesen wir:

Ihr bringt auch heute das Fest, ihr Lieben! und es blüht
Rings abendlich der Geist in dieser Stille;

und gegen Ende hin, in der 7. von insgesamt neun zumeist fünfzehnzeiligen Strophen heißt es:

Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesetz,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel.
Und einer, der nicht Fluth noch Flamme gescheuet,
Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jezt
Da Herrschaft nirgends ist zu sehn bei Geistern und Menschen
( . . . )

Hölderlin, dieser wunderbare Mensch, hat sogar ein 24 Strophen umfassendes Gedicht mit dem Titel Die Stille verfasst, ich zitiere die erste Strophe

Die du schon mein Knabenherz entzücktest,
Welcher schon die Knabenträne floß,
Die du früh dem Lärm der Toren mich entrücktest,
Besser mich zu bilden, nahmst in Mutterschoß,

und die fünf letzten, deren Verszahl – das sei vorsichtshalber angemerkt – unregelmäßig ist:

Schön, o schön sind sie! die stille Freuden,
Die der Toren wilder Lärm nicht kennt,

Schöner noch die stille gottergebne Leiden,
Wann die fromme Träne von dem Auge rinnt.

Drum, wenn Stürme einst den Mann umgeben,
Nimmer ihn der Jugendsinn belebt,
Schwarze Unglückswolken drohend ihn umschweben,
Ihm die Sorge Furchen in die Stirne gräbt,

O so reiße ihn aus dem Getümmel,
Hülle ihn in deine Schatten ein,
O! in deinen Schatten, Teure! wohnt der Himmel,
Ruhig wirds bei ihnen unter Stürmen sein.
Und wann einst nach tausend trüben Stunden
Sich mein graues Haupt zur Erde neigt
Und das Herz sich mattgekämpft an tausend Wunden
Und des Lebens Last den schwachen Nacken beugt:

O so leite mich mit deinem Stabe –
Harren will ich auf ihn hingebeugt,
Bis in dem willkommnen, ruhevollen Grabe
Aller Sturm, und aller Lärm der Toren schweigt.

.

Wenn Hölderlin von Stille spricht oder das Wortfeld verwendet, so glaubt man zu spüren, dass es sich auf jenen Zustand beseligter Stille bezieht, den wir in Elysium, dem Raum und Zustand der Unsterblichen finden. Unsterblich sind nicht nur die Götter, sondern auch wir. Dem Zweifelnden mag es offenbar werden, wenn wir gestorben sind und sehen, dass es ein Leben nach dem Leben gibt und ein Leben vor dem Leben, einen Zustand, den die indische Weisheit Devachan nennt, einen Zustand weitgehender Seligkeit. Stille weiß um diese seelische Verfassung; auf sie bezieht sich Hölderlin ahnend. Deshalb schreibt er im seinem Roman Hyperion oder der Eremit in Griechenland, entstanden 1797 – 1799:

Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.

—-

Stille hat, wie alles in unserem Leben, auch eine dunkle Seite, und wir verdanken den Balladen und Volksliedern, dass sie entsprechende Stoffe überlieferten, bis in der Epoche der Romantik dieses Thema der dunklen Seite der Stille so gehäuft aufgegriffen wurde, dass man nicht umhin kam und kommt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Dadurch, dass dies geschehen ist, sind beide Seiten klarer geworden, sowohl die dunkle also auch die helle, so dass wir, obwohl er dieser Phase der Literaturgeschichte, der Romantik also, ein wenig vorausging – wobei er in seiner fast weltweiten Sonderstellung ohnehin ihr nicht zugeordnet werden kann – nun Hölderlins Stille in ihrer Helle wahrnehmen können, wie wir auch die dunkle besser konturieren, fassen und erfassen können.

Auf einer äußerlichen Ebene – doch denken wir daran, dass alles Vergängliche (und vor allem das Äußerliche ist vergänglich) nur ein Gleichnis ist, wie es Goethe im Faust formulierte – können wir Gedichtverse dieses Mannes wie die folgenden finden:

Meeresstille

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Was für eine äußere Wirklichkeit gilt, gilt ebenso für eine innere und niemand hat das besser zum Ausdruck gebracht als jener zeitgenössische Autor, den wir an dem Balladen gewidmeten Abend mit seinem Gedicht Wie ich ein Fisch wurde kennengelernt haben – aus gutem Grund:

Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten
Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus
Über das belebte Land. Um sich zu retten
Liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.

Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden,
Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand,
Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden,
Ohne Unterschied, und das war allerhand.

Eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen,
Doch dann sackte einer nach dem andern ab.
Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen
Folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.

Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen,
Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt:
Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen
Die Veränderung, die seine Welt erfährt.

Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln.
Wer am Alten hängt, der wird nicht alt.
So entschloss ich mich, sofort zu handeln,
Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.

Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,
Grüne Schuppen wuchsen auf mir ohne Hast;
Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen,
War dem neuen Element ich angepasst.

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und dass einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

.

Günter Kunert macht sogar deutlich, dass diese Stille, diese Trägheit, in der man so vor sich dahindümpelt, wie wir Menschen das nunmal gern tun, einem Zustand gleicht, der nicht dem Menschsein entspricht, sonst könnte er nicht davon sprechen, dass man wieder zum Menschen wird, wenn man aus diesen Tiefen, die so träge machen und dies über einen durchaus langen Zeitraum – vielleicht über mehrere Leben, vielleicht über Jahrzehnte (es ist nie zu spät aufzuwachen) – wieder auftaucht.

Denken wir an Odysseus, jenen Griechen, der im Altertum den Menschen verkörpert, der in seine Heimat will. Es waren seine Gefährten, die ihn dem Zauber der Circe entrissen. Odysseus wäre der trägen Tiefe einer Circe nicht entkommen, weil sie ihn so becirct hatte, dass er nicht merkte, wie er sein Ziel aus den Augen verlor, ein Bewusstseinszustand, der im Übrigen auch durch die zweite Station bzw. das zweite Abenteuer der Heimreise bereits widergespiegelt wurde, als Gefährten des Odysseus die Heimat vergaßen, weil sie von den Früchten der Lotophagen, dem Lotos, ähnlich süß wie Datteln und zur Gewinnung von Wein bestens geeignet, gekostet hatten, glückselig berauscht ganz und gar ihr Ziel vergaßen und mit Gewalt auf die Schiffe gezerrt werden mussten. Ob wir nun lotophagen- sprich kokain-, hasch- oder alkoholmäßig oder in einer circensischen Situation – hätte ich fast gesagt – becirct sind, der Heimat gehen wir auf jeden Fall verlustig, und es mag so schön ruhig und friedlich und still in uns sein, es ist eine tödliche Stille. – Es ist, klipp und klar ausgedrückt, der Tod im Leben. Keine Luft von keiner Seite! / Todesstille fürchterlich! – Im Inneren jedenfalls, auch wenn so viele Menschen so viel Lärm im Außen machen. Gerade deshalb machen sie es: ständiger Karneval, um die Todesstille nicht zu hören!

In einem Gedicht von Joseph von Eichendorff – überschrieben Nachtzauber – treffen wir diese tödliche Stille an, obwohl sie uns fast harmlos erscheinen will:

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du´s oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen-
Komm, o komm zum stillen Grund!

.

Hinter den in der ersten Strophe angesprochenen Marmorbildern verbirgt sich die göttliche Venus, jene Gestalt, die Menschen von der wahren Liebe abzieht in eine, die einer Abhängigkeit gleichkommt. Es ist jene Liebe, die Tannhäuser in Wagners Oper Tannhäuser im unterirdischen Reich der Venus auslebt, wo die Zeit stillsteht; wenn er davon erzählen wird, wird er seine Zuhörer – und so reagieren wahrscheinlich die allermeisten Männer – förmlich eifersüchtig machen, wie es anlässlich des Sängerfestes auf der Wartburg geschehen wird. Doch Tannhäuser weiß, warum er sich von Venus trennt: Er sehnt sich nach Frühling, nach des Himmels Gestirnen, nach dem Klang der Kirchenglocken, nach wirklichem Leben. Später wird er, dem der Papst, als er zu jenem wallte, seine Venus-Vergangenheit nicht verzieh, auch erkennen, dass dem wollüstigen Reich der Venus eines entgegensteht, das er in Wahrheit anstrebt, das nämlich der heiligen Elisabeth, die sich seit beider Zusammentreffen auf der Wartburg verzehrte in Sehnsucht nach ihm. An ihrem Sarg sterbend erkennt Tannhäuser ihre große Liebe.

Es ist die trügerische Venus-Sphäre, die mit Vergangenheit zu tun hat, mit Rückwärtsgewandtheit, in der Novelle Das Marmorbild mit einem steinernen Standbild, das im Frühling zum Leben erwacht und als heidnische Göttin, als Venus, Menschen in ihren unguten Bann zieht. Diese Liebe reduziert den Menschen auf Elementares, letztendlich auf Triebbestimmtes; sie mag glorifiziert werden, doch wer sich von ihr nicht löst ist wie ein Don Juan, ist ewig auf der Suche nach dem, um was es im Eigentlichen geht und dem er nicht näher kommt trotz allem (äußeren) Lust-Furor, in den er sich immer wieder stürzt.

So fällt auch Heines Rheinschiffer einer Loreley zum Opfer: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin. – Solche Weiblichkeit braucht Männer, die nicht wissen, was es bedeuten soll und die Fragen danach gar nicht stellen.

In zahlreichen Märchen, Geschichten und Gedichten klingt dieses Thema mehr oder weniger deutlich an, beispielhaft sei hier nur verwiesen auf Hans Christian Andersens Die kleine Seejungfrau, auf Wolf Biermann Ballade von Leipzig nach Köln, auf Antonín Dvořáks Rusalka, Johann Wolfgang von Goethes Der Fischer oder auch Die neue Melusine, einer Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre, auf Heinrich Heines Loreley, auf Franz Kafkas Das Schweigen der Sirenen, Rainer Maria Rilkes Insel der Sirenen oder auch Kurt Schwitters Die Nixe – diese Aufzählung wäre leicht um einige weitere Beispiele fortsetzbar – offensichtlich ist, wie sehr dieses Thema Menschen beschäftigt, betrifft! Mehr zu ihm ist in Beate Ottos Buch mit dem Titel Unterwasser-Literatur. Von Wasserfrauen und Wassermännern zu finden.

Zumeist geht es um ein Rückwärts-Fallen ins Elementare eines unbewussten bzw. wenig bewussten Lebens, auch wenn es manchmal märchenhaft verbrämt ist oder mit einem offenen Schluss versehen, der über das weitere Leben nichts aussagt, aber doch eigentlich keinen Zweifel über die Qualität der weiteren Existenz lässt wie z.B. in Goethes

Der Fischer

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht.
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

In dieser Existenzweise geht es um ein Leben bzw. Geschehen unter Wasser, verwiesen sei auf den Taucher, auf Petrus, der auch dort hätte landen können oder auf Kunerts Wie ich ein Fisch wurde.
Nicht immer findet man unter Wasser, in dieser abgedunkelten Welt, einen Ring, wie Schillers Taucher. Oder man findet ihn und diese reduzierte Welt, in der Liebe nicht gelebt werden kann, wie in Schillers Ballade in Gestalt einer Königstochter, die sich ihrem Vater und damit dem Bann des dunklen Königs nicht entziehen kann, weiß einen wieder hinabzuziehen, oft dann eben endgültig.

Nicht von ungefähr sind in der Bibel gleich zu Beginn der Schöpfungsgeschichte die Wasser geteilt in untere Wasser und obere Wasser. Deren tiefe Bedeutung mag nun klarer werden. Beide Ebenen sind seelische Bereiche und nur in den unteren Wassern zu leben bedeutet letztendlich, nicht Mensch zu sein.

Wenn Luther jene umstrittene Bibelstelle übersetzt mit Machet euch die Erde untertan, so ist damit auch gemeint, beider Wasserebenen Herr zu werden, was nicht bedeutet, sie zu unterjochen, sondern sie zu durchschauen und sich nicht von der unteren beherrschen zu lassen, sondern ihrer selbst Herr zu sein (auch die obere Wasserebene kann beherrschen, wie sie es mit jenen Menschen tut, die auf dieser Erde heilig sein wollen, obwohl sie es nicht sind – die Licht-und-Liebe-Fraktion der Esoterik wäre da zu nennen, mancher ach so fromme Christ oder Anthroposoph beiderlei Geschlechts).

Durch die Welt geht ein Riss, die einen leben unter Wasser, die anderen über Wasser, die einen in dunkler Stille, die anderen wollen nur in einer hellen und heilen Stille leben.

Heinrich Heine hat das in seinen Reisebildern so formuliert: „Ach, teurer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber daß die Welt selbst mitten entzwei gerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so muß es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden.“ Und Achim von Arnim sprach 1805 in seinem Aufsatz, der dem Ende des ersten Bandes von Des Knaben Wunderhorn beigefügt wurde, von dem „großen Riß der Welt, aus dem die Hölle uns angähnt.“ Sogar der ältere Goethe, ansonsten kein Freund zeitgenössischer Weltschmerz-Attitüde äußert 1813 in einem Brief an Zelter, daß „man in dieser jetzt zerrissenen Welt“ nicht mehr wisse, wem man eigentlich angehöre.

Diese Dissoziiertheit, diese Zerrissenheit wird oft in zwei Ebenen gespiegelt, dem, was unglücklich und leider oft abwertend als Heidentum bezeichnet wird und ein vorchristliches Stadium der Menschheit meint, und Christentum, wobei ich Christentum nicht mit Kirche verwechselt sehen möchte, denn die steckt meines Erachtens in ihrer Einstellung und ihrem Verhalten zu oft noch im Heidentum fest – C.G. Jung hat dazu profund geschrieben -, sondern ich verstehe Christentum als einen Bewusstseinszustand, der Bewusstsein weg von den alten Göttern und den Mysterien hin zu jedem Einzelnen und seiner Verantwortung verlagert.
Zum stillen Grund hingegen sinkt, wer träge gleitet, wer Verantwortung delegiert, sei es an alte Götter, an das Geld, an Versicherungen, an Wohlstand und Bequemlichkeit.

Christentum impliziert für mich das paulinische Prüfet alles genauso wie das Begreifen des Lebens als Weg über Fußwaschung, Versuchung, Standhaftigkeit gegenüber dem Pharisäischem, Heilung, wo es geht, das Zurückweisen des Petrus als eines Satans, obwohl er gerade noch so heilig sprach, das Erzählen in Gleichnissen und das Verstehen des Lebens als Gleichnis – alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis (Goethe im Faust) – und das Erkennen, dass alles aus Geist entsteht und in Wahrheit besteht.

Im Übrigen sollte man die Stille, die Eichendorff in Mondnacht anspricht, obwohl auf Vorchristliches Bezug nehmend, keinesfalls der Venus-Ebene zuordnen. Von Uranos und Gaia kommen wir alle! Wir bedürfen des Mondes und der Sonne, wir bedürfen des unteren Wassers und des oberen Wassers –  wir bedürfen des „Heidentums” (ich mag dieses Wort nicht, zu oft wird es abwertend verwendet und betrifft doch unsere wertvolle Vergangenheit) und des Christentums, um heil zu werden.

Lassen wir uns durch Gottfried Kellers Nixe nicht verführen:

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet‘ sie
An der harten Decke her und hin –
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!

.

Fallen wir, wie gesagt, nicht auf diese jammervolle Nixe in Winternacht herein. Indem wir ihr mittlerweile unzeitgemäßes Spiel durchschauen, erlösen wir sie, erlösen sie in uns.

Ich möchte abschließen mit einem der schönsten Sätze, den es für mich in der Literatur gibt. Er findet sich am Ende einer Novelle, die ein Mann geschrieben hat, geboren 1805 in Böhmen, dessen Stil unter Germanisten durchaus umstritten war und ist. Unterstellt wurden vor allem seinem Altersstil zu viele Wiederholungen und eine oberflächliche Darstellungsweise. – Wissenschaftler tun sich nun einmal schwer, Leute so sein lassen, wie sie sind.

Zu einer Zeit, als noch an deutschen Schulen Novellen wie Theodor Storms Schimmelreiter oder sein Pole Poppenspäler, die Judenbuche der Droste und Gottfried Kellers Kleider machen Leute gelesen wurden, war Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall der Deutschen liebste Weihnachtsgeschichte.

Für unsere heute so aufgeregten Verhältnisse beginnt sie viel zu langweilig, als dass nicht viele sich gleich weiterklicken bzw. das Buch zuschlagen. Ein Fehler, wie sich herausstellen würde.

Der so langweilige Beginn lautet (Original Bergkristall ist wie gleich im Folgenden farblich abgesetzt):

Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren deckt, das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der Heilige Abend, der darauf folgende Tag der Heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die Weihnacht.
(…)
In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit weicher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume hervorragt und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Dörfchen liegt gerade mitten in einem ziemlich weiten Tale, das fast wie ein länglicher Kreis gestaltet ist. Es enthält außer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf welchem vier Linden stehen, die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte haben.
Diese Häuser sind nicht bloße Landwirtschaftshäuser, sondern sie bergen auch noch diejenigen Handwerke in ihrem Schoße, die dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind, und die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu decken. Im Tale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hütten zu dem Dörfchen, die man von dem Tale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in den Gebirgen stecken, deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern heraus kommen, und die im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können. Der größte Herr, den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht gewöhnlich, dass derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen ein der Einsamkeit gewöhnter Mann wird, dass er nicht ungerne bleibt und einfach fortlebt. Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt, dass der Pfarrer des Dörfchens ein auswärtssüchtiger oder seines Standes unwürdiger Mann gewesen wäre.
Es gehen keine Straßen durch das Tal, sie haben ihre zweigleisigen Wege, auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einspännigen Wäglein nach Hause bringen, es kommen daher wenig Menschen in das Tal, unter diesen manchmal ein einsamer Fußreisender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine Weile in der bemalten Oberstube des Wirtes wohnt und die Berge betrachtet oder gar ein Maler, der den kleinen, spitzen Kirchturm und die schönen Gipfel der Felsen in seine Mappe zeichnet. (…)
Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg (…)

So geht das seitenlang. Will das heute noch jemand lesen?

Wer es dennoch tut, kann gar nicht anders als innerlich zur Ruhe zu kommen. Adalbert Stifter ist kein Erzähler, der das Innere seiner Personen ausleuchtet oder gar seziert wie Thomas Mann. Behutsam bleibt er zuallermeist im Außen und überlässt es dem Leser, sich vorzustellen, wie es den Menschen seiner Erzählung in ihrem Inneren ergeht.
Wenn dies seine Oberflächlichkeit ausmachen sollte, gestehe ich, ist sie mir zutiefst sympathisch, denn, was mir nach einer solchen Lektüre vor allem bleibt, sind ihre Bilder in meinem Inneren. Und Bergkristall ruft viele hervor und hinterlässt ganz und gar eindrückliche.

Stifter nimmt seinen Leser an die Hand; irgendwann stehen wir dann auch mitten in Gschaid und wenden unseren Blick gegen Mittag, also gegen Süden zu einem Schneeberg mit Namen Gars hin, der mit seinen glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in der Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und Winter, mit seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in das Tal herab. Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Berg der Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu erzählen wüsste, was er entweder selbst erfahren oder von andern erzählen gehört hat.

Über einen Hals, also einen mäßig hohen Bergrücken, mit seiner Unglückssäule, errichtet zum Gedenken an einen dort verstorbenen Bäcker, gelangt man seitlich des Schneeberges entlang in ein anderes Tal mit einem stattlichen Marktflecken namens Millsdorf, dessen Bewohner viel wohlhabender sind als die von Gschaid. Es vergehen allerdings oft Monate, manchmal ein Jahr, bevor ein Bewohner von Gschaid nach Millsdorf kommt. Umgekehrt ist das so gut wie nie der Fall.

Wer im Übrigen jetzt noch liest, liebt es, ja genießt es vielleicht sogar, sich zu den Beschreibungen des Autors eigene Bilder zu machen oder er genießt, vielleicht, ohne es selbst zu bemerken, dass sich die Seele angesichts solch ungewohnter langen Weile wohlig auf dem inneren Sofa ausstreckt und einfach weiterliest.
Die ersten zehn der 60 (Reclam-)Seiten sind schlicht Landschaftsbeschreibungen obiger Art und erst nach 12 Seiten wird die erste Person erwähnt, der Schuster von Gschaid, dessen Haus auf dem Platz steht, wo sich die besseren Häuser befinden.
Jener Platzschuster war in seiner Jugend ein Gemsewildschütze gewesen und hatte überhaupt, wie die Gschaider sagen, nicht gutgetan. Er war auf allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehre zu allen Schießen der Nachbarschaft und brachte manchmal einen Preis nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefasst waren und zu deren Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis enthielt, besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den Namen eines guten Schützen erworben.
Doch dieses Wesen sollte sich ändern, nachdem er ein Auge auf die schöne Tochter des Färbermeisters von Millsdorf geworfen hatte. Zunehmend wurde er arbeitsam, und nach dem Tod seiner Eltern, durch welchen ihm deren Haus zugefallen war, legte er es darauf an, ein exzellenter Schuster zu werden. Tatsächlich erarbeitete er sich einen Ruf, so dass Leute sogar von weiters herkamen, um sich Schuhe von ihm anfertigen zu lassen, dergestalt dem ziemlich eigenwilligen und vierschrötigen Millsdorfer Färber schließlich nichts anderes übrig blieb, als in die Heirat seiner Tochter mit dem Schuster aus Gschaid einzuwilligen.
Der Ehe entsprossen zwei Kinder, Konrad und Susanne, die nur Sanna gerufen wurde, und weil schon ihre Mutter nie so recht sich als Millsdorfer Färberstochter in das Dorf Gschaid hatte hineinleben können, gelang dies den Kindern auch nicht so recht, zumal sie immer wieder zur Großmutter und zum Großvater nach Millsdorf wanderten und sich dort aufhielten. Oft wanderten sie den mehrstündigen Weg an einem Tag hin und zurück.
So geschah es auch an einem Weihnachtstag. Die Mutter befand das Wetter für annehmbar und sie entließ die Kinder mit dem Auftrag, Mutter und Vater zu grüßen und sagt, sie sollen recht schöne Feiertage haben (…)
Die Großmutter hatte sie kommen sehen, war ihnen entgegengegangen, fasste Sanna bei den erfrorenen Händchen und führte sie in die Stube.
Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, ließ in dem Ofen nachlegen und fragte sie, wie es ihnen im Herübergehen gegangen sei.
Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: »Das ist schon recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, dass ihr wieder gekommen seid; aber heute müsst ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch kälter, am Morgen war es in Millsdorf nicht gefroren.«
»In Gschaid auch nicht«, sagte der Knabe.
»Siehst du, darum müsst ihr euch sputen, dass euch gegen Abend nicht zu kalt wird«, antwortete die Großmutter.“
Was die Gute nicht wusste: In der kommenden Nacht sollte es den beiden sehr kalt werden und das, obwohl sie die Großmutter rechtzeitig auf den Rückweg schickte.
Zunächst setzte sanfter Schneefall ein und die Kinder genossen es, den Boden immer bedeckter mit dem Weiß des Schnees zu finden. Doch der Schneefall verstärkte sich.
Sie gingen sehr schleunig, und der Weg führte noch stets aufwärts.
Nach langer Zeit war noch immer die Höhe nicht erreicht, auf welcher die Unglücksäule stehen sollte, und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite sich hinunterwenden musste.
Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bäume standen.
»Ich sehe keine Bäume mehr«, sagte Sanna.
»Vielleicht ist nur der Weg so breit, dass wir sie wegen des Schneiens nicht sehen können«, antwortete der Knabe.
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Ich sehe selber keine Bäume mehr, wir müssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehen bleiben und herumgehen, vielleicht erblicken wir etwas.«
Keine Frage, die beiden waren im dichten Schneefall vom Weg abgekommen.
Wie im Folgenden der Knabe seine Schwester dick einpackt, ihr einen Teil seiner Kleider gibt. Wie die beiden, ohne es zu wollen, immer tiefer ins Hochgebirge hineinlaufen und vor allem das Mädchen so klaglos dem Bruder folgt, immer tapfer die kleinen Füßchen hebend, ihrem Bruder, der nie verzagt. Wie beiden eigentlich klar wird, dass sie hoffnungslos über Geröllfelder und durch Eisbrocken laufen, die mit Schnee überzogen sind: Adalbert Stifter liefert hier ein Meisterwerk einer zunehmend existentiellen Steigerung ab, die den Leser zutiefst mitzunehmen vermag, sind es doch Kinder, die hoffnungslos herumirren. Und das an Heiligabend.
Wenigstens hatte der dichte Schneefall aufgehört.
Die Kinder versuchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen, wo sie hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis, als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht herauskommen, als wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts und kamen wieder in Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zerstreutere Trümmer, aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gerne am Rande des Eises zu sein pflegen, und die Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An dem Eisessaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, wie sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele zeigten die unteren schiefen Wände sehr glatt und feingeschliffen, als wären sie darauf geschoben worden, viele waren wie Hütten und Dächer gegeneinandergestellt, viele lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen.
Eine gütige Hand mag sie zu einem Häuschen geführt haben, einer Hütte aus Stein, nach vorne offen, aber an den Seiten geschützt, die sie auf einmal vor sich sehen. Dort finden sie Unterschlupf, essen, was die Großmutter ihnen so fürsorglich mitgegeben hatte und sprechen sich Mut zu. Doch sind sie keineswegs außer Lebensgefahr:
»Sanna, du musst nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im Gebirge schläft, muss man erfrieren, so wie der alte Eschenjäger auch geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne dass jemand gewusst hatte, wo er sei.«
»Nein, ich werde nicht schlafen«, sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um es zu jenen Worten zu erwecken.
Nun war es wieder stille.
Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen ihn herübergesunken.
»Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht«, sagte er.
»Nein«, lallte sie schlaftrunken, »ich schlafe nicht.«
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker bewegte, merkte er, dass ihn friere und dass sein Arm schwerer sei. Er erschrak und sprang auf. Er ergriff die Schwester, schüttelte sie stärker und sagte: »Sanna, stehe ein wenig auf, wir wollen eine Zeit stehen, dass es besser wird.«
»Mich friert nicht, Konrad«, antwortete sie.
»Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf«, rief er.
»Die Pelzjacke ist warm«, sagte sie.
»Ich werde dir empor helfen«, sagte er.
»Nein«, erwiderte sie und war stille. (…)
Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Großmutter hatte gesagt: Nur ein Schlückchen wärmt den Magen so, daß es den Körper in den kältesten Wintertagen nicht frieren kann.
Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es und griff so lange, bis er das Fläschchen fand, in welchem die Großmutter der Mutter einen schwarzen Kaffeeabsud schicken wollte. Er nahm das Fläschchen heraus, tat den Verband weg und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bückte er sich zu Sanna und sagte: »Da ist der Kaffee, den die Großmutter der Mutter schickt, koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn sie nur weiß, wozu wir ihn nötig gehabt haben.«
Das Mädchen, dessen Natur zur Ruhe zog, antwortete: »Mich friert nicht.«
»Nimm nur etwas«, sagte der Knabe, »dann darfst du schlafen.«
Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewältigte sich so weit, dass sie das fast eingegossene Getränk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch etwas.
Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu schlafen, wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, dass sie friere, dass es aber von innen recht warm sei und auch schon in die Hände und Füße gehe. Die Kinder redeten sogar eine Weile miteinander. (…)
Wenn auch Konrad sich das Schicksal des erfrornen Eschenjägers vor Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschchen mit dem schwarzen Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu größerer Tätigkeit brachten, aber gerade dadurch eine folgende Ermattung herbeizogen: so würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende Süßigkeit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welcher imstande war, dem Schlafe zu widerstehen.
In der ungeheueren Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein Schneespitzchen zu rühren schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen des Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und Lebendigste ist, der Gletscher, hatte die Töne hervorgebracht. Dreimal hörten sie hinter sich den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde entzweigesprungen wäre, der sich nach allen Richtungen im Eise verbreitete und gleichsam durch alle Äderchen des Eises lief. Die Kinder blieben mit offenen Augen sitzen und schauten in die Sterne hinaus.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und erblassten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne floss. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer Krone und brannten. Es floss helle durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur. Nach und nach wurde es schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.
Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und fort sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.
Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie.
Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten und nie ein Stückchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen war, geschah etwas anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen, und die anderen standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen auch die stärkeren, und der Schnee vor den Höhen wurde deutlicher sichtbar. Zuletzt färbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein Wolkenstreifen, der in derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden entzündet. Alle Dinge waren klar zu sehen, und die entfernten Schneehügel zeichneten sich scharf in die Luft.
»Sanna, der Tag bricht an«, sagte der Knabe.
»Ja, Konrad«, antwortete das Mädchen.
Wie durch ein Wunder überleben die Kinder diese Nacht im Hochgebirge und dazu trägt bei, dass sie am Himmel eines Lichtes gewahr werden, das vor ihren Augen zunehmend erblüht.
Am Morgen setzen sie ihren Weg fort, doch führt er sie nicht aus den Eiswüsten hinaus.
Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen. Allein sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter. Schneefeld entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male wieder der Himmel.
Sie gingen dessohngeachtet fort.
Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wussten nicht, wie das Eis daher gekommen sei, aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden, und waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer, wie an jenem Rande, an dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, dass sie auf glattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr wurden, die sich näher an sie drängten und die sie wieder zu klettern zwangen.
Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.
Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was es ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite Eis war gedrängt, gequollen, emporgehoben, gleichsam als schöbe es sich nach vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. In dem Weiß sahen sie unzählige vorwärtsgehende geschlängelte blaue Linien. Zwischen jenen Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinandergeschmettert starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weiß und waren Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand, oder die Stücke doch nicht gar so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch einen Teil des Eises überschreiten wollten, um an den Bergrand zu gelangen und endlich einmal hinunterzusehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauter Eis.
Was sie nicht wissen, ist, dass mittlerweile zahlreiche Suchtrupps beider Dörfer am Berg sind und sie suchen.
Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen schiefen Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Jetzt sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen, blauen Luft schwach, sehr schwach etwas wie einen lang anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide Kinder laut. Nach einer Zeit hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen wieder und blieben auf der nämlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen, und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach einer geraumen Welle erkannten sie auch das Feuer. Es war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten.
Auch hier bleibt Stifter sich treu. Er überlässt es dem Leser, in die folgenden Szenen einzutauchen, so, wenn die Mutter aufschreit und in den Schnee sinkt, als sie ihre Kinder Konrad und Sanna an den Händen ihrer Retter auf das heimatliche Haus zukommen sieht; wenn mit der Zeit all die anderen Suchenden einschließlich des alten Färbers, der von Millsdorf aus gesucht hatte, eintreffen; wenn das Glöcklein der Kirche von Gschaid läutet, das Hochamt verkündend, mit dem der Pfarrer gewartet hatte, und die Dorfbewohner, die noch unterwegs sind, auf die Knie sinken und beten.
In Gschaid wartete die Großmutter, welche herübergefahren war.
»Nie, nie«, rief sie aus, »dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr im Winter über den Hals gehen.«
Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da sich einige Nachbarn und Freunde in der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und sie streichelte, sagte das Mädchen: »Mutter, ich habe heute nachts, als wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.«

Einer der schönsten Sätze, die es für mich in Bezug auf Weihnachten und in der Literatur überhaupt gibt. Ein Zeugnis kindlicher Wahrheit, die vielleicht nur ein Kind erkennen kann.

.

Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest!

.

 

Dieser Beitrag wurde unter Fülle des Lebens, Gedicht, Indianer, Leben und Tod, Liebe, Literatur, Mann und Frau, Weiblichkeit abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s