„Und vor der Türe des Hauses / Sitzt Mutter und Kind, / Und schauet den Frieden” (IV)

Link zu Teil I: Ankunft des Friedensfürsten. Adventsgedanken.
Link zu Teil II: Auch darf alsdann das Freche drübergehn.
Link zu Teil III: Wert und Würde des Vaters, des Sohnes, der Mutter. 
Link zum Text der ersten, zweiten und dritten Trias.

Gewiss leben wir in aufwühlenden und aufgewühlten Zeiten. Politiker taugen nicht mehr als Heilsversprecher und selbsternannte Glückspropheten erweisen sich als Scharlatane. Da weiß eine altertümliche Botschaft Frieden ins Herz zu bringen, Jesajas Worte : Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, (…) er heißt WunderRat, GottHeld, EwigVater, FriedeFürst. Zugleich mahnt Hölderlin am Schluss seiner Hymne „Friedensfeier” mittels Worten und Bildern zu Nüchternheit, Realismus und Geduld.

In den Strophen X bis XII, die im Folgenden im Mittelpunkt stehen, der letzten Trias also, weicht der verkündende Ton einem Blick auf die irdische Realität. Es ist, als ob Hölderlin ganz bewusst den Leser aus den visionären Sphären eines Friedensfestes, wie es in der dritten Trias als Höhepunkt der Hymne geschildert wird und gewiss auch so kommt, auf den Teppich der rauen Realität holt, zunächst sanft, zum Schluss aber doch fast hart, so wie es die Gefühllosigkeit der Menschen, von der er spricht, erfordert. Dazu später mehr.

Wer den ersten Beitrag zur Friedensfeier gelesen hat, wird sich erinnern, dass ich auf die Kindheit und Jugend Hölderlins eingegangen bin, auf seine Schulzeit in Denkendorf und Maulbronn und dass er von ihr geschrieben hat:

Denn kaum geboren, warum breitetet
Ihr mir schon über die Augen eine Nacht,
Daß ich die Erde nicht sah und mühsam
Euch athmen mußt, ihr himmlischen Lüfte.

Auf diesem Hintergrund ist verständlich, warum Hölderlin im Folgenden von Leichtatmenden Lüften schreibt: Schon allein die Ankündigung des kommenden Festes und die baldige Ankunft des Friedensfürsten vermögen jenen Alp von der Brust zu nehmen, der ihn so bedrückte:

X
Leichtatmende Lüfte
Verkünden euch schon,
Euch kündet das rauchende Tal
Und der Boden, der vom Wetter noch dröhnet,
Doch Hoffnung rötet die Wangen,
Und vor der Türe des Hauses
Sitzt Mutter und Kind,
Und schauet den Frieden
Und wenige scheinen zu sterben,
Es hält ein Ahnen die Seele,
Vom goldnen Lichte gesendet,
Hält ein Versprechen die Ältesten auf.

Zunächst muss noch einmal in Erinnerung gerufen werden, wer mit euch angesprochen ist. Am Ende von Strophe IX hieß es:

(…) eher legt
Sich schlafen unser Geschlecht nicht,
Bis ihr Verheißenen all,
All ihr Unsterblichen, uns
Von eurem Himmel zu sagen,
Da seid in unserem Hause.

Wenn die Verheißenen, die Unsterblichen, die Himmlischen da sind, dann lässt sich leicht atmen, selbst wenn das Tal noch raucht und die Wetter noch dröhnen, wie es zuerst in Strophe III angesprochen war: Denn unermeßlich braust, in der Tiefe verhallend, / Des Donnerers Echo, das tausendjährige Wetter, / Zu schlafen, übertönt von Friedenslauten, hinunter.

Nun überwiegt Hoffnung und die geröteten Wangen von Mutter und Kind sind wie ein Zeichen, ein wunderbares Bild eines Seins, das Zukunft hat.

Es liegt ein Ahnen in der Luft, das wir bevorzugt wiederfinden bei so sensiblen Menschen, wie Dichter es sind, denken wir nur an die Anfangszeilen von Ingeborg Bachmanns Erklär mir Liebe:

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat´s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun (…)

Dichter nehmen die Herzreisen anderer wahr, ebenso das Flügelschlagen der Unsterblichen.

Warum aber scheinen wenige zu sterben und was hält die Ältesten auf, wie wir in der zehnten Strophe lesen?

Wenn Hölderlin-Koryphäen zu bestimmten Versen nichts oder höchst wenig schreiben, darf man vermuten, dass sie mit einer Aussage nicht so recht umzugehen wissen.
Jedenfalls ist das überwiegende Schweigen zu der Tatsache, dass wenige zu sterben scheinen und die Ältesten ein Versprechen aufhält, mehr als auffallend.
Eigentlich ruft dieses Wort förmlich nach einer Erläuterung, genauso, warum wenige nur zu sterben scheinen.

„Meine Augen haben deinen Heiland gesehen”

Von einem Mann namens Simeon wird im zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums berichtet , von dem es heißt, er sei gerecht und gottesfürchtig und warte auf den Trost Israels, und der Heilige Geist sei auf ihm:

Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.
Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz,
da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,

Natürlich wäre Simeon auch im Jenseits bewusst, was auf der Erde geschieht, aber die Stelle lässt erkennen, dass es etwas anderes ist, ob man etwas auf der Erde erlebt oder geistig im Jenseits. Älteste – und wer sich nicht im Alter verhärtet, sondern im Gegenteil die Möglichkeit wahrnimmt, im Alter seine Antennen einzustimmen auf die geistige Welt, wie das Hesses Harry Haller bewusst wird – ahnen, was sich ereignet, und mit dem Versprechen könnte jene große Stimme vom Thron her angesprochen sein, die der Apokalyptiker in der Offenbarung vernimmt, die in der Tat nichts anderes als ein Versprechen ist, indem sie sagt:

(…) und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Wer die früheren Beiträge gelesen hat, weiß, dass ich nicht an eine ewige Verdammnis glaube, was meiner Ansicht nach auch die Aussagen der Bibel nicht hergeben, die Luther nicht immer angemessen übersetzt hat. [Nachtrag Mai 2018: Aufgrund einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Zahl 666 und dem in der Offenbarung des Johannes angesprochenen Tieres mit den zwei Hörnern, der Gestalt also des sogenannten Sonnendämons Sorat, bin ich nicht mehr so sicher, dass es nicht doch sein kann, dass Menschen, die sich über die lange Zeit der Erdenentwicklung und zahlreicher Inkarnationen von uns allen dem Christusprinzip verweigerten, das Ziel der Erdenentwicklung nicht erreichen, dass es nicht also doch in diesem Sinne eine ewige Verdammnis gibt; den Zeitpunkt des No-Return könnte dann auf verschlüsselte Weise die Zahl 666 beinhalten].

Zweifellos ist der Fall, dass es negative seelische Bewusstseinszustände über eine lange Zeit hin gibt, die den Menschen dahin bringen wollen und sollen, Dinge zu erkennen, die ihm bisher nicht möglich waren, richtig zu sehen; diese Art der Verdammnis mag manchem ewig vorkommen. Unabhängig davon jedoch, dass jeder seine Tode stirbt, gibt es meiner Ansicht nach auch den Tod eines Zeitalters, dessen Ende, auf welches ein neues folgt.

Wir wissen das von dem Untergang von Atlantis, der Sintflut also, und wir wissen auch aufgrund der Überlieferungen der Hopi, dass die Qualität des Überlebens und die Art der Rettung der Menschen damals zusammenhing mit ihrer seelischen Entwicklung. Ich persönlich glaube nicht, dass in der Offenbarung des Johannes das Ende aller Zeit angesprochen ist, sondern es wird ein Weltenzyklus abgeschlossen. Und für manche wird das grauenhaft werden, für andere, die auf der Erde bereit zu Einsicht und Erkenntnis waren, nicht bzw. weit weniger [wie gesagt, bin ich mir nicht mehr so sicher, dass nicht doch das Ende der Zeiten, das Ende des gewaltigen Erdenzyklus angesprochen sein könnte].

Wer sich nicht bemüht, bleibt zurück.

So wie die Schöpfungstage im Ersten Buch Mose ein Geschehen über Millionen von Jahren zusammenfassen (ich teile die Ansicht Hildegard von Bingens, dass wir den siebten Schöpfungstag bei weitem noch nicht erreicht haben), so bezieht sich die Offenbarung auch auf ein gewaltiges kosmisches Geschehen, und dass wir in einem solchen sind, bemerken wir schon daran, dass die Zeit sich immer mehr beschleunigt. Ein Jahrzehnt des dritten Jahrtausends mag einem Jahrhundert des ersten Jahrtausends entsprechen. Manche meinen, das Wissen verdopple sich alle fünf Jahre, aber selbst wenn jene Recht haben, die 10 Jahre oder einige mehr ansetzen, ist es doch ein gewaltig beschleunigtes Geschehen, das nicht alle Menschen gleichermaßen verkraften. Generell aber gilt: Menschen leben länger, es sterben weniger. – Das wird so sein, bis es keinen Tod mehr geben wird; denn so, wie er in die Welt trat, so wird er auch wieder verschwinden. Hölderlin deutet das an. Vielleicht hat er mit seinen inneren Augen viel mehr gesehen, als er preisgibt; manchmal kommt es mir auch an anderen Stellen ohnehin so vor. Er mag gewusst haben, dass Menschen für weitergehendes Wissen bereit sein müssen, sonst geht es denen, die wirklich Wissende sind, wie Giordano Bruno, dem man eigentlich den Nobelpreis hätte verleihen müssen für seine Erkenntnis, dass es viele Himmel und Erden gibt; stattdessen hat man ihn dafür vor etwas mehr als 400 Jahren mitten in Rom abgefackelt.

Die Würze des Lebens ist von oben bereitet

Ein Ahnen liegt in der Luft und in den Worten der vorletzten Strophe deutet sich das nahende Fest an:

XI
Wohl sind die Würze des Lebens,
Von oben bereitet und auch
Hinausgeführet, die Mühen.
Denn Alles gefällt jetzt,
Einfältiges aber
Am meisten, denn die langgesuchte,
Die goldne Frucht,
Uraltem Stamm
In schütternden Stürmen entfallen,
Dann aber, als liebstes Gut, vom heiligen Schicksal selbst,
Mit zärtlichen Waffen umschützt,
Die Gestalt der Himmlischen ist es.

Ich nehme die Worte Hölderlins, dass die Würze des Lebens von oben bereitet ist, ernst.

Wie oben so unten, die Weisheit des Hermes Trismegistos, die sich auch im Vater Unser findet, bedeutet ja, dass wir sehen können, wie es um unsere Freiheit und unser Wissen bestellt ist. Wir brauchen nur im mikrokosmischen Maßstab anschauen, wie es Schulkindern und Lernenden geht. Je unwissender sie sind, desto mehr befinden sie sich noch in Bahnen, die bereits höher Entwickelte, in unserem Fall Erwachsene, ausgelegt haben, betreffe es die schulischen und die universitären und oft auch noch die Berufslaufbahn. Freiheit ist da ein relativer Begriff.

Vergleichbares gilt für uns als lernende Menschheitskinder. Manche, die diese spirituelle, geistige Lernebene nicht auf dem Schirm haben, halten sich gern für sehr wissend; man erkennt solche Menschen und Zeitgenossen daran, dass ihnen Demut fehlt.

Wer durchschaut hat, dass wir im Bereich der gesamtmenschlichen Entwicklung noch weit von der sogenannten Krone der Schöpfung entfernt, sind, dem siebten Schöpfungstag also, ist schlicht bescheiden. Je mehr jemand das durchschaut, desto mehr auch blickt er, dass Freiheit ein sehr relativer Begriff ist. Wer möchte, mag ahnen, dass wir Menschen zum Teil noch sehr abhängig von übergeordneten Mächten und Einflüssen sind. Mit dem Begriff des kollektiven Unbewussten ist diese Einflussnahme nur unzureichend und sehr einseitig erfasst.

Frühere Zeiten haben um diese Einflussnahme gewusst und sie in ihren Mythen, die viele Zeitgenossen für Erfindungen halten, abgebildet. Heute haben wir uns von diesen Ebenen abgekoppelt und halten uns meistenteils für autark. Wenn es einen Tsunami gibt, spüren wir zwar, wie gering unser Einfluss sein kann, das gilt schon für Tornados und auch den Klimawandel. Aber dieses Gespür wird selten in ganzer Konsequenz auf eine bewusste Ebene hinaufgenommen. Vielleicht als meteorologisches, nicht aber als spirituelles Phänomen.

Die angesprochenen anderen Ebenen sind im Christentum in den Engelhierarchien angelegt und dem Wissen um die vielen Himmel, die jeweils ihre Regenten haben, so wie die Zeitalter und Völkerengel, von denen in der Bibel die Rede ist, ohne dass die meisten annehmen, dass sie wirklich am Werk sind.

Wie wenig wir doch wissen.

Pro Sekunde durchschießen mehr als 60 Milliarden Geisterteilchen, Neutrinos genannt, jeden Quadratzentimeter unseres Körpers, nachgerade unvorstellbar.  Klar haben sie keinen Einfluss auf uns, sagen Wissenschaftler und denken wir. – Warten wir mal ab, was uns diesbezüglich in zehn Jahren bewusst ist!

Hölderlin weiß um die Relativität unserer Erkenntnis, spricht von dem Wissen als Von oben bereitet (XI,2). Immer wieder ist von ihm und von jenen Mächten, denen wir viel zu wenig Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringen, in der Friedensfeier die Rede.

Lass uns einfältig werden!

Zum vorvorletzten Mal taucht das Allheitsmotiv wieder auf (XI,4), auf die spürbar erfolgreichen Vorbereitungen hinweisend.

In einem früheren Blogbeitrag, überschrieben Die einprägsamste Philosophie habe ich aufgezeigt, wie unnachahmlich Matthias Claudius das Einfältigsein in seinem zum Volkslied gewordenen Abendlied verewigt und ihm Sinn gegeben hat.

Gleiches tut Thomas S. Eliot , indem er vermittelt, dass das Einfältige des Zieles viel mehr ist als jenes, das am Anfang stand, auch wenn wir dasselbe Wort verwenden. In Four Quartets schreibt er:

Und am Ende all unserer Forschungen
werden wir da ankommen,
wo wir angefan­gen haben
und werden den Ort zum ersten Mal erkennen.

Hölderlin hat diesem Denken in der Ode Dichterberuf Rechnung getragen:

Furchtlos bleibt aber, so er es muß, der Mann
Einsam vor Gott, es schützet die Einfalt ihn,
Und keiner Waffen brauchts und keiner
Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.

Einfalt, das Eingefaltet-Sein in Gott, das schützt den Mann mehr als Waffen und Listen. Ganz deutlich wird das werden, wenn der Mensch zu Gottes Ebenbild geworden ist, wenn Alles gefällt (XI,4), dann könnte Gottes Fehlen helfen zu erkennen, welche Vollkommenheit in der neuen Einfalt des Menschen liegt, die der Dichter herbeisehnt, herbeischreibt. In der Friedensfeier, in Der Einzige, in Patmos, den großen Christushymnen also, wird immer wieder deutlich, was Hölderlin als realisierbare Vision vorschwebt.

In einem der traumhaftesten Gedichte deutscher Sprache, in Hölderlins An die Unerkannte, spricht der Dichter meines Wissens erstmalig von der goldenen Frucht, die er in der zehnten Strophe der Friedensfeier als einer uraltem Stamm entfallen wieder erwähnt. Damals lautete die erste Strophe des Gedichtes:

Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge,
Wie der Tag den Adler, überschwebt?

In dieser Unerkannten verbirgt sich tiefstes Wissen der Völker, erinnert sei an die Walküren der Germanen, an Goethes Ewig-Weibliches, an die Leibnizsche Monade, an Hofmannsthal, der solches Geheimnis in seinem Weltgeheimnis  anspricht:

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wussten drum.

Wenn man auf diesem Hintergrund manche Kommentare und Bemerkungen von Zeitgenossen hört und liest, die dieses Urwissen der Menschen und ihre Religiosität als erfunden wegwischen, dann ahnt man, wie flach und frech – um eine Vokabel Hölderlins aufzugreifen – das Bewusstsein dieser Menschen ist, wie ungeschichtlich und ohne jegliche Dimension. Dahinter verbirgt sich die Angst vor der Tiefe und der Großen Mutter – das Freche will diese Angst kaschieren -, die nichts anderes als ein großes Bild der menschlichen Seele ist und erklärt, warum in der Bibel vom Vater gesprochen ist.

Das Buch der Bücher ist ausgerichtet auf das Mutterbewusstsein der Menschen. Kein Wunder wird dieses Buch von dem flachen Bewusstsein torpediert. Das lässt im Übrigen auch bewusst werden, warum es so fatal ist, dass der Islam den Sohn negiert wie ebenfalls das orthodoxe Judentum (wenn möglich, bitte mir nicht gleich Antisemitismus zu unterstellen). Nur der Sohn kann den Menschen zu seinem Mutterbewusstsein führen. Viel zu tief ist der Mensch gefallen, als dass er von alleine darauf käme.

Hölderlin spricht dieses Dilemma des Menschen an, wenn er in der letzten Strophe der Friedensfeier davon spricht, dass Mutter Natur ihre Kinder verlor und dass eine große Dramatik darin liegt, dass sie vor der Zeit zum Licht gezogen hat, wofür sie nun gehasst wird, wir kommen darauf zu sprechen.

Die letzte Strophe des wegweisenden Gedichtes An die Unerkannte weist dem Einen, um das es geht, seine alles umfassende Bedeutung zu:

Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?

Damals, 1796, als Hölderlin dieses Gedicht vermutlich schrieb, setzte er als Schlusspunkt ein Fragezeichen. Man mag ob des so überzeugenden archetypischen Inhaltes zutiefst verwundert sein, dass der Dichter nicht ein Ausrufezeichen setzte. Ich habe mich das lange auch gefragt, bis mir bewusst wurde, dass Hölderlin diese Frage erst wirklich in der Friedensfeier und seinen Christushymnen beantworten kann, bis zu denen hin er sein Bewusstsein entwickeln musste, um zum Ausdruck bringen zu können, dass nämlich die goldene Frucht, uraltem Stamm entfallen, durch die Himmlischen bewahrt wurde, durch deren Bewusstsein durch die Zeiten getragen wurde, und sie uns nur, weil diese Seligen sie bewahrten, durch den Geliebtesten, den Fürsten des Festes, seinen Opfergang und sein Wirken, das Hölderlin in Der Einzige und Patmos ausführt, wieder zuteil wird.

Ohne dass die Himmlischen die goldene Frucht bewahrt hätten, wäre das nicht möglich.

Darin sieht Hölderlin die Bedeutung der Himmlischen, deshalb umgibt er sie mit so vielen Attributen, mit so hoher Wertschätzung, nennt sie die Mächtigen, die Unerzeugten, Ewgen, Himmlischen, Verheißenen, Unsterblichen. Sie sind die Fackelträger des Bewusstseins, das die goldene Frucht schützt und bewahrt.

Zugleich wird deutlich, warum Hölderlin so wichtig war und ist, wenn er sagt: Und darum rief ich dich.

Ohne den Fürsten des Festes ist diese Vollendung in der Friedensfeier nicht möglich und es wird die Weisheit des Paulus deutlich, den Hölderlin so verehrte, wenn jener von dem Frieden Gottes spricht, der höher ist als alle Vernunft.

Es kann sich auch uns Menschen andeuten, warum unser Bewusstsein zählt. Menschen, auch wenn sie noch auf ihrer exzentrischen Bahn laufen, sind genauso wichtig wie die Himmlischen.

Fühllos ruht Furchtsamgeschäftiges drunten

Drunten, das bezieht sich auf jene exzentrische Bahn, auf der die Menschen die Goldene Frucht verloren haben. Ganz natürlich denkt man in ihrem Zusammenhang an den Baum des Lebens und seine Frucht, denkt an die Äpfel der Hesperiden, die Herakles als einer seiner zwölf Prüfungen holen musste. Für mich spielen diese mythischen Bilder in jedem Fall mit hinein, denn diese Früchte stehen für das Leben. Für ein Leben ohne Tod. Für den Baum des Lebens bedarf es keiner weiteren Erklärung, aber auch die Äpfel der Hesperiden stehen für Unsterblichkeit.

Herakles, Dionysos, Christus

XII
Wie die Löwin, hast du geklagt,
O Mutter, da du sie,
Natur, die Kinder verloren.
Denn es stahl sie, Allzuliebende, dir
Dein Feind, da du ihn fast
Wie die eigenen Söhne genommen,
Und Satyren die Götter gesellt hast.
So hast du manches gebaut,
Und manches begraben,
Denn es haßt dich, was
Du, vor der Zeit
Allkräftige, zum Lichte gezogen.
Nun kennest, nun lässest du dies;
Denn gerne fühllos ruht,
Bis daß es reift, furchtsamgeschäftiges drunten.

Interpreten tun sich mit dieser Strophe ausgesprochen schwer. Lediglich Jochen Schmidt setzt sich intensiv mit ihr auseinander, aber sein Verständnis wirkt, er möge es verzeihen, erzwungen. Die Kinder entsprechen für ihn den Äpfeln der Hesperiden  was durchaus sein mag, aber warum sollte Herakles, dem der Auftrag zuteil wurde, sie zu stehlen, Feind der Natur sein? Wegen des Äpfeldiebstahls? Und warum kommen auf einmal die Satyren  ins Spiel?

Mit ihnen wird ja fast wie von selbst Dionysos einbezogen. Wie aber kann in wenigen Versen Herakles und Dionysos zusammengebracht sein?

Die Antwort finden wir in Hölderlins großer Hymne Der Einzige, dieser großen Christushymne.
Dort werden Herakles, Dionysos – von dem hier mit seiner alternativen Bezeichnung als Evier gesprochen wird – und Christus in einem Atemzug genannt:

(…) zu sehr
O Christus! häng ich an dir,
wiewohl Herakles Bruder
Und kühn bekenn ich, du
Bist auch Bruder des Eviers, der einsichtlich vor alters
Die verdrossene Irre gerichtet,
Der Erde Gott (…)

Meistens übersteigen solche Sätze das Fassungsvermögen orthodoxer Christen, für die zumeist alles Vorchristliche heidnisch ist und minderwertig, auch wenn sie es angesichts von Platon und Sokrates nicht laut sagen. Sie sollten die Wertschätzung Benedikts XVI. für das Griechentum zur Kenntnis nehmen, das er in seiner Regensburger Rede vermittelt hat, und dass das Neue Testament ohne eine Sprache wie das Griechische keine vergleichbare gefunden hätte, um an uns überliefert zu werden.

Ohne Initiierte oder unmittelbar auf dem Weg dorthin Befindliche wie Herakles, Orpheus, Odysseus und Siegfried ist eine Entwicklung der Menschheit hin zu Christus nicht denkbar. Hölderlin weiß darum, und auch wenn er Christus eine eindeutige Vorrangstellung gibt, schätzt er Herakles und Dionysos.

Für Ersteren gilt ja, dass seine 12 Taten den Tierkreiszeichen korrespondieren – die Bezüge sind in manchen sehr deutlich -, und er tat, was jeder zu tun hat, nämlich den bzw. seinen Augiasstall auszumisten und anderes mehr, wobei sein Engagement in Bezug auf die Äpfel der Hesperiden nur bedingt vorbildhaft und erfolgreich gewesen sein mag – die Unsterblichkeit konnte er eben nicht zu den Menschen holen; Vergleichbares war Orpheus bezüglich Eurydike verwehrt. Auf vorchristliche Helden trifft das in aller Regel zu, deshalb musste auch Siegfried sterben, tödlich verletzt an jener Stelle, die der Ganzmachende – so die Übersetzung von Heiland – verschloss und damit ganzheitliche Heilung ermöglichte, indem er auf jener Stelle das Kreuz nach Golgatha trug

In der Gestalt des Dionysos hingegen zeigt sich ganz besonders das Zweischneidige alles Seins, das es unter den Bedingungen der Zeit nun einmal gibt. Genau deswegen ist er für die Entwicklung der Menschheit unabdingbar, und gerade jene, die alles Vorchristliche als heidnisch abtun, sollten wissen, dass sie arm dran sind, wenn sie nicht viel Dionysisches in sich haben.

Auf der anderen Seite aber kann Dionysisches auch ins andere Extrem umschlagen und entsprechende Stellen finden sich immer wieder bei Hölderlin, so in Stimme des Volkes (zweite Fassung):

Und alle waren außer sich selbst. Geschrei
Entstand und Jauchzen. Drauf in die Flamme warf
Sich Mann und Weib, von Knaben stürzt‘ auch
Der von dem Dach, in der Väter Schwert der.

Wenn aber das Dionysische seine Ordnung findet, dann wird es zum großen Kultur-, zum Segensbringer, wie sich beispielhaft eine Stelle in Stuttgart findet:

Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,
Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,
Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen
Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.
Gerne begegnen sie sich, und irren untereinander,
Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.
Denn so ordnet das Herz es an, und zu atmen die Anmut,
Sie, die geschickliche, schenkt ihnen ein göttlicher Geist.

Auch die Rheinhymne, dieses in seiner Größe, Qualität und Symbolkraft kaum vermittelbare Werk, zeigt, wie Chaos sich in Ordnung verwandeln kann. Der Strom ist hier Sinnbild des Lebens für die Aufgabe des Menschen, seine Leidenschaften zu verwandeln.

Das Dionysische in uns bearbeiten, darum geht es. Wer also wenig Dionysisches in sich hat, muss auch in diesem Leben nur wenig davon bearbeiten – ein Vorteil ist das nicht. Die Aufgabe ist anspruchsloser und die Menschen kommen sich im Rahmen ihres geringeren Gefährdetseins auch gern heiliger vor, nicht wissend, dass sie von den Aufgaben, die an andere herangetragen werden, wenig Ahnung haben.

Wer nichts Dionysisches hat, kann nichts verwandeln.

Das gerade spürt man dem Christlichen oft an. Es ist dann klapperdürr und niemand will es in Wirklichkeit haben. Es ist, als ob man Gott Stroh zum Ernten anbieten wollte.

Gerade der verlorene Sohn im gleichnamigen Gleichnis, der das Dionysische auslebte, wird von seinem Vater bei seiner Heimkunft so geschätzt, der Ältere der Söhne, der – pointiert formuliert – im Apollinischen erstickt, erhält vom Vater eine notwendige Lektion, weil er wenig bis nichts begriffen hat.

Alles hat seine Zeit

Obige Gedanken eröffnen auch ein Verständnis für die so schwierig zu verstehenden Zeilen

So hast du manches gebaut,
Und manches begraben,
Denn es haßt dich, was
Du, vor der Zeit
Allkräftige, zum Lichte gezogen.

Alles hat seine Zeit, sagt man, und wir kennen das, wenn wir in unserer Zeit sind. Dann begegnen wir genau den richtigen Leuten, die bereit halten, was wir brauchen, Türen gehen wie von selbst auf, alles geht leicht von der Hand, unser Blick fällt genau auf das, was wir suchen. Wir sind spürbar im Fluss.

Wir kennen das aber auch, wenn wir die Zeit zwingen wollen bzw. Dinge in eine Zeit zwingen wollen, die ihr nicht angemessen ist. Dann fällt die Leiter, auf der der Farbeimer steht, um, der Glasbehälter rollt vom Tisch und fällt nicht auf den Teppich, sondern knapp daneben auf die Steinfließen. Die Straßenbahn fährt vor unserer Nase weg und wir suchen stundenlang im Internet nach einer Information, die wir vor kurzem noch gesehen hatten.

Schlimm ist es, wenn im gesellschaftlichen Bereich etwas hochgehalten wird, was überholt ist oder etwas in die Zeit gezogen wird, wofür sie nicht reif ist oder Menschen etwas tun, was erzwungen ist oder mit Mitteln geschieht, die nicht evolutionär sich anbieten, sondern einer Revolte entsprechen. Wir denken an die Titanen, die sich der Zeit entgegenstellten und einen vieljährigen Kampf der Götter untereinander provozierten, wir denken an den berühmten Engelsturz und gegebenenfalls auch an den Sündenfall, den Verlust des Paradieses. Kaum vorstellbar, dass der Mensch nicht hätte sich zu einem Bewusstsein, wie wir es anstreben, entwickeln sollen, nur stellt sich die Frage, ob die Schlange nicht zum falschen Zeitpunkt etwas initiierte, was mit dem dramatischen Verlust des Paradieses nicht hätte erkauft sein müssen.

Was die Natur, das ursprüngliche chaotische Sein also als Allkräftige zum Licht zieht, das trägt ihr Hass ein, denn das solchermaßen Heraufgezogene tut sich schwer. Damit mag zusammenhängen, warum die Menschen sich auch so schwer mit der Natur tun, die Weltmeere mit Plastik auffüllen, binnen weniger Jahre den Orbit vermüllen, Regenwälder abholzen, als wollten sie sich selbst vernichten, und die Erde zubetonieren, um möglichst viele Hochwasser zu provozieren.

Nun kennest, nun lässest du dies;

schreibt Hölderlin.
Offensichtlich lernt die Natur dazu und weil sie ihre Erfahrungen in der Zeit beherzigt, kann sie das, was sie nun tut, auf die ihr nun angemessene Weise durchführen:

Sie lässt den Menschen ihre Zeit. Wenn diese meinen, sie müssten furchtsam geschäftig sein – eine eher schonende Formulierung für das, was Menschen auf der Erde treiben und vor allem wie -, dann lässt sie den Menschen ihre Zeit.

Es wird sich ändern, wenn sie zunehmend das Gefühl entdecken dafür, was richtig ist.

Vorläufig ist vieles noch ziemlich fühllos.

Gefühl kann man nicht erzwingen, es muss sich entwickeln. Was fühllos ruht, braucht seine Zeit (XII,11f).

Die Natur lässt das nun zu.

Wir sind mit dieser Strophe nach dem so intensiven Blick auf eine mögliche Friedensfeier mitten in der Realität.

Hölderlin möchte kein Schweben auf Wolke 7, er möchte keinen Kokon, den nicht wenige um sich spinnen, indem sie immer nur Licht und Liebe sehen oder sich nur zukünftiger Hoffnung hingeben.

Dieser realistische Blick ist Hölderlin nicht fremd. In seiner großen Patmos-Hymne beginnt die letzte Strophe mit den Versen

Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.
Wenn nämlich über Menschen
Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig
Die Monde gehn, so redet
Das Meer auch und Ströme müssen
Den Pfad sich suchen.

Sein Gedicht Hälfte des Lebens endet mit einer radikal-nüchternen Frage und das Schicksalslied aus dem Hyperion vermag einen in melancholische Gedanken zu stürzen (mir jedenfalls ging es so).

Doch mitten in diesem Wissen darum, in der Weigerung also, sich einem realistischen Blick auf das Leben zu verschließen, vielmehr die Wirklichkeit aufzusuchen, finden sich jene Perlen im Werk Hölderlins, die uns Hoffnung geben auch in dunklen Zeiten und den Weg spuren zu dem Fundament unseres Seins.

Gerade weil Hölderlin so realitätsbezogen seine Hymne beendet, ist die Hoffnung auf Frieden und die Ankunft des Friedensfürsten so glaubwürdig.

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Text der gesamten Hymne

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