„Du stemmst dich entgegen; / sie gewinnt das Gefecht.“ – Epimetheus, ein Loser? (aus Goethes „Pandora“)

G E F Ä H R L I C H E  L I E B E
 .
Der Seligkeit Fülle, die hab‘ ich empfunden!
Die Schönheit besaß ich, sie hat mich gebunden;
Im Frühlingsgefolge trat herrlich sie an.
Sie erkannt‘ ich, sie ergriff ich, da war es getan!
Wie Nebel zerstiebte trübsinniger Wahn,
Sie zog mich zur Erd‘ ab, zum Himmel hinan.
.
Du suchest nach Worten, sie würdig zu loben,
Du willst sie erhöhen; sie wandelt schon oben
Vergleich ihr das Beste, du hältst es für schlecht.
Sie spricht, du besinnst dich, doch hat sie schon recht.
Du stemmst dich entgegen; sie gewinnt das Gefecht.
Du schwankst, ihr zu dienen, und bist schon ihr Knecht.
.

Das Gute, das Liebe, das mag sie erwidern.
Was hilft hohes Ansehn? sie wird es erniedern.
Sie stellt sich ans Ziel hin, beflügelt den Lauf;
Vertritt sie den Weg dir, gleich hält sie dich auf.
Du willst ein Gebot tun, sie treibt dich hinauf,
Gibst Reichtum und Weisheit und alles in den Kauf.

Sie steiget hernieder in tausend Gebilden,
Sie schwebet auf Wassern, sie schreitet auf Gefilden,
Nach heiligen Maßen erglänzt sie und schallt,
Und einzig veredelt die Form den Gehalt,
Verleibt ihm, verleiht sich die höchste Gewalt.
Mir erschien sie in Jugend-, in Frauengestalt.


Die vier Strophen entstammen einem Dialog zwischen Prometheus und Epimetheus in Goethes Fragment gebliebenem Werk Pandora. Prometheus hatte ja seinen Bruder vergeblich vor Pandora gewarnt. Dieser hatte das Gefäß, das jene mitbrachte, geöffnet und alles Leid der Welt, das dieses enthielt, war aus ihm gewichen. Nur die Hoffnung verblieb noch darin. Die allerdings sagt in Goethes Fragment zu allem nur „Ja, Ja“ und ist wenig hilfreich.

Die Verse machen deutlich, wie heillos hingegeben Epimetheus – übersetzt bedeutet er >Der Nachdenkende< – auf das Werk des göttlichen Schmiedes Hephaistos hereinfiel, der Pandora auf Bitten von Zeus geschaffen hatte als Bestrafung für Prometheus und seine Menschen, die jener – übersetzt >Der Vorausdenkende< geschaffen hatte.

Pandora musste vielleicht Fragment bleiben, weil die beiden Gestalten, Epimetheus und Prometheus, menschliche Wesensanteile verkörpern, die zu vereinen der Menschheit bisher nicht gelungen ist; ja, sie hat nicht einmal ihre Bedeutung erkannt.

Prometheus ist derjenige, der sich gegen die Götter wehrt und gegen einen Zeus, der die Menschen klein und dumm halten wollte (die griechischen Götterdynastien wollen im Grunde immer Entwicklung verhindern). 
Er entspricht in gewisser Weise dem biblischen Kain, mit dessen Existenz die Menschen ja einen eigenen Weg gehen und nicht mehr den des gottesfürchtigen Abel. Kain ist der Mensch der Erdenwirklichkeit.

Wir alle sind auf dem Weg von Prometheus und Kain, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Manche treten, ganz im Materialismus aufgehend, auf der Stelle, manche entwickeln sich weiter.
Allerdings entwickeln unter Letzteren manche geistlos Neues, gleichgültig, ob die Menschen damit umgehen können oder nicht (wir denken an Atomkraft und Risiken der Genforschung), manche sind die ewigen Bedenkenträger, immer Epimetheus, immer über alles nachdenkend und über Gedanken nochmals nachdenkend – und dann nochmal.
Doch ist auch Epimetheus wichtig, muss er doch auch immer wieder den Prometheus, so er denn in uns ist, bändigen (in der Mythe tut dies Zeus, indem er Prometheus an den Felsen bindet).

Beide Gestalten versinnbildlichen die Reise des Menschen, deren Risiken und Gefahren eine weitere Mythe in der Gestalt des Odysseus, wie er zwischen Scylla (Prometheus) und Charybde (Epimetheus) hindurch muss, ohne ganz in dem einen oder anderen aufzugehen, zum Ausdruck bringt. 

Pandora jedenfalls ist ein faszinierendes Werk Goethes, in dem auch die Töchter des Epimetheus, Elpore (die Hoffnung) und Epimeleia (die Sorge, Goethe nennt sie die Sinnende) eine wichtige Rolle spielen; ihre Mutter eben ist Pandora, ein Kunstprodukt des Hephaistos. Von daher hat Epimetheus keine Chance, weder als Mann noch als Mensch. Ich leide mit ihm mit. Eigentlich war ich immer ein Prometheus-Fan; aber durch Goethes Blick auf ihn ist er mir richtig nahegekommen. – Bei Gelegenheit mehr zu ihm und zu Pandora, ein, wie ich finde, spirituell, das heißt, für die Entwicklung der Menschheit höchst aufschlussreiches Werk. Wenn man es liest, muss man sich Zeit lassen (es beginnt schon damit, wie unterschiedlich und doch so bezeichnend das Wohngehöft des Prometheus und des Epimetheus beschrieben sind), allerdings geht es über die Dimension eines Aktes auch nicht hinaus.

Schade, dass dieses Werk so wenig bekannt ist. Man sieht allerdings auch nur auf den zweiten oder dritten Blick, wie wertvoll es ist und auch wie kunstvoll geschaffen, was z.B. die reiche Metrik betrifft; sie zeigt, was für ein Könner Goethe war, auf der Form- wie auf der Inhaltsebene.

Bei Gelegenheit mehr dazu.
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