Friedrich Lenaus Sonette: echt schön, aber Romantik und Sehnsucht können zu tatenlos sein! – Weiterentwicklung deutet sich an.

Wir neigen dazu – der eine mehr, der andere weniger -, einer Romantik anzuhängen, die unsere Seelenhaut netzt und sie wenigstens ein wenig kost. Wenn wir in unsere Kulturgeschichte schauen, finden wir Menschen, die ihr anhingen und mit ihr nicht glücklich wurden. Lenaus Gedicht Der Seelenkranke („Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde …“) spricht diesbezüglich Bände.

In den folgenden vier Sonetten beweist jener österreichische Autor, der von 1802 bis 1850 lebte und eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau hieß, seine Dichtkunst, zugleich ist fast jedes dieser Sonette ein Dokument einer seelischen Haltung, der man, findet man mehr als nur Facetten in sich, um der eigenen seelischen Gesundheit willen, bewusstmachende Aufmerksamkeit schenken sollte. Es gibt nicht wenige Menschen, die einen Hang zu ihr haben. Das ist an sich nicht schlimm; es ist dann so, und es ist so aus verschiedenen Gründen; bei Lenau mag es der frühe Tod des Vaters, die Wiederheirat der Mutter und das ruhelose Umziehen gewesen sein, was diese seelische Haltung auslöste – wer weiß, wie frühere Leben dazu beitrugen. Fest steht allerdings auch, dass er nie in seinem Leben ein Risiko scheute, nie den Wechsel und Veränderung (großes Kompliment!), das beweisen u.a. sein Aufbruch nach Amerika genauso wie seine mutige Rückehr. Fest steht aber auch, dass er sein Leben lang einen roten Faden suchte und ihn nie fand (so mein Eindruck).

Wenn wir auf die Leben solcher Menschen zurückblicken, dann kann es uns vergönnt sein, für das eigene Leben aus dem ihren zu lernen, auch aus seelischen Haltungen, die uns anrühren und durchaus auch berühren, uns aber auch zu einer Erkenntnis führen dürfen. Das gilt schon für das erste der folgenden vier Sonette: Die Luft hat fast Lähmendes; Schweigen der Vögel ist nie ein gutes Zeichen. Die Seele ergibt sich im zweiten Quartett und gewiss ist in diesem Zusammenhang schweigenstrunken eine bemerkenswerte Wortneuschöpfung. Unerwartet bricht dann in den Terzetten, also den letzten beiden Strophen eines Sonetts, etwas ein in diese Welt des Schlafens und der Träume:

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1.  Stimme des Windes

In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.

Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.

Horch! überraschend saust es in den Bäumen
Und ruft mich ab von meinen lieben Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen;

Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde
Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.

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Wind steht bei entsprechenden (katholischen) Übersetzungen in den Schriften des Predigers Salomo, im Buch Kohelet, im Alten Testament also, für Nichtigkeit, Eitelkeit. Im Neuen Testament ist es der Wind, der das Wasser aufrührt und er ist zugleich der Geist Gottes, der weht, wo er will, wie es in Johannes 3,8 heißt.

Wind entspricht im Lateinischen dem Wort ventus und mehr ist hier in Lexika oft nicht angegeben; schlägt man aber unter anima nach, so findet es sich übersetzt mit Luft, Lufthauch, Luftzug, Wind, Atem, Hauch, Lebenskraft. Und schlägt man spiritus nach, so findet sich ebenso Hauch, Luftzug, Wind, Atem, Atmen, Lebenshauch, Leben.

Wind ist also weit mehr als der pure äußerliche ventus.

Die aufgeschreckte Seele mag wie die des Petrus sein, die dem Wasser gleicht und Angst bekommt, als er den das Wasser aufwühlenden Wind wahrnimmt (Angst lässt fast jeden in den Wassern der Seele untergehen). Und weil Lenau von dem Inneren als von der Seele spricht, denkt man unwillkürlich an einen Vater, der mehr ist als nur der leiblich-irdische; denn gerade der göttliche ruft der menschlichen Seele doch immer wieder zu: Komm heim!

Auch das zweite Sonett beginnt wie das erste. Es regt sich wenig, ja im Grunde nichts, denn rasten leitet sich von der Rast, der Ruhepause ab und entspricht nicht dem Präteritum von rasen. Sonst könnten die Disteln kam steinern wirken. Wenn Matthias Claudius in seinem Abendlied darum bittet: Lass uns einfältig werden, so ist diese Einfalt, die Einheit, die nur im Göttlichen zu finden ist, und diese ist weit entfernt von dem trüben in Eins-gefallen-Sein von Himmel und Erde, das wir im zweiten Quartett dieses zweiten Sonetts finden:

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2. Stimme des Regens

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide,
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als wären sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.

Und Erd und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,
Und Mein und Dein vergessen traurig beide.

Nun plötzlich wankt die Distel hin und wider,
Und heftig rauschend bricht der Regen nieder,
Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.

Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,
Er hört die windgepeitschte Distel sausen,
Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.

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Regen rauscht und sein Niederbrechen wirkt wie eine Antwort auf ein stummes Fragen. Er, der Regen, könnte Antwort geben, wenn man ihn verstünde, das Fragen aber bleibt tonlos, stumm. So diffus, wie Himmel und Erde in eins gefallen sind, so unklar und nur wehmütig ist das Gefühl, das vielleicht eine Antwort gerne hätte, aber keine erhält. Oft bringt Regen Klarheit mit sich, reinigt die Luft; hier nicht.

Und wieder finden wir auch im folgenden Sonett Bewegungslosigkeit, Stillstand, zumindest im ersten Quartett; man könnte deshalb meinen, es könnte in den Schluchten totenstill sein, aber es ist gerade einmal so still, dass, was sonst kaum hörbar ist, wahrgenommen werden kann. Stille wird hier zur Voraussetzung, hören zu können:

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3. Stimme der Glocken

Den glatten See kein Windeshauch verknittert,
Das Hochgebirg, die Tannen, Klippen, Buchten,
Die Gletscher, die von Wolken nur besuchten,
Sie spiegeln sich im Wasser unzersplittert.

Das dürre Blatt vom Baume hörbar zittert,
Und hörbar rieselt nieder in die Schluchten
Das kleinste Steinchen, das auf ihren Fluchten
Die Gemse schnellt, wenn sie den Jäger wittert.

Horch! Glocken in der weiten Ferne tönend,
Den Gram mir weckend und zugleich versöhnend,
Dort auf der Wiese weiden Alpenkühe.[287]

Das Läuten mahnt mich leise an den Frieden,
Der von der Erd auf immer ist geschieden
Schon in der ersten Paradiesesfrühe.

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Was sich Ende des zweiten Quartetts allein durch einen Gedanken andeutet, die Gemse könne den Jäger wittern, kündet wenig später Glockenläuten an. Es wirkt wie der Kirchengesang, der Faust aus seiner tödlichen Lethargie befreit und vor dem Selbstmord bewahrt. In der Deutschen Mythologie der Brüder Grimm lesen wir, dass Zwerge das Glockengeläut der Kirchen als Störung empfinden und es auch Riesen zuwider ist, dass es hingegen das Klagegeheul der Geister vertreibt und wir wissen, dass der Schlag eins der Kirchturm-Glocke die Toten des Friedhofs, die um Mitternacht ihre Gräber verlassen, zurück in die Särge zwingt. Hier, im Sonett, besänftigen die Glocken das Gemüt, ja versöhnen, was innerlich Gram bewirkte. Und jene Worte, die den Frieden ansprechen und das friedvolle Paradies, erinnern an die Worte Wilhelm Buschs in Bös und Gut:

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Wie kam ich nur aus jenem Frieden
             Ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
            Und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben,
             Nun heißt es: Nimm!
Ja, ich muß töten, um zu leben,
            Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
            Die niemals ruht.
Sie zieht mich heim zum alten Glücke,
            Und das ist gut.

 

Nikolaus Lenau hat, was nun folgt, im letzten Terzett von Die Stimme der Glocke vorbereitet. Es nimmt Bezug darauf, dass Kinder aus einer geistigen Welt kommen, nicht einfach, wie mancher annehmen mag, ein physisches Produkt sind, in das sich eine Seele verirrt. Nein, Lenaus Bezugnahmen zum Paradies und zum Himmel sind zwar als Möglichkeit und als Vergleich gestaltet, aber man hat den Eindruck, dass er im Lauschen des Kindes mehr als nur ein Möglichkeit, die der Konjunktiv II suggeriert, sieht:

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4. Stimme des Kindes

Ein schlafend Kind! o still! in diesen Zügen
Könnt ihr das Paradies zurückbeschwören;
Es lächelt süß, als lauscht es Engelchören,
Den Mund umsäuselt himmlisches Vergnügen.

O schweige, Welt, mit deinen lauten Lügen,
Die Wahrheit dieses Traumes nicht zu stören!
Laß mich das Kind im Traume sprechen hören
Und mich, vergessend, in die Unschuld fügen!

Das Kind, nicht ahnend mein bewegtes Lauschen,
Mit dunklen Lauten hat mein Herz gesegnet,
Mehr als im stillen Wald des Baumes Rauschen;

Ein tiefres Heimweh hat mich überfallen,
Als wenn es auf die stille Heide regnet,
Wenn im Gebirg die fernen Glocken hallen.

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Lenaus erstes Quartett lässt es infolge des Konjunktiv II, der sich in lauscht verbirgt, offen, ob er es nur übertragen meint oder real, so wie es meines Erachtens ist: Kinder, die auf die Erde kommen, bringen in ihrem Schlaf das Paradies mit, es ist rein und geschützt vor dem Denken und den Einstellungen der Erwachsenen. Mit den Kindern ist das Paradies zugegen; wir dürfen das als Geschenk sehen und damit Kinder als Geschenk begreifen. Und, was sich Lenau nicht wirklich mehr vorstellen kann: ein kleines Kind, das schläft, hört noch die Engelchöre. Auch in unseren Traumwelten hören wir sie, wenn wir sie auch nicht in unser Bewusstsein retten. In den Tiefen des Traumes weitet sich der Kosmos; wenn wir aus dem Schlaf zurückkehren, muss unser Bewusstsein in den engen Körper zurück; wir können diese Weite nicht ins Bewusstsein hereinbringen, ein Vermögen, das Christus mehr und mehr konnte, seitdem er durch die Taufe im Jordan mit diesem weit entwickelten Menschen Jesus verbunden war. Ihm war es möglich, diese Weite des Kosmos, seine Göttlichkeit, in einen Menschen hineinzuzwängen; es ist nicht nur sein Tod ein Opfer gewesen, sondern Tag für Tag und Tag und Nacht dieses Unterfangen.

Ja, die Welt muss schweigen, damit dieses Kind zu hören ist. Aber die Menschheit ist meines Erachtens auf einer Stufe, auf der sie die Stimme des Kindes, des inneren göttlichen Kindes, nicht mehr nur im Traume hört. Die Stille der Erde wird transparenter; denn auch wenn genau das Gegenteil der Fall zu sein scheint, wenn Lüge im Weißen Haus hoffähig geworden ist und weltweit immer mehr dominiert: genau dann ist auch die Gegenbewegung da, nämlich, dass in Menschen Stille spricht.

Lenau weiß darum, weil in der Romantik die Stille auch eine dunkle Seite zeigt – genau deshalb! Das ist ein großes Verdienst der Romantik. Weil die Stille dadurch sich in ihrer wahren ganzheitlichen Gestalt zeigt, kann auch ihre klare Seite deutlicher zutage treten. Noch geschieht es bei Lenau in Form einer Ankündigung, die Wortwahl des zweiten Terzetts macht es deutlich: Das Heimweh hat überfallen – noch ist es ein zu passiver Vorgang, der dem Menschen widerfährt, noch hallen die Glocken, die aus der Stille kommen, in der Ferne, aber sie sind spürbar, fast vor dem Durchbruch, im Menschen klar zu tönen.

Auf diesem Weg zu klarem Bewusstsein, das Romantiker oft so sehr herbeisehnten, aber noch nicht ganz verstanden – mit Ausnahme von einem Novalis, möchte ich sagen – sind die Menschen unserer Tage und sie sollten sich von den Trumps und Putins dieser Erde, die morden und lügen, und denen, die so blitzgescheit daherreden wie ein Harald Lesch oder ein Bestseller-Philosoph wie Richard David Precht, aber nichts von der Kraft des Geistes verstehen, der in den Menschen zur Entfaltung kommen kann – oder keinen Mut haben, sich zu ihm zu bekennen -, nicht irritieren lassen. Es ist ein inneres Vermögen der Menschen, das sich mehr und mehr entwickelt, das im Übrigen die Enge der Konfessionen und die Falschheiten einer dubiosen Esoterik hinwegfegen wird.

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