„Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich / fände, des fremden Gestirns große Erscheinung?“ – Rilkes Gedicht „Perlen entrollen”.

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Möglich, dass Perlen entrollen der Begegnung mit der berühmten Schauspielerin Eleonora Duse in Venedig zu verdanken ist, denn in jener Stadt, in der er sie traf, begann Rilke das Gedicht Anfang 1912 zu verfassen; vollendet hat er es allerdings erst zu Beginn seiner Spanienreise, die er Ende 1912 antrat und die ihn über Toledo, Cordoba und Sevilla am 9.12. nach Ronda führte, wo er das Gedicht abschloss.

Perlen entrollen. Weh, riss eine der Schnüre?
Aber was hülf es, reih ich sie wieder: du fehlst mir,
starke Schließe, die sie verhielte, Geliebte.

Gerade weil das Gedicht eine bestimmte Wendung nimmt, ist wichtig festzuhalten, dass das lyrische Ich innerhalb der ersten drei Zeilen dezidiert eine Geliebte anspricht. Sie hat eine große Bedeutung, denn welche Bedeutung man auch immer den Perlen, aufgereiht auf einer Kette, beimessen mag: Es ist die Geliebte, die sie zusammenschließt; sie ist die starke Schließe. – Und ist die Kette tatsächlich gerissen, mag es fast tragisch sein, wenn die Geliebte nicht zugegen ist.

Dieses Bild erinnert ein wenig an die kosmische Schlange Ouroboros, die sich selbst in den Schwanz beißt, also einen Kreis bildet. Wer dieses Symbol versteht, versteht den Sinn des Lebens. – Geöffnet, zwingt uns die Schlange in die Zeit. Deren Sinn eben verstehen wir nur, wenn wir wissen, dass sie ein geschlossener Ring sein oder sich bis zu einer Geraden hindehnen, hinglätten kann. Letzteres entspricht zuallermeist unserem Erleben.

War es nicht Zeit? Wie der Vormorgen den Aufgang,
wart ich dich an, blass von geleisteter Nacht;
wie ein volles Theater, bild ich ein großes Gesicht,
dass deines hohen mittleren Auftritts
nichts mir entginge. O wie ein Golf hofft ins Offne
und vom gestreckten Leuchtturm
scheinende Räume wirft; wie ein Flussbett der Wüste,
dass es vom reinen Gebirge bestürze, noch himmlisch, der Regen, –
wie der Gefangne, aufrecht, die Antwort des einen
Sternes ersehnt, herein in sein schuldloses Fenster;
wie einer die warmen
Krücken sich wegreißt, dass man sie hin an den Altar
hänge, und daliegt und ohne Wunder nicht aufkann:
siehe, so wälz ich, wenn du nicht kommst, mich zu Ende.

Dass das Gedicht mit der Begegnung der Duse zusammenhängen mag, legt auch nahe, dass der Dichter auf das Bild des Theaters zurückgreift und von einem hohen mittleren Auftritt spricht.

Zu jener Zeit, also 1912, hatte Eleonora Duse allerdings schon ihren für viele überraschenden Rücktritt verkündet; das war 1909 gewesen. Sie traf Rilke in einer Phase, die sie zu ihrer physischen und psychischen Erneuerung nutzen wollte.

Obige zweite Strophe, im Grunde der Mittelteil des Gedichtes, ist voller stilistischer Mittel, die die Eindringlichkeit einer Begegnung mit der Geliebten, die hier auch als Sonne erscheint, bewirken. Sechsfach finden sich Vergleiche, immer eingeleitet mit einem wie. Doch sind es nicht nur die Vergleiche, die berühren, sondern vor allem die Selbstdarstellung des Dichters, der sich als Vormorgen sieht, als ein Theater voller Erwartung, als ein Golf, als Flussbett, als Gefangener und als einer, der die warmen Krücken weg sich reißt, sich schonungslos hingibt, verletzlich, wissend, dass nur ein Wunder ihm aufhelfen kann.
Andernfalls bedeutet das Leben ein weiteres Wälzen dem Ende entgegen.

Dich nur begehr ich. Muss nicht die Spalte im Pflaster,
wenn sie, armselig, Grasdrang verspürt: muss sie den ganzen
Frühling nicht wollen? Siehe, den Frühling der Erde.
Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich
fände, des fremden Gestirns große Erscheinung? Wie kann
das Geringste geschehn, wenn nicht die Fülle der Zukunft,
alle vollzählige Zeit, sich uns entgegenbewegt?

Der Mond, eigentlich dem Weiblichen zugeordnet, steht hier für den Geliebten, und es ist die Sonne, die Geliebte, deren er bedarf. 

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In den Mythen repräsentieren die weiblichen Gestalten die Seele des Menschen, Goethe spricht nicht von ungefähr vom Ewig-Weiblichen. So gesehen ist das Bild des Mondes als der Seele des Geliebten ein durchaus angemessenes und nur aus männlicher und eben oft noch dominierender Weltsicht ungewöhnlich. Dass Rilke diese nicht teilt, verwundert nicht, war doch die Mond-Seite bei ihm ausgesprochen ausgeprägt.

Bemerkenswert ist, dass der Dichter auch das geringste Geschehen nur als möglich sieht, wenn aus der Ganzheit einer Zukunft, ihrer Fülle etwas sich auf uns zubewegt.

Bist du nicht endlich in ihr, Unsägliche? Noch eine Weile,
und ich besteh dich nicht mehr. Ich altere oder dahin
bin ich von Kindern verdrängt . . .

Überraschend, fast ein wenig erschreckend, dieser recht abrupte Abgesang, zumal dieses Bild, dass, als Alternative zum Altern es ein Von-Kindern-Verdrängtsein gibt, sehr ungewöhnlich ist. – Die Wortwahl der letzten Worte nimmt jede Hoffnung.

Die vorausgehende Frage mag man als eine an die Zukunft gerichtete sehen: Bist du, Zukunft, nicht endlich in der, in meiner Zeit?

Die Rechtschreibgestaltung verweist darauf, dass mit der Unsäglichen die Geliebte angesprochen sein muss, ansonsten, wenn sich Unsägliche auf die Zukunft bezöge, müsste das Wort als Adjektiv eigentlich kleingeschrieben sein. So aber ist Unsägliche ein Attribut der Geliebten, ja, mehr als das, des Geliebten dominierendes Empfinden.

Wie auch immer, des lyrischen Ichs Gegenwart scheint ohne Zukunft.
Dabei ist der Mensch doch wie eine Spalte im Pflaster, die eigentlich den ganzen Frühling will . . .

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Zum Abschluss noch einmal das Gedicht in Gänze:

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Perlen entrollen. Weh, riss eine der Schnüre?
Aber was hülf es, reih ich sie wieder: du fehlst mir,
starke Schließe, die sie verhielte, Geliebte.

War es nicht Zeit? Wie der Vormorgen den Aufgang,
wart ich dich an, blass von geleisteter Nacht;
wie ein volles Theater, bild ich ein großes Gesicht,
dass deines hohen mittleren Auftritts
nichts mir entginge. O wie ein Golf hofft ins Offne
und vom gestreckten Leuchtturm
scheinende Räume wirft; wie ein Flussbett der Wüste,
dass es vom reinen Gebirge bestürze, noch himmlisch, der Regen, –
wie der Gefangne, aufrecht, die Antwort des einen
Sternes ersehnt, herein in sein schuldloses Fenster;
wie einer die warmen
Krücken sich wegreißt, dass man sie hin an den Altar
hänge, und daliegt und ohne Wunder nicht aufkann:
siehe, so wälz ich, wenn du nicht kommst, mich zu Ende.

Dich nur begehr ich. Muss nicht die Spalte im Pflaster,
wenn sie, armselig, Grasdrang verspürt: muss sie den ganzen
Frühling nicht wollen? Siehe, den Frühling der Erde.
Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich
fände, des fremden Gestirns große Erscheinung? Wie kann
das Geringste geschehn, wenn nicht die Fülle der Zukunft,
alle vollzählige Zeit, sich uns entgegenbewegt?

Bist du nicht endlich in ihr, Unsägliche? Noch eine Weile,
und ich besteh dich nicht mehr. Ich altere oder dahin
bin ich von Kindern verdrängt . . .

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