Zwei Wege zur Wahrheit.

 

Die Übereinstimmung.

Wahrheit suchen wir beide; du außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiss.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer,
Ist es das Herz, dann gewiss spiegelt es innen die Welt.

Menschen können über Dinge weidlich philosophieren und oft ist es, liest man deren Ergüsse, so, dass man danach mehr zweifelt am Sinn des Lebens und weniger versteht von all dem als vorher.

Hier, anlässlich Schillers Sinnspruch im Rahmen der Tabulae votivae aus dem von ihm herausgegebenen Musenalmanach des Jahres 1797 finden sich vier Zeilen, die eine wirklich wertvolle Philosophie enthalten, eine Weisheit, die so prägnant ist, dass sie, liest man sie wirklich verstehend, keinen Zweifel lässt.

Zumal Schiller mittels der Überschrift die Richtung des Verstehens vorgibt.

Im Grunde ist es eine Absage an den Dualismus in der Welt. Nur vordergründig ist die Welt dual angelegt, im Grunde existiert eine Über-EIN-stimmung.

Schiller sagt: Der eine schaut nach außen und findet, was ein anderer innen sieht. Beide Vorgehensweisen führen zum selben Ergebnis: Sie sehen den Schöpfer, seine Welt.

Menschen ist selten bewusst:

Unsere äußere Wirklichkeit enthält den Schlüssel zu allen Rätseln.

Kant verstellte mit seiner Behauptung, dass der Mensch zum Ding an sich, zum Innersten des Seins keinen Zugang habe – für mich der größte philosophische Fake aller Zeiten – vielen Menschen den Zugang, weil sie fortan Kant meinten glauben zu müssen, zu Gott, zu dem Höchsten, dem ultimativen Ding an sich keinen Zugang zu haben.

Schiller erteilt dem eine Absage, ja, er weist sogar dezidiert darauf hin, dass man nicht die große Weltflucht antreten muss, um die Wahrheit zu erkennen. Es ist, als ob man ihn sagen hört: 

Schau doch den menschlichen Körper an! Gibt es etwas Vollendeteres als ihn? In ihm siehst Du alle Weisheit. Ein geistiges Wunderwerk. So kannst Du alles im Außen finden wie ebenso im Innen. 

Welchen Weg jemand wählt, liegt gewiss in seinem Naturell, in seinen Lebensvoraussetzungen. Eine Gärtnersfrau findet diese Wahrheit vielleicht in einer Margerite, ein Biologe erkennt die Weisheit des Lebens über seine Zellforschung, ein Astronom in der Unerschöpflichkeit des Alls und dessen sich ständig verändernder Beschaffenheit.

Das Äußere der Wirklichkeit führt uns immer nach innen.

Mancher wendet sich nach innen im Sinne von Novalis: Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.

Das ist der Weg des Meditierenden, des Betenden, des Gläubigen.

Schiller spricht nicht davon, dass dieser Weg wertvoller oder besser sei als der des Zellforschers, des Astronomen, des Beamten in der KFZ-Zulassungsstelle, der alle Menschen gleich höflich und zuvorkommend behandelt.

Es gibt nur, so sagt Schiller, jeweils eine Voraussetzung: Das Auge bzw. das Herz müssen gesund sein. Das heißt, ihre Wahrnehmungsfähigkeit muss gesund sein. Auch ein Brillenträger oder jemand mit einem Herzkatheter kann in Schillers Sinn gesund sein. Man darf das nicht falsch verstehen.

Keine Frage, dass sich der Mensch um die Gesundheit des Auges und die Gesundheit des Herzens, also um die Fähigkeit einer klaren Aufnahme der Wirklichkeit bemühen muss.

Schiller gibt in der dritten Strophe seines Gedichtes Die Worte des Glaubens den Weg vor:

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt‘ er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth.

Übung ist notwendig. 

Komm übe, was Du längst begriffen hast, sagt die Stimme der Vernunft zu Nathan dem Weisen, als der Klosterbruder im gleichlautenden Schauspiel Lessings ihm ein Findelkind in die Arme drückt, damit er es aufnehme, ein Christenkind, und das, nachdem die Christen in Darun alle Juden getötet hatten, darunter seine 7 Söhne und seine Frau, verbrannt im Hause des Bruders.

Komm übe, was du längst begriffen hast!

Auch die zweite Strophe von Die Worte des Glaubens darf man nicht falsch verstehen: 

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd‘ er in Ketten geboren,
Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Missbrauch rasender Toren!
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!

In seinem Ursprung ist der Mensch frei geschaffen bzw. zu einem freien Wesen veranlagt, dennoch ist er nicht frei, wie wir täglich sehen.

Mit des Pöbels Geschrei bezieht sich Schiller auf die Französische Revolution, deren Geschehen er zunächst begrüßte, zumal er geschmeichelt war, wurde ihm als Dreiunddreißigjährigem 1792 doch die Ehrenbürgerschaft der Französischen Nationalversammlung verliehen. Mit dem Ausbruch des jakobinischen Terrors jedoch schloss er sich der Ansicht Goethes an, der ja seinen Herzog im 1. Koalitionskrieg auf Seiten Preußen-Österreichs gegen die Franzosen begleitet hatte und nicht überzeugt werden musste, wie unselig die Folgen ursprünglich berechtigter Forderungen waren.

Frei geschaffen ist der Mensch, aber diese Freiheit hat er verloren und es gilt sie zurückzugewinnen.

Ein Kennzeichen wahrer Freiheit: vor dem wahrhaft freien Menschen muss niemand sich fürchten.

Wer Furcht ausstrahlt, ist nicht frei.

Frei ist nur, wer andere frei sein lässt.

Dass die Menschheit sich in eine Situation manövriert hat, in der so viele Menschen so unfrei sind, dass sie Freiheit mit Macht verwechseln und sich nur frei fühlen, wenn sie andere ihrer Freiheit, ihrer Macht berauben, ist ein Dilemma, aus dem herauszukommen für die Menschheit äußert schwer sein dürfte. Man glaubt jetzt schon zu spüren, was die Bibel prognostiziert:

Wenn ihr nun sehen werdet den Gräuel der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) – wer das liest, der merke auf! –,
alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist;
und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen;
und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen.
Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen!
Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat.
Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird.
Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.

Wir sind als Menschheit lange noch nicht am 7. Schöpfungstag angekommen; die Leser meiner Beiträge werden wissen, dass ich der Sicht Hildegard von Bingens zustimme, die der Ansicht ist, wir befinden uns inmitten der biblischen Schöpfungsreise, die zu Beginn der Bibel angesprochen ist. Sie ist auch nicht mit dem in Matthäus 24 prognostizierten Geschehen zu Ende.

Die Dualität von Pflicht und Neigung repräsentiert einen überholten Bewusstseinszustand

Es ist nicht unsere Pflicht, uns um Freiheit oder um Tugenden zu bemühen. Sowohl Schiller als auch Kant haben sich da meiner Ansicht nach etwas unselig über die beiden Begriffe Pflicht und Neigung den Kopf zerbrochen.

Es kann uns allein die Neigung zu den Tugenden ziehen. Aus Pflicht Freiheit zu leben und anderen zu geben, aus Pflicht tugendsam zu sein oder den heiligen göttlichen Willen zu respektieren, das ist heute zu wenig. Die Zeiten sind vorbei.

Heute gilt es, sich aus freier Entscheidung einem wertvollen Leben zuzuneigen. Gerade heute, wo die breite Masse sich dem Goldenen Kalb verpflichtet fühlt und um Baal tanzt.

Verpflichtet einem Suchttanz, um der Wahrheit auszuweichen.

Deshalb sind schon die ersten vier Worte Schillers in unserer Welt so bemerkenswert – eine Welt, deren Wahrheit wir wie Schiller verstehen mögen, damit unser Herz immer gesunder werden kann:

Wahrheit suchen wir beide; du außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiss.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer,
Ist es das Herz, dann gewiss spiegelt es innen die Welt.

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