Verbunden mit dem Faden Ariadnes: Hölderlins „An die Unerkannte”

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An die Unerkannte

Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge
Wie der Tag den Adler, überschwebt?

Man stelle sich zunächst bitte vor: Zwei recht bekannte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, Gustav Schwab und Ludwig Uhland, ließen An die Unerkannte aus der von ihnen herausgegebenen ersten Sammlung von Hölderlin-Gedichten weg, weil sie glaubten, das Gedicht, vermutlich 1796 geschrieben, sei Zeichen der damals wohl schon beginnenden Geisteskrankheit Hölderlins gewesen.

Das ist in zweifacher Hinsicht erstaunlich, zum einen, weil der Inhalt des Gedichtes so überzeugend eine zentrale Wahrheit unseres Lebens benennt, zum anderen, weil auch auf dem Hintergrund von Hölderlins Biographie diese Sicht nicht wirklich nachvollziehbar ist:

Ziemlich genau in der Mitte des Lebens – Hölderlin wurde 1770 geboren und starb 1843 – wendet sich sein Lebensblatt: Etwas, was wir Menschen Geisteskrankheit nennen, inneres Zerrüttetsein, bahnt sich den Weg in Hölderlins Wirklichkeit. Das hängt gewiss zusammen mit dem Verlust seiner unsterblichen Liebe, die er Diotima nannte, ein Name, der mit jener Griechin verbunden ist, die Sokrates den Weg zur Liebe wies. Hölderlins Diotima ist Susette Contard, die Frau eines sehr erfolgreichen Frankfurter Bankiers. In dessen Familie wird der studierte Theologe, der alles andere als Pfarrer werden wollte, 1796 Hofmeister, hätte aber wohl nicht lange durchgehalten, hätte es SIE nicht gegeben. Allerdings schaut sich der Ehemann die Beziehung der beiden nicht zu lange an, immerhin tratscht man in Frankfurt schon. Es kommt zum Eklat zwischen den Männern. Hölderlin zieht zu einem Freund nach Bad Homburg und läuft zwei Jahre lang einmal im Monat – immer am ersten Donnerstag, so verabredeten es die beiden – die wohl annähernd 30 Kilometer nach Frankfurt. Dort um 10 Uhr trafen sich Susette und Holder, wie er manchmal genannt wurde, wenn auch nur kurz, manchmal fast nur für Augen-Blicke. Dann lief Hölderlin wieder zurück.

Wer mag, gehe einmal den auf 22 Kilometer angelegten Hölderlin-Pfad, der zu seinen und zur Ehre dieser großen Liebe von Frankfurt nach Bad Homburg 2008 verwirklicht worden ist.

Hölderlin muss diese Strecke oft gegangen sein. 1800 sieht er seine Diotima zum letzten Mal. Beide ringen sich zu einem endgültigen Abschied durch und ihre Briefe, die sich um diese Entscheidung ranken, sind erschütternd. Wie sehr hat jene Volkslied-Strophe für diese große Liebe Recht:

Es waren zwei Königskinder
die hatten einander so lieb,
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief

Für Hölderlin folgen ein Aufenthalt in der Schweiz und dann in Bordeaux. Es ist nicht sicher, ob er dort von der Krankheit seiner Susette schon gehört hat. Jedenfalls ist er sehr eilig Richtung Heimat unterwegs und überquert in völlig verwirrtem und aufgelöstem Zustand den Rhein; die Freunde erkennen ihn kaum wieder. Nach dem Tod Susettes, sie stirbt 1802 an Röteln oder Schwindsucht – ganz klar ist das nicht, vor allem aber stirbt sie für mich wohl auch, weil ihr Hölderlin ihr fehlte – geht es mit jenem nur noch eine Weile gut; er stürzt sich in Arbeit, aber sein Zustand verschlechtert sich. 1806 wird er zwangsweise in das Tübinger Universitätsklinikum eingewiesen und schlussendlich 1807 als unheilbar entlassen. Er findet eine liebevolle Aufnahme bei dem Tübinger Tischler Zimmer, einem Bewunderer seines Dichtens. Bis zu seinem Ende hin lebt er in dessen Turm. Diese letzte Bleibe kennt man heute als Hölderlin-Turm und in seiner gelben Farbe ist er von Tübingens Eberhardsbrücke nicht zu übersehen, fast ein Mahnmal, einen der Größten der deutschen Kultur und seine Botschaften, wie sie zum Beispiel in der Friedensfeier zum Ausdruck kommen, nicht zu vergessen.

In dieser seiner zweiten Lebenshälfte schreibt Hölderlin nur sehr wenig.
Erst seit einigen Jahrzehnten beginnt man die wenigen Gedichte der zweiten Lebenshälfte, die er meistens mit Scardanelli unterschrieb, ernstzunehmen.

Wer aber war und ist jene Unerkannte, von der es in der vierten Strophe – das ganze Gedicht ist hier verlinkt  und findet sich ebenfalls am Ende dieses Beitrags – heißt:

Die, wenn uns des Lebens Leere tötet,
Magisch uns die welken Schläfe rötet,
Uns mit Hoffnungen das Herz verjüngt,
Die den Dulder, den der Sturm zertrümmert,
Den sein fernes Ithaka bekümmert,
In Alcinous Gefilde bringt?

Wunderschön, wie Hölderlin in der ersten Strophe von des Herzens löwenkühnen Siegen schreibt und von ihr, die er in kosmische Dimensionen rückt, wenn er sie mit Sternen vergleicht und sie überzeitlich ewig sein lässt, von ihrem wandellosen Sein sprechend.

Und ebenfalls berührt zutiefest, wie er, auf Odysseus Bezug nehmend, darauf, verweist, wie die Unerkannte dem, der schon fast aufgegeben hat, zurück in die Heimat zu helfen vermag.
Odysseus gehört ja zu den großen griechischen Helden, deren Weg zurück in die Heimat, wie er von Homer in der Odyssee geschildert ist, einem beispielhaften Weg der Prüfungen gleicht, man denke nur an die Circe–  und die Sirenen-Prüfung oder die unerlässlichen Erfahrungen mit Scylla und Charybde.

Es kommt vor, dass wir Menschen uns fast aufgegeben haben, doch dann gibt es EINE, eine unerkannte Kraft, die uns nicht fallen lässt: Es ist jene Kraft, die am Schluss des Faust II von dem Chorus mysticus so unvergesslich angesprochen ist:

Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Wer die nordische Mythologie und die Eddha ein wenig kennt, wird sich vielleicht an die nordischen Walküren erinnern, jene Göttinnen, deren Aufgabe es unter anderem war, einen Helden, wenn er starb, von seinem Harnisch, seiner Rüstung zu befreien und nach Walhall zu holen.

Wir denken auch an Siegfried, der sich in der Eddha von seiner Walküre verabschiedet, um noch einmal eine Reise zu tun, doch endet sie tödlich und hat grässliche Folgen.

Im deutschen Nibelungenlied ist nicht klar, dass jene Brunhilde, die Siegfried für den Burgundenkönig Gunter auf Island erobert, damit sie dessen Frau werde, im Grunde seine, Siegfrieds Frau ist. Das verschweigen das mittelhochdeutsche Nibelungenlied und sein Verfasser, vermutlich ein bayrischer Kleriker aus der Nähe Passaus.

Siegfried erkannte seine eigene große Liebe Brunhilde nicht, weil die Mutter Kriemhilds wollte, dass dieser große Held ihre Tochter heirate; deshalb hatte sie ihm vor Beginn der Reise nach Island einen Vergessenstrank gegeben. Sie entspricht damit der Stiefmutter bzw. der dunklen Königin in den Grimm-Märchen.

So blieb Brunhilde, die Siegfried doch eigentlich tief innig kannte, für ihn die Unerkannte. Wie sehr beide aber einander gehören, zeigt sich auch im mittelhochdeutschen Nibelungenlied daran, dass beide im Grunde gleich stark waren – erinnert sei an jenen nächtlichen Kampf in Brunhildes Schlafgemach, als Siegfried nur mit Müh und Not Brunhilde ihren Gürtel abnehmen konnte. Für den Burgundenkönig Gunter, für den Siegfried Brunhilde zur Braut holte, war diese zu stark. Sie wusste auch, dass sie eigentlich zu Siegfried gehört. Nur Siegfried erkannte sie nicht mehr.

Die letzten beiden Strophen des Gedichtes An die Unerkannte lauten im Übrigen:

Die der Kindheit Wiederkehr beschleunigt,
Die den Halbgott, unsern Geist, vereinigt
Mit den Göttern, die er kühn verstößt,
Die des Schicksals ehrne Schlüsse mildert,
Und im Kampfe, wenn das Herz verwildert,
Uns besänftigend den Harnisch löst?

Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?

Platon weiß im Rahmen seines Timaios-Dialogs zu vermelden, dass im zeitlos Ewigen alle Urbilder bewahrt sind. Zu diesen Urbildern zählt gewiss auch das Urbild unserer Seele. Das Ebenbild Gottes, von dem das Alte Testament spricht.

Mancher mag sich gefragt haben, warum es in der Bibel kein Mutter unser gibt, allein ein Vater unser, einen Sohn und – zur Trintität gehörend – einen Heligen Geist, aber, wie gesagt, keine Mutter.
Des Rätsels Lösung ist, dass mit dem Mütterlichen Bezug auf das Urbild der menschliche Seele genommen wird; im Rahmen der Psychologie, vor allem der analytischen C.G. Jungs, wird das Weibliche, das Ewig-Weibliche als Archetypus der Großen Mutter bezeichnet; beeindruckend ist in diesem Zusammenhang das Werk des leider so früh verstorbenen Erich Neumann, der in Die Große Mutter aufzuzeigen wusste, wie das Bewusstsein um das Ewig-Weibliche, um die Urmutter, seit mehr als 5000 Jahren, anfänglich vor allem in Bildern, Plastiken oder Skulpturen, die Geschichte der Menschheit durchzieht.

In diesem Zusammenhang sind auch jene zehn Jungfrauen zu sehen, die auf den Bräutigam warten; mit ihnen sind im biblischen Gleichnis die Seelen der Menschen angesprochen.

In der christlichen Esoterik werden sie auch als Jungfrau Sophia bezeichnet, nicht zu verwechseln mit der Sophia der Gnosis, die die makrokosmische Weiblichkeit Gottes darstellen soll. Ich erwähne das hier nur, um dem, der auf diesem Gebiet noch nicht unterwegs war, einen gewissen Überblick zu geben.

Für uns und unseren Kulturraum aufschlussreicher ist die Tatsache, dass Dichter zwar um diesen Hintergrund oft nicht bewusst gewusst haben mögen, aber diese Unerkannte immer wieder in ihren Werken auferstehen ließen; dann entspricht sie oft einer konkreten Person, aber die Umstände und die Symbolik, im Rahmen deren auf sie hingewiesen wird, lässt deutlich werden: hier trifft eine suchende Seele auf ihre einzig-wahre, große Liebe, für die jener Satz aus dem zehnten Kapitel des Markus-Evangeliums zutrifft: Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden!

Spürbar und offensichtlich gültig ist dies für Dantes Beatrice, die im dritten Teil der Divina Comedia die Aufgabe Vergils übernimmt (der trotz seiner geistigen Größe das Folgende nicht mehr zu leisten vermag) und Dante in und durch die neun Ebenen des Himmels führt. Es gilt für Mathilde, deren Bild Heinrich in der Blauen Blume sieht, über die Novalis in seinem Heinrich von Ofterdingen schreibt und die neben dem Gral das bedeutendste seelische Symbol der deutschen Literatur darstellt. Es gilt für die Serpentina und ihren Anselmus in Hofmannsthals Goldenem Topf, für die Begegnung des Bahnhofsvorstandes Hudetz mit der verstorbenen Anna in Horvaths Jüngstem Tag, für die schöne Lilie und ihren Jüngling in Goethes Märchen, für die Begegnung der Mondenfrau, Prinzessin Momo, mit Prinz Girolamo in Michael Endes wunderbarem Märchen vom Zauberspiegel und natürlich auch für Condwiramur – übersetzt: die zur Liebe führt -, Parzivals Gralskönigin, die nicht von ungefähr dem Gralskönig nur durch den Gral vermittelt werden kann.

Wohl darum wissend und sich all dessen bewusst hat Goethe in seiner Marienbader Elegie  formuliert:

Wir nennens fromm sein
solcher selgen Höhe
fühl ich mich teilhaft,
wenn ich vor ihr stehe.

Es gibt in der Mythologie ein sehr frühes Bild, das die Bedeutung des Weiblichen vermittelt, jener Macht, die allein jenen Teil von uns, der unterwegs ist, ob wir nun Mann oder Frau sind, retten kann, und das ist das Bild des Fadens, den Ariadne ihrem Theseus mitgibt, damit er aus dem Labyrinth wieder herausfinde, falls es ihm gelingen sollte, den Minotaurus, der in dessen Innerstem haust, zu besiegen.

Der kretische Mythos um Minos, in den der des Dädalus sowie des Theseus einverwoben sind, ist sehr vielschichtig und spiegelt das Bewusstsein der Menschheit zu jener Zeit. Der Urvater Minos gilt als der Schöpfer geistvoller Gesetze, der durch sie eine vorbildliche Ordnung in das Leben der Menschen brachte. Einem seiner Nachfolger, ebenfalls Minos genannt, verdanken wir den Auftrag an Dädalos zum Bau einer Anlage, die den Minotauros aufbewahren solle, jenes grässliche Doppelwesen, halb Stier, halb Mensch, dem alle neun Jahre sieben athenische Jünglinge und Jungfrauen zum Fraß vorgeworfen werden mussten – wie es zu dessen Existenz kam, würde hier zu weit führen.

Dädalos, der fast göttergleiche Handwerker und Künstler zugleich – damals war das eine mit dem anderen untrennbar verbunden – schuf hierfür das Labyrinth, in dessen Innerstem dieser Minotauros lebte, bis Theseus, der große Grieche, der die Athener von so manchem Übel befreite, auch den Minotaurus beseitigte.

Dem symbolischen Gehalt des Labyrinths werden unterschiedliche Bedeutungen zugemessen. Mir ist die eine wichtig:

Mit seinen Windungen und verschlungenen Gängen, denen ihr Erschaffer selbst fast zum Opfer gefallen wäre, entspricht es den Windungen des menschlichen Gehirns. In seiner unüberbietbaren Ordnung entstammt es jener Zeit, die der Ordnung auch des menschlichen Denkens zum Fundament wurde. Das schöpferische und doch so geordnete Gestalten des Dädalos steht dafür. Doch ist seine Existenz voller Tücken und beides, seinen denkerisch-geistigen Gehalt und das Gefährliche seiner Existenz hat Umberto Eco in Der Name der Rose in der Existenz jener als Labyrinth angelegten Klosterbibliothek gestaltet, über die Abt Abbo zu William von Baskerville sagt:

´Unergründlich wie die Wahrheit, die sie beherbergt, trügerisch wie die Lügen, die sie hütet, ist sie ein geistiges Labyrinth und zugleich ein irdisches. Kämt Ihr hinein, Ihr kämt nicht wieder heraus. ´

Damit thematisiert der Abt die Gefahr des Denkens und des Wissens. Beides kann uns zum unentrinnbaren Labyrinth werden, in dem wir uns heillos verlaufen.

In Zeiten, in denen die Menschen den Wert des Gefühls, der emotionalen Intelligenz und der Empathie entdeckten, ist die hohe Kunst und der Wert des Denkens bisweilen in Vergessenheit geraten. Doch wir benötigen seiner, wollen wir unsere Erlebnisse und Erfahrungen nutzen, um uns seelisch weiterzuentwickeln Dem heutigen Bewusstsein genügt eine Spiritualität à la Ho’oponopono, in deren Rahmen mit Hilfe von vier Sätzen Menschen geheilt werden, nicht mehr, auch wenn sie, abstrakt gesehen, gut klingen mögen. Man kann glauben machen, vier Sätze seien das Allheilmittel, vor allem aber verdient ein Joe Vitale damit Millionen, definitiv ist es für mich ein Betrug an der menschlichen Seele des 21. Jahrhunderts, die des Bewusstseins zu ihrer Entwicklung bedarf.

In all seinem Streben ist der Mensch des 21. Jahrhunderts darauf angelegt, Bewusstsein zu schaffen, ein Bewusstsein, in dessen Rahmen sich Wissenschaft und Glaube verbinden und nicht mehr erfolgreich als die großen Antipoden der Menschheit hingestellt werden können. Ich habe in meinem letzten Post zur Friedensfeier darauf hingewiesen, dass u.a. Genetik und Quantenforschung deutlich werden lassen, wie unglaublich kunstvoll der Mikrokosmos Mensch und der ihm entsprechende Makrokosmos angelegt sind. Wir glauben nicht nur einfach an das Wunder der Schöpfung, sondern wir erkennen sie forschend und denkend zunehmend bewusst. Wissenschaft verbindet sich mit Schöpfungsglauben und lässt uns mehr und mehr erkennen, wie gewaltig und wunderbar die Schöpfung Mensch ist, die mehr und mehr die Tiefen des eigenen Seins erkennt.

Das menschliche Bewusstsein wird aber nicht nur die moderne Wissenschaft zu ihrem Verbündeten machen, sondern, das ist meine Überzeugung, mit der Zeit wiedererkennen, wie wertvoll die Mythen sind, in denen Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges festgehalten ist, Der Mythos um Minos gehört hierzu. Er sagt uns, dass der Mensch sich in den Tiefen des Labyrinths verlieren, dass er nicht nur ganz innen umkommen kann, wenn er die Begegnung mit dem Minotaurus nicht überlebt und womöglich selbst zu ihm wird, sondern schon auf dem Weg dahin kläglich verhungern und verdursten kann. Was er in jedem Fall benötigt, ist den Faden der Ariadne, der ihn auch in den Tiefen des Labyrinths mit einem liebenden Wesen, mit der Liebe verbunden sein lässt.

Das Labyrinth ist das eigentliche Gedankengebäude und es kann zur Todesfalle werden oder einen erfolgreichen Helden aus sich in die Arme der Liebe entlassen, für die im vorchristlichen Mythos Ariadne und späterhin eine andere Gestalt steht, nach der Hölderlin fragt.

Noch erleben wir, wie Menschen Denken absolut setzen, weil ihnen die Weiblichkeit der Unerkannten fehlt. Nur aber mit Ariadne wird Leben zu einem Kunstwerk, ohne bleibt es, so sehr auch Wortgirlanden und Gedankenkonstrukte blenden wollen, ein Machwerk.

Ricarda Huch hat unvergessene Worte gefunden, worauf es für Gehirn und Denken ankommt:

Manche Menschen scheinen allwissend zur Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, daß da kein Wort hilft, sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes. (…) Sobald der Kopf das Herz verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus einem lebendigen Organismus zu einem Automaten.
(…) Wenn Goethe sagt: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist´s, was wir uns von Gott erbitten sollten“, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, göttliche, nicht Menschengedanken.
(…) Rhythmus ist nämlich nichts anderes als Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein, um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.

Das ist, in den Worten dieser großen Frau, das, was der Mythos mit der Beziehung zwischen dem, der sich im Labyrinth befindet, und dem Faden der Ariadne meint; über jenen kommt das freurige Blut, von dem Ricarda Huch spricht.

Im Folgenden finden Sie die sieben wohl Anfang 1796 entstandenen und meines Wissens erst 1896 veröffentlichten Strophen des Hölderlin-Gedichtes in Gänze und anschließend noch ein kleiner Nachtrag:

An die Unerkannte

Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge,
Wie der Tag den Adler, überschwebt?

Die uns trifft mit ihren Mittagsstrahlen,
Uns entflammt mit ihren Idealen,
Wie vom Himmel, uns Gebote schickt,
Die die Weisen nach dem Wege fragen,
Stumm und ernst, wie von dem Sturm verschlagen
Nach dem Orient der Schiffer blickt?

Die das Beste gibt aus schöner Fülle,
Wenn aus ihr die Riesenkraft der Wille
Und der Geist sein stilles Urteil nimmt,
Die dem Lebensliede seine Weise,
Die das Maß der Ruhe, wie dem Fleiße
Durch den Mittler, unsern Geist, bestimmt?

Die, wenn uns des Lebens Leere tötet,
Magisch uns die welken Schläfe rötet,
Uns mit Hoffnungen das Herz verjüngt,
Die den Dulder, den der Sturm zertrümmert,
Den sein fernes Ithaka bekümmert,
In Alcinous Gefilde bringt?

Kennst du sie, die uns mit Lorbeerkronen,
Mit der Freude beßrer Regionen,
Ehe wir zu Grabe gehn, vergilt,
Die der Liebe göttlichstes Verlangen,
Die das Schönste, was wir angefangen,
Mühelos im Augenblick erfüllt?

Die der Kindheit Wiederkehr beschleunigt,
Die den Halbgott, unsern Geist, vereinigt
Mit den Göttern, die er kühn verstößt,
Die des Schicksals ehrne Schlüsse mildert,
Und im Kampfe, wenn das Herz verwildert,
Uns besänftigend den Harnisch löst?

Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?

Ein von mir sehr geschätzter Germanist und ausgewiesener Hölderlin-Kenner, Jochen Schmidt, wies in seinen Hölderlin-Kommentaren darauf hin, dass, wer mit der Unerkannten gemeint sei, von den Erklärern verschieden beantwortet worden sei; er führt die Poesie, die Seele der Natur oder auch die ästhetische Natur der Schönheit an und kommt selbst zu dem Ergebnis: Es ist wirklich die im vorigen Gedicht  wehmütig angerufene, als verloren beklagte Seele der Natur, deren heilende Macht der Dichter, selbst schiffbrüchig geworden wie Odysseus (4. Strophe), nun wiederzuerkennen beginnt.
Mit dieser Sicht allerdings greift er, der Hölderlin so oft so gut verstand, – für mich erstaunlich – viel zu kurz und ich hoffe, Sie, liebe Leserin, lieber Leser konnten nachvollziehen, warum ich das so sehe.

KENNST DU SIE?

Das ist die Frage des jungen Hölderlin an uns, ja, an sich selbst, und beantwortet hat er die Frage nach jener Unerkannten, die die goldene Frucht bewahrt, in seiner Hymne Friedensfeier. Dort ist es das lyrische Ich, ist es Hölderlin selbst, der den Fürsten des Festes, Christus, ein Bewusstsein, das alle Möglichkeiten liebender Erkenntnis beinhaltet, einlädt, als Voraussetzung dafür, dass er auf seiner Lebensreise, die er exzentrische Bahn nennt, die Unerkannte, die eigene große Seele, wie sie jedem Menschen innewohnt und zu der jeder unterwegs ist, vollständig erkenne und deren goldene Frucht, die ja eben die seine ist.

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