“Komm du, du letzter, den ich anerkenne, / heilloser Schmerz im leiblichen Geweb“! – Rilkes letzte Zeilen offenbaren einen unglaublichen Bewusstseinswandel.

Es kann ein sehr schmerzvoller Weg sein vom literarischen Tod zum wirklichen Tod. In seinen letzten Zeilen ist Rilke – so habe ich lange gedacht – ihn nicht gegangen, den heillosen Schmerz hat er anerkannt, den Tod nicht.

Man könnte sagen, so zu differenzieren sei sophistisch, zwischen heillosem Schmerz und Tod sei letztendlich kein Unterschied. Wenn da nicht vier gestrichene Zeilen wären, die Rilke eine Zeitlang dem letzten Vers Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt folgen lassen wollte. Diese dann gestrichenen Zeilen hätten das Gesagte seiner Schärfe beraubt. Lesen Sie selbst:

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:
wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne
in dir; das Holz hat lange widerstrebt,
der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,
nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir.
Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen
ein Grimm der Hölle nicht von hier.
Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg
ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen,
so sicher nirgend Künftiges zu kaufen
um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.
Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?
Erinnerungen reiss ich nicht herein.
O Leben, Leben: Draussensein.
Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt.

Verzicht. Das ist nicht so wie Krankheit war
einst in der Kindheit. Aufschub. Vorwand um
grösser zu werden. Alles rief und raunte.
Misch nicht in dieses was dich früh erstaunte

Niemand wird Rilke scheel anschauen, dass er auch in den endgültigen 16 Zeilen den Tod nicht benennt; wer könnte sagen, dass es ihm nicht selbst auch schwer fiele!

Mitten im Leben zu stehen und gekonnt literarisch über den Tod zu schreiben, das kann nicht jeder, aber es kann, wenn es einer denn kann, echt überzeugend sein. Ich denke da an Markus Zusaks Roman Die Bücherdiebin (wer das Buch nicht lesen mag, der Film ist jede seiner Minuten wert) und sein absolut gelungenen Beginn, in dessen Rahmen der Tod als Erzähler auftritt und seine Arbeit vorstellt.  Oder ich denke an Rilke selbst und seinen Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, der schon so bezeichnend beginnt:

So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest.

Nur wenige Seiten später findet sich eine Passage, in der der Ich-Erzähler über das Hôtel-Dieu von Paris schreibt, ursprünglich eine Pilgerherberge, nun ein Armen-Hospiz zum Zwecke des fabrikmäßigen Sterben, wie es heißt:

Es wäre sehr häßlich, hier krank zu werden, und fiele es jemandem ein, mich ins Hôtel-Dieu zu schaffen, so würde ich dort gewiß sterben […]

Dieses ausgezeichnete Hôtel ist sehr alt, schon zu König Clodwigs Zeiten starb man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten gestorben: Natürlich fabrikmäßig. Bei so enormer Produktion ist der einzelne Tod nicht so gut ausgeführt, aber darauf kommt es auch nicht an. Die Masse macht es. Wer gibt heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod? Niemand. Sogar die Reichen, die es sich doch leisten könnten, ausführlich zu sterben, fangen an, nachlässig und gleichgültig zu werden; der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird immer seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben. […] man stirbt den Tod, der zu der Krankheit gehört, die man hat (denn seit man alle Krankheiten kennt, weiß man auch, daß die verschiedenen letalen Abschlüsse zu den Krankheiten gehören und nicht zu den Menschen; und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun).

Der Beginn der folgenden Passage will etwas makaber anmuten, wenn man weiß, dass Rilke 51-jährig in einem Sanatorium starb:

In den Sanatorien, wo ja so gern und mit soviel Dankbarkeit gegen Ärzte und Schwestern gestorben wird, stirbt man einen von den an der Anstalt angestellten Toden; das wird gerne gesehen. Wenn man aber zu Hause stirbt, ist es natürlich, jenen höflichen Tod der guten Kreise zu wählen, mit dem gleichsam das Begräbnis erster Klasse schon anfängt und die ganze Folge seiner wunderschönen Gebräuche. Da stehen dann die Armen vor so einem Haus und sehen sich satt. Ihr Tod ist natürlich banal, ohne alle Umstände. Sie sind froh, wenn sie einen finden, der ungefähr paßt. […]

Früher wußte man (oder vielleicht man ahnte es), daß man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen großen. Die Frauen hatten ihn im Schoß und die Männer in der Brust. Den hatte man, und das gab einem eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz.

Meinem Großvater noch, dem alten Kammerherrn Brigge, sah man es an, daß er einen Tod in sich trug. Und was war das für einer: zwei Monate lang und so laut, daß man ihn hörte bis aufs Vorwerk hinaus.

[…]. Christoph Detlevs Tod, der auf Ulsgaard wohnte, ließ sich nicht drängen. Er war für zehn Wochen gekommen, und die blieb er. Und während dieser Zeit war er mehr Herr, als Christoph Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein König, den man den Schrecklichen nennt, später und immer. Das war nicht der Tod irgendeines Wassersüchtigen, das war der böse, fürstliche Tod, den der Kammerherr sein ganzes Leben lang in sich getragen und aus sich genährt hatte. Alles Übermaß an Stolz, Willen und Herrenkraft, das er selbst in seinen ruhigen Tagen nicht hatte verbrauchen können, war in seinen Tod eingegangen, in den Tod, der nun auf Ulsgaard saß und vergeudete.

Wie hätte der Kammerherr Brigge den angesehen, der von ihm verlangt hätte, er solle einen anderen Tod sterben als diesen. Er starb seinen schweren Tod.
(Hier gibt es die ganze Passage, ungekürzt.)

Ob Rilke so geschrieben hätte, wenn er um seinen eigenen bösen Tod gewusst hätte? Und war er wirklich böse wie jener des Kammerherren? Ich glaube nicht, aber das ist mir erst spät gedämmert.

Auch in Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke gestaltet unser Autor einen rauschhaft-dionysisch überhöhten Kriegstod, ebenso, wie manche Zeilen aus dem Stundenbuch noch recht literarisch klingen, was den Tod betrifft, und fern des Bewusstseins eines möglichen eigenen.

Mit ablaufendem Stundenglas und zunehmendem Alter veränderte sich Rilkes Sicht; immer weniger leicht tat er sich mit dem Tod, immer bewusster sprach und schrieb er von ihm, ich denke an jene Zeilen des neunten Sonetts aus dem ersten Teil der Sonette an Orpheus:

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.

Ganz zu schweigen von Versen aus den Duineser Elegien wie jenen der zehnten, aus denen man, 1922 zuende geschrieben, schon glaubt, ein Bewusstsein zu erspüren, welches das eigene schwer Los schon bearbeiten möchte:

Dass ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.
Dass von dem klar geschlagenen Hämmern des Herzens
keiner versage an weichen, zweifelnden oder
reißenden Saiten […]

Über den Tod zu schreiben und zu sprechen und ihm doch aber näherzukommen, ja ihm zu begegnen, dieser Unterschied macht betroffen. Ich muss dabei an meinen Vater denken, einen sehr religiösen Menschen, der in der Brüdergemeinde sogar Andachten hielt und  des Öfteren über den Tod Jesu und den Tod überhaupt gesprochen  haben mag. Aber mit dem Sterben tat er sich ungeheuer schwer, was mich damals bestürzte, mir sehr zu denken gab. Ich habe seine Angst gespürt, seine Beklemmung, sein Klammern am Leben, wie er so wochenlang dalag. Bis heute geht es mir nicht aus dem  Sinn, wie er, dem Tod geweiht, das Leben nicht loslassen konnte. Nachvollziehen kann ich es mittlerweile allemal, auch, weil ich erkannt habe, wie wenig Christ sagen und Christ sein miteinander zu tun haben können (viel zu oft glaube ich diesen Unterschied bei Menschen mittlerweile zu spüren).

Deshalb verstehe ich auch Rilke. Er war auf seine Weise ein Gott Suchender – Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal / in langer Nacht mit hartem Klopfen störe […] -, sehr ehrlich und – so möchte ich etwas provokativ sagen – fast mehr Muslim als Christ, denn sein Verhältnis zum Sohn Gottes war mehr als problematisch; seine Gedichte über Christus, Christus-Visionen überschrieben, in denen er zum Beispiel Jesus auf dem Prager Judenfriedhof auftauchen (Jehova – weh, wie hast du mich mißbraucht) oder ihn als Narr einem Mädchen das Kleidchen zerfetzen lässt, geben darüber Aufschluss. Sie  hätten Allah, wie sie im Grunde Christus denunzieren, durchaus, könnte ich mir vorstellen, gefreut, der im Koran, ihm einen Sohn unterstellen zu wollen, unter Strafe stellt. Der Islam kennt keinen Sohn, damit auch keine Entwicklung. – Der Vater. Allah. Mehr soll nicht sein.

Rilke nun lässt, wie der Islam ja auch, die Existenz von Jesus immerhin zu, differenziert aber nur sehr ungenau zwischen Jesus und Christus, offensichtlich die Bedeutung von Jesus als Christusträger nicht verstehend, für mich bezeichnend, war Jesus doch ein Mensch und nicht – so sehe ich es – von vornherein  Christus, sondern er nahm den Sohn Gottes während der Taufe durch Johannes im Jordan auf, was die Stimme seines Vaters im Moment der Taufe bestätigt: Dies ist mein lieber Sohn. Drei Jahre trug der physische Jesus den Sohn Christus bis nach Golgatha. – Verstanden hat Rilke vermutlich nicht, warum das Christentum seinen Sinn im Sohn findet, der erst ab der Johannes-Taufe eins mit Christus ist.

Wenn da nicht Anklänge in seinen letzten Zeilen wären, die mich schlicht frappieren – dazu später mehr.

Rilke hat vielfach in Briefen über die Schmerzen der letzten Wochen geschrieben und nicht zurückgehalten, deren übergroßes Ausmaß zu beschreiben. Doch trug er ihn wohl tapfer, wie wir einem Brief an Professor Jean Rudolf von Salis, der ihn 1924 noch in Muzot besucht hatte und 1936 das berühmte Buch über Rilkes Schweizer Jahre verfasste, entnehmen können.

Nicht von ungefähr beginnen die letzten 16 Zeilen dieses großen Dichters  mit der Anrede an den Schmerz, den Rilke wie einen Freund, ja fast wie einen Geliebten anspricht – für mich gehören die ersten beiden Zeilen mit zu den eindrucksvollsten in Rilkes gesamtem  Schaffen – , wobei man wissen muss, dass der Dichter erst kurz vor seinem Tod, wenn ich recht informiert bin, nach vielen Sanatorienaufenthalten und zahlreichsten Arztbesuchen erfuhr, dass er an einer besonders schweren und unheilbaren Form von Leukämie litt. Und wie er litt! Rilke starb am 29. Dezember 1926. Sein Ende war qualvoll. Pusteln hatten die Schleimhäute befallen und brachen immer wieder auf und bluteten, so dass Rilke kaum trinken konnte.

ROLLEIUnwillkürlich muss ich daran denken, wie sehr Jesus, den Rilke in gewisser Weise so verachtete, an seinem Holz dürstete, so dass er sagte: Mich dürstet!

Auch Rilke litt großen Durst und auch er spricht immer wieder vom Holz, damit seinen Körper meinend: das Holz hat lange widerstrebt.

Mir kommen jene Verse in den Sinn, die Rilke im Spätherbst 1925 entwarf und die als Epitaph, als Grabspruch gedacht waren und auch heute noch auf dem sehr verwitterten Grabstein stehen:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Die Rose, die mitten aus dem Kreuz hervorwächst, ist das Symbol der Rosenkreuzer, begründet von Christian Rosenkreutz; auch Goethe war ein Rosenkreuzer, was in seinem Fragment Die Geheimnisse – ich habe hier darüber geschrieben – deutlich wird, wenn es heißt: wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?

Doch Rilke war in seinem Leben trotz all der Séancen und spiritualistischen Aktivitäten, unter anderem im Haus der Gräfin Marie von Thurn und Taxis, weit davon entfernt, diese Bedeutung zu verstehen, verstehen zu können, symbolisiert doch das Kreuz die Überwindung der Materie durch den Geist, durch Christus, durch das Geschehen auf Golgatha; ja, entgegen den landläufigen christlichen Ansichten in Bezug auf Materie heiligt das Kreuzesgeschehen diese; denn nur dadurch konnte die Rose aus dem Holz des Kreuzes hervorwachsen! Nur durch das Physisch-Werden von Christus in Jesus konnte der Geist als Ursache alles Materiellen begriffen werden. Alles Physische, alles Materielle ist eine Schöpfung Gottes – und damit ureigentlich göttlich. Das genau macht ja den Weg des Menschen aus. Er mag für alle Zeiten einzigartig im Kosmos sein.

Das Wort ward Fleisch, heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums; damit erfuhr die Materie, die Physis eine Heiligung, wie sie meines Erachtens das Christentum bis heute nicht wirklich in ihrer Bedeutung nachvollzogen hat.

Rilke hat in seinem Werk, wie angesprochen, vielfach über den Tod geschrieben. Nur hier, in diesem Gedicht spricht er das Wort nicht aus. Es ist von der Hölle die Rede, von Schmerzen, von höllischen Schmerzen, nicht von dem Tod!

Dennoch verwundert, dass er von Mildsein spricht. Wenn man solche Schmerzen hat, kann man dann milde gestimmt sein?

Offensichtlich. Etwas in ihm hat sich verändert. Er ist auf dem Weg dahin, den Tod, das Verbrennen des Holzes, das Verbrennen des sterblichen Menschen zu akzeptieren. Davon schreiben tut er nicht. Scheinbar.

Wie einst sein dichterischer Geist immer wieder brannte, ja loderte, so brennt nun sein Körper, er verbrennt, er ist – wie das Holz für das Feuer – Nahrung für den Schmerz. Lange, so schreibt Rilke, wollte sein Körper nicht diese Nahrung sein; nun hat er zugestimmt: Rilke sagt ja zu unendlichem Schmerz.

Der Dichter hat, so macht ein Brief an Lou Andreas-Salome deutlich, Krankheit immer als Ausnahme und schon wieder Rückweg ins Freie gesehen. An Tod hat er nicht gedacht, nicht im seinem, im eigenen Zusammenhang. Nun aber steigt er Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft auf den Scheiterhaufen, der zwar wirr ist, mithin ihn durchaus verwirrt, doch wissend, dass er nichts mehr kauft, dass sein Herz keinen Vorrat an Leben mehr hat.

Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?

Dieses Brennen auf dem Scheiterhaufen löst vielleicht nicht das eigene Ich auf (falls
man es hat – eigentlich hat man es nur durch Jesus: unser Personalpronomen I-CH umfasst bezeichnenderweise  die Initialen von J(esus) Ch(ristus) – , aber die Schmerzen lösen alle Vorstellungen von dem, was einst dieses Ich ausmachte, auf. Vergangenes wie z.B. Erinnerungen zählen nicht mehr, sie lassen sich nicht hereinreißen, nicht in dieses Inferno integrieren. Leben, wie wir es üblicherweise definieren, findet nur noch draußen statt, nicht mehr in dieser Lohe.

Niemand kann sich das vorstellen, niemand kennt diesen Rainer Maria Rilke mehr, der da brennt.

Wer auf diese Weise stirbt, stirbt einen Tod, den niemand wirklich nachvollziehen kann.

Vielleicht stirbt Rilke hier jenen Tod, den er Jesus am Kreuz Zeit seines Lebens verweigerte.

Rilke wusste vermutlich nichts von den sieben Stationen des christlich-gnostischen Weges, also von Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, Kreutragung und Kreuzigung, mystischem Tod, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Es ist ein Weg der inneren Schulung, er umfasst Stufen, die das persönliche Ich hin öffnen zum kosmischen Bewusstsein des Christus. Keineswegs wird das Ich hier aufgelöst, wie manche glauben, sondern das mikrokosmische Ich und der makrokosmische Logos, wie der Sohn Gottes auch genannt wird, sind eins. Das meint die Bibel mit dem siebten Schöpfungstag.

Warum ich das anspreche: Auf der Stufe der Kreuztragung und Kreuzigung lernt der Mensch, seinen Körper wie von außen zu sehen, in gewisser Weise tritt er ihm fremd gegenüber, er sieht, was jener leistet, wie er leidet. Er sieht das Holz, er sieht das Fleisch. Rilke sieht es brennen.

Mich hat das total verblüfft, als mir bewusst wurde, dass Rilke hier im Grunde in seinem Versen mit seinen Worten beschreibt, wie man kaum angemessener die vierte Stufe dieses Weges der Einweihung, wie man diesen Weg in Rosenkreuzer- und ähnlich auch in Freimaurerkreisen zumindest früher nannte, erfasst. Er spricht sein leibliches Geweb an, sieht sich brennen im Schmerz, eine Qual. Er kommentiert gleichsam das Geschehen, dass das Fleisch lange Widerstand geleistet habe; nun stimmt es der verzehrenden, tödlichen Flamme, dem Tod zu. Bewusst sagt er ja, dass sein Fleisch Nahrung ist dieser Flamme. Aber spürbar ist gleichzeitig die Distanz in den Worten, fast unfassbar, dieses innere Gestimmtsein. Rilke nennt es Mildsein. Dieses Mildsein sagt ja zum Verzicht auf Leben, auf diesen Vorrat, der uns Menschen so wichtig ist.

Rilke weiß, dass wohl kaum jemand seinen inneren Zustand nachvollziehen kann. Wer diese Prüfung, die Qualen, den eigenen Körper auf diese Weise zu erleben, nicht selbst erfahren hat, kann diesen Zustand nicht kennen.

Ich glaube zu ahnen, dass Rainer Marie Rilke im Tode zu jenem Bewusstsein fand, dass er früher in der Gestalt von Jesus und dessen Mission literarisch ablehnte. Nun sieht er sich selbst das Holz, sein eigen Holz, sein Fleisch hingeben, sein Kreuz nach Golgatha tragen. 

Welch ein Gewinn!

 

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5 Antworten zu “Komm du, du letzter, den ich anerkenne, / heilloser Schmerz im leiblichen Geweb“! – Rilkes letzte Zeilen offenbaren einen unglaublichen Bewusstseinswandel.

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    hallo johannes, das ist eine interessante auseinandersetzung mit dem thema tod (und rilke sowieso). das sieht nach viel (gedanken-und recherche-)arbeit aus. danke fürs vorstellen. (ich bin allerdings nicht durch den ganzen text gekommen, er ist für mich zu lang, um ihn auf einmal am rechner zu lesen, ich werde ihn nach und nach lesen.) danke schon mal fürs vorstellen und besprechen. ich wünsche dir ein erfrischendes wochenende mit viel sonne und inspiration. liebe grüße von der wolkenbeobachterin.

    • Liebe Wolkenbeobachterin,

      danke für Deinen ehrlichen und lieben Kommentar. Natürlich freue ich mich, wenn Du den Beitrag zu Ende liest, weil ich finde, dass er gerade am Schluss in Bezug auf Rilke richtig aufschlussreich wird (falls ich das richtig sehe, was ich schreibe).

      Ja, ich weiß, der Beitrag ist echt anspruchsvoll; ich hab eben auch viel komprimiert, weil er sonst gar keine Chance hat, gelesen zu werden :-) Aber ehrlich gesagt, ist mir das nicht so wichtig, weil ich meistens schreibe, wenn mir was auf der Seele brennt. Und das ist dann für mich. Wenn dann jemand Anregungen darin findet, finde ich das natürlich klasse. Ich schreibe ja auch für Mitmenschen, die nicht die Zeit und Lust haben, sich mit Rilke oder einer gnostischen Einweihung intensiver zu beschäftigen, die es aber dennoch interessiert; ich hole mir ja auch gern bei Anderen Anregungen.

      Apropos viel Sonne: Ich bin heute schon im Bad Kissinger Rosengarten gesessen und habe mir eine Portion Sonne und zwei Portionen Rosenduft geholt – eine davon kriegst Du jetzt zugeschickt :-)

      Liebe Grüße von
      Johannes

      • wolkenbeobachterin schreibt:

        danke dir sehr für dein rosengeschenk, lieber johannes. das berührt mich, danke. <3 :-)
        zum lesen komme ich an einem anderen tag wieder her. der text ist anspruchsvoll, das ist gut so! mir ist er nur zu lang um ihn am stück zu lesen, deshalb lese ich in etappen.
        hab einen erfrischenden sonntag. herzliche grüße vom blog nebenan.

  2. Volker Hansen schreibt:

    .. Heute bin ich auf das Gedicht gestoßen und auf den Kommentar gestoßen. Das alles ist tief berührend. Wer sind Sie? Ist Rosenkreuz was Esoterisches, also unangenehm Übergriffiges? (In Ihrem Text finde ich leider ein Primat des Geistes über die Materie anstatt der Einheit.)

    • Die Rosenkreuzer sind eine Vereinigung von Menschen, die den mystischen Aspekt des Glaubens besonders ernst nehmen und einem Christentum fernab von einer in Dogmen erstarrten Religiosität zugetan sind. Da der Begriff nicht geschützt ist, gibt es weltweit mittllerweile zahlreiche rosenkreuzerische Bewegungen, deren zentrales Symbol ein schwarzes Kreuz ist, um dessen Mitte sieben rote Rosen angeordnet sind. Goethe (vielleicht auch Herder) war Rosenkreuzer; er schrieb eine entsprechende Schrift („Die Geheimnisse” https://bit.ly/2TtevxM ), die Fragment geblieben ist. Die Rosenkreuzerbewegung geht, wenn ich mich recht entsinne, auf einen protestantischen Theologen des 17. Jahrhunderts, Johann Andreae Valentin, zurück, der meines Wissens drei Manifeste verfasste. – Mit trivialer Esoterik hat das nichts zu tun, viel eher mit der Auffassung, dass das Johannes-Evangelium einen Weg der Einweihung zu wahrem Glauben beinhaltet. Ursprünglich strebten die Rosenkreuzer keine Öffentlichkeit an, weil sie sich dessen bewusst waren, dass die tiefe ursprünglich Religiosität des Christentums, die sie anstreben die Menschen leider heillos überfordert. Wer aber möchte, findet schon zu den wahren Quellen; für halblebig Suchende ist das eigentliche Christentum nicht geeignet. Das hat eine sich allen anbiedernde Kirche vergessen, auch, weil es kein Geld bringt.
      Wenn man so will, ist Materie Geist in verdichtetster Form, so dicht, dass Menschen a là Sisyphos einen Stein nach oben wälzen, statt Geist zu bewegen, weil sie ihn in der Materie nicht mehr finden. Ich teile die Ansicht des Dhammapada („Alle Dinge entstehen im Geist, / Sind unseres mächtigen Geistes Schöpfung.”) und des Johannes-Evangeliums („Im Anfang war das Wort”), dass im Ursprung alles Geist war – https://bit.ly/2OQqZAK.
      Ich selbst bin Lehrer im Ruhestand, und da ich finde, dass unsere Kultur unendlich wertvolle Schätze enthält, die in Vergessenheit zu geraten drohen, schreibe ich, u.a. hier, und habe begonnen, auch Videos zu der Thematik zu gestalten https://bit.ly/31CQh6S

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