Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest … Ricarda Huch und ihr Mut zum Hass – gegen eine scheinheilige Vergessenskultur.

.

Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in seinen Fängen,
Aber Gehaßtes gibt es auch,
Das er niemals entläßt
Bis zum letzten Hauch,
Was immer die Jahre verhängen.
Es gibt Namen, die beflecken
Die Lippen, die sie nennen,
Die Erde mag sie nicht decken,
Die Flamme mag sie nicht brennen.
Der Engel, gesandt, den Verbrecher
Mit der Gnade von Gott zu betauen,
Wendet sich ab voll Grauen
Und wird zum zischenden Rächer.
Und hätte Gott selbst so viel Huld,
Zu waschen die blutrote Schuld,
Bis der Schandfleck verblasste, –
Mein Herz wird hassen, was es haßte,
Mein Herz hält fest seine Beute,
Daß keiner dran künstle und deute,
Daß kein Lügner schminke das Böse,
Verfluchtes vom Fluche löse.

.

Es gibt eine Vergebens-Esoterik, gern auch aus der Ecke der Licht-und-Liebe-Fraktion, der man mit höchster Vorsicht gegenüberstehen sollte, denn sie wird betrieben von Menschen, die, bevor sie ihre Gefühle wirklich ausgelotet haben, schon vergeben.

Ricarda Huch (1864-1947), wohl einer der weisesten Frauen, die Deutschland je gesehen hat, zudem eine überzeugte Christin, gibt in obigem Gedicht Töne von sich, die so gar nicht passen wollen zu jemandem, der mit dem Buch „Luthers Glaube” ein Werk geschaffen hat, das fast auf jeder Seite eine Offenbarung enthält.

Hier in diesem Gedicht geht es ihr um die Verlogenheit, die in dem Schminken des Bösen steckt, um das Umschminken von Bösem in Gutes. Böse bleibt böse. Noch bis in die letzten Zeilen hinein bleibt Ricarda Huch unerbittlich. Selbst gegen göttliches Reinwaschen scheint sie sich zu stellen.

So viel ich weiß, hat Ricarda Huch dieses Gedicht 1947, in ihrem Todesjahr also, geschrieben, sie, die von Thomas Mann 1924 als erste Frau Deutschlands bezeichnet wurde und die als erste Frau 1926 in die Preußische Akademie der Künste einzog, um sie 1933 konsequent wieder zu verlassen.

Ganz wohl fühle ich persönlich mich angesichts der unerbittlichen Worte, die dem Hass das Wort reden, nicht. Noch in die Zukunft hinein – die Verwendung des Futurs dokumentiert das – legt sie sich fest. Die Rigorosität ihrer Aussage ist unverkennbar. Ich vermute, sie hängt zusammen mit dem, was sie über viele Jahre mit ansehen musste. Das hinterlässt gerade in einer so sensiblen Seele Spuren, und es mag sein, dass sie auch deshalb zu solchen Worten griff, weil sich andeutete, dass sich in Deutschland eine Kultur des Von-nichts-mehr-wissen-Wollens und Hinwegsehens andeutete, wir denken zum Beispiel daran, wer in Baden-Württemberg ein so respektierter Ministerpräsident werden konnte, auf den ein heute noch aktiver deutscher EU-Kommissar, Günther Oettinger, eine mehr als umstrittene Trauerrede hielt: Hans Filbinger, der als Richter der Kriegsmarine vier Todesurteile beantragt oder gefällt hatte

Dass diese Frau ein großes Herz hatte, wissen wir, und wie ein Löwe auch zu sein vermag und was das Video dokumentiert, das wusste sie. Sie war eine leidenschaftliche Frau mit ehrlichen Gefühlen. Deshalb nur hatte sie ein großes, großes Herz, so wie jener Löwe …

.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter über unsere Seele, Fülle des Lebens, Gedicht, unsere Gesellschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest … Ricarda Huch und ihr Mut zum Hass – gegen eine scheinheilige Vergessenskultur.

  1. Silberperlen schreibt:

    R.H. bezieht Stellung – ungekünselt und nicht zu erweichen.
    Wir wissen nicht, was sie veranlasst hat diese Worte zu schreiben und kennen die Intensität des ‚Hasses‘ nicht, der sich selbst und andere verbrennen kann – was auch ‚Böse‘ oder Zerstörerisch ist.
    Je älter ich werde, desto vorsichtiger versuche ich sie zu bewerten.
    Ich nutze sie eher als Gedankenanstoß.

  2. Ich habe viel zu großen Respekt vor dieser Frau, als dass ich nicht vorsichtig mit dem, was sie schreibt, umginge. Was mich eben nur irritierte, war das Wort „Hass“, das einfach etwas Unversöhnliches hat. – Das aber passt nicht zu ihrem geistigen Hintergrund.

    Wir werden es leider nicht auflösen können.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s