„Auch darf alsdann das Freche drübergehn”. – Hölderlins „Friedensfeier“ (II).

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Teil I: Ankunft des Friedensfürsten. Hölderlins „Friedensfeier” – Adventsgedanken.

Freches, also dummdreistes Verhalten ist gar nicht zu verhindern. Die Frage ist vielmehr: Gibt es in unserer Gegenwart noch ein Bewusstsein dieser göttlichen Klarheit, von der in Strophe II zu lesen war? – Blüht der Geist in hesperischer Stille, in der Stille des Abendlandes? – Hölderlin schreibt genau darüber in seinen „Vaterländischen Gesängen”, Höhepunkten deutscher Lyrik, eben auch in der „Friedensfeier”.

Wir wissen, dieser Geist blüht nicht mehr. Eher wird der Alltag lauter, kreischender.

Warum das so ist?

Die Ursprünge kennen wir. Sie – und damit die Schlange – zu dämonisieren, hat eine klare Sicht auf das Geschehen verstellt. Wir wären auf ewig göttliche Klone geblieben, hätte es keine Schlange, hätte es nicht Luzifer, Kain und Prometheus gegeben. Vermitteln zu wollen, Gottes Ebenbilder seien gleichsam seine Abziehbilder, die man von einer Folie abzieht, ins Weltall oder auf die Erde klebt und dann „lebendig” sein lässt, ist eine kirchlich-theologische Suggestion, von der sich die Menschen zu befreien beginnen. Deshalb ist es womöglich auch gut, wenn sich viele von der Kirche distanzieren, die nicht aufhört, alte Zöpfe zu predigen. Vielleicht bringt die Tatsache, dass mehr und mehr Menschen in die innere Emigration und nicht mehr in die Kirche gehen, die evangelische und katholische Kirche dazu, innezuhalten, in die Stille zu gehen. Aber ich vermute, beide müssen erst all ihr Vermögen und ihre beanspruchte Macht verlieren, damit sie zur Besinnung kommen. Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz (Matth.6,21), ist ein wirklich wahres Wort, und es trifft, was diese nicht sehen wollen, gerade auf die Kirchen zu! – Mein Respekt gilt unabhängig davon vielen einzelnen Pfarrern und Priestern vor Ort, die, entsprechend ihrem Bewusstseinsstand, tun, was sie können und damit menschlich Wertvolles leisten.

Zu glauben, dass der Mensch als Gottes Ebenbild nur schöpft, was Gott möchte, ist eine Folge dieses Gottes-Klon-Denkens und wohl kaum im Sinne göttlichen Schöpfertums. Schließlich lässt Gott sich auch nicht vorschreiben, was er tut. Warum sollte sein Ebenbild sich dann vorschreiben lassen, was es tut?

Dass dieses Noch-nicht-Ebenbild sich zu einem höheren und höchsten Bewusstsein emporarbeitet, ist, davon abgesehen, unzweifelhaft und unzweifelhaft notwendig, und damit auch, dass es aus den Folgen seines Tuns zugleich die Konsequenzen zu tragen hat.

Den Tod. Sein Schicksal insgesamt, das Hölderlin immer wieder anspricht.

Zu glauben, dass dies alles in einem einzigen Menschenleben geschehen könne, mag man – insbesondere seit dem Konzil zu Konstantinopel kirchlich verordnet (wer eine fabelhafte Päexistenz der Seele lehrt, sei verflucht!) – für wahr halten. Meine Eltern taten dies auch.

Elterliche Denkschablonen zu übernehmen, war schon immer so bequem wie gefährlich. Schon Wolfram von Eschenbach hat in seinem Parzival, dem neben dem Faust und der Unendlichen Geschichte spirituellsten Buch innerhalb der deutschen Literatur, nicht von ungefähr aufgezeigt, wieviel Leid es mit sich bringt, wenn man den Anweisungen der Mutter unüberlegt Folge leistet

Vielleicht ist der Mensch das größte göttliche Experiment, das je stattgefunden hat. Denn wenn etwas an der gängigen Theologie des Sündenfalls richtig ist, dann dies, dass ein Fall vorliegt, der so nicht vorgesehen war, dass die exzentrische menschliche Bahn, von der Hölderlin spricht, womöglich exzentrischer geworden ist, als es ein möglicher göttlicher Plan vorgesehen hat. Wenn wir sehen, welcher Gräuel im Verlauf der Geschichte Menschen fähig sind – jüngstes Beispiel sind die bestialischen Gräueltaten des IS gewesen, aber Menschen auf Lastwagen durch Abgase umgebracht zu haben oder sie mit Armen und Beinen an Pferde gebunden und in Stücke gerissen lassen zu haben, steht deren Schandtaten nur wenig nach -, dann zweifelt man an dem göttlichen Ebenbild, genannt Mensch. Und immer mehr unserer Zeitgenossen sehen realistisch, dass der zunehmende Werteverlust eine Art von Seelenlosigkeit zeitigt, die erschreckt. Über den IS oder die von Menschen angewandten Foltermethoden den Kopf zu schütteln, gleichzeitig aber per Panama- und Paradise-Papier den Menschen weltweit Geld zu entziehen, das deren soziale Institutionen und Menschen, die nach wie vor Hungers sterben, dringend bräuchten, ist eine crude Mischung von Bigotterie und kriminellem Handeln, genauso wie die Tatsache, dass keine Nation ein wirkliches Interesse hat, diesen Sumpf trockenzulegen, weil die jeweils führenden Politiker, die dieses Trockenlegen veranlassen müssten, genau wissen, dass sie in diesem System bestens leben. Das galt für Schäuble, gilt für Merkel, Macron und wie sie alle heißen.

Wenn der Mensch nicht zur Besinnung kommt, könnte das Erschrecken riesiger werden, als es uns vom Ende von Atlantis überliefert ist. Insgeheim trösten sich unsere Politiker und andere mehr oder weniger unbewusst damit, dass sie nicht mehr leben, wenn das Erschrecken Realität wird. Und unsere Kinder haben noch nicht die Kraft, den diversen Juncker, Trump, Putin, Macron, Merkel und wie zukünftige Politiker gleicher Art heißen mögen, das Ruder aus der Hand zu nehmen, die sehenden Auges, allerdings durch Alkohol, Machtgier und Tranquilizer verblendet bzw. zugedröhnt (die ein oder andere kommt einem doch auffallend sediert vor), viel zu wenig tun, im Gegenteil, die Lage noch zu verschlimmern bereit sind.
Ich persönlich aber hoffe, dass diese Zeit bevorsteht, dass also unsere Kinder schnell genug erwachsen werden, damit Realität werden kann, wofür geistig vor 2000 Jahren der Boden bereitet wurde und Hölderlin visionär herbeisehnt:

IV
Und manchen möcht ich laden, aber o du,
Der freundlichernst den Menschen zugetan,
Dort unter syrischer Palme,
Wo nahe lag die Stadt, am Brunnen gerne war;
Das Kornfeld rauschte rings, still atmete die Kühlung
Vom Schatten des geweiheten Gebirges,
Und die lieben Freunde, das treue Gewölk,
Umschatteten dich auch, damit der heiligkühne
Durch Wildnis mild dein Strahl zu Menschen kam, o Jüngling!
Ach! aber dunkler umschattete, mitten im Wort, dich
Furchtbarentscheidend ein tödlich Verhängnis. So ist schnell
Vergänglich alles Himmlische; aber umsonst nicht.

Das lyrische Ich lässt ein Bewusstsein darüber erkennen, dass es mit einer Einladung so einfach nicht getan ist. Voraussetzung für das, was geschehen möge, ist, sich des Weges, der Einstellungen und des Verhaltens von Jesus bewusst zu sein.

Nicht von ungefähr taucht dreifach in dieser Strophe an entscheidender Stelle die Partikel aber auf. Das erste aber spannt zunächst über neun Verse einen gewaltigen Bogen, um dann zweimal kurz hintereinander auf Entscheidendes zu verweisen.

Zunächst finden wir einen im Grunde unvollständigen Satz: Und manchen möcht ich laden, aber o du, Der (…) am Brunnen gerne war – die Fortsetzung der Ansprache fehlt, an deren Stelle tritt Jesu Leben:

Am Jakobsbrunnen vor Sichar bricht – und das ist ein markantes Kennzeichen seines Wirkens – Jesus massiv jüdische Normen, nicht nur, dass er eine samaritische Frau, die sich nicht gerade als monogam herausstellt, kontaktiert – sie als Prostituierte hinzustellen, wie das manchen Bibelausleger tun, halte ich für ziemlich übertrieben -, sondern dass er sie auch noch bittet, ihm Wasser zu geben; den Regeln altjüdischen Verhaltens entspricht das ganz und gar nicht:

Als nun der Herr erfuhr, daß die Pharisäer gehört hatten, daß Jesus mehr Jünger mache und taufe als Johannes / (wiewohl Jesus nicht selbst taufte, sondern seine Jünger), / verließ er Judäa und zog wieder nach Galiläa. / Er mußte aber durch Samaria reisen. / Da kommt er in eine Stadt Samarias, genannt Sichar, nahe bei dem Felde, welches Jakob seinem Sohne Joseph gab. / Es war aber daselbst Jakobs Brunnen. Da nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich also an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. / Da kommt eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! / Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. / Nun spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie begehrst du, ein Jude, von mir zu trinken, die ich eine Samariterin bin? (Denn die Juden haben keinen Verkehr mit den Samaritern.) (…)

Ihre Situation, dass sie fünf Männer gehabt habe und mit dem derzeitigen in wilder Ehe lebe, sagt ihr Jesus in der Folge auf den Kopf zu. Seine Hellsichtigkeit lässt sie erkennen, dass sie es mit einem Propheten zu tun hat, ja, sie ahnt und sagt es, dass er Christus sei, und es entspinnt sich eines der eindrücklichsten Gespräche der Bibel, in dessen Rahmen der Zimmermannssohn andeutet, dass durch sein Kommen die Beziehung zu Gott sich völlig verändern wird. Auch seine Aussagen gegenüber den zurückkommenden Jüngern, die Essen eingekauft hatten, bestätigen, dass nicht einfach mehr gilt, was bisher galt und dass, wer in Gegenwart des Göttlichen meint, seine Normen und Gesetze zur Anwendung bringen zu müssen, möglicherweise das Göttliche, den Geist der Wahrheit vertreibt. Tatsächlich lässt sich ja bei vielen Christen auch unschwer feststellen, dass Gottes Wahrheiten, von denen sie sehr überzeugt sind, ach so überraschend ihren eigenen Einstellungen gleichen.

Oft entspricht das Göttliche in Wahrheit nur dem eigenen Inneren.

Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, wird vielleicht aufgefallen sein, dass auch in Strophe IV wieder Stille angesprochen ist (rings ist übrigens mein Lieblingswort unter den Lieblingswörtern von Hölderlin) und dass zwar nicht von leichtbeschattet, wie noch in Strophe II, die Rede ist, aber dreimal das Wortfeld des Schattens zur Anwendung kommt, in seiner letzten Verwendung darauf verweisend, dass der Tod Jesu einen Schatten werfen kann. Mehr allerdings auch nicht. Denn göttliches Handeln ist nicht vergeblich, oder, wie Hölderlin formuliert, umsonst nicht (IV,12).

Damit ist allerdings nicht ausgesagt, dass den allermeisten Christen auch nur annähernd bewusst wäre, welche Bedeutung dem Geschehen auf Golgatha zukommt. Auffallend ist ja z.B., dass seit Jesu Tod, eigentlich schon zwei, drei Jahrhunderte vorher, das ganze für das Altertum, für das alte Persien, Babylon, Ägypten und Griechenland so kennzeichnende Mysterienwesen ausstirbt. Dass also spirituelle Erfahrungen nicht mehr einem kleinen Kreis Auserwählter zuteil werden, sondern offensichtlich allen, die guten Willens sind, wie es nicht zufällig im Weihnachtsevangelium heißt. Dass die Kirche dann über Jahrhunderte die Schrift in ihren Gottesdiensten nur in lateinischer Sprache verlas, ja auch so unverstanden predigte, bis so mutige Menschen wie Meister Eckehard und andere das Blatt zu wenden begannen und Deutsch sprachen, zeigt die frühe Degeneration der Institution Kirche. Als ob Jesus nicht immer in des Volkes Sprache gesprochen hätte.

Rahmen einer inneren Ordnung

Inhaltlich ließe sich bezüglich des Beginns der zweiten Triade einiges ausführen, aber um den Rahmen eines Post nicht zu sprengen, möchte ich vor allem zwei Punkte ansprechen:

Zum einen, dass mit dem treuen Gewölk die Jünger Jesu gemeint sind, die ihm Schatten spenden, das heißt, in gewisser Weise durch ihre Gegenwart einen Schutzmantel um Jesus legen, denn wir wissen, dass viele Menschen, worauf in den Evangelien immer wieder hingewiesen wird, mit ihm zogen und natürlich allein die Energie ihrer Gegenwart an ihm sog und zog. Letztendlich war es das noch ungeformte innere Wesen der Jünger, ihre Wildnis, die einen Schutzwall errichtete, also Schatten gab.

In einem der Entwürfe, auch Ansätze genannt, heißt es:

Und die lieben Freunde, das treue Gewölk,
Umhüllten dich, daß wie durch heilge Wildniß
Der reine Stral gemildert schien den Menschen

Hier wird auch deutlich, dass es nicht nur um den Schutz Jesu ging, sondern auch um den der Menschen, die nicht so ohne Weiteres den reinen Stral hätten ertragen können.

Wenn Hölderlin das Adjektiv wild oder das entsprechende Substantiv verwendet, dann oft in dem Sinn, dass Menschen, auf die der damit verbundene Zustand zutrifft, sich eben noch auf der exzentrischen Bahn befinden, sozusagen im Ausland (II,4) und unter dem Einfluss des Donnerers (III,8) stehen.

Wer sich seelisch weiterentwickelt, gelangt aus dieser Wildnis, dem Chaos der Seele in Bahnen einer inneren Ordnung, aus einer exzentrischen in eine zunehmend in seinem Selbst zentrierte Verfassung. Er bemerkt das an einem veränderten und weniger chaotischen Traumleben, an seinem souveräneren Verhältnis in Bezug auf Emotionen, an einem Verlassen der Ebenen von Wertung und Urteil.

Dadurch aber, dass es im Inneren der Jünger noch wild zugeht, können sie gleichzeitig noch auch als Schutzfilter für Jesus wirken; ihr seelischer Zustand, ihre seelischen Energien absorbieren die von außen kommenden.

Wenn ich von Jesus spreche, beziehe ich mich auf jenen Menschen, welcher der Sohn von Maria und Joseph war, um noch einmal vorsichtshalber zu wiederholen, worauf ich schon im vorausgegangenen Post verwies: Christus ist für mich der Sohn Gottes, des Vaters, der seit der Taufe durch Johannes den Täufer sich mit dem Menschen Jesus verband, was sich in den Worten Gottes im Augenblick der Taufe manifestiert: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Matth.3,17)

Zum zweiten: Mich hat lange irritiert, wie Hölderlin zu der Aussage kommen konnte, dass Christus mitten im Wort ein tödliches Verhängnis umschattet habe und alles Himmlische schnell vergänglich sei (vgl. IV,10f)

Sieht man von dem ersten Vers der vierten Strophe ab – das aber lässt einen doch seltsam aufmerken, ja, im Verein mit dem folgenden o du irritiert sein – sind die folgenden Verse in so sanfter Stimmung verfasst mit zum Teil adverbial gebrauchten Adjektiven wie freundlichernst, liebend, treu und mild, dass man mit diesem überraschenden Strophenschluss wahrlich nicht rechnet, erst recht nicht damit, dass er doch inhaltlich offensichtlich nicht zutreffend ist. Der doch Paulus so verehrende und das Johannes-Evangelium schätzende Hölderlin muss gewusst haben, dass Jesus selbst sich niemals mitten im Wort gesehen haben konnte, wusste er doch sehr genau, was auf ihn zukam, war seine Mission doch genau die, zu sterben, um höchstes Göttliches, Christus nämlich, im Tode mit der Erde zu verbinden und einen Zustand herbeizuführen, wie er vermutlich heute noch für das ganze All einmalig ist. Es kommt hinzu, dass niemand anderes denn Jesus als Christus offensichtlich in der Lage war, diesen göttlichen Geist – Ich und der Vater sind eins (Joh. 10,30) – aufzunehmen und dadurch dem Göttlichen eine Erfahrung zu ermöglichen, die nur auf diesem Weg möglich war.

Und seit wann ist Himmlisches schnell / Vergänglich (IV,11f)?

Diese Wortwahl spiegelt ein umschattetes Bewusstsein, denn es handelte sich bei jenem Verhängnis nicht um eine jäh unterbrochene Mission oder, wie Jochen Schmidt erstaunlicherweise schreibt, um die Tragik einer unvollendeten Sendung. So kann Hölderlin diese Stelle nicht aufgefasst haben, denn ihm war bewusst, dass genau durch dieses tödliche Verhängnis das Leben Jesu eine vollendete Sendung ist.
Das belegen auch Worte aus dem bereits angesprochenen ersten Entwurf der Friedensfeier; sie lauten: „(…) nicht zu leben, zu sterben warst du gesandt”.

Zudem war Hölderlin, wie Verse der folgenden Strophe zeigen, sich dessen bewusst, dass ein Gott eh nur für einen Augenblick die Wohnung der Menschen anrühren kann – mehr ertragen sie wohl gar nicht – und in diesem Zusammenhang zehn Verse später von einem gottgegebenen Geschenke spricht:

V
Denn schonend rührt des Maßes allzeit kundig
Nur einen Augenblick die Wohnungen der Menschen
Ein Gott an, unversehn, und keiner weiß es, wenn?
Auch darf alsdann das Freche drüber gehn,
Und kommen muß zum heilgen Ort das Wilde
Von Enden fern, übt rauhbetastend den Wahn,
Und trifft daran ein Schicksal, aber Dank,
Nie folgt der gleich hernach dem gottgegebnen Geschenke;
Tiefprüfend ist es zu fassen.
Auch wär uns, sparte der Gebende nicht,
Schon längst vom Segen des Herds
Uns Gipfel und Boden entzündet.

Es bedarf tiefer Prüfung (vgl. VII,9), um dieses Geschehen richtig zu sehen. Wer es nur oberflächlich wahrnimmt, könnte in der Tat sich jener umschatteten, auf Mitleid basierenden Sicht anschließen, Jesus Christus sei im Rahmen seiner Mission mitten im Wort unterbrochen worden und das Golgatha-Geschehen sei ein Verhängnis. – Nein, Hölderlin weiß: Es war höchste Gnade, ein göttliches Opfer.

Opferbereitschaft aber ist die vielleicht höchste Stufe der Liebe.

Auch zu Beginn der Strophe VI (wie erneut in ihrem drittletzten Vers, „sparte”) klingt erneut dieses Schatten- bzw. Umschattungs-Motiv an, mit dem benannt ist, dass der Mensch nur sehr bedingt dem Göttlichen ausgesetzt werden kann.

Ich habe das Dornbusch-Erlebnis von Moses erwähnt, wie überhaupt Gott im Alten Testament wiederholt in einer Wolke erscheint (1. Mose 9,13; 5. Mose 1,33 und 33,26); Gleiches gilt mehrfach für das NT, u.a. in Matth. 17,5.

Auch ist ein Gott, wie im ersten Vers dieser Strophe zu lesen, allzeit kundig, also allwissend, und weiß um das Maß, das der Mensch verträgt, wobei in Bezug auf das Nicht-Wissen im Hinblick auf den Zeitpunkt der Erscheinung des Göttlichen (V, 3) angespielt ist auf das Gleichnis von den 10 Jungfrauen, auf jenes Thema also, dass der Mensch jederzeit bereit zu sein hat für das Kommen Gottes bzw. Christi, das im Alten und Neuen Testament wiederholt, ja vielfach aufgegriffen ist. Alternativ dazu steht der gewöhnliche Tod, die Germanen nannten ihn Strohtod im Gegensatz zur Aufnahme als Held in Walhall.

Wir erleben in unserer Zeit, dass zunehmend junge Menschen in Familien aufwachsen, die keinen Bezug zu all diesen Themen haben. Sinnstiftend zu erziehen, ist in die Verantwortung der Eltern gelegt. Es kommt hinzu – und leider weiß ich es aus Erfahrung -, dass der traditionelle Religionsunterricht bisweilen so intolerant und eng ist, dass Schüler die Flucht in den Ethikunterricht antreten, oder so verkopft, dass nichts im Herzen anklingt. Bisweilen trifft man in unserer Gesellschaft auch auf eine Gottlosigkeit, die sich jemand als Ausweis intellektueller Selbständigkeit an die Brust heftet. Das wirkt dann oft einfach dummdreist und Hölderlin bezeichnet diese intellektuelle Arroganz als frech. Sie – und Hölderlin wählt bewusst dieses Modalverb – darf es geben. – Ich persönlich finde es auch wichtig, dass es sie geben darf (wobei sie meiner Erfahrung nach selten vorkommt, der unbewussten oder bewusste Atheismus allerdings mittlerweile sehr häufig). Gerade in diesem Bereich darf es keine Indoktrination und Gängelei geben. – Wünschen würde ich mir nur, dass Menschen, die glauben, auch mit Respekt behandelt würden.

Hölderlin wählt dagegen das Modalverb müssen, um darauf zu verweisen, dass das Wilde zum heiligen Ort zu kommen hat. Das gehört zum Schicksal des Menschen, mit dem Schein, dem Wahn im Hinblick auf Vorstellungen des Lebens rauhbetastend (V,6) sich auseinanderzusetzen. Alles Weitere, im welchem Ausmaß er also Wahn abbaut und Wildes umwandelt, ist in das Geschick jedes Einzelnen gelegt. Die letzten Etappen dieses Weges sind in Wolfram von Eschenbachs Parzival geschildert; der Name der Gralsburg lautet nicht von ungefähr Montsauvage,Wildenburg, im Mittelhochdeutschen Munsalväsche.

In das Geschick von uns Menschen ist auch der Umgang mit den Elementen gelegt, denn im Grunde sind es fremde Kräfte (VI,5); sie sind mehr, als menschlicher Weise vertraut ist. Doch ist uns eine Hilfe gegeben (vgl. VI, 3f), ein Lehrer in Form des Alls, der Sterne, die uns von Beginn der Schöpfung an Zeichen und Zeiten geben, wie in 1. Mose 14 nachzulesen ist, und uns vermitteln, dass alles nach Maß und Zahl (Buch der Weisheit 11,21) geordnet ist, ein Wissen, wie wir es auch in Platons Timaios und der jüdischen Kabbala tief verankert finden. In diese Ordnung einzugreifen muss deshalb verantwortlich geschehen:

VI
Des Göttlichen aber empfingen wir
Doch viel. Es ward die Flamm uns
In die Hände gegeben, und Ufer und Meersflut.
Viel mehr, denn menschlicher Weise
Sind jene mit uns, die fremden Kräfte, vertrauet.
Und es lehret Gestirn dich, das
Vor Augen dir ist, doch nimmer kannst du ihm gleichen.
Vom Allebendigen aber, von dem
Viel Freuden sind und Gesänge,
Ist einer ein Sohn, ein Ruhigmächtiger ist er,
Und nun erkennen wir ihn,
Nun, da wir kennen den Vater
Und Feiertage zu halten
Der hohe, der Geist
Der Welt sich zu Menschen geneigt hat.

An einigen Stellen ist diese Hymne ein großes Rätsel. Gewiss gebe ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine mögliche Sicht; allerdings ist das meine persönliche, in der ich versuche, Hölderlins Sicht aufzuspüren – sie muss im Zentrum stehen – und seine Sicht mit meinen Auffassungen vergleiche wie ebenso mit denen anderer. So bin ich mir nicht sicher, ob meine Auslegung von mitten im Wort eine richtige ist, dass also die Wortwahl Hölderlins eine umschattete Sicht wiedergebe. Ich habe bei einigen Interpreten nichts für mich Stimmiges über diese Stelle gefunden. Vielleicht kommen Sie zu der Auffassung, dass Hölderlin hier schlicht irrt oder ungenau formuliert hat; vielleicht soll auch nur das Überraschende seines Todes angedeutet sein, wie Meta Corssen anklingen lässt. Auch das ist durchaus möglich, wenn ich sie auch nicht teilen kann, weil sie meines Erachtens Hölderlins Wertschätzung von paulinischem Wissen verwässert und ich keinen Dichter kenne, der das Wort ernster nimmt als er.

Nun treffen wir aber in obiger Strophe auf eine Stelle, die dezidiert der Bibel widerspricht, in der es aus dem Mund Jesu doch heißt: Niemand kommt zum Vater denn durch mich (Joh. 14,6).

Wie kann Hölderlin dann schreiben:

Und nun erkennen wir ihn,
Nun, da wir kennen den Vater

Müssen wir nicht erst Christus kennen und erkennen, um sein Bewusstsein nutzen zu können, den Vater zu erkennen? Meint nicht genau auch das jene eben zitierte Bibelstelle ebenso wie die Aussage Jesu, dass er die Wahrheit und das Leben und eben auch der Weg sei (Joh. 14,6)?

Gedanken über solche Stellen in Hölderlins Versen haben mich oft ins Grübeln gebracht und mich vielfach zu neuen Sichtweisen und Gedanken geführt. Es gehört mit zu der Charakteristik dieser wunderbaren Hymne, dass manches tief Sinnige so in der Schwebe gehalten ist, dass sich der innere Gehalt nicht sogleich offenbart, vielleicht auch überhaupt nicht.

Max Frisch spricht in seiner wunderbaren Tagebuchsequenz im Zusammenhang mit der Bildnisproblematik von der Schwebe des Lebendigen, mit der man nur dem Bildnis entgehen kann, in das man andere sperrt, ein Einsperren, das man allerdings auch mit Worten tut, weshalb Rilke weiß, warum er sagt: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Das kann sogar nur einen Buchstaben betreffen, der über Singular oder Plural Auskunft gibt, wenn ich daran denke, dass Luther immer und immer wieder die Himmel, von denen in der Bibel im Plural die Rede ist, mit dem Singular wiedergibt, u.a. wenn er übersetzt: Vater unser, der du bist in dem Himmel – und das, obwohl in der Bibel dezidiert von den Himmeln geschrieben ist. (Gleiches gilt z.B. auch für eine so wichtige Stelle wie Kolosser 1,16: In ihm ist alles geschaffen, was im Himmel {in den Himmeln!!} und auf Erden ist . . .)

Oder warum er immer und immer wieder das griechische Wort aion mit Ewigkeit übersetzt, obwohl so offensichtlich ist, dass gerade in der Bibel oft nicht von der Ewigkeit, sondern von Zeitaltern gesprochen wird, was aion vor allem bedeutet.

Niemals hätte die Lehre von der ewigen Verdammnis einen solchen Stellenwert erhalten können, wenn Luther bei der Wahrheit des Wortes geblieben wäre [wobei ich mir, so möchte ich heute, im Mai 2018 nachtragen, nicht mehr so sicher bin, ob es sie nicht doch gibt; meine Beschäftigung mit der Zahl 666 und dem Tier mit den zwei Hörnern, dem Sonnendämon also, von dem in der Offenbarung des Johannes gesprochen wird, haben in mir doch die Vermutung aufkommen lassen, es könne, wenn Menschen sich bis zum Ende des Gesamtzyklus der Erde dem Christusprinzip verweigern, tatsächlich etwas wie eine ewige Verdammnis geben].

Zurück zu Hölderlins Aussage, dass wir Christus erkennen, weil und wenn wir den Vater kennen.

Fakt ist, dass der Weg von Jesus Christus, wie ihn vor allem das Johannes-Evangelium darstellt, der Weg ist, den wir alle zu gehen haben. Wir alle haben dem Nächsten und von vielen so Verachteten die Füße zu waschen, wir haben die Angebote auf Macht und Reichtum, die Jesus in der Versuchung durch den Teufel erlebt, auszuschlagen, wir haben unser falsches Selbst als Kreuz auf die Schädelstätte zu tragen und es dort sterben zu lassen, damit das wahre Bewusstsein auferstehen kann.

Dieser Weg ist gewiss nicht leicht und er bedarf vieler Leben, solange wir in der Folge des sogenannten Sündenfalls sterben müssen.

Wenn wir auf Jesu Weise zum Bewusstsein des Vaters gelangen – und jeder, der vergeblich die Mutter sucht, sollte wissen, dass in spirituellen Schriften fast durchweg mit dem weiblichen Bewusstsein die menschliche Seele gemeint ist; wir sollten also nicht vergeblich auf ein Mutter unser warten – dann erst erkennen wir die ganze Bedeutung von Christus.

Kein Schüler, auch wenn er seinen Lehrer sehr verehrt und ihm die Gnade zuteil wird, dass er von einem weisen unterrichtet wird, weiß um dessen ganzes Wissen. Wir wissen nicht um all das, was Christus weiß, wir kennen nicht die Dimensionen des Sohnes – und es ist gut, dass wir um sie nicht wissen, wir würden nur in höchste Verwirrung geraten; dennoch aber führt euns unser Weg auf eine Weise, die unvorstellbar wahr und voller Leben ist, in neue Dimensionen.

Es ist keineswegs ein Widerspruch, dass wir vom Ende her, vom Vaterbewusstsein her erst erkennen, welcher Gnade wir teilhaftig geworden waren, wenn wir den Weg des Sohnes und eines sich entwickelnden Bewusstseins gehen dürfen. Erst von hier aus erkennen wir seine ganze Bedeutung.

Es mag uns bewusst werden – und das gibt den Worten Hölderlins einen ganz tiefen Sinn -, was es für Gott bedeutet haben mag, seinen Sohn gesandt zu haben. Mancher, der Kafkas Verwandlung gelesen hat, hat lesend erspürt, was es für eine Seele bedeutet, wenn sie ihn einem ihr unangemessenen Körper ist. Vielleicht ist, das vermittelt zu haben, neben der Türhüterlegende, die ein überragendes spirituelles Wissen enthält, die eigentliche Leistung des Schriftstellers Kafka, dass er also transparent hat werden lassen für jene zumindest, die es sehen wollen, dass es einen Zusammenhang zwischen äußeren und innerem Leben gibt – wie viele seiner Szenen spielen sich nicht, gerade im Prozess im Halbdunkel ab oder es rieselt Staub in Räumlichkeiten -, und wie schrecklich es ist, wenn Menschen in Körpern wohnen, die ihrem mentalen Zustand nicht entsprechen. Eine absolute Qual. Das ist für mich die eigentliche Botschaft der Verwandlung.

Wer das versteht, versteht auch, warum es für Gott so schwer gewesen sein muss – um es in menschliche Dimensionen zu formulieren – wenn er seinen Sohn in einen Körper schickt, der ihn eigentlich kaum aufnehmen kann.

Das mag in Wirklichkeit der Grund gewesen sein, warum Jesu Wirken nur drei Jahre dauern konnte und dass den Jüngern nach Jesu Tod nicht Christus zuteil werden kann, sondern der Heilige Geist.

Tatsächlich ist Hölderlins Aussage absolut stimmig. War ich zunächst irritiert in Bezug auf seine doch scheinbar unstimmige Aussage, so hat seine Sicht heute für mich etwas Befreiendes, denn sie misst dem Vater einen Stellenwert zu, den ich innerlich noch nie vorher auf diese Weise wahrnehmen konnte. Seine Sicht, so empfinde ich, rückt den Vater näher an den Menschen heran.

Eine Anmerkung mag zum Schluss noch wichtig sein:
in den letzten fünf Versen der zuletzt wiedergegebenen Strophe ist von Christus die Rede und vom Vater:

Und nun erkennen wir ihn,
Nun, da wir kennen den Vater
Und Feiertage zu halten
Der hohe, der Geist
Der Welt sich zu Menschen geneigt hat.

Eigentlich alle Interpreten gehen davon aus, dass in den drei letzten Versen von dem Vater gesprochen wird. Ich persönlich halte es für möglich, dass hier das ihn des fünftletzten Verses wieder aufgenommen wird, also wieder von Christus die Rede ist. Das legt der Inhalt der folgenden Strophe nahe. Dazu mehr in einer Woche.

Ich schließe hier, wie schon im letzten Post gehandhabt, mit einem Ausblick auf die folgende Trias und damit auf Strophe VII, damit zugleich auf den nächsten Post und wünsche Ihnen vorab einen gesegneten zweiten Advent:

Denn längst war der zum Herrn der Zeit zu groß
Und weit aus reichte sein Feld, wann hats ihn aber erschöpfet?
Einmal mag aber ein Gott auch Tagewerk erwählen,
Gleich Sterblichen und teilen alles Schicksal.
Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesetz,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel..

PS: Wer alle 12 Strophen lesen möchte: hier.

Fortsetzung der Interpretation: Teil III

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