Geist für die Zeit – Zeit für den Geist. – Trithemius von Sponheims planetarische Geister der Zeiten und Hölderlins „Der Zeitgeist”. – Und was er uns bedeuten könnte.

Vielleicht sollte man vorausschicken, dass es unser Wort Zeitgeist noch nicht so lange gibt. Wir verdanken es Johann Gottfried Herder (1744-1803), jenem Mann, der, wenn es nicht einen Goethe gegeben hätte, den Deutschen wesentlich bekannter geworden wäre. Vielleicht aber war es seines Lebens wichtigste Aufgabe, Goethe in beider Straßburger Zeit auf den richtigen Weg zu lenken.

„Herder verwendet”, so schreibt der Schweizer Schriftsteller Lothar Kempter in seinen Ausführungen zur Frühgeschichte des Begriffes Zeitgeist, ”dieses Kompositum erstmals im dritten seiner ‚Kritischen Wälder‘, die er, fünfundzwanzigährig, 1769 herausgab. Im Blick auf die Geschichte des Geschmacks und der Kunst aus Münzen sprach er (…) vom „bleiernen Druck des Zeitgeistes“ . Es ist die erste Verwendung des Wortes im Werk Herders und die erste im deutschen Schrifttum überhaupt.”

Herder will allerdings den Begriff des Zeitgeistes nicht nur profan verstanden wissen, sondern überantwortet ihn sogar einer Bildungsaufgabe, wenn er jenen als geläutert aus dem Schoß der Zeiten kommen sieht und formuliert: „Seine ernste Mutter, die selbstdenkende Philosophie, hat ihn unterwiesen, und sein ernster Vater, der mühsame Versuch, hat ihn erzogen. Mit den Erfahrungen vergangener Zeiten dringt er in die folgenden Zeiten, herrschend und dienend. Der Weise gibt ihm nach, um zu rechter Zeit ihn zu lenken.”

Angesichts des heute herrschenden Zeitgeistes kann man sich nur verwundert die Ohren reiben. Herder jedoch erhofft sogar, dass der Zeitgeist ein Freund, ein Vorbote, ein Diener der Humanität werde und betont in der Vorrede zu einer Kulturgeschichte der Völker: ,,Nur durch den Geist, den wir in die Geschichte bringen, und aus ihr ziehen, wird uns Menschen- und Völkergeschichte nützlich”.

Man kommt nicht umhin festzstellen, dass mit dem Begriff „Zeitgeist” zu Beginn seiner Existenz ein hoher Anspruch verbunden war.

Herder wird es allerdings auch kaum entgangen sein, dass Goethe mittlerweile schon im ersten Teil seines Faust den gleichnamigen Protagonisten doch sehr realistisch gegenüber seinem Famulus Wagner formulieren lässt:

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

Es gibt offensichtlich einen Geist der Zeiten, bei dem Menschen, die Wagners aller Zeiten, ihre Wahrheiten gut aufgehoben wähnen, verkennend, dass ihr Geist nur ihre häufig ziemlich platten Meinungen spiegelt, mehr nicht.

Die Formulierung des großen Weimarers allerdings fordert förmlich dazu heraus zu fragen, ob es einen Geist der Zeiten gibt, der noch auf andere Weise zu verstehen ist, ob man also noch etwas anderes als Geist der Zeiten auffassen kann.

Tatsächlich ist es so, und eine der interessantesten diesbezüglichen Quellen finden wir bei einem Benediktiner-Abt namens Trithemius von Sponheim (1462-1516), der sich aus einfachsten Verhältnissen kommend und gegen den Widerstand seines Stiefvaters zu einem der geachtetsten Gelehrten seiner Zeit emporarbeitete und für seinen Kaiser – es war der Habsburger Maximilian I, der ihn so schätzte, dass er ihn gelegentlich an sein Hoflager nach Boppard einlud – 1508 ein Werk, überschrieben De septem intelligentiis verfasste, in welchem er jeweils einem von sieben Erzengeln, u.a. Oriphiel, Zachariel und Raphael, als planetarischem Geist eine bestimmte Zeit der Regentschaft des Weltenlaufs, genaugenommen 354 Jahre und vier Monate, zuordnete. Offensichtlich gibt es nicht nur Engel der Völker, wie wir sie im Alten Testament angesprochen finden, sondern auch Engel der Zeiten. Nach der Berechnung des Trithemius ist im Übrigen der Erzengel Michael Regent unserer Zeit, ein Tatbestand, der interessanterweise mit den diesbezüglichen Ausführungen des Anthroposophen Rudolf Steiner übereinstimmt, für den unsere Zeit ebenfalls die Michaels-Zeit ist, ein Umstand, dem er eine ganze Vortragsreihe widmete. Erstaunlich finde ich im Übrigen, dass Steiner in einem Vortrag im Herbst 1924 schon anmerkte: „Ehe denn der ätherische Christus von den Menschen in der richtigen Weise erfasst werden kann, muss die Menschheit erst fertig werden mit der Begegnung des Tieres, das 1933 aufsteigt.” Mit dem Tier ist Hitler vorausgesagt und der Begründer der Anthroposophie nimmt Bezug auf jenes, auf das bereits vor knapp 2000 Jahren der Apokalyptiker in seiner Offenbarung hingewiesen hat.

Nimmt man diese Quellen ernst, dann ist die Menschheit offensichtlich Kräften ausgesetzt, die einzubeziehen sie sich längst abgewöhnt hat – zu ihrem eigenen Schaden. Dichter wie Goethe, Novalis und Rilke schwammen hier eindeutig immer gegen den Strom dieses Zeitgeist-Vergessens, ebensosehr Hölderlin; das wird an vielen, unter anderem dem folgenden Gedicht, Der Zeitgeist überschrieben, deutlich, in dem es zu Beginn heißt:

Zu lang schon waltest über dem Haupte mir,
..Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!
Zu wild, zu bang ist’s ringsum, und es
……Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke.

Empfinden wir nicht auch heute so wie Hölderlin Ende des 18. Jahrhunderts? Trümmert und wankt nicht auch in unserer Welt so einiges, wir denken an die 65 Millionen Flüchtlinge auf dem Erdball und den Schrecken in Syrien, an den Possenreißer aus dem Weißen Haus, einen Putin, der nicht nur für den Geheimdienst arbeitete, sondern seiner Gesinnung nach wohl in diesem Leben immer ein Geheimdienstler bleiben wird (und wir wissen, dass für diesen Dienst Menschenleben nichts zählen), einen Erdogan und Assad und wie sie alle heißen, die  zu charakterisieren wir uns ersparen, und wie sehr sich Deutschland mit der Politik der letzten Jahre und einer Gesellschaft ohne Entwicklung und Perspektiven in einer Sackgasse befindet, zumal weitere Jahre der Mittelmäßigkeit und Ziellosigkeit merkelscher Provenienz bevorstehen!

Wie sehr weist im Gedicht Hölderlins dessen wiederholtes „zu” darauf hin, dass die Geduld mit dem Göttlichen ein Ende hat. Wenn eines der Lieblingsworte Hölderlins auftaucht, „ringsum”, gerade in diesem Zusammenhang, dann ist es ihm ernst. Da wird selbst ein Substantiv zum Verb, es trümmert. Ringsum, allüberall, „wohin ich blicke.”

Hölderlin empfand seine Zeit als eine Zeit totalen Umbruchs. Mehr, als wir heute zumeist noch wissen, stand damals für Deutschland auf der Kippe, bevor es dann doch  restaurativ zurückfiel. Der große Hölderlin-Kenner Bertaux schreibt über 1798:

Ende des Jahres besucht Hölderlin seinen Freund Sinclair in Rastatt, wo die schwäbischen Freiheitsfreunde, um Baz, den Bürgermeister von Ludwigsburg, gesammelt, eine Revolution in Württemberg planen. Der Helvetischen soll die Schwäbische Republik folgen. Dreifarbige Kokarden rot-gelb-blau, Flugschriften und Verfassungsentwürfe werden unter die schwäbische Bevölkerung verteilt. Hegel hat eine Flugschrift entworfen, die sich an das württembergische Volk richtet, zum Thema: „Der Zeitgeist, der gegenwärtige Geist der Zeit gleicht einem Strom, der alles mit sich fortreißt.” Man rechnet auf die Unterstützung der Französischen Republik. Auch für den Herzog von Württemberg ist offenkundig, daß das Komitee der schwäbischen Freiheitsfreunde nur den französischen Vormarsch erwartet, um den Freiheitsbaum aufzupflanzen. Doch paßt die Revolutionierung Süddeutschlands nicht in die Politik des französischen Direktoriums. Statt sich für die schwäbischen Revolutionäre einzusetzen, gibt General Jourdan am 16. März 1799 bekannt, daß alle revolutionären Bewegungen in Württemberg von der französischen Armee zu bekämpfen seien. Die Schwäbische Revolution findet nicht statt. Eine Schwäbische Republik wird es nicht geben.

Hölderlin scheint angesichts dieses ganzen doch sehr aufrührerischen Geschehens die Geduld zu verlieren. Wiederholt spricht er den Gott an, den er dezidiert Gott der Zeit nennt, und hier ist nicht Kronos gemeint, mit dem die Griechen mittels ihrer Ursprungsmythe ihre Landsleute wissen ließen, dass mit ihm ab jetzt das Chronometer tickt, sondern Zeus, den jenes Volk, allen voran Homer, so gern als Vater bezeichnete.
Und hat man die zweite Strophe noch nicht gelesen, klingen die Zeilen der ersten recht rebellisch, erinnern an den entsprechenden Tonfall aus Goethes Empörer-Hymne:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Und in diesem Ton geht es ja noch eine ganze Weile weiter.
Doch im Gegensatz zu Goethes Prometheus lässt uns das lyrische Ich Hölderlins an einer ganz anderen seelischen Verfassung teilhaben:

Ach! wie ein Knabe, seh‘ ich zu Boden oft,
..Such‘ in der Höhle Rettung von dir, und möcht‘,
….Ich Blöder, eine Stelle finden,
……Alleserschütt’rer! wo du nicht wärest.

Auch bei Goethe ist von einem Knaben die Rede, und zwar mehrfach – beim zweiten Mal in einer dem Duktus seiner Hymne entsprechenden ganz ungewöhnlichen Wortschöpfung:

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Ganz anders Hölderlin und sein lyrisches Ich, das am liebsten sich in einer Höhle verstecken möchte, sicher vor den Blicken Gottes. – Doch Höhle bedeutet ja zugleich Gehen nach tief innen. Kann man da einem Gott entgehen oder begegnet man ihm da nicht erst recht? – Höhlen sind ja auch bisweilen Stätten der Initiation.

Geduld ist, wie oben angesprochen, für Hölderlin offensichtlich nicht das Kriterium im Hinblick auf das Göttliche. Die folgenden Strophen werden zeigen, dass es ihm um eine, um seine veränderte Sicht im Hinblicken auf Gott geht, ein verändertes Verhältnis, das im Grunde ohne Vorankündigung sich schon in der folgenden Strophe zeigt:

Laß endlich, Vater! offenen Aug’s mich dir
..Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist
…..Mit deinem Strahl aus mir geweckt? mich
…….Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –

Gerade in der letzten Zeit bin ich Menschen begegnet, die intensiv auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, die Suche nach ihrer eigenen Göttlichkeit, wie sie ja auch im Christentum die Bibel schon in der Genesis dem Menschen zusichert, sind. Ich habe mich, um das religiöse Streben eines Menschen, dem ich begegnete, nachvollziehen zu können, Sri Aurobindo und der Mutter, also Mirra Alfassa, zugewandt, mit der Ersterer mehr als zwanzig Jahre in Pondicherry zusammenlebte und unter anderem in deren mehr als 5000 Seiten umfassenden Agenda gelesen, für mich ein manchmal ziemlich zweifelhaftes Vergnügen. In diesem Zusammenhang bin ich auf eine weitere noch lebende Mutter gestoßen – Mirra Alfassa starb 1973 -, und zwar Mutter Meera, nach eigenen Aussagen ein Avatar, wie das auch Aurobindo und die Mutter Mirra Alfassa für sich reklamierten und die – nimmt man ihr geistiges Wirken in ihrem Sinne ernst – auf dieser Ebene immer noch für die Erde tätig sind.

Ein Avatar ist für die meisten heute in erster Linie eine künstliche Person oder Grafikfigur des Internet,  doch ist er, seiner ursprünglichen Bedeutung gerecht werdend, eine übermenschliche geistige Wesenheit, deren einige immer wieder sich auf der Erde inkarnierten und inkarnieren, um deren spirituelle Entwicklung zu fördern. Jedenfalls wurde mir, als ich mich mit Mutter Meera beschäftigte, die in der Nähe von Limburg an der Lahn lebt, deutlich, dass es doch nicht wenige Menschen gibt – die öffentlichen Darshans dieser Frau werden von tausenden von Menschen besucht -, die sich einer intensiven Spiritualität zuwenden, so intensiv, dass sie vor einem Avatar öffentlich auf die Knie gehen und den Rücken beugen und sich bedingungslos dessen Einflüssen aussetzen. Seltsam, so ging es mir durch den Kopf, dass es keinen deutschen Avatar gibt und dass Christus, den übrigens Rudolf Steiner als den höchsten Avatar des Kosmos bezeichnete, in Mitteleuropa immer mehr in Vergessenheit gerät.

Zunehmend gibt es das Göttliche nur noch in einer erdkosmetisierenden Form, das heißt, einer, in deren Rahmen es dazu dient, Irdisch-Erdigem Sinn zu geben oder Attraktivität, es also ein wenig aufzuwerten, weil der Mensch von heute klammheimlich immer noch spüren mag, dass rein materialistische Erdfixierung den frühen seelischen Tod bedeuten könnte, auch wenn die Menschen trotz diesen Seelentodes noch vierzig oder fünfzig Jahre leben.

Offensichtlich muss das Göttliche dem Irdischen noch etwas unter die Arme greifen (bis die künstliche Intelligenz das übernimmt) und sei es, indem man anlässlich eines lukullischen Essens sagt: Das schmeckt ja göttlich. – Damit ist dann aber auch dem Göttlichen genug Tribut gezollt und es wird dann hoffentlich bereit sein, menschliches Leben über 9 oder 10 Dezennien gesund und munter zu ermöglichen.

Ein wenig mag dieses Beispiel klar werden lassen, welche Funktion dem Göttlichen noch zugestanden wird. Oder will jemand nicht wissen wollen, warum es so viele Kochshows im Fernsehen gibt – in den unterschiedlichsten Spielarten, u.a. auch, wenn Köche auf furchtbar aufregende Weise herausbekommen, ob Natürliches wirklich besser ist als Instant-Produkte -, Kochshows, welche die über die Jahrhunderte geistloser Erdenwirklichkeit müd gewordenen Sinne aufpäppeln, damit der Mensch wenigstens kurzfristig an Sinn-Volles glaubt.

Ich sehe dabei – ob ich will (oder eher nicht) – einen Johann Lafer vor mir, wie er sich in paraorgiastischer Weise einen Löffel Essen zuführt und kostet und kostet und kostet, verzückt von sich und dem, was sich da auf dem Löffel zelebriert, während alle Gäste im Studio und Hunderttausende an den Bildschirmen sich in seine Papillen hineinzwängen. um mit ihm zu spüren: Das ist er, das ist der Sinn des Lebens!

Hölderlin lebte zu einer Zeit, als die Fähigkeit der Menschen, dem Wort noch Sinn und Leben zu geben, in den letzten Zügen lag. Deshalb liegt eine so sanfte Wehmut über Goethes Italienischer Reise, weil da noch jemand unterwegs war, der dem Überschreiten eines Passes noch Sinn, einen tieferen symbolischen, zu geben vermochte, während wir heute mit 200 PS die Pässe glattbügeln und über sie donnern mit einer Gefühlsintensität, wie sie jener Turner Erich Kästners empfand, der auf der Loreley auf Händen stand, ein typischer Mann unserer Zeit, auf Felsen so turnend wie auf Frauen – kein Unterschied:

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Nicht von ungefähr setzt Kästner, wirkungsvoll unterstützt von einer Alliteration, Fee und Felsen parallel, um nicht zu sagen: gleich.

Ob Kästner, als er innerlich feixend diese Zeilen schrieb, Heines Loreley (Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten / das kommt mir nicht aus dem Sinn.), ein wenig auf die Schippe nehmen wollend, ahnte, wie sehr er der zeitgenössischen – und übrigens nicht nur männlichen – Gefühlsintensität ein literarisches Denkmal setzte, schließlich sind auch die Circen dieser Welt, heißen sie Heidi Klum oder wie auch immer, nur noch ein Schemen wirklicher Weiblichkeit, felsige Feen, die mit ihrem Astralkörper für viel Geld auf mediale Weise die Töchter dieses Landes dem Zeitgeist verhökern, Germanys next Topmodel.

Hölderlin setzt 1798 Zeus ein Denkmal, keinesfalls greift er ihn an. Noch ist er nicht bei seinem späteren Liebling Dionysos angelangt oder gar bei Christus, dem Friedensfürsten der letzten Jahre vor seiner Hölderlinturm-Zeit.

Nach 1798 wird er sich zunehmend und immer und immer wieder mit dem Dionysischen auseinandersetzen, jene Gefühlsintensität suchend, die der Grieche noch mit jenem Gott verband, der zu Unrecht von uns oft nur auf seine Männer wie Orpheus mordenden orgiastischen Begleiterinnen reduziert wird und im Zwefelsfall im Vollsuff unter irgendwelchen Reben liegt. Nein, Dionysos war jener Gott, dem sich in den dionysischen Mysterien die weihten, die zur Gefühlsebene der Erde wirklichen Zugang finden wollten und mit diesem Zugang auch jenen zu himmlischen Höhen.

Hölderlins Töne sind verinnerlichernder Natur:

Laß endlich, Vater! offenen Aug’s mich dir
..Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist
…..Mit deinem Strahl aus mir geweckt? mich
…….Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –

Wohl keimt aus jungen Reben uns heil’ge Kraft;
..In milder Luft begegnet den Sterblichen,
….Und wenn sie still im Haine wandeln,
……Heiternd ein Gott; doch allmächt’ger weckst du

Die reine Seele Jünglingen auf, und lehrst
..Die Alten weise Künste; der Schlimme nur
….Wird schlimmer, daß er bälder ende,
…….Wenn du, Erschütterer! ihn ergreifest.

Bemerkenswert ist, dass sich jener fast devote Ton der zweiten Strophe nicht mehr findet. Hölderlin wünscht Begegnung, eine Begegnung offenen Auges, und es ist, als ob der Strahl des Gottes den Menschen herrlich lebendig gemacht hat, zumindest zu machen beginnt, und das lyrische Ich, der Mensch also, darum wisse. Die letzte Zeile mag noch einmal eine Reminiszenz sein an Zeus, unter dessen Ägide ja alles trümmerte und wankte. Doch unverkennbar ist, er begegnet einem anderen Menschen, einem, der – die vorletzte Strophe lässt das erkennen – einen Dionysos schon im Herzen trägt, ja, einen allmächtigen Vater, dem Hölderlin wenige Jahre später in Christus begegnen wird, nachzulesen in Pathmos, Der Einzige und Friedensfeier.

Natürlich gäbe es zu diesen drei Strophen noch viel zu sagen. Jedes Hölderlin-Wort hat Gewicht und Gesicht, unter anderem natürlich auch jenes – sieht man von Partikeln ab – von ihm am häufigsten verwendete: „still”. Das Wortfeld der Stille findet sich in fast jedem seiner Gedichte, des öfteren mehrfach. Und sie prägt auch – wieder ist von ihr die Rede – die Begegnung des Menschen mit der heil´gen Kraft.

Hölderlins Zeilen lassen erspüren, wie wertvoll es ist, wenn der Mensch noch um Heiliges weiß, weiß, dass nicht ausschlaggebend ist, was der Mensch glaubt, dass er sei. Denn immer wieder begegnet er, wenn es gutgeht, einem Gott. Dann kann sich alles verändern.
Oder er begegnet dessen Gegenmacht. Dann kann sich ebenfalls alles verändern.

Der Geist unserer Zeit weiß nicht mehr, dass der Mensch in jedem Fall ergriffen wird, sei es durch einen Gott, der die reine Seele Jünglingen aufwecken will, sie eigentlich all jenen jungen Damen aufwecken will, die so gern Germanys next Topmodel sein oder von einem Bachelor ergriffen sein wollen. Oder eben von Dämonen, die das fernöstliche Denken Asuras nannte und nennt.

Ich vermute, Trithemius hat dem Erzengel Michael größere Chancen eingeräumt, unsere Erde zum Guten zu verändern, als dies geschehen ist. Vielleicht hat er nicht geahnt, mit welcher Urgewalt das Dämonische die Erde ergreift. Mittlerweile widmen ja sogar Sender wie N24 der Tatsache Sendezeit, wie sehr Hitlers Umgebung von Dunkel-Okkultem infiltriert war und Stern des Abgrundes, ein Buch, das vielen zu okkult-esoterisch sein wird, zeigt meines Erachtens dennoch recht glaubwürdig auf, dass Hitler auf eine Weise dämonisch besessen war, wie das der ein oder andere durchaus ahnen mochte, weil man sich sonst nicht erklären kann, wie dieser doch eigentlich unscheinbar wirkende Gefreite fast eine Welt aushebeln konnte und mit seinen Reden eine Wirkung erzielte, die nicht nachvollziehbar erscheint.

Hölderlin weiß um diese Kräfte. Ständig begegnen wir ihnen in seinem Werk.
Was er vielleicht noch nicht weiß, ist, dass es nicht nur darum geht, dass der Mensch ergriffen werde. Nein, er muss auch selbst ergreifen. Die Religion der Zukunft liegt nicht nur im Sich-ergreifen-Lassen, sondern auch darin, dass der Mensch ergreife. Erst in seinen Christus-Hymnen wird Hölderlin das bewusst.

Hier noch einmal in Gänze das bemerkenswerte Hölderlin-Gedicht, das, wie das ein oder andere von ihm auch, nicht in Licht-und-Liebe-Esoterik endet, die uns in Wahrheit vom Leben und damit auch dem Dunklen in uns abkoppelt. Schlimmer wird, so lesen wir, der Schlimme und wir erfahren, dass dies auch sein Gutes haben kann: „daß er bälder ende“. – Hoffen wir, ohne von dem Dunkel in uns ablenken zu wollen, dass dies für die Schlimmen dieser Welt, die so viele Unschuldige über die Erde treiben, gilt.

 

Zu lang schon waltest über dem Haupte mir,
   Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!
Zu wild, zu bang ist’s ringsum, und es
……Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke.

Ach! wie ein Knabe, seh‘ ich zu Boden oft,
..Such‘ in der Höhle Rettung von dir, und möcht‘,
.Ich Blöder, eine Stelle finden,
……Alleserschütt’rer! wo du nicht wärest.

Laß endlich, Vater! offenen Aug’s mich dir
..Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist
…..Mit deinem Strahl aus mir geweckt? mich
…….Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –

Wohl keimt aus jungen Reben uns heil’ge Kraft;
..In milder Luft begegnet den Sterblichen,
….Und wenn sie still im Haine wandeln,
……Heiternd ein Gott; doch allmächt’ger weckst du

Die reine Seele Jünglingen auf, und lehrst
..Die Alten weise Künste; der Schlimme nur
….Wird schlimmer, daß er bälder ende,
…….Wenn du, Erschütterer! ihn ergreifest.

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