Halb zog sie ihn, halb sank er hin! – Wer alles lauscht dem feuchten Weib? – Goethes Ballade „Der Fischer“

Klar geht es in der Ballade Goethes in erster Linie um einen Fischer, dessen äußere Erscheinung glauben machen kann, er sei cool genug, dem Wasser samt feuchtem Weib zu widerstehen. Aber wenn man genau hinschaut, ist auch von unserer coolen Kultur die Rede.

Goethe war ungefähr dreißig, als er das Gedicht verfasste; da war er schon mehr als drei Jahre am Hof zu Weimar tätig und hatte eigentlich wenig Zeit, Lyrisches zu schreiben. Seine Italienische Reise sollte noch bevorstehen, die ihn als anderen Menschen zurückkommen lassen würde. Noch aber hielt er es in Weimar aus. Noch wirkte Frau von Stein nicht bedrückend auf ihn.

Seine Lebenssituation allerdings spielt in dem Gedicht auf den ersten Blick keine Rolle und Goethe scheint diese Sicht zu bestätigen, wenn er mehr als vierzig Jahre später über die Ballade sagen wird: Es ist in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin.

So war er. Wer an der Oberfläche bleiben wollte, bitte schön. Die Erfahrung der Tiefe ist nun mal gefährlich. Goethe wollte nicht, dass sich jemand am Wasser die Finger verbrennt. Und so hat er später sein Märchen geschrieben, das kaum jemand versteht und zu dessen Verständnis er herzlich wenig beigetragen hat – nur Schiller scheint er zu dessen Inhalt das ein oder andere gesteckt zu haben -, und genauso ist er mit dem Faust verfahren, dessen zweiten Teil man ohne Kommentar nicht lesen, dann allerdings auch sich vergegenwärtigen sollte, dass Germanisten mythische Ebenen des Öfteren nicht wirklich verstehen.

Fromm-Sein in und durch Liebe

Wer oberflächlich an die Ballade herangeht, der tut so ein bisschen wie der Fischer, der ganz cool dahockt, mit dessen Coolness es aber so weit nicht her gewesen sein kann, wenn fünf Fragen einer Wasserfrau und ihr Singen bewirken können, dass er sich von dem nur seinen Fuß netzenden Wasser doch recht bereitwillig und unwiederbringlich in dieses Element ziehen lässt, das Goethe angesichts des Staubbachfalls im Lauterbrunnental späterhin als ein Gleichnis für die Seele des Menschen bezeichnen wird. Der aus Angst in den Wellen des Sees versinkende Petrus dürfte ihm post mortem sicherlich Recht geben.

Vielleicht hat der Fischer auch zu wenig aus der Erfahrung anderer gelernt: Singen haben bekanntlich auch viele Rheinschiffer angesichts der Loreley unterschätzt. Und wer weiß, wie es Odysseus ergangen wäre, hätte ihn nicht ausgerechnet Circe vor den Sirenen gewarnt und fast brachiale Vorsichtsmaßnahmen treffen lassen, damit er und seine Kameraden nicht zu einem jener Skelette werden, deren sie bei der Vorbeifahrt an der Insel der Sirenen ansichtig wurden, tote Betörte, willfährige Beute singender, vogelähnlicher Frauen.

Ein Goethe hat wohl gewusst, wovon er schrieb; nur sind für einen, der die wirkliche Welt gern in Bildern sieht, diese im Grunde wirklicher als die materielle Wirklichkeit.

Zugleich weiß so jemand, dass sich seelische Hintergründe nur bedingt in Worte übersetzen lassen; Bilder sind allemal besser. So möge niemand wirklich glauben, das Heideröslein (Sah ein Knab ein Röslein stehn …) enthalte einfach nur beratende Hinweise zum richtigen Umgang für voll im Saft stehende Jünglinge mit Rosen, auch und gerade weil das Heideröslein ein recht harmloses Gedichtlein ist, zumindest zwei Strophen lang. Goethe mag damals sehr wohl gewusst haben, dass die Liebe zu dem elsässischen Pfarrerstöchterlein Friederike Brion durchaus hätte tragisch enden können, er, der sich auch zukünftig keine Liebe verbieten und noch 72-jährig in Flammen zu einer 17-Jährigen aufgehen sollte, Flammen, die zwar in einer abrupten Abfahrt aus Marienbad bzw. Karlsbad endeten, aber wie gewohnt sein Inneres zu einem Gedicht bewegten, deren es auf der Welt nicht viele gibt, der berühmten Marienbader Elegie, in deren Zentrum wir Strophen finden, die eine Definition von Frommsein formulieren, ein Frommsein durch Liebe, wie es sich noch bis heute nur wenige gönnen und gewiss nicht die, die dieses Lieben Goethes für des Teufels halten, weil sie nicht sehen, dass ein grinsendes Teufelchen ihre eigene Liebesfähigkeit so gern zurückhält vor einer Erfahrung wie dieser:

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Dem Frieden Gottes, welcher euch hinieden
Mehr als Vernunft beseliget – wir lesen´s -,
Vergleich´ ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen´s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

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Dass nur wenige sich solch eine Liebeserfahrung gönnen, liegt nicht am Wesen der Liebe, sondern gern daran, dass für die meisten Liebe immer das ist, was sie sich maximal selbst gönnen können und was sie für das genau angemessene Liebes-Limit halten. – Das allerdings umfasst oft so viel nicht.

Wenn dann so ein Mensch am Wasser sitzt und eine Nixe auftaucht, kriegt sie eine Ladung Pfefferspray und der Angler wird zum Prediger gegen alles feucht Weibliche. Und dann spielt es keine Rolle, dass er keine Ahnung hat von dem, wovon er spricht. Immerhin gesellen sich all jene zu ihm, die so gestrickt sind wie er. Und das sind genug.

Allerdings: In die Tiefen zu tauchen, das kann tödlich enden. Das wissen wir von Schillers Taucher, der mutiger war als die versammelte Ritterschar des Königs und deshalb hinabtauchte, aber leider auch so naiv war zu glauben, dass dieser König ihm wirklich jemals seine Tochter geben werde.
Und bedenken sollte man auch, dass die Tiefen kein Ende kennen – Schillers Taucherjüngling sieht nicht von ungefähr in nicht enden wollende Tiefen. – Schillers Seele wusste um all das.

Wenn aber der Abstieg in die Tiefe eine notwendige Erfahrung ist, wo endet diese Tiefe?
Bei Goethes Fischer scheint die Sache nicht so vertrackt und doch ist sie es durchaus und zugleich sehr aufschlussreich:

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Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

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Es ist ja der Sinn einer Interpretation, die nicht zu weit geht und damit die Lust an Wort und Bild verdirbt, ein wenig transparent zu machen, wie die äußere Form den Inhalt unterstützt. Dann erst mag die noch verschlossene Blüte sich öffnen.

Mit seinen dreißig Jahren war Goethe schon längst ein Meister seines Fachs:

Da wechseln das ganze Gedicht hindurch vierhebige jambische Zeilen mit dreihebigen ab und es scheint, als wolle der dreihebige Vers immer auch eine kleine Antwort auf den Tatbestand sein, der zuvor im vierhebigen angesprochen wird. Man nimmt dieses Alternieren zwischen Vier- und Dreihebigkeit gern nur am Rande wahr, und doch ist es immer da, immer wie im Untergrund.

So steht es um die Atmosphäre des ganzen Gedichtes: Alles ist untergründig – und doch so präsent.

Was sich da metrisch so gegenübersteht, findet sich als Merkmal das Gedicht hindurch ständig wieder, im Halb und Halb des Hingezogen-Werdens und bereitwilligen Hinsinkens, im parallel gestalteten Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm, in Doppelungen wie Menschenwitz und Menschenlist oder der wiederholt auftauchenden Zweiteilung eines Verses, bisweilen Wortwiederholungen beinhaltend, die zugleich eine Steigerung enthalten: Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll, oder Und wie er sitzt und wie er lauscht … – Was hätte ein Regisseur heute für eine Sexorgie aus dem ganzen Geschehen gemacht. Nicht so Goethe.

Jemanden sitzen und lauschen zu lassen: Nur wer Menschen wirklich zuhören kann und Worten, dem offenbart sich das Lauschen des Fischers in seiner ganzen Bedeutung. Mit einem einzigen Verb offenbart uns Goethe mehr über den Mann als es manche psychologische Expertise könnte. Denn er lauscht nicht über die Wasseroberfläche hin, sondern in die Tiefe. Und diese antwortet. Des Fischers Lauschen nur kann erklären, warum er nichts mehr sagt und nur das Weib noch spricht.

Goethe verweist auf diese menschlich untergründige Ausnahmesituation unter anderem durch Neologismen, also Wortschöpfungen wie feuchtverklärt und wellenatmend. Ihm sind Mittel des dramatischen Malens gleich zu Beginn Tonversetzungen, die vorliegen, wenn gegen die unbetonte Silbe, die beim Jambus der betonten immer vorausgeht, die eigentlich unbetonte akzentuiert wird, wie das in Kühl bis ans Herz hinan vorliegt (metrisch korrekt müsste eigentlich bis betont werden) und in nicht ganz so auffälliger Form in weiteren Zeilen der ersten Strophe.

Die Dramatik der letzten Strophe spiegelt sich auch darin, dass zuerst nur der Fuß des Mannes berührt wird von dieser Energie des Wassers, Medium des feuchten Weibes, dann aber aufsteigt und das Herz ergreift, bevor der Fischer auf seine so ganz besondere Weise, halb gezogen werdend, halb so gern hinsinkend, in Gänze in der Tiefe versinkt.

Natürlich gäbe es hier noch einiges mehr zu beleuchten, was – oft unbewusst – Wirkung erzielt, doch möchte ich lieber noch darauf verweisen, dass es in einem Post zu einer solchen Ballade nicht darum gehen kann zu jammern, dass solche Gänseblümchen unter den Blüten der Lyrik Goethes – von den Orchideen ganz zu schweigen – nicht mehr wahrgenommen werden; das würde nur den eigenen Wirkungsbeitrag reduzieren, denn:

Jeder, der sie wahrnimmt und im Herzen zu schätzen weiß und trägt, trägt sie in das Herz einer, unserer Kultur hinein und davon profitieren auch die, die keine Gelegenheit haben und keinen offenen Sinn für diese Schätze (weshalb sie noch lange keine Banausen sind, eher ganz normale Bürger). Es ist einfach so. Das ist bekanntlich nicht schlimm. – Zumal einem jeden die Zeilen sich nur erschließen, wenn er sitzt und lauscht.

Und manche und mancher spüren: Das ist so unriskant nicht.

Das feuchte Weib und die Narzissten

Natürlich lässt sich inhaltlich vieles anführen, was vor allem um die Frage kreisen mag, wie einem Fischer, der doch so cool wirkt, das, was ihm geschieht, widerfahren kann, zumal in der letzten Strophe angedeutet wird, dass es eine Liebste gibt, die doch einer wirklichen Liebe wert sein mag (Wie bei der Liebsten Gruß).

Zumindest eine Teilantwort mag die verfängliche Frage des Weibes leisten: Lockt dich dein eigen Angesicht / Nicht her in ew’gen Tau?

Dieses Weib weiß offensichtlich um den in jedem Menschen, jedem Mann innewohnenden Narzissmus, der ja nicht grundsätzlich krankhaft sein muss, es allerdings vor allem dann wird, wenn solchen Menschen die Welt zunehmend zu einem großen Spiegel wird, in dem sie sich mehr und mehr nur an sich selbst ergötzen oder nur Auskunft über sich haben wollen, bevorzugt natürlich an dem, was an der Oberfläche sich befindet.

Jedenfalls: Dieses Weib zieht auch das Narzissmus-Register, interessanterweise allerdings ganz zum Schluss, wohl wissend, dass das vollends den Ausschlag geben könnte, dass dieser Mann sich bereitwillig abtauchen lässt.

Es mag ja nicht so sein, dass er wirklich stirbt; nur ist er dieser Unterwasserenergie des feuchten Weibes verfallen, womöglich ohne dass er es selbst weiß und auch ohne dass es seine Liebste bei der Rückkehr gleich wahrnimmt, die aber wohl zunehmend spüren wird, dass ihr Geliebter nicht mehr der ist, der er einmal war. Das mag dann enden wie in Kästners Sachlicher Romanze, wo berichtet wird, dass Zweien, als sie einander acht Jahre kannten, plötzlich ihre Liebe abhanden kommt, wie andern Leuten ihr Stock oder Hut.

„Wer am Alten hängt, der wird nicht alt”

Ich möchte nur diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellen, den man bei dem von Goethe formulierten Schluss vergessen könnte und der den Worten Goethes auf eine bemerkenswerte Weise Recht gibt:

Dieser Mann wird so, wie er da hinabsinkt, nicht mehr zu sehen sein.

Günter Kunert hat in diesem Zusammenhang eine geniale Ballade geschrieben, die abzudrucken leider nicht erlaubt ist, überschrieben Wie ich ein Fisch wurde. Darin treten zu Beginn die Meere über die Ufer und die Menschen versinken peu à peu in den Fluten. Das lyrische Ich allerdings erinnert sich angesichts der vielen um ihn herum nach Hilfe Rufenden und Ertrinkenden und bevor ihm selbst das Wasser den Mund verschließt, was man ihn einst lehrte, dass nämlich nur den die Veränderung der Welt nicht verdrießt, der sich selbst verändert. – Und er wird zum Fisch.

Was nun die Ballade, finde ich, so genial macht, ist, dass unübersehbar dieser Mensch am liebsten Fisch bleiben möchte. Es ist so gemütlich in den Tiefen, man kann so schön träge gleiten und oben ist es so schrecklich trocken. Aufs Neue wieder Mensch zu werden, so schließt Kunert ab, wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist, das ist schwer für uns hier auf Erden, Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

Menschen sind aufgerufen, in die Tiefe zu steigen, das beweisen die vielen Mythen und Geschichten, die davon handeln, selbst auch solche Ausnahmegedichte wie Hofmannsthals Weltgeheimnis. Nur wer in den Brunnen steigt, wer die Erfahrung des Jonas macht und auch des ein oder anderen Märchen- und mythischen Helden, kann auf dem Weg, der zum mystischen Tod und darüber hinaus führt, weitergehen.

Natürlich kann man in der Tiefe bleiben (und im Zweifel selbst nichts davon wissen wollen), ja, man kann diese unglaubliche Leistung vollbringen und nach oben kommen und trotzdem wieder scheitern, weil man, wie der Taucher ohne wirkliche Not sich noch einmal meint in die Tiefe begeben zu müssen. Nur: Um die Tiefenerfahrung kommt letztendlich niemand herum. Es ist eine Erfahrung, die das Johannes-Evangelium für jemanden, der wahrhaft sein wahres Selbst sucht, aufzeigt in den Stadien des Jesus-Weges, unter anderem in der Fußwaschung, der Geißelung, der Dornenkrönung und der Kreuzigung.

Wer wieder auftaucht, ist ein Anderer.

Über manchen, der sich bis in die Tiefen gewandelt hat, kann man von seiner Umgebung auch sagen hören, dass man ihn nicht wiedererkenne.

Nur ist es nicht jedermanns Sache, in diesem Leben diese Erfahrung zu machen. Mancher hat sich anderes vorgenommen, was nur aus einer rein abstrakten Sicht weniger wert sein mag. Ein Computerexperte, der ein Programm entwirft, das für viele Menschen eine große Erleichterung z.B. in ihrem Beruf bedeutet, ein Ingenieur, der etwas entwickelt, was der Menschheit und dem Planeten dient, oder eine Krankenschwester, die Tag für Tag Kopfkissen aufschüttelt, Spritzen aufzieht und Essen verteilt, steigen womöglich nicht in die angesprochenen mythischen Tiefen, und dennoch ist solch ein Leben so wertvoll.

Mancher mag auch leben, um sein Leben zu genießen. Es ist seine Sache und niemand sollte das beurteilen wollen.

Gerade jemand, der in die Tiefen des Seins hinabgestiegen ist, wird diesbezüglich kein Urteil fällen, weil er weiß, dass es einer inneren Bereitschaft bedarf, eines Vorab-Lauschens. Wessen er sich allerdings bewusst ist: Irgendwann muss jeder hinab.

Wenn es gutgeht, bleibt der Fischer nicht in der Tiefe, so wie Tannhäuser in Richard Wagners Oper nicht in dem Berg der Venus hängenblieb, sondern sich dem Weiblichen in der Gestalt einer Elisabeth zuwandte. Gerade unsere religiöse und literarische Kultur ist voller Zeugnisse von diesen Wegen (beispielhaft erinnert sei nur an den Weg des Anselmus in E.T.A. Hoffmanns Goldenem Topf, an den Weg Heinrichs zur Blauen Blume im Heinrich von Ofterdingen oder den Weg Bastians in der Unendlichen Geschichte) und es mag eine wichtige Lehre aus allen sein, dass wir die Wege der Menschen um uns herum tolerieren, solange sie nicht die Wege anderer blockieren.

Diejenigen allerdings, die immer wieder die Stäbe über anderen und ihren Wegen brechen und den richtigen Weg genau kennen (der natürlich ziemlich genau ihrem entspricht), sind oft jene, die den Gang in die Tiefe scheuen. Dieses Scheuen ist nur zu verständlich, dieses ewige Urteilen nicht.

Selbst Sonnen sterben

Was für den Mikrokosmos Mensch gilt, gilt für alles im Makrokosmos. Selbst Sonnen sterben. Auch Kulturen. Manche sterben unnötig vorzeitig. Ich hoffe, dass dies nicht mit unserer der Fall ist.

In die Hölle ist sie bekanntlich schon abgestiegen. Es könnte aus dieser Erfahrung heraus ihre Aufgabe sein, noch für eine ganze für uns nicht überschaubare Weile anderen eine Hilfe zu sein. Wer die Erfahrung des Abstiegs gemacht hat, wer die Erfahrung des Aufstiegs gemacht, wer erfahren hat, dass manche hilfreich die Hände reichten, während andere jahrzehntelang bei möglichst jeder Gelegenheit den drohenden Zeigefinger schwangen, weiß um die zum Teil übergroßen Schwierigkeiten und Stolpersteine des Wegs.

Ich bedaure, dass wir zur Zeit so wenig Menschen in unserem Land finden unter denen, die das Ohr der Öffentlichkeit haben, welche in ihren ethischen Ansprüchen und in ihrem Denken und Handeln zeigen, dass diese Erfahrungen nicht umsonst waren. Zu viel ist in unserer Politik halb und halb. Nicht warm, nicht kalt. Die Bibel nennt diesen Aggregatzustand lau und er hat eine klare Konsequenz: Die, die ihm frönen, haben keine Zukunft.

Das muss nicht sein.

Und immer lockt das Weib

Und noch etwas hat diese Ballade mit unserer Kultur gemeinsam:

Was den Fischer hinabzieht, ist nicht die Gier nach Geld oder Sucht nach Ruhm oder Macht. Es ist das feuchte Weib, das sich schon zu Beginn verrät, indem es davon spricht, der Fischer locke des Weibes Brut. Für das, was der Fischer beruflich tut, sind Worte wie Brut und locken wenig angemessen. Wer allerdings lockt, ist das Weib, das geschickt dem Fischer ihr eigenes Verhalten, um von diesem abzulenken, unterstellt.

Und es lockt mit reichlich dubiosen Aussagen, denn dass der Mann auf dem Grund des Wassers erst richtig gesund werde, erscheint auf dem Hintergrund dessen, was das Weib meint, genauso unwahrscheinlich wie, dass nun auf einmal den Fischer sein Angesicht, das er dort schon oft genug gesehen haben mag, ins Wasser locken soll.

Nein, nicht der Wunsch nach Gesundheit oder die doppelt so schön wellenatmend wiederkehrende Sonne locken, es lockt, wie gesagt, einzig und allein das Weib. Nicht ganz zufällig erinnern die Worte an einen ähnlich lautenden Film eines Curd Jürgens und einer Brigitte Bardot, dessen minde Qualität bis heute kaum jemand in Frage stellt.

Dieses Weib – bzw. für was es steht – kann als dunkle Seite des Ewig-Weiblichen jeder Kultur zum Verhängnis werden und in der Tat scheint die Animalisierung des Lebens erfolgreich fortzuschreiten, die sich darin zeigt, dass, wie ich in vergangenen Posts aufgezeigt habe

  • es zum einen zunehmend Wissenschaftlern und Fachleuten wie Juliane Bräuer und Peter Wohlleben oder auch Philosophen wie Precht gelingt, den Status der Tiere so zu vermitteln, dass der Mensch sich und seine Krone – in der Sprache des Baumes der Sephirot Kether – und damit das Ziel seiner Reise verleugnet, und sich auf eine Stufe mit den Tieren stellt oder sogar behauptet, er stamme von ihnen ab, eine verquere Sicht;
  • zum anderen, indem Sexualität an die Stelle von Liebe tritt und das Leben so dominiert, dass der Mensch langsam aber sicher weder von Sexualität noch von Liebe mehr etwas wissen will und sich mehr und mehr in Perversionen und Unnatürlichkeiten flüchtet.

Wenn es dabei bleibt – und es ist, obwohl es niemanden öffentlich verwundert, erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich eine degenerierte Sinnlichkeit durchgesetzt hat und ohne nennenswerten Widerspruch akzeptiert wird (kann denn eine ganze Kultur unter Wasser sein und es nicht merken wollen?) – , dann allerdings ist es sinnvoll und wohl auch unwiderruflich, dass das Meer sich diese und alle ethisch so hohlen Kulturen holt.

Es beginnt ja bereits damit.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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3 Antworten zu Halb zog sie ihn, halb sank er hin! – Wer alles lauscht dem feuchten Weib? – Goethes Ballade „Der Fischer“

  1. Ich hoffe, dass Du mir es nicht verübelst: Ich habe mir diese Abhandlung kopiert, um sie auszudrucken und in Ruhe auf Papier zu lesen.
    Wenn es um Goethe geht (Du weißt 😀), bin ich wie eine Süchtige in meinem Handeln.
    Danke für diese Mühe. Ich freue mich auf abendliches Lesen!

    Herzliche Grüße
    Sylvia

    • Ich hoffe, das ruhigere Lesen enttäuscht Dich nicht. Mich freut natürlich unsere gemeinsame Verehrung für diesen Mann. In der Prosa, im Drama und in der Lyrik solch geniale Sachen geschrieben zu haben, das ist schon einmalig. Ich bin echt dankbar, dass es solche Menschen gibt – irgendwie lebt er ja immmer noch. Und je mehr man sich mit ihm beschäftigt, desto mehr spürt man diese unglaubliche geistige Größe.

      Für Dich und Dein Schreiben alles Gute!
      Liebe Grüße,
      Johannes

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