Den dunklen König entlarven! Ein großes Ego nicht als Herzqualität ausgeben! Denken wertschätzen: Schillers Ballade „Der Taucher“.

In Schillers Ballade steht nicht nur der so mutige Edelknecht im Mittelpunkt, sondern auch ein König, der auf eine Weise mit dem Leben seiner Untertanen spielt, wie man es bei Autokraten nun einmal erlebt, auch heute noch – gerade heute wieder. Immer wieder zeigt sich, dass die menschliche Seele in Tiefen sinken kann, die grundlos hinabgehen, womöglich noch tiefer als jene, in die der Edelknabe hinabsah und von denen er dem König zu berichten wusste und eigentlich vermittelte, dass er sich sehr wohl bewusst war, was er da gesehen hatte (was ihn leider nicht daran hinderte, eine Dumm- bzw. Torheit zu tun, die man im Leben genau einmal tun kann – dann erst wieder im nächsten).

Darum geht es, sich dessen bewusst zu werden, was der junge Mann sah und zu wissen, warum er scheiterte, was, wie angedeutet, so unnötig war – und doch offensichtlich zwangsläufig. Oder warum stürzen sich Menschen in einem Fass den Niagarafall hinunter oder überqueren ohne Netz auf einem Seil eine Schlucht – und tun das ein zweites und drittes Mal, eine immer breitere Schlucht wählend (und das, auch wenn keine Königstochter zuguckt). Warum meinte Reinhold Messmer, alle Achttausender dieser Erde bezwingen zu müssen und auch noch weiterhin extrem zu klettern, auch wenn er – fast erscheint es im Nachhinein zwangsläufig – bei einer dieser Touren den eigenen Bruder verlor?

Der Knappe springt in einen Schlund, der in der Ballade auch als Höllenrachen oder Grab bezeichet und mit der Charybde verglichen wird. Von der galt es sich im Altertum möglichst weit entfernt zu halten, wenn sie ihr Wasser ausspie und es dann wieder mit Urgewalt einsog, wovon wir bei Homer lesen und was, als Odysseus zum zweiten Mal an diese Meerenge kam, ihm zum Verhängnis wurde, wobei er allerdings mit dem Leben davonkam.

Unsere Ballade ist das Ergebnis eines kollegialen und zum Teil durchaus humorig ausgetragenen Dichterwettstreites zwischen Goethe und Schiller, wer denn die schönste Ideenballade schreiben könne. Schillers Der Taucher war die erste zahlreicher noch folgender, und ich meine fast, es war die genialste unter allen, die doch auch so hochklassig waren, man denke nur an den Zauberlehrling oder an eine meiner absoluten Lieblingsballaden, Die Kraniche des Ibykus (hier zu ihr mehr).

Noch ein Wort zum Stichwort Ideenballade: Nach den sogenannten Volksballaden, deren Autoren wir nicht kennen und die vor allem zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert ihre Blüte erlebten – man denke an die auch als Volkslieder bekannten Es waren zwei Königskinder oder Es freit ein wilder Wassermann – begann mit Gottfried August Bürgers Leonore die Zeit der sogenannten Kunstballaden, die also die Tradition der Heldenlieder und Volksballaden oft auf hohem Niveau fortsetzten, besonders natürlich im Rahmen jenes Balladenjahres – es war das Jahr 1797 – das wir eben mit der ein oder anderen Ballade bereits angesprochen hatten und als dessen Ergebnisse noch Der Schatzgräber zu nennen wäre, Die Braut von Korinth, Der Gott der Bajadere, Der Handschuh, Der Gang nach dem Eisenhammer, Der Ring des Polykrates, Ritter Toggenburg sowie Der neue Pausias und sein Blumenmädchen. Manche Titel unter den genannten klingen schlicht und einfach ziemlich banal, wozu auch die Goetheballaden Der Gott und die Bajadere und die Die Braut von Korinth  gehören; beide aber sind in Wirklichkeit inhaltlich und von der Schaffenskunst her genial, letzterer Ballade habe ich mich auf diesem Blog erst kürzlich und das richtig gern gewidmet – ich finde sie einfach toll, gerade, weil sie so pointiert herausstellt, dass ein sogenannter Heide – eine schreckliche Klassifzierung – oft ein besserer Christ ist als ein sogenannter Christ, und genau so verstanden, wie Lessing das in seinem Nathan in Bezug auf Moslems und Juden sieht, die dem Bewusstsein nach wahre Christen sein können, auch wenn das vor allem dem Koran nach, der den Sohn, Christus, verbietet, eigentlich gar nicht möglich ist.

Beide Weimarer Größen schrieben mit dem Anspruch, im Rahmen dieser Balladen eine Idee zu verwirklichen – daher die Bezeichung Ideenballade -, einen Leitgedanken also, der dazu geeignet wäre, die Seele des Menschen eine Stufe höher hinaufzustimmen. Solch eine Idee war beispielsweise jene einer Freundschaft, die sogar stärker ist als der Tod, wie wir sie in der Bürgschaft gestaltet finden oder aber, dass der Mensch nicht fahrlässig mit Fähigkeiten umgehen möge, die weitreichend sind und  nahezu okkulten Charakter haben, die man, gerade gelernt, noch nicht beherrscht, wie wir im Zauberlehrling nachlesen können, eine Ballade, die – wie auch Der Taucher – an eine notwendige Bescheidenheit und Demut des Menschen appelliert, die er gegenüber den Urgewalten des Lebens und dessen Wert haben sollte.

Vorab zunächst die Ballade selbst, die gleich zu Beginn homerische Züge trägt mit dem Hinweis auf die Charybde, jenem ungeheuren Schlund, den wir aus Homers Irrfahrten des Odysseus kennen, der dreimal täglich Wassermassen ausspie und mit Urgewalt einsog, wobei der Charybde gegenüber eben jenes zwölfarmige und sechsköpfige Ungeheuer war, Skylla, auch als Hündin bezeichnet, die, wenn man ihr zu nahe kam, mit ihren Verderben bringenden Armen zugriff, ein Umstand, der sechs Gefährten des Odysseus das Leben kostete. Die Textstelle aus der Odyssee habe ich hier wiedergegeben; Scylla und Charybdis stellen ja im Rahmen der Stationen des Odysseus auf seinem Weg in die Heimat jene Lebensabschnitte vor Augen, in denen es gilt, die Mitte zu wahren und sich nicht einer oder der anderen Seite zuzuneigen. Maß und Mitte sind Eigenschaften, die ein Mensch auf dem spirituellen Weg benötigt, um weder dem Guten noch dem Bösen zu verfallen. Der Taucher fand diese Mitte leider nicht (Ritter Delorges wird es wesentlich besser können, dazu später mehr); hier nun die Ballade:

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„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“

Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
„Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?“

Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmen’s und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum drittenmal wieder fraget:
„Ist keiner, der sich hinunter waget?“

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunterschlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als ging’s in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

Und stille wird’s über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
„Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“
Und hohler und hohler hört man’s heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir bringet die Kron,
Er soll sie tragen und König sein –
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unter verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss jäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast,
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.-
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Hört man’s näher und immer näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich’s schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ist’s, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lang und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
„Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele.“

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:

„Lange lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Es riss mich hinunter blitzesschnell –
Da stürzt mir aus felsigtem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell:
Mich packte des Doppelstroms wütende macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen
Trieb mich’s um, ich konnte nicht widerstehen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfasst ich behend und entrann dem Tod –
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing ich und war’s mit Grausen bewusst
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht ich’s, da kroch’s heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir – in des Schreckens Wahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben.“

Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: „Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versucht du’s noch einmal und bringt mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.“

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
„Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.“

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
„Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.“

Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin –
Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall –
Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

.

Drei Aspekte, die diese Ballade prägen und die ich in der Überschrift schon angedeutet habe, möchte ich beleuchten, weil sie meines Erachtens für unser Leben eine zentrale Bedeutung haben.

Die Tiefen des Wassers zeichnen ein Seelengemälde

Zunächst ist der Edelknecht ein Held – wir wollen das fürs Erste einmal so stehen lassen, denn Schiller selbst legt ja diese Sicht nahe, wenn er ihn so von der Hofgesellschaft gesehen sein lässt (Und bebend hört man von Mund zu Mund: / „Hochherziger Jüngling, fahre wohl!). Schiller mag es in dieser Ballade darauf angekommen sein, im Taucher seine Idee davon zu vermitteln, dass der Mensch, war er der Gnade Gottes teilhaftig geworden und sei er noch so sehr ein Held, diese nicht noch einmal mutwillig auf die Probe stellen möge. Wer an die Grenze, an die Tür zum Göttlichen klopft und Eintritt erhält, muss sich dessen auch als würdig erweisen. Indem der Edelknecht auf die Verführungskunst, auf den Neid und die Missgunst des Königs hereinfällt und wirklich glaubt, er werde von diesem bereitwillig nach dem zweiten Tauchgang dessen Tochter erhalten, fällt er nicht nur auf den Ungeist des dunklen Königs herein, sondern handelt auch entgegen eigener Erkenntnis, hatte er doch dem König selbst nach seinem Auftauchen gesagt:

Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Das ist die sittliche Botschaft der Ballade: Der Mensch versuche die Götter nicht.

Was der junge Mann aber uns mit seinem Bericht über die Untiefen des Höllenschlundes vor Augen führt, ist ein notwendiges Wissen für ein realistisches Verständnis des Lebens; nur auf dieser Basis kann man als Mensch sich weiterentwickeln.

Um die Dimensionen des Gesagten zu verstehen, ist es notwendig, sich der Bedeutung des Wassers bewusst zu sein. Zu dieser Bedeutung hat Goethe den vielleicht deutlichsten Beitrag geleistet mit jenem Gedicht, das er angesichts des Staubbachfalls im Lauterbrunnental schrieb und dessen erste Strophe lautet:

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.

In der hier zitierten ersten Strophe weist er auf die wiederholten Erdenleben von uns Menschen hin und in der Folge gelingt es ihm zu vermitteln, warum Wasser ein Symbol für unsere Seele ist. Mehr als nur eine Ergänzung mag auch das Zitat aus Teresa von Avilas Die Innere Burg sein (das ganze Gedicht und der Auszug der spanischen Mystikerin sind hier verlinkt).

Aus der germanischen Mythologie wissen wir, das Odhin über das Wasser gehen konnte und auch von Jesus ist es bekannt; im mythischen Bild bedeutet dies, dass beide Meister dieses Elementes sind, indem sie auf ihm gehen, einem Element, das für den Gefühlsbereich steht, esoterisch formuliert, der Astralebene. Deutlich wird dies im Zusammenhang mit dem neutestamentarischen Bericht über den Sinkenden Petrus, der auch auf dem Wasser gehen kann, solange er sich per Blickkontakt an die Energie seines spirituellen Lehrers anzubinden vermag. Als er aber aus den Augenwinkeln die durch den Wind aufkommenden Wellen wahrnimmt, geht er in den Wassern, sprich: in seinen Emotionen der Angst unter. Wir finden eine vergleichbare Bedeutung des Wassers z.B. auch in den Volksliedern und u.a. dem Märchen vom Wasser des Lebens.

In unserer Ballade springt der Edelknecht in die tiefe See und er muss etwas erkennen, was für das Verständnis der menschlichen Seele fundamental ist: Nach unten in die Tiefen gibt es kein Halten. Es geht ewig hinab:

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Das ist eine der erschreckendsten Erkenntnisse, die mir im Laufe der Zeit bewusst wurden: Die Untiefe der menschlichen Seele hat keinen Boden. Was Menschen sich ersinnen können an Boshaftigkeiten, Grausamkeiten, Widerlichkeiten: da gibt es kein Halten. Die Gräuel der Kriege, die perversesten Foltermethoden der Inquisition, die seelischen Exzesse der Konzentrationslager: Untiefen, unabsehbar. Gerade in den letzten Jahren hat der IS mit seinen unvorstellbaren Gräueltaten dies aufs Neue deutlich werden lassen …

Der Knabe erkennt das: Da unten aber ist´s fürchterlich, weiß er zu berichten und dass es noch bergetief hinabgeht, ja, er spricht selbst davon, dass es bodenlos abwärts gehe. – Ich glaube, das stimmt!

Die Ungeheuer des Meeres, die Schiller schildert, sind auch die Ungeheuer der menschlichen Seele; wir finden sie im Übrigen bei Hieronymus Bosch gezeichnet, grausame Gestalten sind es, die auf den Heiligen Antonius zukommen. In den Seelen der Menschen finden wir sie:

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Bildergebnis für bosch die versuchung des heiligen antonius

 

Gr¸newald/Isenheimer A./Antonius:D‰monen - Gr¸newald / Isenheim altar / St.Anthony -

In dem bekannten, um 1500 entstandenen Tryptichon von Hieronymus Bosch, bekannt als Versuchung des Heiligen Antonius, wird deutlich, was auf den seelischen Ebenen existiert, was auch auf uns zukommen wird und was wir gerne jetzt noch für reine Fiktion und Einbildung eines Künstlers halten. Bewusst erlebt das der Mensch in seinem Leben nach dem Leben in jener Phase, die die christliche Terminologie Fegefeuer und die fernöstliche Spiritualität Kamaloka nennt, wenn nämlich der Mensch nicht mehr diese Wesen aussendet, wie er es hier tut, indem er hasst oder von Neid fast platzt, sondern sie auf ihn zukommen werden und er erkennen muss (wenn er es hoffentlich tut!), was er auf seine Mitmenschen losgelassen hat, denn keiner unserer Gedanken bleibt ohne Wirkung. Man mag einer Okkultistin wie Helena Petrovna Blavatsky so kritisch gegenüberstehen, wie man will, so gibt mir persönlich die in Band III  ihrer Geheimlehre geäußerte Ansicht dennoch zu denken, indem sie über den spirituellen Entwicklungsweg eines Menschen sagt:

Die Gedanken von fünf Minuten können die Arbeit von 5 Jahren zunichte machen, und obwohl die Arbeit von fünf Jahren das nächste Mal schneller durchlaufen wird, ist dennoch Zeit verloren.

Intensive Gedanken z.B. des Hasses sind im Grunde Taten und wer sich auf dem Seelenweg, von denen die großen Grimm-Märchen wissen, bewegt, steht immer in Gefahr, durch intensives, negativ gegen das Leben gerichtetes Denken weit zurückzufallen. In Zeiten, in denen Menschen von solch inneren Tatsachen nichts mehr wissen wollen, sind sie umso gefährdeter und niemand ist geholfen, wenn er erst im Kamaloka aufwacht. Goethe hat zu diesem Thema viel in seinem Faust und seinem Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange geschrieben, genauso wie es Schiller um die seelische Entwicklung des Menschen in seinen Ästhetischen Briefen ging, die leider kaum mehr zur Kenntnis genommen werden,

Balladen, gerade die uns vorliegende, verweisen darauf, dass das Ganze kein Spaß oder okkultes Geschwätz ist, sondern seelisch-geistige Realität.

Indem Schiller den Knappen über die Untiefe berichten lässt, beschreibt er in Wahrheit, wie es in uns, in den Menschen aussehen kann. Gleichzeitig macht diese Ballade uns auch bewusst, dass das Erleben solch schrecklicher Minuten, Stunden oder Tage – eine der eindrücklichsten Schilderungen eines möglichen Geschehens habe ich bei Ronald D. Laing gelesen – oft Voraussetzung sein mag, um das Wertvolle, was wir suchen, zu finden. In höchster Not sieht auf einmal der junge Mann den Becher. Das ist kein Zufall, weil es genau so ist: So nah liegen im Grunde beides beieinander, Tod bzw. höchstes Leid und höchster Gewinn.

Das dies so ist, gehört zu den wichtigen Erkenntnissen, die das Leben uns vermitteln will und über das z.B. auch der Weg Parzivals zum Gral berichtet: Niemand kommt an Gethsemane vorbei, niemand an seinem Karfreitag; nur so gelangt man zum Gral. Und über jene, die glauben, Sorglosigkeit und ein Event nach dem anderen sei höchstes Glück, weiß Ricarda Huch in ihrem Buch Luthers Glaube:

Die meisten Berufenen scheitern daran, dass sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno [in Mozarts Zauberflöte; Anm. JK.], nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.

Wie oft haben Musiker oder bildende Künstler nach den größten Erschütterungen ihrer Seele und in existentiellen Nöten ihre größten Werke gestaltet. Im menschlichen Leben ist es oft so: Es bedarf höchster Not, um wahre Gefühle und tiefstes, ehrliches Empfinden freizusetzen. In Schillers Ballade steht dafür das Finden des Bechers. Im Grunde also gelingt dem Knappen des Königs Vergleichbares.

Und wovon Schiller auch überzeugt ist:

Um hier nicht unterzugehen, bedarf es des Gebets. Aber es bedarf noch einer Fähigkeit, die im Übrigen auch Parzival zeigt, als er völlig verzweifelt ist und den Glauben daran aufgibt, den Gral wiederzufinden: Er überlässt seinem Pferd die Zügel. Nicht mehr sein Wille und Verstand lenken den Lauf des Lebens; er übergibt die Zügel einer intuitiven Macht. Nur so kann er doch zu Trevrizent gelangen, der ihm den Weg zur Gralsburg weist.

Auch der Knappe tut dies: Er lässt die Korallen los, er übergibt seinen Willen Gott. Nur deshalb kann ihn der Strudel packen und nach oben ziehen. Hätte er weiter gekämpft, weiter mit seinem Willen und Verstand versucht, die Situation zu meistern, wäre er gescheitert; so aber hatte er noch Energie für den Aufstieg.

So nahe liegen Tod und Leben beieinander. Ein Gebet lang. Oft nur eine Blickwendung weit. Das genau meint das griechische Wort Metanoia, das Luther [leider] mit Buße übersetzt; wörtlicher bedeutet es Sinnes-Änderung. Manchmal genügt ein Blick zur Seite, um zu finden, was man so sehr sucht.

Dem dunklen König Paroli bieten! Über den Wert des Denkens.

Was ist es, was den Edelknecht verleitet, in den Schlund zu springen? All die Ritter, die am Felsen standen, können keine mutlosen Loser gewesen sein; wahrscheinlich schätzten die meisten das Ansinnen des Königs als unsinniges Unterfangen ein, das er inszenierte, weil ihm wieder einmal langweilig war. Dass der Edelknecht sich der Herausforderung stellte, mag der ein oder andere als mutig bezeichnen, genauso gut möglich ist, dass er die Chance nutzte, sich einen Namen zu machen, selbst auf die Gefahr hin, dabei seines Lebens verlustig zu gehen; immerhin freut er sich doch sehr, als er wieder auftaucht und den Anwesenden mit dem Becher zuwinkt. – Gewiss ist es aber auch kein Zufall, dass er das zweite Hinabtauchen mit dem Leben bezahlt.

Immerhin  weiß er beim ersten Mal den richtigen Zeitpunkt zum Hineinspringen abzuwarten; pur hormongesteuert kann er also nicht gewesen sein; der ein oder andere mag sogar denken: Er wusste, welches Risiko er einging. Sein Bericht, den er dem König gibt über das, was er erlebte, zeigt, dass mit seinem Hinabtauchen ein Bewusstseinsprozess in seinem Inneren verbunden war, denn erst in der grässlichen Einsamkeit wird ihm bewusst, wie weit er von menschlicher Hilfe entfernt ist; er nimmt wahr, dass es hier zwar Lebewesen gibt, dass es aber allesamt Larven sind, lebendige Wesen also, aber ohne alles Gefühl. Es ist die Hölle! Die absolute Nachtmehrfahrt der Seele, um einen bevorzugt Jungschen Terminus aufzugreifen, wie sie auch Jonas im Bauch des Wals erlebte. Er weiß auch und lässt es den König wissen, dass sein Loslassen des Korallenzweiges eine Schreckreaktion ist, die ihm zum Heil gereichte. – Er weiß es dem König gegenüber zu formulieren. Es ist ihm bewusst.

Was dann geschieht, verweist meines Erachtens auf den Wert des Denkens, das im Zug der Aufklärung und rein kopfgesteuerter Menschen zu Unrecht in Misskredit geraten ist, denn es gibt ein Denken unabhängig vom physischen Gehirn, eines, das sich zunehmend einzubetten weiß in eine gewiss vorhandene kosmische Intelligenz.

Gefühle brauchen immer wieder  ein Korrektiv, kommen sie doch aus ganz unterschiedlichen Ebenen, deren wir uns im Augenblick des Fühlens selten bewusst sind. Nicht alle Gefühle basieren auf heiliger Intuition. Nicht von ungefähr rät ein Mann, der doch des Heiligen Geistes teilhaftig war, nämlich Paulus im Brief an die Thessalonicher: Prüfet alles, und das Gute behaltet! Solch eine Prüfung basiert auf einem Denkprozess. Und mit Denken hätte auch der Edelknecht erkennen können, wie sehr die Tochter Recht hat, wenn sie das Treiben des Vaters als ein grausames Spiel bezeichet (wie mutig im Übrigen von der Tochter!). Ein eingeschaltetes Denken hätte den Knappen wahrnehmen lassen können, eine welch große Unverschämtheit die Tatsache beinhaltet, dass der König beim zweiten Mal den Becher, den eigentlich der junge Mann errungen und den er sich mit seinem Hinabtauchen wahrlich verdient hatte, einfach nimmt und wieder hinunterwirft. Hätte der Knappe den Mut der Tochter gehabt, hätte er den  König zur Rede gestellt!  Was kann er wirklich darauf geben, dass ihm der König die eigene Tochter verspricht, wenn jener weder Eigentum noch Leben respektiert? Und warum sollte es kein drittes Mal geben, wenn dem König danach ist? Wie überhaupt geht jener mit seiner Tochter um und verfügt einfach über sie, nur damit er sein sadistisches Ergötzen hat!

Und warum will  er angesichts dessen, was der junge Mann schilderte, ihn nunmehr noch auf den tiefuntersten Grund schicken – vorbei an Hammerhai, Stachelrochen, Drachen und allem weiteren Getier? – Es kann nicht gutgehen und es geht nicht gut und der König weiß es. Der tiefunterste Grund dürfte dem Dunkel der königlichen Seele sehr verwandt sein, und diesem Dunkel entkommt niemand, es sei denn, man hat eine Hilfe wie Daniel in der Löwengrube und im Feuerofen. Aber dahinein ging jener nicht freiwillig. Er versuchte seinen Gott nicht. Auch nicht die Götter (die das Christentum ausgerottet hat, obwohl sie zum Teil den Engelebenen entsprechen).

Das ist für mich eine Lehre, die mir diese Ballade vermittelt: Es ist falsch, dem dunklen König nicht Widerstand zu leisten, es ist falsch, sich seiner Willkür zu beugen. Und der scheinbare Mut, den der Edelknecht aufbrachte, den hätte er wie Ritter Delorges einsetzen sollen. Als jener nämlich den Handschuh von Fräulein Kunigunde, der ihr ach so aus Versehen in die Arena zwischen all die Löwen, Tiger und Leoparden fällt und den sie ihn als Liebesbeweis aufforderte zurückzuholen, ihr bringt, gibt er ihn nicht mit einem Lang lebe Kunigunde zurück, sondern wirft ihn ihr ins Gesicht und betont, dass er auf ihren Dank verzichte.

Schiller hat die Ballade Der Handschuh Goethe gegenüber als Nachstück zum Taucher bezeichnet, Goethe aber hat sehr wohl erkannt, dass sie mehr nur ist, dass sie, gerade wegen ihres Schlusses, ein Gegenstück ist und hat sie auch als solches bezeichnet und ihr damit den gebührenden Respekt gezollt.

Es ist wichtig, falls wir als Menschen mutig sein können, dass wir diesen Mut, diese Herzkraft nicht dazu verwenden, dunklen Königen zu imponieren oder wie auch immer auf sie hereinzufallen, sondern sie als die dunklen Könige dieser Welt zu entlarven.

Schillers große Ballade ist auch ein Meisterwerk der Dichtkunst: Da sind die so eindrücklichen Alliterationen in Und hohl und hohler hört man’s heulen, die häufigen polysyndetischen Reihungen, z B. in Und es wallet und siedet und brauset und zischt, die zahlreichen so nachdrücklich wirkenden Polyptota wie in Flut auf Flut, von Mund zu Mund, von Well auf Well oder wenn ein Meer noch ein Meer gebären will; gleiches gilt für die vielen Metaphern der Tiefe, wenn vom Trichter die Rede ist und vom Schlund, von der strudelnden Wasserhöhle, dem furchtbaren Höllenrachen, vom Grab und finstern Schoße, von purpurner Finsternis, trauriger Öde und grässlicher Einsamkeit. Vieles ließe sich noch aufzeigen, was Schiller als absoluten Meister seines Faches ausweist. Es mag im Übrigen sogar sein, dass ihm selbst die Wassersymbolik gar nicht bewusst war und es könnte ihm gegangen sein wie Goethe, der einmal äußerte, er müsse sich von Schiller immer mal wieder erklären lassen, was er da eigentlich geschrieben habe.

Gott sei Dank ruhen in den Tiefen der Seele nicht nur die Untiefen eines dunklen Königs, sondern auch solche Schätze; beides wohl in fast jedem Menschen durchaus dicht nebeneinander. Dies wissen zu dürfen – auch durch diese Ballade – ist so wertvoll, denn das Dunkel gehört zu uns wie der leuchtende Becher. Beides macht uns Menschen aus.

Das eine gäbe es ohne das andere nicht.

Durch unser Bewusstsein können wir beides für unsere Entwicklung fruchtbar machen. Deshalb dürfen wir jenen, die zu diesem Bewusstsein durch ihr künstlerisches Schaffen beitrugen, wirklich dankbar sein.

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Versuchung des Heiligen Antonius – Mittelteil des Triptychon

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Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere
Tiefenstruktur hineinwirken. – Mehr unter diesem LINK

 

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