Was Prometheus und Kain so Wesentliches mit uns zu tun haben!

In der Mythe von Prometheus – wie bedeutsam sie ist, sehen wir daran, wie vielfach sie in der Kunst, Musik und Literatur bearbeitet worden ist – spielt der Bruder Epimetheus eine zu wenig beachtete Rolle, nicht nur, weil er die Büchse der Pandora öffnete, sondern weil zu viele noch so sind, wie es der Übersetzung seines Namens entspricht: nach-denkend, zaudernd, überbedächtig, sagen wir ruhig auch: angela-merkel-like, hinterherdenkend, dumpf mit intellektuellem Anstrich.

Darauf beruhen ja die nur scheinbar überraschend hohen Zustimmungswerte von Frau Merkel: Sie repräsentiert den Grundtypus unserer Zeit: angepasst, immer den Hals leicht eingezogen, hängende Mundwinkel, Rumpf mit kaum Kontur, in sich ruhend unbeweglich.

Verstehe mich niemand falsch: Ich mache mich nicht lustig über die Bundeskanzlerin, auch deshalb, weil ich hängende Mundwinkel und fehlende Konturen seelisch verstehe und nichts dafür kann, wenn sie sich äußerlich zeigen. Was ich schreibe und meine, ist die Bestandsaufnahme des Durchschnittsmenschen, des Anfortas unserer Tage, von der inneren Not oft durch Überaktivität ablenkend, in Wirklichkeit mehrheitlich gern leidend, bei dem einen offensichtlich, bei dem anderen nur mittels Mundwinkeln erkennbar (obwohl Angela Merkels Freudlosigkeit schon seit geraumer Zeit ohnehin kaum mehr zu übersehen ist, von ihrer Emotionslosigkeit mal abgesehen, wobei sie, finde ich, als sie sich für die in der Türkei Inhaftieren einzusetzen vermeinte, sich schon hätte ein bisschen am Riemen reißen und wenigstens etwas innere Beteiligung hätte heuchelnversuchen können).

Aber machen wir es nicht an ihr fest; letztendlich spiegelt sie die momentane Mentalität der meisten Deutschen, die zu willig den Grauschleier akzeptiert haben, der über allem liegt.

Zum Prometheus berufen!

Schauen wir zunächst auf den Gegenentwurf, der wir als Volk und Individuen auch sein könnten, ja, so möchte ich behaupten, zu dem wir berufen sind:

Im griechischen Mythos beteiligt sich Prometheus, der Sohn des Titanen Japetos und der Gaia, erstaunlicherweise nicht am Kampf seines Vaters und der anderen Titanen gegen Zeus. Umso mehr stellt sich die Frage, was ihn veranlasste, sich auf einmal dann doch gegen Zeus zu wenden und ihm so gewaltig in die Parade zu fahren. – Was will die Prometheus-Mythe vermitteln?

Unwillkürlich denke ich an Kain, in Bezug auf den die meisten in erster Linie sein Eifersüchtigsein gegenüber Abel im Blick haben und dass er jenen erschlug.

Was es jedoch zunächst zu sagen gilt: Gott lehnt Kains Opfer ab, doch es findet mit keinem Wort Erwähnung, warum er das tut, es steht mit keinem Buchstaben da, dass Kain böse gewesen sei oder diese Ablehnung verdient habe!

Nehmen wir den Mythos, so wie er dasteht, so sagt er zunächst: Schau, es gibt zu dieser Zeit zwei Richtungen menschlichen Seins: die eine ist gotteskonform und Gott schaut auch deren Opfer gnädig an; die andere findet durch Gott Ablehnung – ohne Begründung!

Kain, ein Sohn der Erde

Warum das geschieht, könnte in der Bedeutung der Namen von Kain und Abel und ihrer Tätigkeit zu finden sein:

Kain ist Landmann, er beackert die Erde. Er ist ein Sohn der Erde.

Abels Name verrät uns, dass er kein Sohn der Erde, des Erdelementes ist, bedeutet er doch Atem, Wind. Abels Wesen also steht für Seelisch-Geistiges; dem Göttlichen steht er näher. Sein Opfer schaut Gott gnädig an. Das Opfer aber des Mannes, der ein Sohn der Erde ist, der fest mit ihr verbunden ist, der Früchte der Erde opfert, schaut er nicht gnädig an.

Die Auseinandersetzung der beiden verweist darauf, was sich in dieser Phase der Menschheit durchsetzt. Wobei zu vermerken ist, dass Gott Kain trotz seiner Untat nicht verbannt. Im Gegenteil, er sichert durch das göttliche Mal auf seiner Stirn, das Kainsmal, sein Überleben: Niemand darf ihm, will er sich nicht mit Gott anlegen, Böses tun.

Was allerdings auffällt im Rahmen des damaligen Geschehens: Der Mensch dieser Erde grenzt sich als Kain ab von Abel, für dessen Wesen er sich nicht zuständig fühlt: Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Gott reagiert auf die Tat Kains, den Mord an seinem Bruder Abel, dessen Opferrauch gerade zum Himmel gestiegen war, mit Hinweisen, die durchaus denen ähneln, die Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies erfahren haben: Leidvoll würde sein Leben sein und geprägt von Heimatlosigkeit.

Zurück zu Zeus: Der sah für die Menschen, die sich nicht so verhielten, wie er sich das vorgestellt hatte, nicht nur Strafen vor, sondern er drohte sie sogar zu vernichten. Offensichtlich war er ein Gott, der genaue Vorstellungen davon hatte, wie sie sich zu verhalten hätten. Als sie das nicht taten, reagierte er unnachgiebig. Zwar wollte er sie glücklich sehen, aber nach seiner Façon.

Allerdings hatte er seine Rechnung ohne Prometheus gemacht, dem, so ist der Name zu übersetzen, Vor-Denkenden, Voraus-Denkenden. Der trotzt ihm, bringt mittels eines Riesenfenchels – so eine Facette des Mythos – den Menschen das Feuer und unterstützt diese, wo er kann (dass er sie sogar geschaffen habe, scheint eine spätere Variante des Mythos zu sein); ein Wohltäter und Kämpfer für die Freiheit der Menschheit.

Zeus hatte ein konformes, ihm genehmes Verhalten der Menschen erwartet und es war Prometheus, der ihnen ermöglichte, sich in eine eigenständige Richtung zu entwickeln: in die eines Kain (wobei ich mir dessen bewusst bin, dass jeder Mythos kulturbedingt eine eigene Färbung und nicht nur eine Färbung, sondern eine eigene Bedeutung haben kann; auf dem angesprochenen Hintergrund möchte ich dennoch auf Prometheus und Kain gemeinsam verweisen).

Vergessen wir nicht: mit dem Sündenfall hatte es bereits begonnen, dass die Menschen aus der Spur gelaufen waren, entsprach doch ihr Verhalten ganz offensichtlich nicht dem göttlichen Plan.

Eindeutig bezieht Prometheus Stellung gegen einen Gott, der sich zwar selbst alle Freiheiten nimmt, aber sie den Menschen nicht zugesteht.

Überraschen muss, dass Zeus Prometheus nicht einfach – zum Beispiel mittels eines ordentlichen Blitzes – über den Jordan bzw. Styx schickt, schicken konnte (vielleicht auch in Wahrheit nicht wollte). Auf der persönlichen Ebene bestraft er ihn, indem er ihn untrennbar mit der Erde verbindet; er schmiedet ihn an einen Felsen! Das ist von Bedeutung.

Auch Prometheus ist, wie Kain, ein Sohn der Erde.

Auf Pandora kann man schon reinfallen!

Auf Veranlassung des Zeus bestraft für sein Tun, den Menschen das Feuer gebracht zu haben, was eine neue Entwicklungsstufe für jene einläutet, kann er nur befreit werden, wenn einer an seiner Stelle bereit ist zu leiden und ihn ein anderer erlöst, der über dem Erdenschicksal steht. Das geschieht durch Chiron und Herakles, wobei Ersterer anstelle von Prometheus in Fesseln gelegt worden sein mag, weil er einem überholten Zustand der Menschheit entspricht, ist ein Teil von ihm doch Tier; Herakles aber entspricht in der Sprache der Mythen durch die Tatsache, dass er den Tod überwand, indem er aus der Unterwelt zurückkehrte, einem Geschlecht und Bewusstseinszustand, der weiter entwickelt war als der zu jener Zeit allgemein menschliche.

Wie aber löst Zeus das Problem mit den Menschen, die er nach deren Unterstützung durch Prometheus nicht mehr einfach ausradieren kann? Er bedient sich des göttlichen Schmiedes Hephaistos und des Umweges über den Bruder von Prometheus, jenen unseligen Epimetheus. Ersterer hatte den Loser-Bruder noch gewarnt, er solle von Zeus keine Geschenke annehmen, doch ein Epimetheus denkt zwar viel, aber im Zweifel zu langsam und nimmt das Geschenk an, die berühmte Büchse der Pandora, die er öffnet (nach einer anderen Version öffnete sie Pandora selbst), wobei in der Folge alle Übel dieser Welt herauskommen, bis auf die Hoffnung; die bleibt Epimetheus für den Fall, dass alle Stricke reißen.

Halten wir fest, dass es der hebräischen und griechischen Mythologie – zu finden auch in weiteren Kulturen – ein Anliegen ist, mit ihren Bildern darauf zu verweisen, dass Menschen in einer Phase ihrer Entwicklung einen eigenständigen Weg gehen, der zwar sogenannte negative Konsequenzen hat, aber weiterhin göttliche Unterstützung erfährt – übrigens ist das Traurige im Hinblick auf den Schatz der Mythen, dass Menschen partout deren Sprache ihrem Denken anpassen wollen, die Mythen deshalb nicht verstehen und für Erfindung halten und so die biblischen Schöpfungstage beispielsweise als reale 24-Stunden-Tage nehmen, vergessend, dass sich Mythen, die sich dem menschlichen Denk- und Vorstellungsvermögen anpassen würden, vielleicht Christo-VerpackungenVerhüllungen zeigen könnten, aber nicht diese großen Menschheitsbilder).

Niemand anderes als Goethe hat die Bedeutung des Mythos – möglicherweise nur un- oder halb bewusst – genial gestaltet, wobei er eine bezeichnende Änderung vorgenommen hat: Bei ihm ist nicht der Titan Japetos Vater des Prometheus, sondern Zeus, der VaterGott persönlich. Viele Interpreten haben deshalb das Gedicht auf die Vater-Sohn-Konflikt-Schiene geschoben. Goethes Vater war zwar resolut, aber nicht tyrannisch, und manchmal ist Psychologie in ihrer Abstraktheit zu hohl, um Weisheit zur Sprache zu bringen.

Vorbei ist die Hochzeit von Himmel und Erde

Goethe wäre nicht Goethe, wenn er nicht gleich zu Beginn seines Prometheus-Gedichtes die Kern-Aussage des Mythos auf den Punkt gebracht hätte, indem er eine deutliche Grenze zwischen Himmel und Erde zieht. Waren beide Bereiche bisher in der Vorstellung der Griechen durch diverse Götterexkursionen miteinander verbunden – wenn auch per Einbahnstraße, die Götter nämlich konnten nach unten, die Sterblichen aber höchst selten nach oben kommen -, so ist damit nun Schluss! Nicht von ungefähr nennt Goethe den Zeus-Bereich „deinen Himmel” und den seinen, also den des Prometheus – es ist ein sogenanntes Rollengedicht, der Verfasser nimmt die Rolle des Prometheus ein – „meine Erde”. Und damit er Zeus samt seinem Himmel nicht mehr sehen muss, fordert er ihn imperativisch auf, jenen mit Wolkendunst zu bedecken.

Das ist frech – und zugleich originell (ich vermeide Hinweise auf die Epoche des Sturm und Drang, um möglichst dieses Denken in literarischen Kategorien zu vermeiden, zeigt sich hier doch viel, viel mehr)!

Himmel und Erde sind, geht es nach Prometheus, fortan getrennt und sein Tonfall lässt keine Zweifel, wie ernst es ihm ist:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmers
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Das ist ein Tonfall, wie er bis dahin in der schreibenden Zunft nicht zu hören gewesen war, schon gar nicht von einem 24-Jährigen. Da pfeift sogar der große Lessing anerkennend durch die Zähne: „Der Gesichtspunkt, aus welchem das Gedicht genommen ist, das ist mein eigener Gesichtspunkt (…) Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.”

Dieser große Schwung an Aufforderung, Beleidigung und Hohn passt in kein gängiges Versmaß. Deshalb die vielen unerwarteten Zeilenumbrüche, die dennoch einen gewissen Rhythmus ergeben, weshalb man auch in Bezug auf das Metrum von freien Rhythmen spricht.

In der Tat nimmt sich Prometheus-Goethe hier alle Freiheiten, auch in der Wortwahl und originellen Wortschöpfungen, wenn er von Opfersteuern oder in der Folge von Rettungsdank und Knabenmorgenblütenträumen spricht.

Unerwartet geht auch der Inhalt weiter, auf einmal in einem ganz anderen Ton, auf einer ganz anderen Ebene. Nach diesem impulsiv-empörerischen Auftakt erwartet niemand im Ernst, Prometheus könne sich so sinnlich zartfühlend nach innen kehren:

Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Es gibt kaum einen Dichter, der so oft wie Goethe das Herz anspricht, im Faust I allein über siebzigmal, in den Leiden des jungen Werther hundertmal. Faszinierend nur ist: Sie werden nicht eine Stelle finden, wo die Verwendung aufgesetzt wirken würde.

Auch hier nicht. Wobei das eigene Herz mit dem des Zeus zu vergleichen ein echter Goethe ist. Wie von selbst stellt sich die Frage: Hat der da oben überhaupt eines? – Jener Gott, dem es vor allem darum zu gehen scheint, seine Göttergattin zu hintergehen und der tut, was ihm beliebt? – Goethe kommentiert per Moduswechsel in als wenn drüber wär: der Konjunktiv II in wär ist der sogenannte Irrealis.

Zeus – ein Herz? Ein Herz für Kinder?  Nicht wirklich! – Damit ist alles gesagt.

Es folgen vier Fragen, dringlicher werdend, anklagend:

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du´s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Was können Fragen auch ohne Antwort verdeutlichen!

Die beiden ersten mögen noch an Zeus gerichtet sein, jedenfalls könnte jener sich noch angesprochen gefühlt haben. Mit der dritten aber zeigt Prometheus, wie außen vor der Göttervater ist. Er ist ihm nicht einmal mehr Zweifel wert und Prometheus wendet sich zu, wem er alles verdankt: dem eigenen Herzen, dem eigenen Willen, dem eigenen Mut.

Mehr Verachtung kann man dem Gott kaum entgegenbringen, als dass man ihm zu erkennen gibt, dass er nicht mehr gefragt ist. Schläft er doch, wenn er helfen sollte und hintergeht auf diese Weise seine Schutzbefohlenen. Seine Göttlichkeit: ein Betrug – „Betrogen” fühlt sich Prometheus.

Und welche empörerische Urgewalt liegt im Folgenden in der Aussage, dass Zeus genauso der Zeit und dem Schicksal unterworfen sei wie jene, um die er sich hätte kümmern sollen.

Wiederum sind es Fragen; nimmt man beide Strophen zusammen, sind es sechs an der Zahl, die den Göttervater in Frage stellen:

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Und dann kommt jene letzte Strophe, die für alles Prometheische steht, gerade auch mit ihrer letzten Zeile und zwei Worten als Hammerschlag des neuen Bewussteins auf der Erde, der den Göttern auf dem Olymp, vor allem Zeus, in den Ohren dröhnen muss:

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

Mit Prometheus lernen die Götter Neues kennen, indem echte menschliche Gefühle Einzug halten: nicht auf dem Olymp, sondern unter den Menschen der Erde!

Wider ein falsches Monotheismus-Verständnis

Gerade die letzte Strophe lässt deutlich werden, warum Goethes Gedicht zu Recht eine Hymne genannt wird. Es ist eine Hymne auf das neu erwachte Ich-Bewusstsein, das sich untrennbar mit der Gestalt und dem Mythos des Prometheus verbindet und auch – an anderer Stelle habe ich es zuvor schon einmal angesprochen – in der Bibel sich so überzeugend gestaltet findet.

Mit dem leider so verbreiteten Unverständnis der biblischen Gestaltung einher geht das Unverständnis, das sich in den üblichen Ansichten bezüglich des Monotheismus zeigt: Wenn nämlich ein Gott ein neues Bewusstsein vermittelt, eines, das es bis dahin auf der Erde nicht gab, dann formuliert er eben: Ich bin der IchBin. Neben diesem neuen Bewusstsein – das der Menschheit zu bringen die Mission des Judentums war – kann es kein anderes geben, keinen anderen Gott, wie es das erste der zehn Gebote fordert. Mit Egoismus oder dem üblichen Verständnis von Monotheismus hat das wenig bis nichts zu tun, sondern mit dem göttlichen Anspruch an die Menschen, mit diesem neuen Bewusstsein ernst zu machen.

Jenes Ich-Bewusstsein fordert Menschen auf, sich dessen bewusst zu sein, dass sie Prometheus sind, nicht Epimetheus, dass sie Verantwortung tragen und man diese Verantwortung nicht trägt, indem man sich ständig mit der Vergangenheit beschäftigt, sondern sich um Gegenwart und Zukunft bemüht.

Letztendlich gilt es, das Bewusstsein aus den bis dahin gültigen Stammes- und Blutsbindungen zu lösen hin zu einer neuen Bewusstseinsstufe der Menschen auf der Erde, für das sich in der Bibel schon vor 2000 Jahren ein Hinweis findet, nachzulesen in Matthäus 14:

Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden.
Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden.
Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

Ohne das für die mosaische Zeit neue und in notwendiger Unbedingtheit monotheistische Bewusstsein hätte der eben zitierten Stelle jegliche Grundlage, das notwendige Fundament gefehlt.

Deshalb ist es notwendig, dass der Mensch, was früher Götter für ihn taten, nun selbst in die Hand nimmt. Er nimmt sein Leben in die Hand. Wir finden dieses Unterfangen beginnend mit dem sogenannten Sündenfall und es geht weiter mit Kain und Prometheus. Menschen nehmen andere Wege, als es Gottheiten vorsehen und für gut befinden.

Das hat Konsequenzen für die Menschen, keine angenehmen, denken wir an die Sintflut, also die atlantische Katastrophe, die nicht zufällig in so vielen Flutmythen der Völker angesprochen ist, denken wir an den beispielhaften Weg des Volkes Israel durch die Wüste, den wir immer wieder angesprochen finden, für mich unvergesslich nachdrücklich in Nietzsches Vereinsamt:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Diesen Weg können wir als Prometheus oder Epimetheus gehen. Wir können wie Epimetheus blind glauben und immer betulich beim Alten bleiben oder wir können uns erlauben, in Frage zu stellen, vorwärtszugehen, Risiko einzugehen.

Vergessen wir nicht, welches Risiko ein Mose einging, als er sein Volk 40 Jahre durch die Wüste führte. Welches Risiko ging ein Gandhi ein, ein Martin Luther King, ein Nelson Mandela!

Wir kennen den Epimetheus auch in der Gegenwart: Er verbrämt die Vergangenheit und kommt im Heute erst an, wenn der Zug bereits abgefahren ist. Er fährt auf Klischees ab und wiederholt ständig dasselbe. Er sucht die auf, die ihm attestieren, wie en vogue er sei.

Seine ganz persönliche Nationalhymne ist das Lied von der Schwäbschen Eisebahne. Seinen Glauben, seine Ansicht bindet er an den letzten Wagen und setzt sich in den Zug. Wichtig ist ihm, oi Billetle gelöst zu haben, wohin der Zug fährt, ist nicht wichtig. Ab der vierten Strophe singt der Epimetheus-Chor über sich:

Auf der schwäbsche Eisebahne wollt amal a Bäurle fahre,
goht an Schalter lupft de Hut: „Oi Billetle, soid so guet!“
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
goht an Schalter lupft de Hut: „Oi Billetle, soid so guet!“

Eine Goiß hat er sich kaufet, und dass sie ihm net entlaufet,
bindet sie de gute Mo hinte an de Wage no.
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
bindet sie de gute Mo hinte an de Wage no.

„Böckle, tu nur woidle springe, ’s Futter werd i dir scho bringe.“
Setzt si´ zu seinm Weible no und brennts Tubakspfeifle o.
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
Setzt si´ zu seinm Weible no und brennts Tubakspfeifle o.

Vermutlich weiß er nicht mal, dass er neben Pandora sitzt.
Angekommen in Sturgert oder wo auch immer ist er dann aber furchtbar empört, wenn er von seiner Goiß nur no Kopf und Soil an dem hintre Wagetoil find´t.

Die in manchen Versionen letzte Strophe ist allen Epimetheus dieser Erde wie auf den Leib geschrieben:

So, jetzt wär des Lied gesunge,
’s hätt‘ euch wohl in d’Ohre klunge.
Wer’s no nit begreife ko,
fang‘ no mal von vorne o!

Epimetheus singt es garantiert und gern von vorn. – Immer wieder.

Natürlich sagt der Mythos über den Bruder Prometheus noch mehr aus, was hier nicht angesprochen werden kann. Natürlich hat es seine Bedeutung, dass jener, wie schon angedeutet, an Erdgestein geschmiedet ist, natürlich ist es kein Zufall, dass der Adler seine Leber frisst, im Altertum der Sitz der Leidenschaften. Und natürlich hat jeder den Epi- und den Prometheus in sich, wie auch Kain und Abel. Es mag noch Menschen geben, die glauben, Mephistopheles sei nur Faustens ständiger Wegbegleiter.

Wir alle haben mit dem, was in uns ist, worauf die Mythen verweisen und wofür wir ihnen wirklich dankbar sein sollten, zu kämpfen. Manchmal zum Beispiel ist es einfach nur gut, in seiner Kindheit die Mythe vom Kampf des Perseus mit der Medusa – sie anzusehen bringt den Tod – gelesen zu haben und zu wissen, wie segensvoll und notwendig das Wissen um den spiegelnden Schild des Helden sein kann, der Medusa besiegt, indem er sie nicht direkt anschaut, was ihn zu Stein hätte werden lassen, sondern mit Hilfe seines spiegelnden Schildes, sind doch manche Dinge so schlimm, dass es gut ist, wenn wir in unserer Vorstellung diesen Schild verwenden. 

Grundsätzlich wichtig ist, den Weg des Helden zu wählen, und der heißt nicht Epi-, sondern Prometheus. Wir gehen nicht erfolgreich unseren Weg, wenn wir uns ins Eisebähnle setzen, umgeben von vielen Gleichgesinnten, und den Zug ins Nirgendwo fahren lassen. Wir gehen nicht erfolgreich unseren Weg, wenn wir den der Leidenschaften gehen, die uns anschmieden an die Erde, den Weg der Leiden, der uns an sie bindet.

Es war die Mission eines Buddha, dem Menschen den Weg der Befreiung vom Leiden zu zeigen. Leider hat die nächste Bewusstseinsstufe auf der Erde noch nicht wirklich gezündet. Sie eigentlich will jene Hochzeit von Himmel und Erde zurückbringen, der Prometheus zunächst ein Ende setzte, damit der Mensch nicht am Gängelband eines Zeus bleibe, sondern selbständig werde und in Freiheit zu wahrem Leben finde.

Auch in der Bibel finden wir diesen Weg des Prometheus, der dort aber, wenn der Mensch sie annehmen will, nie ohne Hilfen aus einem Bereich bleibt, den er sich öffnen oder den er sich offenhalten muss. Ein Kain bleibt im Gespräch mit Gott. Dieser Tatsache verdankt er sein Kainsmal, das wir vielleicht alle auf der Stirn tragen.

Ein Bewusstsein, das bisherige Strukturen übergreift

Es mag kein Zufall sein, dass das zukunftsInstitut in Kooperation mit nextpractice, dem Institut für Komplexität und Wandel, eine mit 190 € leider für den Normalbürger viel zu teure Studie (ob die Macher eine abgespeckte, für Otto Normalverbraucher erschwingliche Zusammenfassung hätten erstellen können?) gerade herausgebracht hat, in der nach eigenen Aussagen die deutsche Wertelandschaft neu vermessen und auf eine tief gespaltene Gesellschaft verwiesen wird, weil sie sich in zwei Gruppen aufteile: < Die eine hat ihren Fokus auf „Ich-Werte“, die andere präferiert am Gemeinwohl orientierte „Wir-Werte“. Beide Gruppen schätzen die Situation vollkommen unterschiedlich ein und stehen sich fast diametral gegenüber. Dies ist der Ausgangspunkt für ein tieferes Verständnis der Veränderungsprozesse, die Deutschland in Zukunft prägen werden. >

Sie zeichnen den < Umriss einer möglichen neuen „Netzwerkwelt“ und skizzieren, wie bereits heute Aktivität entsteht und gemeinsame Suchprozesse in Gang gesetzt werden. Allerdings anders als wir das gewohnt sind: kleinteiliger, aktiver und vor allem selbstorganisierter. Unter dem Radar der üblichen Berichterstattung formieren sich Bewegungen und Aktivitäten, die unserer Gesellschaft ein ganz neues Gesicht geben werden. >

Die Studie verweist darauf, dass der Weg zu einem Bewusstsein geht, das konservative und progressive Strukturen übergreift, ein Bewusstsein, das viele von uns nachvollziehen können, finden wir uns doch mit unseren Ansichten zum Teil in dem sogenannten linken Spektrum und auf der anderen Seite in sogenannten rechten Spektrum wieder, ein Indiz dafür, wie überholt die derzeitigen Begrifflichkeiten der Wirklichkeit sind.

Wer Normierungen sprengt, wird versuchsweise von der Epimetheus-Fraktion sofort an die Kandare genommen; ein Beispiel ist, ob er einem sympathisch ist oder nicht, der Tübinger OB Boris Palmer, der sich nicht an parteiinterne Muster hält, sondern prometheisch, also eigenwillig und authentisch denkt und sich verhält.

Vergessen wir nur nicht: ein dringend zu veränderndes Bewusstsein beginnt in uns und alle Schablonen, Muster und Normen sollten uns herausfordern, ihren Sinn zu überprüfen, nicht, um Rebell wie Sisyphus zu sein – denn wer nur Rebell ist, führt im Grunde, worauf schon das Wort verweist, Krieg (bellum), und zwar mit sich -, sondern einen Weg zu gehen, der uns weg von allem goldenen Gekalbe und allen aufgeblasenen Egoismus-Attitüden zu unserem wahren Selbst führt.

Überprüfen wir, ob wir, wie Prometheus, konstruktiv vorausdenken und aktiv konstruktiv handeln – und warum gegebenenfalls nicht.

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2 Antworten zu Was Prometheus und Kain so Wesentliches mit uns zu tun haben!

  1. luisman schreibt:

    Ist es nicht – auf den ersten Blick – erstaunlich wie sich bestimmte Geschichten (Mythen) ueber Jahrtausende erhalten haben, auch wenn sie anfaenglich nur weiter erzaehlt und erst viel spaeter mal aufgeschrieben wurden? Es liegt wohl daran, dass diese Geschichten nicht nur witzige unterhaltsame Anekdoten waren die man sich am Herd oder Lagerfeuer erzaehlte, sondern dass sie wirkliche Bedeutung fuer Generationen von Menschen hatten und haben. Die Bedeutung liegt darin, dass man die Erinnerung bewahrt an die mehrfache Abstraktion von einer Vielzahl von Anekdoten. Mythen sind immer Meta-Geschichte(n). Sie sind immer ein Lehrstueck, in denen man die kummulierten Erfahrungen der vorangegangenen Generationen weitergibt; etwas was wir heute meist als Weisheit bezeichnen. In der Regel wird die Erkenntnis transportiert, dass wenn man sich SO verhaelt das Leben schief geht und/oder wenn man sich ANDERS verhaelt das Leben besser wird.

    Wie schrecklich und toedlich das Leben wird, wenn man die Weisheiten ignoriert und mit neuen, ideologisch kreierten Mythen ersetzt, konnte man unter Stalin, Mao, Hitler usw. erfahren, und derzeit mit den Verlegenheitsmythen ueber Multikulti, das maskulin heteronormative Patriarchat und aehnlichem Unsinn. Das liegt auch an einem Schulsystem welches fast jedem Schueler die Beschaeftigung mit den Mythen vergaellt, bis zum tief empfundenen Hass auf alles was mit griechischen Mythen, biblischen Geschichten und relativ modernen Rezeptionen derer (Goethe und Co) zu tun hat. Der preussische Zwang die 10-jaehrigen mit den unzugaenglichsten Werken des Altertums und der Klassik zu maltraetieren und jeden Spass daran zu verhindern ist schon pervers. Ich denke wenn man modern formulierte Geschichten heran nimmt, in denen verschiedene Archetypen repraesentiert sind (wie z.B. Harry Potter, Game of Thrones, Disney Geschichten, usw.) und die Schuelern Spass machen und danach auf die mythologischen Grundlagen durchsticht koennte man der geistigen Verwirrung unserer Gesellschaft entgegenwirken. Dann koennten 14-jaehrige schon selbst erkennen, wie unsinning, dumm und unwahr die derzeitigen ideologischen Mythen sind. Aber das ist vielleicht gar nicht gewollt.

  2. Wobei es leider gerade auch so ist, dass Diktatoren und Menschenfeinde wie Hitler Mythen schamlos missbraucht haben; das liegt daran, dass das Böse sehr wohl weiß, auf welche Weise – eben Mythen für sich einsetzend – man punktet. Wenn man allein sieht, wie die Nationalsozialisten Richard Wagner missbraucht haben . . . Kaum jemand hat es so gut geblickt wie er, was Parzival, Lohengrin und Siegfried betrifft . . . Statt das zu sehen halten manche ihm lieber seine Judenmacke vor, deren sich allerdings die Nazis bedient haben . . .

    Ja, es sind sogar Menschheitsstufen, von denen Mythen berichten und wir haben eigentlich weitaus aktuellere als Prometheus; aber wer kennt Parzival? Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob Harry Potter nicht auf gefährliche Weise im Sinne des Dunklen einen Virus einzupflanzen weiß. Selten aber habe ich das Böse so realisch dargestellt gefunden wie im ´Herrn der Ringe´. Da wird wirklich deutlich, wie grauenhaft und gerissen es ist.

    Danke für Deinen Kommentar! Vieles lässt sich im Leben nachholen, aber eine fehlende Lektüre in Bezug auf Mythen in der Kindheit ist nur schwer wieder gutzumachen.

    Liebe Grüße!

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