Hölderlins tiefe Spiritualität: „Der blinde Sänger”.

Je mehr man sich mit Friedrich Hölderlin (1770-1843) beschäftigt, desto mehr wird man gewahr, dass Spiritualität etwas ganz anderes sein könnte als das, was man bisher glaubte, dass sie sei. Eine Spiritualität Hölderlinscher Qualität geht weit über die Tatsache hinaus, dass alle Wirklichkeit eine weiterverweisende, symbolische Bedeutung hat, wie sie einem z.B. in indianischen Kulturen begegnet. Worte und Wörter sind bei Hölderlin nicht nur auf mehr als auf Konkretes wie einen Tisch oder Stuhl oder Abstraktes wie Glauben, das Böse oder Liebe hinweisend. Oft nähern sie sich dem an, was wir als Urwörter bezeichnen können, vor allem jene, die immer wieder sich bei ihm finden wie Strom oder Berg, Abgrund, Wildnis, Adler, Schicksal, Vater, Mutter, Stille, Tag, Nacht, Heimat oder Vaterland.

Sie weisen über menschliche Vernunft – dass das möglich, ja notwendig sei, lesen wir  -, hinaus und öffnen in uns Türen zu Bereichen, die etwas in uns auf eigenartige Weise in Bewegung bringen. Das gilt für die Sicht auf Vergangenes und auch für Zukünftiges.

Doch ist Gegenwart bei Hölderlin immer präsent, so zum Beispiel in einem so frühen Gedicht wie jenem über die Teck, einem Berg bei Kirchheim im Schwäbischen unweit des Albtraufs  gelegen, wie überhaupt in seinen Gedichten örtliche Gegebenheiten, auch Flüsse und Ströme wie die Donau, der Main und der Neckar eine wichtige Rolle spielen, vor allem natürlich der Rhein, den Hölderlin in einer großen Hymne besingt, der wie kein anderer sich seinen Weg durch Deutschland nach Norden bahnt, nicht aber, ohne zu Beginn einen Richtungswechsel gen Osten vorzunehmen, eine Tatsache, die Hölderlin hervorhebt, wenn er davon spricht, dass es die ungeduldige Seele des Stromes nach Osten treibe. – Die Aufmerksamkeit, die er dieser Himmelsrichtung gibt, verwundert nicht auf dem Hintergrund der Bedeutung, die diese in seinem Werk hat.

Hölderlin geht von Konkretem aus und öffnet den Blick auf eine geistige Landschaft.

Nicht er ist es letztendlich, der spricht, sondern er lässt die Dinge sprechen, sehr oft sind es geographische Gegebenheiten, die ihm zum Ausgangspunkt werden.
Ein Strom wie der Rhein repräsentiert Zeit, Leben, Geschichte. Zugleich steht er für das Dichterwort selbst. Und es gibt zwei bezeichnende Stellen für des Dichters Blick auf die Wirklichkeit von Strömen, wenn er wie in den zitierten Zeilen von der Donau spricht – Hölderlin nennt sie und das Gedicht, wie die alten Griechen sie nannten, Ister:

Denn Ströme machen urbar das Land –

eine Sichtweise, die wir in Zeiten von Bayer, BASF, Ciba-Geigy und vielen weiteren industriellen Anrainern des Rheins verloren haben (vgl. Die Opferung des Rheins).

Es gehört aber zum Urwissen der Menschheit, was wir Strömen verdanken. Und auch in Der Ister heißt es, ganz am Ende:

Was aber jener tuet, der Strom, / Weiß niemand.

Unwillkürlich spürt man auf dem Hintergrund der Spiritualität Hölderlins die flache Künstlichkeit der hochgetunten Esoterik eines Wassermannzeitalters, die mit ihren prognostizierten Heilserwartungen wie eine Seifenblase zerplatzte. So jedenfalls, wie Spiritualität über die Menschheit kommen sollte, hat sie sich als bittere Fehlprognose entlarvt.

Angela Merkel ist die Raute wichtiger als eine helfende Hand!

Was wir dagegen zur Kenntnis zu nehmen haben und was diametral dem einstigen Wassermannzeitalterhype begegnet: Eine endlose Zahl von Menschen treibt heimatlos über die Erde: Genozid wie in Ruanda ist an der Tagesordnung, ethnische Säuberungen gegenüber Muslimen wie in der Zentralafrikanischen Republik, Schlächtereien wie der Boko Haram in Nigeria oder der Shabaab-Milizen, die in Somalia und Kenia Jagd auf Christen machen, ähnlich wie das antichristliche Gewaltregime in Eritrea , von den Menschenrechtsverletzungen in China  und weiteren Ländern ganz zu schweigen.

In Deutschland lässt seit 12 Jahren eine Kanzlerin ca. ein Viertel der Bevölkerung sehenden Auges verarmen und produziert mit ihrer Politik ein zukünftiges Rentnerelend. Das mag gegenüber dem Schicksal von Menschen in anderen Ländern harmlos sein (ein Betroffener sieht das anders), aber Hilfsbereitschaft in einer Bevölkerung für die Not in der Welt gewinnt man nur, wenn der Nächste sich sicher sein kann, dass ihm Hilfe zuteil wird – und es sind genug Beispiele durch Presse und Fernsehen gegangen, dass Mitbürger ein Leben lang gearbeitet haben und nun nur mit Hilfe eines Taschenrechners beruhigt einkaufen können. Der ein oder andere wird schon erlebt haben, dass einem Mitmenschen zehn oder fünfzehn Cent an der Kasse gefehlt haben (man sollte sich nicht scheuen, sofort zu helfen) – Das ist eine Schande für ganz Deutschland, auch für eine Kanzlerin, der die Raute wichtiger ist als ihre Hände zum Helfen zu nutzen.

Der blinde Sänger

Leider ist Hölderlin, vor allem in den letzten Werken vor seiner Geisteserkrankung immer schwieriger zu verstehen. Ich möchte deshalb das ein oder andere Gedicht auf meinem Blog ansprechen. Zu wertvoll ist, was er zu sagen hat und es gibt eine Reihe von Germanisten, die sich empfindsam in sein Werk eingelebt haben.

Grundsätzlich erfordert seine Lektüre, sich auf den besonderen Stil, der auch durch die griechischen Formen der Metrik bedingt ist, einzulassen. Nicht nur, dass er, abgesehen von seinen Anfängen – und wieder auch in seinen Altersgedichten – keine Reime verwendet, sondern, wie angesprochen, griechische Metrik, im Falle des folgenden Gedichtes ist es die alkäische Strophenform. Hölderlins Wirkung ist ohne diese Gestaltung nicht denkbar, aber es würde hier den Rahmen sprengen, auf sie näher einzugehen, es sei nur gesagt, dass ihm in deren Verwendung in Deutschland – ansatzweise vielleicht Klopstock – niemand das Wasser reichen konnte, ich vermute, in ganz Europa nicht.

Wir finden in jenem Gedicht einen Dichter-Sänger, der auf einmal wahrnehmen muss, dass er blind ist, dass ihn die Nacht hält. Er ruft nach dem Licht, spricht es mit Jugendliches anspricht, ist es doch die Zeit des Morgens. Noch hält der Sänger die Nacht nicht für einen Gegner, spricht er doch von ihrem Heilige(n) Zauber:

Wo bist du, Jugendliches! das immer mich
Zur Stunde weckt des Morgens, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wach, doch bannt und hält in
Heiligem Zauber die Nacht mich immer.

Was für eine Irritation: Das Licht erscheint nicht wie gewöhnlich. Wir sind gewohnt, dass die Sonne aufgeht, aber zu bemerken, dass sie das nicht tut, ist eine eigene Sache.

Selten womöglich, dass wir bemerken, wenn uns die innere Sonne nicht aufgeht.

Dämmerung ist ebenfalls ein Wort, das sich bei Hölderlin bewusst findet und jenen Zustand meint, in dem die Nacht, Träume und Unbewusstes noch ihren Einfluss ausüben, aber schon das prasselnde Rollen der Phöbusräder, wie Goethe es in Faust II Ariel formulieren lässt, den Morgen ankündigt.

Allerdings ist der Sänger irritiert; er nimmt die Morgenbrise, ihre Lüfte wahr, die, wenn die Nacht in den Tag übergeht, zu spüren sind; doch er sieht kein Licht:

Sonst lauscht ich um die Dämmerung gern, sonst harrt
Ich gerne dein am Hügel, und nie umsonst!
Nie täuschten mich, du Holdes, deine
Boten, die Lüfte, denn immer kamst du,

Kamst allbeseligend den gewohnten Pfad
Herein in deiner Schöne, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wieder wach, doch bannt und
Hemmt die unendliche Nacht mich immer.

Kein Zweifel, der Sänger weiß um seine Situation, sein Herz ist wach, er weiß um die Bedeutung der Lüfte, die auch in sein Inneres Bewegung brachten. Wie wertschätzend spricht er von dem Licht, das er als Schöne bezeichnet, doch nimmt er wahr: Unverhältnismäßig und ungewohnt bannt und hemmt noch die Nacht. Da bedarf es schon zweier Verben, um auszudrücken, was er empfindet, ja, die Nacht ist auf einmal unendlich – das lässt erahnen, dass das Innere des Sängers mehr weiß, als es hier ausmalt.

Auch wir, der ein oder andere wird das aus Erfahrung nachvollziehen können, sind manchmal (noch) nicht in tiefster Nacht, aber ahnen, dass irgendetwas entscheidend anders ist als sonst. Wir nehmen oder wollen noch nicht die Dimensionen dessen wahrnehmen, was auf uns zukommt, was wir aber schon mehr als nur ahnen könnten. Offensichtlich ist es dem Sänger eine Hilfe, sich auf vergangene Erfahrungen rückbeziehen zu können:

Mir grünten sonst die Lauben; es leuchteten
Die Blumen, wie die eigenen Augen, mir;
Nicht ferne war das Angesicht der
Meinen und leuchtete mir und droben

Und um die Wälder sah ich die Fittige
Des Himmels wandern, da ich ein Jüngling war;
Nun sitz ich still allein, von einer
Stunde zur anderen und Gestalten

Aus Lieb und Leid der helleren Tage schafft
Zur eignen Freude nun mein Gedanke sich,
Und ferne lausch ich hin, ob nicht ein
Freundlicher Retter vielleicht mir komme.

In der Ausdruckskraft dieser Strophen kann die alkäische Strophenform ihre ganz eigene Schönheit entfalten.

Vielleicht ist die Erinnerung an einstige Tage voller Licht – und vor allem auch deren Wertschätzung durch uns – eine notwendige Voraussetzung, um zum einen überhaupt ihren Verlust zu bemerken, zum anderen mag sie Nahrung sein auf dem Weg durch die Nacht.
Der Sänger weiß um sein sonstiges Eingebettetsein in Familie und Freunde oder auch Kollegen und dass es ihm Licht war auf seinem Weg, er weiß, wie wertvoll ihm das Geschehen in der Natur, der Flug der Vögel war. Doch von jetzt auf nachher ist alles anders.

Das Wortfeld der Stille hat eine zentrale Bedeutung im Werk Hölderlins. Immer wieder taucht es auch als Adjektiv oder Adverb auf, oft ganz unauffällig. Gern wird dieses Wort ja gemieden, sogar von Martin Luther, der im 23. Psalm nicht, wie es im Urtext steht, übersetzt, dass Gott David zum stillen Wasser führe, sondern zum frischen. – Was für eine Sinnentstellung, kommt doch der Stille auch in der Bibel eine unglaubliche Bedeutung zu, heißt es nicht von ungefähr: Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein. – Ist da von Frische die Rede? – Stille als Kraftquelle will auf ganz Anderes verweisen.

Für mich – das möchte ich hier doch anmerken – ist nicht nachvollziehbar, warum in der neuen Lutherbibel dieser Fehler nicht ausgemerzt worden ist; Gleiches gilt im Übrigen für die falsche Übersetzung des Vater Unser in Bezug auf den Plural: der du bist in den Himmeln – so muss es heißen.

Hölderlins Zeilen erschließen sich in Stille. Manchmal glaubt man zu spüren, dass sie aus Stille geschrieben sind.

Aber die Stimme Jupiters ist unüberhörbar, sie will es sein.

Dann hör ich oft die Stimme des Donnerers
Am Mittag, wenn der eherne nahe kommt,
Wenn ihm das Haus bebt und der Boden
Unter ihm dröhnt und der Berg es nachhallt.

Manchmal ist unser inneres Lärmen so laut, dass wir den Lärm, den wir selbst machen, nicht mehr unterscheiden können von der Stimme des Donnerers. – Das ist Absicht. – Von uns.

Hier trennen sich womöglich die Wege des ein oder anderen Lesers von den folgenden Ausführungen, denn Hölderlin ernst zu nehmen, bedeutet, die griechische Mythologie als einen noch in unser Leben einfließenden Faktor ernst zu nehmen, ebenso die Götter Griechenlands, denen in dem Hölderlin-Gedicht Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter und vielen anderen Schriften eine große Bedeutung zukommt, und zwar keine nur mythisch verklärte.

Blitzsauber haben vor allem die Evangelische Theologie, aber auch die katholische, den Himmel von allem Vorchristlichen gereinigt. Verdammt ist, wer an Heidnischem sich orientiert. Wer aber Hölderlin verstehen will, wird sich eingestehen müssen, dass Heidnisches ganz und gar nicht den Charakter und die Seele verdirbt. Im Gegenteil ist es der Humus, auf dem wir heute unsere seelischen Häuser bauen.

Hölderlin ist der Auffassung, dass nicht Kronos, also Saturn, die Zeit gebracht hat, sondern dass es letztendlich Zeus, also Jupiter war, und damit seien zugleich durch Jupiter Gesetze und Ordnung in das Leben der Griechen, der Menschheit gekommen. Eindringlich fordert der Dichter Jupiter auf, seinem Heiligen Vater Saturn, den er in den Abgrund verstieß, zu danken und dem Älteren zu dienen.

Dem Älteren, das ist nicht nur das historisch Ältere, es sind auch die Eltern. Sie zu ehren, das gilt auch für Götter.

Zurück zu Jupiter: Seine Blitze sind im übertragenen Sinne seine Gedanken, die auch in uns nachhallen und eigene evozieren. In unserer Sprache ist das evident, wenn wir davon sprechen, dass eine Idee, ein Gedanke wie ein Blitz einschlug. Es ist jene Energie, die die Griechen in Zeus ansprachen, die Leben bewirkt, Leben aus dem Gedanken, aus dem Wort.

Wer dem Gewitter Jupiters, seinem Einfluss, nur tagsüber sein Recht lässt, übersieht, dass es auch nachts lebens-wichtig ist, denn es bringt gewiss Tod, eben aber auch Leben, während er, der Gott, im Westen untergehend, auf der Rückseite der Erde nach Osten eilt. – Jupiter ist wirksam, bei Tag und Nacht.

Wer die Nachtseite des Lebens ignoriert, versteht die Blitze, die Gedanken Jupiters, die Energie des Lebens nicht, seine Aufgabe, mit der er eine unvorstellbar ebenmäßige Kunst, wie wir sie im griechischen Tempelbau finden oder auch in der Darstellung von Körpern griechischer Menschen, ins Leben rief, die heute noch Basis ist für das, was wir als höchste Harmonie bezeichnen.

Leben als exzentrische Bahn

Gewiss gehört es zu den schwierigsten Entscheidungen, wem wir folgen. Niemand aus der Esoterik-Szene, der sich einer Erzengel-Einweihung hingibt, ahnt um die seelische Verwahrlosung, die sie mit sich bringen kann, meist mit sich bringt; niemand, der sich glaubt, einen indischen Namen zulegen zu müssen, wie das Tausende, vor allem Frauen, in der Vergangenheit taten, will wissen, dass er sich von sich selbst trennt .

Immer wieder uns in Frage zu stellen mit jener Radikalität, mit der es Hölderlin in Hälfte des Lebens  tut, ob wir dem Richtigen folgen, gehört mit zu den Voraussetzungen einer wirklichen Weiterentwicklungen. Niemand, der ständig Gott sagt, sollte glauben, dass er auf dem richtigen Weg sei. Entscheidend ist doch, ob man eine Worthülse anruft oder ein Sein, das unser Fassungsvermögen weit übersteigt.

Gut, wer sagen kann, dass er den Retter gefunden hat, den Sicheren, dem er auf der Irrbahn, die Hölderlin ja als exzentrische Bahn bezeichnet, weil unser Leben uns nun einmal gern von unseren Zentrum entfernt, folgen kann:

Den Retter hör ich dann in der Nacht, ich hör
Ihn tötend, den Befreier, belebend ihn,
Den Donnerer vom Untergang zum
Orient eilen und ihm nach tönt ihr,

Ihm nach, ihr meine Saiten! Es lebt mit ihm
Mein Lied und wie die Quelle dem Strome folgt,
Wohin er denkt, so muß ich fort und
Folge dem Sicheren auf der Irrbahn.

Gut auch, wem Gesang gegeben, der die eigenen inneren Saiten zum Schwingen bringt.

Nur ist es nicht so einfach, den Retter zu orten. Es gehören nächtliche Irritationen dazu, ihm zu folgen, den richtigen Weg zu nehmen.

In dem bereits erwähnten Gedicht Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter, das zu jenen gehört, deren Bedeutung im Hinblick auf das Weltwerden des Menschen und dem diesbezüglichen Einfluss der Götter sich einem nicht so ohne Weiteres erschließt, hat Hölderlin aufgezeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns unseres Ausgangspunktes, den er in diesem Gedicht mit dem griechischen Gott Kronos in Verbindung bringt – Hölderlin verwendet die lateinischen Namen -, bewusst sind, damit sich auf diesem Fundament die Kunst, also alles das, was wir als Menschen kreieren und sich für die Griechen mit der Göttergestalt des Jupiter verbindet, wertvoll sein kann. – Wie weit sind wir als Menschheit von diesem Zustand entfernt!

Die Kräfte des Jupiter, im Griechischen Zeus genannt, sind Kräfte, die auch heute noch in uns sind und wirken, die Basis für alle weitere Entwicklung. Anstatt dem, was die Alten in ihren Göttern sahen, Verehrung und Respekt entgegenzubringen, wird es aussortiert. Und dann oft mit Verweis auf den christlichen Gott. Als ob es ihn nicht schon zu Zeiten der Griechen gegeben hätte. Und als ob diese ihn nicht bestens gekannt hätten.

Vergangene Zeiten haben nur nicht ihren Himmel so entseelt wie wir.

Hölderlin weiß um die Jupiter-Kräfte, die für ihn Ausgangspunkt seines Christus-Verständnisses sind, wie sie sich in den Gedichten Patmos  und Der Einzige  zeigen.

Der Sänger fährt fort:

Wohin? wohin? Ich höre dich da und dort,
Du Herrlicher! und rings um die Erde tönts.
Wo endest du? und was, was ist es
Über den Wolken und o wie wird mir?

Formale Mittel haben wir noch nicht angesprochen, eine Strophe wie die viertletzte quillt von wirksamen förmlich über. Fragen sind eines der Mittel Hölderlins, um aufzuzeigen, wie bis ins Tiefste erschüttert er ist – natürlich wird das ganz besonders in Hälfte des Lebens deutlich. Aber auch hier: Acht Worte lauten mit w anw ist der Buchstabe des Warum, des Wie, des Woher. Die o- und i-Laute im Verein mit den W-Alliterationen unterstützen die Wirkung, wie sehr die vorhandene Verunsicherung die Grundfesten des Dichters erschüttert.

Dann aber folgt im drittletzten Vers eine Geminatio, eine unmittelbare Wiederholung. Und als ob es nicht genug sei, wird der Tag sofort und direkt angesprochen, und zwar mit einer so nicht erwarteten Selbstverständlichkeit. Noch verbirgt er sich hinter Wolken, aber die stürzen schon vor seiner Macht:

Tag! Tag! du über stürzenden Wolken! sei
Willkommen mir! Es blühet mein Auge dir.
O Jugendlicht! o Glück! das alte
Wieder! Doch geistiger rinnst du nieder,

Das Verb blühen ist normalerweise nicht mit einem Dativ gekoppelt; im Grunde ist es ein intransitives Verb, erfordert eigentlich also keine Objektergänzung. Bei Hölderlin finden wir immer wieder, dass er intransitiven Verben, die, wie gesagt, kein Objekt verlangen, eines zuweist und damit alles gewöhnliche Verständnis irritiert und öffnet für ein neues:

Es blüht mein Auge dir.

Da mag sich selbst das Licht geehrt fühlen.

Es kann einem aufgrund der Hölderlinschen Doppelung (Tag! Tag!) und dem energiegeladenen Verb (können Wolken überhaupt stürzen?) entgehen, aber es ist so wichtig, dass das lyrische Ich erkennt: Mein Glück, das ist das alte!

Nur deshalb kann es die Veränderung wahrnehmen: Es rinnt ein geistigeres Glück nieder.

Etwas ist in dieser Nacht geschehen.

Diese Nacht mit ihren Entfremdungserscheinungen, mit ihrer großen Verunsicherung: Sie war nicht umsonst. Ja, sie war sogar notwendig, damit das Licht des neuen Tages so golden aus heiligem Quell – und natürlich mag man hier zu Recht an den Gralskelch denken, wie ihn Robert de Boron kennt – niederrinnen kann.

Du goldner Quell aus heiligem Kelch! und du,
Du grüner Boden, friedliche Wieg! und du,
Haus meiner Väter! und ihr Lieben,
Die mir begegneten einst, o nahet,

O kommt, daß euer, euer die Freude sei,
Ihr alle, daß euch segne der Sehende!
O nimmt, daß ichs ertrage, mir das
Leben, das Göttliche mir vom Herzen.

Die letzte Strophe zerfällt förmlich in zwei Teile, wie sie entgegengesetzter kaum sein können.

Hölderlin ist sich seiner Rolle als Dichter bewusst, für ihn ist sein Dasein ein Dienst, er sieht sich als Dienender; zugleich sieht er sich als Seher, dem der Auftrag gegeben ist, die Menschen zum Sehen zu führen. Das weiß der Sänger, erst recht auf dem Hintergrund dieser Nacht.

Warum dann aber dieser Schlusssatz?

Er ist einfach ehrlich!

Wer das Göttliche wahrnimmt, ist überwältigt, wird blind, wie es Paulus drei Tage war, er kann nicht mehr sprechen wie der Priester Zacharias, der nicht glauben wollte, was der Engel sagte. Gott weiß, warum er aus einem Dornbusch zu Mose sprach; alles andere hätte selbst den großen Mose überfordert.

Wer das bedenkt, weiß, wie sehr Menschen wie Jesus oder Buddha oder Gandhi andere weniger entwickelte Seelen herausgefordert haben müssen, Dunkles in ihnen bis zum Extrem aktiviert haben.

Dieser letzte Satz ist unter den vielen durchaus persönlich wirkenden, weil so emotionalen, dennoch für mich der persönlichste in diesem Gedicht. Er ist nicht selbstverständlich.

Aus meiner Kindheit und der Tatsache, dass meine Eltern in einer Kirchengemeinde sehr aktiv waren, glaube ich im Nachhinein zu erspüren, wie sehr die Lobpreisungen Gottes oft Schall und Rauch waren und dass Gott auch als große Illusion existieren kann. Nur die besten Eigenschaften werden ihm zugeschustert, stapelweise.

Hölderlin kann die Gewalt des Göttlichen nicht ertragen. O nimmt (nehmt) . . . das Göttliche mir vom Herzen!

Für dogmatische Christen eine Ketzerei.

Aber nur diese ehrliche „Ketzerei” kann befreien, nur sie macht deutlich – auch anderen, einem Leser zum Beispiel – dass Umgang mit dem Göttlichen kein Honigschlecken ist, wie es so gern dargestellt wird.

Das Göttliche kann eine Last sein.

Oh, darf man das sagen?

Hölderlin tut es einfach.

Es ist die gleiche ketzerische Frage wie jene von Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Wenn Hölderlin nicht mehr weiter weiß, erfährt es der Leser unmittelbar. In Hälfte des Lebens geschieht dies noch viel krasser.

Ich finde diese Ehrlichkeit Hölderlins so wichtig!

Lyriker verdichten, das liegt in der Natur von Gedichten, einen Stoff dergestalt, dass es an uns ist, ihm verstehend zu begegnen, ihn mit unseren Jupiter-Eigenschaften, unseren Gedanken zu füllen.

Hölderlin führt nicht aus und kann es auch im Rahmen eines Gedichtes nicht, wie wichtig es sein könnte, dass wir dieser Wesenheit begegnen, einer Kraft, die es noch heute gibt und die sich, wie alles im Kosmos, weiterentwickelt hat.

Was er z.B. nicht ausführt, ist, dass man blind sein, dabei aber nichts wahrnehmen kann, ja, dass mancher seine Blindheit gar nicht wahrnimmt, also auch den Retter nicht. Dessen Sein hat zu tun mit Tod und Leben, er tötet und belebt, er hat zu tun mit dem Stirb und Werde, dem Untergang im Okzident und dem Aufgang im Orient.

Ob wir der Nacht, die uns begegnet, den Mut haben uns auszusetzen, das ist freilich eine entscheidende Frage.

Hölderlin thematisiert das: Wohin? Wohin? . . . Wo endest Du?

Kein Mensch weiß das für sich. Niemand weiß, wo die Nacht hinführt. – Hiob ist ein Beispiel dafür, wie extrem hoch die Anforderungen Gottes sind – Wer in ein höheres Bewusstsein gelangen will, kommt an Prüfungen nicht vorbei. Deshalb sind in bestimmtem Rahmen Prüfungen und Anforderungen in der Erziehung so wichtig,

Das lyrische Ich aber hat die Gewissheit, dass es dem Donnerer, dem Retter folgen muss. Und er tut das, obwohl sein

Und was, was ist es /
Über den Wolken und o wie wird mir?

deutlich macht, dass er sich nicht sicher ist. Aber alles Geschehen um das lyrische ich herum weist darauf hin, dass es auf gutem Wege ist, denn es hört den Retter da und dort und rings um die Erde.

Niemand weiß, wie eine Nachterfahrung endet, aber Hölderlin gibt Hinweise, wie und warum sie gut enden kann; in der 6. Strophe formuliert er es: Ferne lauscht er hin!

Sein gewohntes Lauschumfeld verlässt er. Das müssen wir auch tun, wenn wir den Retter hören wollen, denn das, was wir jeden Tag hören, was uns oft die Ohren zumüllt, ist nicht geeignet, den Donnerer zu hören, obwohl der kaum überhörbar ist. De facto hören ihn viele nicht. Unsere Ohren sind einfach zugemüllt.

Hölderlin zeigt mit seinem Gedicht auf, dass es möglich ist und wie es möglich ist, den Donnerer, den Retter zu hören. Obwohl das Gedicht 13 Strophen hat, ist es dennoch unglaublich verdichtet, wenn man sieht, welche Möglichkeiten von Erfahrung hinter dem, was dem blinden Sänger begegnet, stehen und, wenn man sich den inhaltlichen Zugang zu einem Hölderlin-Gedicht erarbeitet hat – die ein oder andere Stelle kann dennoch ruhig kryptisch bleiben – liest es sich wie eine Meditation.

Aus den Versen Hölderlins spricht eine tiefe Geistigkeit.

Hier deshalb noch einmal das Gedicht als Ganzes und liebe Leserin, lieber Leser, Du wirst sehen, wie sehr sich sein Reichtum andeutet:

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Der blinde Sänger

Wo bist du, Jugendliches! das immer mich
Zur Stunde weckt des Morgens, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wach, doch bannt und hält in
Heiligem Zauber die Nacht mich immer.

Sonst lauscht ich um die Dämmerung gern, sonst harrt
Ich gerne dein am Hügel, und nie umsonst!
Nie täuschten mich, du Holdes, deine
Boten, die Lüfte, denn immer kamst du,

Kamst allbeseligend den gewohnten Pfad
Herein in deiner Schöne, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wieder wach, doch bannt und
Hemmt die unendliche Nacht mich immer.

Mir grünten sonst die Lauben; es leuchteten
Die Blumen, wie die eigenen Augen, mir;
Nicht ferne war das Angesicht der
Meinen und leuchtete mir und droben

Und um die Wälder sah ich die Fittige
Des Himmels wandern, da ich ein Jüngling war;
Nun sitz ich still allein, von einer
Stunde zur anderen und Gestalten

Aus Lieb und Leid der helleren Tage schafft
Zur eignen Freude nun mein Gedanke sich,
Und ferne lausch ich hin, ob nicht ein
Freundlicher Retter vielleicht mir komme.

Dann hör ich oft die Stimme des Donnerers
Am Mittag, wenn der eherne nahe kommt,
Wenn ihm das Haus bebt und der Boden
Unter ihm dröhnt und der Berg es nachhallt.

Den Retter hör ich dann in der Nacht, ich hör
Ihn tötend, den Befreier, belebend ihn,
Den Donnerer vom Untergang zum
Orient eilen und ihm nach tönt ihr,

Ihm nach, ihr meine Saiten! Es lebt mit ihm
Mein Lied und wie die Quelle dem Strome folgt,
Wohin er denkt, so muß ich fort und
Folge dem Sicheren auf der Irrbahn.

Wohin? wohin? Ich höre dich da und dort,
Du Herrlicher! und rings um die Erde tönts.
Wo endest du? und was, was ist es
Über den Wolken und o wie wird mir?

Tag! Tag! du über stürzenden Wolken! sei
Willkommen mir! Es blühet mein Auge dir.
O Jugendlicht! O Glück! das alte
Wieder! doch geistiger rinnst du nieder,

Du goldner Quell aus heiligem Kelch! und du,
Du grüner Boden, friedliche Wieg! und du,
Haus meiner Väter! und ihr Lieben,
Die mir begegneten einst, o nahet,

O kommt, daß euer, euer die Freude sei,
Ihr alle, daß euch segne der Sehende!
O nimmt, daß ichs ertrage, mir das
Leben, das Göttliche mir vom Herzen.

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