Ungezähltem Volk im Dunkeln / weist ein Sieger Sonnenwege. – Ostergedanken eines Christian Morgenstern

Wer Karfreitag durch die Augen eines Jesus gesehen hat, weiß, dass dieser Mensch zu Recht ein Überwinder genannt werden kann. Schließlich war schon Gethsemane für ihn eine harte Prüfung gewesen. Der ein oder andere wird die Erfahrung, die er machte, auch gemacht haben: in den schwersten Stunden ist der Mensch ganz allein. Oft hat er sein Schicksal sich selbst zu verdanken und erkennt das auch. Wie Jonas im Bauch des Wals, auf der Flucht vor dem Auftrag, nach Ninive zu gehen und den Menschen dort die Wahrheit zu sagen, landet man, wenn man solchen Auftrag blockt, in absoluter Finsternis.

Für all jene, die das kennen, hat Christian Morgenstern, jener Dichter, den die meisten nur mit seiner komischen Seite, z.B. seinen Palmström-Gedichten, in Verbindung bringen, einen Rat:

Überwinde! Jede Stunde,
die du siegreich überwindest,
sei getrost, daß du im Pfunde
deines neuen Lebens findest.

Stunde für Stunde gilt es zu überwinden. Zeit führt zum Ziel. Für wie viele war dieses Ziel nicht zugleich der Tod! Vergessen wir nicht, Morgenstern schrieb dieses Gedicht in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Und ich bin sicher, er ahnte, wovon er sprach. Wir denken ja bei solchen Worten auch an einen Bonhoeffer und eben all jene, denen das neue Leben nicht mehr auf der Erde beschieden war.

Dennoch, für uns Überlebende gilt: Jede überwundene Stunde zählt und hat Gewicht für ein neues Leben:

Jede Schmach und jede Schande,
jeder Schmerz und jedes Leiden
wird bei richtigem Verstande
deinen Aufstieg mehr entscheiden.

Umso tiefer der Schmerz, die Schmach, die Schande – eindrücklich und sicherlich sehr bewusst, wie Morgenstern mit den Alliterationen arbeitet und das anaphorische „jeder“ zur steigernden Bewusstwerdung einsetzt -, umso sicherer der Aufstieg.

Manche werden wissen, dass man das in entsprechenden Situationen nicht denken kann. Aber zumindest im Nachhinein machen die Worte Morgensterns deutlich, wie wertvoll im Grunde jede Minute war. Und für all die, die krank sind und vielleicht dem Tod ins Auge sehen, ist die dritte Strophe mehr als oberflächlicher Trost:

Ohne Erbschuld wirst du funkeln,
abermals vor Enkeln rege,
ungezähltem Volk im Dunkeln
weist ein Sieger Sonnenwege.

Das Urbild des Siegers finden wir gewiss auf Golgatha. Da hat jener Mensch, der den Geist der Sonne seit der Taufe durch Johannes in sich trug, jenen Weg gebahnt, der dem, der überwindet, den Weg als Sieger eröffnet. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denken wir an Odysseus, der, als er die Unterwelt besucht, erschreckt feststellen muss, dass er hier auch die großen Helden damaliger Zeit findet; damit hatte er ganz und gar nicht gerechnet; fast fluchtartig verlässt er diesen Ort. Mit Golgatha ist dieses Schicksal vorbei. Vorbei die Zeit, in der die großen Helden wie Siegfried  und Achill, obwohl sie doch imprägniert waren gegen den Tod, der eine durch sein Bad im Drachenblut, der andere durch sein Bad im Unterweltfluss Styx, dennoch verletzlich blieben, der eine im Rücken, der andere an der Ferse, wo ihn die Mutter beim Eintauchen hielt. Golgatha schließt diese Stellen. Deshalb die Bezeichnung von Jesus als „Heiland“, übersetzt, ein Ganz-Machender; heil bedeutet ganz, ganz geschützt.

Und noch etwas: Dieses Mysterium tilgt die Erbschuld des Menschen, dass er seine Freiheit, eigene Wege zu gehen, wie wir es von Adam und Eva, von Kain und Prometheus wissen, weiter zu sühnen hat. Viele sprechen von Schuld, ein Wort, das man ablehnen mag; es hat Bedrückendes an sich. Fest steht, wenn man es wie Morgenstern sieht – und ich schließe mich an -, dass dieser Weg, den Adam und Eva, Kain und eben wir alle gingen, die Gottheit zwingt, Mensch zu werden, in einen menschlichen Körper zu inkarnieren. Stellen wir uns vor, wir müssten bei vollem Bewusstsein in einer Schnecke leben, oder wie Kafkas Gregor Samsa in einem Käfer. Das ist kein Honigschlecken. Für Christus, den Logos, war es das nicht. Und das ist für mich in erster Linie nicht die Sicht der Kirchen, denen es nie gelungen ist, diese Sicht wirklich zu vermitteln: Das ist eine Sicht, die darum zu wissen glaubt, dass all die Völker früherer Zeiten nicht gesponnen haben, wenn sie an ihre Götter glaubten und von ihnen sprachen. Wie stolz sind wir auf unser hochmodernes Bewusstsein, wobei wir tunlichst verschweigen, dass  uns ein ganz entscheidendes verloren gegangen ist. Die nordischen Völker wussten darum, wenn sie von ihrer Götterdämmerung sprachen – wie sie Richard Wagner genial in seinem Ring der Nibelungen inszeniert hat -, also vom Verlust eines Bewusstseins, das um die Bedeutung jenseitiger Welten wusste und wie verwoben sie mit unserer waren, oder die Ägypter, wenn sie ihren Osiris sterben lassen mussten.

Diese Schuld – oder wie man auch immer unser Zutun zu diesem Verlust bezeichnen mag – ist vorbei. Deshalb beginnt die dritte Strophe mit: „ohne Erbschuld“. Mit der Auferstehung ist sie abgetragen.

Nach wie vor hat dieses Geschehen für Menschen wenig Relevanz; und die Zahl derer, die den drei österlichen Tagen Bedeutung beimessen, scheint immer geringer zu werden. Aber darin besteht eben unsere Freiheit. Wie schrieb schon  Camus über seinen Sisyphus: Wir müssen  uns ihn als einen glücklichen Menschen vorstellen. Immerwährendes Steineschieben als Glück . . .  – Christian Morgenstern hätte diese Ansicht gewiss nicht geteilt. Wolfram von Eschenbach wusste schon, warum für ihn der Gral ein Stein war: Das Herz des Menschen kann zum Steinerweichen hart sein oder eine unvorstellbare Kostbarkeit. Deshalb kann auch, wie uns Wolfram wissen ließ, nicht jeder diesen Gral sehen.

All das könnte uns Anregung sein, das nächste Ostern bewusster zu verbringen, beginnend mit den Augen Jesu, durch die wir an Karfreitag vom Kreuz herabblicken können, damit er vielleicht irgendwann durch unsere blicken kann.

Hier noch einmal das Gedicht in Gänze:

Überwinde! Jede Stunde,
die du siegreich überwindest,
sei getrost, daß du im Pfunde
deines neuen Lebens findest.

Jede Schmach und jede Schande,
jeder Schmerz und jedes Leiden
wird bei richtigem Verstande
deinen Aufstieg mehr entscheiden.

Ohne Erbschuld wirst du funkeln,
abermals vor Enkeln rege,
ungezähltem Volk im Dunkeln
weist ein Sieger Sonnenwege.

 

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