Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus! – Ernst Moritz Arndt und sein deutsches Wesen. –

 Auch ein Beitrag zur ach so gar nicht existenten Leitkultur. Frau Özoğuz gewidmet!

Klage um den kleinen Jakob ist ein Gedicht, über das man leicht hinweglesen, ja höchstens die ersten Zeilen konsumieren und dann weiterblättern mag. Es sei denn, man macht sich um den Kleinen gleich anlässlich der ersten Zeile Sorgen oder bleibt an dem Namen hängen, weil aus der eigenen Kindheit ein Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst Du noch, schläfst du noch heraufklingt oder einem Jakob, Esau und sein Linsengericht, womöglich auch Jakob der Lügner, falls man Jurek Beckers Roman gelesen hat, in den Sinn kommen.

Schnell aber merkt man, mit all dem hat das Gedicht von Ernst Moritz Arndt (1769-1860) wenig bis nichts zu tun (jedenfalls scheint es so). Es geht hier um den kleinen Jakob, groß genug, um Kühe zu hüten, aber zu klein, als dass sich nicht Schwestern und Brüder recht schnell Sorge machen, wobei wir hoffen wollen, dass es ihnen wirklich um den kleinen Bruder und nicht eher um die Kühe ging.

In jedem Fall wird sich erweisen, dass das Gedicht, geschrieben 1808, uns zu den Tiefen und Untiefen deutschen Wesens zu führen vermag, zugleich aber auch zu Tiefen des menschlichen Wesens überhaupt:

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Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder,
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Hat ihn ein Unterird’scher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket
Wein ein, und denket:
Wärst du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

So muß der kleine Jakob dort wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe und Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob! – die Äuglein aus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!           

                                                 
Tatsächlich könnte in dem ein oder anderen Leser eine tiefere Ebene resonieren, wenn wiederholt von gläsern die Rede ist, vom gläsernen Haus und von gläsernen Schuhen. Schuhe haben nun einmal eine hohe Symbolkraft. Wir denken an jene lebensentscheidenden des Aschenputtels der Gebrüder Grimm oder an die Aschenputtel-Schuhe in Perraults Märchen, zumal sie dort sogar gläsern sind.

Dreimal auch wird der Wald erwähnt, der mit dem dreimaligen Hinweis auf unten bzw. den Unterirdischen korrespondiert.

In der Tat, wer in den Wald läuft, gerät ins Unter-Bewusste, dafür steht er nun einmal, und wer Eisenhans, jenes Grimm-Märchen, das sich mit dem Thema der notwendigen Lösung des Sohnes von der Mutter so aufschlussreich beschäftigt – genial dazu Robert Blys Buch Eisenhans. Ein Buch über Männer – gelesen  hat, weiß, warum der Sohn sofort, nachdem er der Mutter den Schlüssel unter dem Kopfkissen entwendet und damit den Wilden Mann aus dem Käfig befreit hat, von eben diesem Eisenhans in den Wald gebracht wird. Schließlich müssen auch Hänsel und Gretel lernen, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, auf das man natürlich im Wald trifft, nur überlebt, wenn man es gegebenenfalls riskiert, gewitzter als der Beelzebub zu sein und ihn mit Mitteln des Teufels zu bekämpfen, also die Hexe austrickst und den Mut hat, sie ins Feuer zu treten. – Ob der kleine Jakob das schafft? Noch scheint es nicht so. Umso verständlicher der flehentliche Ton, die dringliche Bitte der Schlusszeile, die uns natürlich auch die Frage stellen lässt: Wer fleht hier eigentlich?

Dazu ein andermal mehr. Deutlich mag jedenfalls bereits jetzt geworden sein: Das Gedicht hat eine auf den ersten Blick nicht zu erkennende überraschende Tiefe und wenn man sie zulässt, mag man auch gewahr werden, dass seine äußere Form und Gestaltung durchaus einiges Unkonventionelle und eine recht hohe Originalität aufweisen.

Zunächst sollte man aber wissen, dass obige Strophen von einem auf Rügen geborenen deutschen Dichter stammen, dessen Namen – Ernst Moritz Arndt – man im Januar diesen Jahres aus dem der Universität von Greifswald jagte. Wie sich im März dann herausstellen sollte, war es trotz einer Zweidrittelmehrheit ein vergeblicher Versuch des Akademischen Senats, die Universität reinzuwaschen, da das Vorgehen nicht rechtskonform war und der Beschluss vom Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommerns, allerdings aus rein formalen Gründen, kassiert wurde. – Die Hochschule will, wie ich gelesen habe, einen korrekten Beschluss nachholen, um endlich diesen Mann loszuwerden.

Nur: Verjagt hat man ihn in Greifswald im Grunde schon, ein Los, das dem Dichter nicht unbekannt ist, wurde er doch zu Lebzeiten auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse (zu der damaligen Zeit hier ein kleiner Abriss) und der damit zusammenhängenden Verfolgung fortschrittlicher Kräfte, die man als Demagogen bezeichnete, aus seinem Bonner Professorenamt gejagt; des Weiteren musste er aufgrund seiner eindeutig antinapoleonischen Aussagen vor französischen Truppen aus der Heimat fliehen, wurde von Adligen heftigst attackiert, weil sie ihm sein fulminantes Eintreten für Bauern und gegen Leibeigenschaft krumm nahmen und bekam eine Kugel in den Bauch gejagt, weil er einen schwedischen Offizier wegen antideutscher Bemerkungen zum Duell herausgefordert hatte.

An Einsatz und Mut hat es diesem Mann, dem es später sogar vergönnt war, als Abgeordneter in die Paulskirche einzuziehen, offensichtlich nie gefehlt. Das zeigt seine bereits angesprochene und 1803 veröffentlichte, und immerhin 277 Seiten umfassende Schrift Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen – Nebst einer Einleitung in die alte teutsche Leibeigenschaft.

Ebenso war Ernst Moritz Arndt zu seiner Zeit aber auch einer der bekanntesten Franzosen- und Judenhasser Deutschlands. Einige seiner Aussagen sind in der Tat erschütterlich, Beispiel:

Darum laßt uns die Franzosen nur recht frisch hassen, laßt uns unsre Franzosen, die Entehrer und Verwüster unserer Kraft und Unschuld, nur noch frischer hassen, wo wir fühlen, daß sie unsere Tugend und Stärke verweichlichen und entnerven.

Oder:

Man sollte die Einfuhr der Juden aus der Fremde in Deutschland schlechterdings verbieten und hindern. […] Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein […].

Klar, dass der Mann von den Nazis vereinnahmt wurde und es Goebbels war, der dafür Sorge trug, dass die Universität Greifswald ab 1933 Arndts Namen im Schilde führte (man darf gespannt sein, ob von der Leyen als Verteidigungsministerin ebenfalls nun dafür Sorge trägt, dass die Hagenower Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne umbenannt wird).

Hat man die Zeit des Nationalsozialismus erlebt und hört einige Aussagen Arndts, mag man sie als nationalistisch und rassistisch beurteilen. Arndt aber in einem Atemzug mit den Nationalsozialisten zu nennen und ihn, wie geschehen, auf eine Stufe mit ihnen zu stellen, ist einfach nur fahrlässig.

Von Arndts Tod bis zur Zeit des deutschen Faschismus fanden in unseren Breiten vier Kriege statt, der Deutsch-Dänische 1864, der sogenannte Deutsche zwischen Preußen und Österreich 1866, der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 sowie der Erste Weltkrieg.

Einfach davon auszugehen, einen Mann wie Arndt hätten die Geschehnisse inclusive der Machtübernahme der Nazis unbeeinflusst gelassen und er hätte 100 Jahre später alles genauso formuliert, halte ich für absolut fahrlässig, zumal er sich immer deutlich gegen Feudalismus und Gewaltherrschaft aussprach und es Aussagen von ihm gibt, wie z.B.:

Wer das Schwert trägt, der soll freundlich und fromm sein wie ein unschuldiges Kind, denn es ward ihm umgürtet zum Schirm der Schwachen und zur Demütigung der Übermütigen. Darum ist in der Natur keine größere Schande, als ein Krieger, der die Wehrlosen misshandelt, die Schwachen nöthet, und die Niedergeschlagenen in den Staub tritt.

Oder:

 Denn der Krieg ist ein Übel und die Gewalt ist das größte Übel.

Desgleichen aus seiner Schrift Geist der Zeit:

Denn wenn ein Fürst seinen Soldaten befiehlt, Gewalt zu üben gegen die Unschuld und das Recht, […] müssen sie nimmer gehorchen.

Seine Aussage

Es wird ja hoffentlich einmal eine glückliche deutsche Stunde für die Welt kommen und auch ein gottgeborener Held, […] der mit scharfem Eisen und mit dem schweren Stock, Scepter genannt, [das Reich] zu einem großen würdigen Ganzen zusammenschlagen kann.

kann nur missverstehen, wer nicht zur Kenntnis nehmen will oder kann, dass Arndt nun einmal im Deutschen Vormärz lebte.

Ich vermute, dass in dem universitären Greifswalder Gremium einige saßen, die nicht bereit waren zu sehen, dass in 100 Jahren Geschichte sich Bewusstsein verändert, dass die Bedeutung von Worten und ihre Gewichtung sich verändern und dass sie zudem noch einen Zweiten Weltkrieg in sich aufgezeichnet finden, den sie womöglich auch auf Arndts Aussagen geladen haben.

Es liegt aber auch daran, dass sie das Wesen unserer Kultur, wie ich noch aufzeigen möchte, bewusst ignorieren oder intellektuell nicht erfassen können.

Zudem gibt es in unserem Land eine Menge Leute, die klischeehaft reagieren und nicht zu unterscheiden in der Lage sind, ob eine nationalistische oder ethnologische, also völkerkundliche Sicht vorliegt, die zu erkennen gibt, dass jedes Volk durchaus eine eigene und einzigartige Prägung hat.

Gegen ein uniformiertes Europa

Erinnern wir uns zunächst daran, dass jüngst Thomas de Maizière eine neuerliche Leitkulturdebatte losgetreten und daraufhin bereits oben angesprochene Frau Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, erklärt hatte, sie sehe keine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache und die Debatte gleite ins Lächerliche und Absurde, die Vorschläge verkämen zum Klischee des Deutschseins. – Ein erstaunlich geschichtsloses Statement, das sie im Tagesspiegel abgab.

Seltsam auch, dass eine Integrationsbeauftragte glauben machen will, man brauche nur alle spezifische Kultur eines Volkes jenseits der Sprache ausradieren, dann fließe der einheitliche Menschenbrei europa- und weltweit perfekt integriert ineinander.

Das hat schon Paracelsus in seinem Prologus zu Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus anders gesehen und ein Lob der Vielfalt gesungen (einfach mal in der deutschen Kulturgeschichte ein bisschen blättern, Frau Özoğuz . . .).

Das Urteil der bundesrepublikanischen Integrationsbeauftragten erinnert zudem an Schrödingers Katze, die nicht in der Kiste ist, wenn man einfach nicht nachguckt.

Womöglich ist in der Kiste doch eine deutsche Leitkultur – und gar ein deutsches Wesen? Wobei ich hier einmal absehe von der Diskussion um die Begriffswahl „Leitkultur“, die man glücklich oder unglücklich finden kann, vielleicht einfach auch nur überstrapaziert.

Ein Portugiese singt gegen den Strom

Erinnern Sie sich an den letzten ESC-Entscheid, als der deutsche Beitrag mit Levina, verglichen mit den Vorjahren, auf den vorletzten Platz hinaufschnellte (ich persönlich denke ja, Europa straft die Frauen, die da für Deutschland auftreten, für eine Merkel ab) und haben Sie den Siegerbeitrag gesehen:

ein schmaler Portugiese mit großem Kopf und großen Augen, hochgebundenem Pferdeschwänzchen und Zottelbart, zu leiser Stimme, zunächst kaum hörbar (ich vermute, mehrere Millionen weltweit griffen, als er zu singen begann, zum Lautstärkeregler), alles andere als das übliche musikalische Soundgehämmere, zu großes Jackett, Vortrag ohne alles Feuerwerk, ohne Farborgeln, ohne halbnackte Tänzerinnen im Hintergrund, sich selbst seltsam verrenkend, dastehend mit gefalteten Händen, um dann mit ihnen die Töne zu streicheln: einfach umwerfend, dieser Salvador Sobral mit seinem Amor pelos dois, das er in der Sieger-Wiederholung mit seiner Schwester sang, die den Song für ihn geschrieben hatte. Selten habe ich etwas im Fernsehen gesehen, was mich so berührt hat. Es war, als ob Europa auf ihn gewartet habe, um zu sagen: Schert euch zum Teufel mit eurer blockbusterhaften Musik, wir wollen einen Menschen sehen, und sei er so zerbrechlich wirkend wie dieser Mann, der etwas zum Ausdruck bringen kann und nicht wie eine aufgezogene Puppe wirkt, dessen portugiesische Worte wir zwar nicht verstehen, aber sehen, wie er mit so viel Hingabe von Liebe singt.

Mit ihrer so eindeutigen Abstimmung haben die Menschen Europas indirekt zum Ausdruck gebracht, was sie von einer sie und ihre Bedürfnisse vergewaltigenden bürokratischen und überwiegend auf Ökonomisches fixierten, echtem Menschsein fremd gegenüberstehenden EU-Politik halten.

Ja, ich dachte bei mir: Vielleicht muss man Portugiese sein, um den Mut zu haben, so gegen den Strom zu singen.

Ui, würde Frau Özoğuz sagen, Leitkultur gibt´s nicht, also auch keine portugiesische; etwas, wie ein portugiesisches Wesen gibt es also keinesfalls!

Merkel sollte mal Sirtaki tanzen!

Aber mal ehrlich: Wehte da nicht der Geist des Fado durch die Halle, ja durch ganz Europa, jener ganz spezifische portugiesische Musikstil, den die Weiten des Atlantik bringen, der über die langgezogene Küste ins Landesinnere hinein Einzug hält und sich mit den so zahlreichen bis über zweitausend Meter hohen Bergen des Landes verbindet?

Hat da nicht einer drei Minuten lang Europa verzaubert, wie es auf diese Weise vielleicht nur ein Portugiese kann?

Und hat das nicht so deutlich werden lassen, wie sehr Europa daran krankt, dass alle Länder über einen Kamm geschert werden, dass ihnen ihre Eigenart genommen werden soll und schon genommen worden ist?

Dass alle im ökonomischen Gleichschritt junckern, schulzen, schäubeln und merkeln sollen? Hätten wir nicht viel mehr darauf achten sollen, was die einzelnen Länder auszeichnet? Was ihr Beitrag zu einer echten Europäischen Union sein kann und wie man einen so vielfältig schönen europäischen Flickenteppich auf allen Ebenen zur Geltung bringen kann, ohne zu meinen, jedes Land uniformieren zu müssen?

Griechen oder Portugiesen werden nunmal keine Daimler bauen, keine Werke wie Siemens oder Bosch vorweisen.

Aber lassen Sie mal eine Merkel einen Sirtaki tanzen oder einen Schäuble einen Fado singen, dann wird schnell deutlich, warum die beiden sind, wie sie sind, und warum sie versuchen, Europa ihrem Wesen anzupassen!

Leben besteht eben nicht nur daraus, Geld zu verwalten und Autos zu bauen, mögen letztere durchaus auch Lebensgefühl vermitteln, warum nicht? Dennoch sind nach wie vor diejenigen die Ärmsten, die nicht merken, dass sie nichts als Geld besitzen. Iren werden nie auf ihren Folk verzichten, auf dieses Gefühl, das sich nur mit dieser Musik verbindet; und desgleichen werden Bretonen nicht von ihrer keltischen lassen oder manche Deutschen von ihren Volksliedern, weil sie um deren innewohnende Weisheit wissen.

Irgendwie glaubte man an diesem Abend beim Singen dieses Liedes eine europaweite Wehmut zu verspüren über die verlorengegangene Individualität der Länder Europas.

Vom portugiesischen zum deutschen Wesen

Wenn man von Letzterem spricht, dann entweder in der NPD-Parteizentrale oder hinter vorgehaltener Hand oder einem deutlich sarkastischen Tonfall in der Stimme, der unbedingt vermitteln muss: Glaubt bloß nicht, ich glaube an sowas (Abartiges).

Der Abartige, der zum ersten Mal davon schrieb, hieß Emanuel Geibel (1815-1884), nicht zu den Großen der deutschen Dichterzunft gehörend, aber zu seiner Zeit durchaus populär und zugleich sehr unterschiedliche Urteile herausfordernd. Bekannt ist fast einzig jenes Lied, das uns auffordert, im Frühling aus Sicherheitsgründen Abstand zu Bäumen zu halten (Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus). Kaum einer weiß, dass Geibel es war, dem wir den Gedanken verdanken, dass an deutschem Wesen einmal noch die Welt genesen mag (Geibel schrieb mag, nicht soll).

Jener Gedanke findet sich in seinem Gedicht Deutschlands Beruf und ich zitiere die erste und letzte der sieben Strophen:

Soll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

. . .

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

1861 geschrieben, ist es ein Gedicht, wie sie vor allem auch in der Zeit, in der Geibel zu dichten begann, dem Deutschen Vormärz, jener Zeit vor der März-Revolution 1848 (hier eine überschaubare Zusammenfassung), als es in Deutschland wie noch nie zuvor brodelte, politisch und literarisch, verfasst worden sind. Wobei auf der anderen Seite viele Bürger nach der französischen Revolution und den napoleonischen Wirren nichts anderes als eine schlichte, biedere Idylle herbeisehnten, weshalb man auch vom sogenannten Biedermeier spricht. Dennoch war es zwischen dem Wartburgfest (1817) und Hambacher Fest (1832) bis 1848 vor allem auch die Zeit der Deutschen Burschenschaften und des Turnvater Jahn, eine Zeit, in der Studenten, Bürger, Literaten, Handwerker und Handelstreibende ein gemeinsam Ziel verfolgten: ein nicht mehr heillos in über 30 Einzelstaaten zersplittertes, sondern ein vereintes Deutschland.

Es war eine Zeit extremer Zensur, in der kaum ein Lyriker mehr von Revolution zu schreiben wagte, sondern eine Lerche jubilierend aufsteigen ließ und jeder verstand, für was die Lerche steht. Immer noch winkte der Hohenasperg – unvergessen das Schicksal Schubarts -, jener Berg, dessen bekanntestes Gebäude in der Zeit um 1848 keineswegs zufällig eine erhöhte Gefangenenfrequenz aufwies. Selten, dass jemand so offen zum Kampf aufzurufen wagte wie ein Georg Herwegh – hier die erste und letzte Strophe seines Aufrufs:

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird´s verzeihn.
Lasst, o lasst das Verseschweißen!
Auf den Amboss legt das Eisen!
Heiland soll das Eisen sein.

. . .

In den Städten sei nur Trauern,
Bis die Freiheit von den Mauern
Schwingt die Fahnen in das Land;
Bis du, Rhein, durch freie Bogen
Donnerst, lass die letzten Wogen
Fluchend knirschen in den Sand.

Was diese Zeit so faszinierend macht, ist, dass die Menschen wirklich bereit waren zu handeln. Herwegh zum Beispiel, der mit seinem Gedichtband Gedichte eines Lebendigen deutschlandweit bekannt und sogar vom Kaiser zur Audienz empfangen wurde, stellte sich ein kleines Heer zusammen, um selbst einzugreifen. Allerdings verlor es sich mitsamt seinem Kommandeur auf Nimmerwiedersehen im süddeutsch-schweizerischen Raum.

Es braust ein Ruf wie Donnerhall

Emanuel Geibels Anfänge und eine wichtige Phase von Ernst Moritz Arndts Leben liegen in jener Zeit, als es ein Gebot der politischen Vernunft war, dass das in Einzelstaaten zerklüftete Deutschland – 1790 noch gab es 1800 Zollgrenzen – sich endlich vereine. Wer das forderte, war fortschrittlich, und wenn manche es auch kaum fassen mögen:

Turnvater Jahn, die Deutschen Burschenschaften und das Deutschlandlied August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens verfolgten eine fortschrittliche Idee. Man musste nicht Kaufmann sein und von Königsberg nach Köln seine Waren achtzigmal verzollen müssen, um zu wissen, dass die politischen und ökonomischen Zustände eines feudalistisch geprägten Deutschland unhaltbar waren.

Der Rhein wurde zum auch gegen Frankreich gerichteten Symbol deutscher Einheit; säckeweise wurden Rheinlieder und – gedichte geschrieben. Auch Arndt zählte zu denen, die hier mitproduzierten.

Eines der noch anspruchsvolleren kam von Robert Prutz, heute kaum mehr bekannt, der in seinem zehnstrophigen Rheinlied – im Folgenden die erste und letzte Strophe – seinen Mitbürgern ins Gewissen schrieb:

Der deutsche Rhein – ! Wie klingt das Wort so mächtig!
Schon sehn wir ihn, den goldig-grünen Strom,
Mit heitern Städten, Burgen stolz und prächtig
Die Lurlei dort und dort den Kölner Dom!
Der freie Rhein – ! Gedächtnis unsrer Siege,
Du mit dem Blut der Edelsten getauft,
Ruhm unsrer Väter, die in heil’gem Kriege
Mit Liedern nicht, mit Schwertern dich erkauft

. . .

So wird’s erreicht! Und wenn in künft’gen Tagen
Das stolze Frankreich unsern Rhein begehrt,
Wir werden es mit Lächeln dann ertragen,
Dann ohne Lieder, doch die Hand am Schwert.
Denn dann gelang’s, ihn ewig fest zu flechten:
Die goldne Freiheit soll die Fessel sein!
Dann lohnt es sich, bis in den Tod zu fechten,
Dann, deutsch und frei, dann bleibt er unser Rhein!

Allerdings, Prutz suchte nur, auf ein deutlich bekannteres Rheinlied, jenes nämlich von Nikolaus Becker, aufzusatteln, das, gleich gegen Frankreich intonierend, beginnt:

Sie sollen ihn nicht haben
den freien deutschen Rhein,
ob sie wie gierige Raben
sich heiser danach schrein

Man mag auf dem Hintergrund dieser Zeilen ahnen, was damals in Deutschland los war, welche Stimmung vorherrschte.

Wie oberflächlich es ist, wenn man einem Ernst Moritz Arndt seinen Franzosenhass, der deshalb freilich moralisch um nichts besser wird, ohne historischen Bezug zum Vorwurf macht, wie ich das in Sachen Greifswald gelesen habe, dürfte etwas klarer geworden sein. Auch wenn Arndts Worte besonders martialisch waren: Man kann sie 2017 nicht einfach auflisten und für sich wirken lassen wollen.

So makaber es klingt: Für weite Teile Deutschlands gehörten sie damals zum guten Ton, gerade auch angesichts des Verhaltens eines Adolphe Thiers, der als französischer Minister und zeitweilig auch als Ministerpräsident sich nicht scheute, angesichts der diplomatischen Niederlage Frankreichs in der Orientkrise mit neuerlichen Ansprüchen im Hinblick auf den Rhein mächtig säbelzurasseln, um innenpolitisch zu punkten, wohl wissend, dass er links- und rechtsrheinisch gewaltig nationalistische Emotionen schürte.

Kein Wunder also, dass sich jene Zeilen von Max Schneckenburger, 1840 geschrieben, sogar bis zum Kaiserreich hielten, um dort schließlich Kultstatus zu erlangen, hier die erste Strophe:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Refrain
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!

Vergleichbares lässt sich auch im Hinblick auf Arndts Judenphobie sagen. Ich möchte nicht wissen, was ein Martin Luther oder ein Richard Wagner, denen schon so viele güldene Kronen aufgesetzt worden sind, über das hinaus, was gegenüber Juden Unfreundliches von ihnen bekannt ist, dachten . . .

Und ich möchte nicht wissen, was jene, die in Greifswald Arndt aus dem Uni-Namen jagten, in der Vormärz-Zeit oder der des Nationalsozialismus herausposaunt hätten, weil sie in Wirklichkeit zu denen gehören, die von sich geben, was sie meinen, dass es von ihnen erwartet wird: 1840, 1933 oder 2017.

Falls es nicht aufgrund meines Sobral-Beispieles klar geworden sein sollte, möchte ich nochmal betonen, dass ich glaube, dass für jede gewachsene Nation bestimmte Wesenszüge und Eigenschaften auszumachen sind, im Guten wie im Bösen, ein Faktum, das nichts Nationalistisches an sich hat, sondern Ethnologisches, also Völkerkundliches. – (Verstehen Sie den Unterschied, Frau Özoğuz?)

Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass, wenn wir in unterschiedlichen Firmen oder Institutionen gearbeitet haben, eine jede einen bestimmten Geist aufweist; oft, nicht immer, ist er von oben geprägt. Ja, jede Familie hat einen ganz spezifischen, jeder Verein und in jedem Verein eine jede Abteilung – und genauso verhält es sich mit den Völkern dieser Erde. Für manche ist das schlimm, ja politisch rechts, wenn man von einem Volksgeist spricht. – Meist entspringen entsprechende Urteile einem Klischee, wie man zu denken hat bzw. nicht denken darf und wie man Worte verstehen sollte. – Klischees und Tabus sind die heimlichen Regenten auch unserer Zeit. Sie sind die Basis von 90 Prozent aller Urteile und Vorurteile. – Manchmal bin ich erstaunt, dass man von Volksgeist eher nicht sprechen sollte, aber Volkswagen sagen darf. – In unserem Land ist Autos nunmal mehr gestattet als Menschen.

Also, ich spreche von einem Volksgeist, ja, es gibt, und da wird es den meisten Zeitgeistlern ihren Hut vom Kopf lupfen, sogar Volksengel, zumeist Völkerengel genannt. Die Bibel kennt sie und die Mythen kennen sie auch. Sogar die Hölle hat ihren Engel.

Das ganze Deutschland soll es sein!

Gewiss gibt es hochentwickelte Menschen, die in vielen Leben gelernt haben, auf angemessene Weise mit dem Bösen umzugehen und die, selbst wenn ihnen bitteres Unrecht geschehen ist, in der Lage sind, sich nicht Gedanken der Rache und Bestrafung hingeben zu müssen; ich denke an Conrad Ferdinand Meiers einzigartige Ballade Die Füße im Feuer , die davon handelt, an einen Nelson Mandela oder einen Dietrich Bonhoeffer.

Wer seine Emotionen flach hält bzw. nicht in der Lage ist, sie wahrzunehmen und zu leben, kommt allerdings nicht in die Versuchung, von der ich gesprochen habe. Jeder von uns kennt wohl Menschen, die scheinbar nur lieb und gut sind, in Wirklichkeit aber nur ihre Emotionen, sorgsam überdeckelt, kanalisiert haben oder das Kindheitsmuster des lieben Kindes bis zum Lebensende perpetuieren. – Wobei es nicht besser ist, wenn Menschen so ungebremst, wie das zur Zeit geschieht, niedrige Emotionen ventilieren. Mit jedem Tun verstärkt man die entsprechende Energie. – Wir haben immer eine große Verantwortung.

Arndt war einer, der das volle Programm gelebt hat

Ja, Arndt war so einer, einer, der das Wesen der Menschen, die zu unserem Kulturkreis gehören, in hohem Maße repräsentiert, nämlich, mit allen Fasern zu leben, alles mit ganzem Herzen zu tun, eine Fähigkeit, der im Übrigen unser Kulturkreis verdankt, dass Deutschland eine kulturell einzigartige, ökonomische und politisch bedeutsame Nation geworden ist, mit allen Höhen und Tiefen (auch wenn Sie es nicht gern hören, Frau Özoğuz) .

Diese Höhen und Tiefen zeigen sich gerade auch bei Arndt und er ist von daher ein ganz typischer Vertreter unsere Kultur. Vielleicht ist auch das der Grund, warum die Damen und Herren des Greifswalder Gremiums ihn so gern verjagten, weil sie nämlich nicht bereit waren, über ihn auch in sich selbst jene Höhen und Tiefen anzusehen. Sie zeigen sich bei Arndt in seinen vorhandenen Hasstiraden und rassischen Äußerungen. Sie zeigen sich auch in seiner Lyrik. Da gibt es neben einigen wenigen wie der Klage des kleinen Jakob viel Dutzendware:

Das ganze Deutschland soll es sein!
Das sei der Ruf, der Klang, der Schein,
Der junge und der alte Schluß,
Der Blücher, der Arminius!
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Solche Zeilen – und von ihnen schrieb Arndt eine ganze Menge – waren schon zu seiner Zeit drittklassig, Zeitgeist-Dutzendware, erstaunlich für einen Privatdozenten an der Uni Greifswald in den Fächern Geschichte und Philologie, bald darauf dort außerordentlicher Professor für Philosophie und in Bonn späterhin Professor für Geschichte.
Aber es gehört zu seinem Wesen, wie ebenso das Folgende:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte;
drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

Natürlich liegt auch in der zuletzt zitierten Strophe eine Vermischung von religiösem und kriegerischem Vokabular vor – wir erinnern uns, wie Herweg die Kreuz- und Schwertsymbolik ineinander gelegt hat. Es ist dies kein spezifisches Kennzeichen Arndtschen Schaffens, sondern durchaus typisch für die Zeit. Sie mit unseren ethischen Maßstäben messen zu wollen, ist einfach dümmlich.

Wie aber passen seine eisenhaltigen Worte zu einer Strophe, die sich im Kirchengesangbuch findet:

Ich weiß, woran ich glaube, ich weiß, was fest besteht,
wenn alles hier im Staube wie Sand und Staub verweht;
ich weiß, was ewig bleibet, wo alles wankt und fällt,
wo Wahn die Weisen treibet und Trug die Klugen prellt.

Auch das Folgende vermittelt intensive Geistigkeit:

Der heil’ge Christ ist kommen
Der teure Gottessohn;
Des freun sich alle Frommen
Am höchsten Himmelsthron.
Auch, was auf Erden ist,
Soll preisen hoch und loben
Mit allen Engeln droben
Den lieben heil’gen Christ.

Alle diese Lieder sind viel-, zumindest mehrstrophig und zeigen einen zum Teil pietistischen Tonfall von inniger Religiosität. Ich habe, gerade als Kind, zu viel bigotte Gläubigkeit erleben müssen, als dass ich diesbezüglich nicht sehr vorsichtig geworden wäre, aber mein Eindruck bei der Lektüre war nicht, dass hier Oberflächengesäusel vorliegt.

Es gehört zum menschlichen Wesen, dass es zwei Seiten gibt, wie sie sich in den Arndt-Liedern spiegeln – wir wissen das spätestens seit Goethes zwei Seelen in Fausts Brust. Ich vermute, Arndt war sich nicht einmal bewusst, dass jemand über seine Eisenverse stolpern könnte. – Wenn wir es tun, dann, weil wir im Laufe der unmittelbar vergangenen Generationen sehr viel bewusster werden mussten.

Die aber, die hart urteilen, tun es womöglich, weil sie gerade entsprechende Seiten in sich nicht ansehen wollen.

Anmerken möchte ich, dass Arndts Zeit das Lied an sich als möglichen und intensiven Ausdruck der Frömmigkeit entdeckte, man denke nur an die Marienlieder eines Novalis.

Arndt forderte im Übrigen ein Gesangbuch für alle Christen ohne Unterschied des besonderen Bekenntnisses […]. Was Katholiken Lutheraner Zwinglianer Kalvinisten Methodisten Böhmianer und Zinzendorfianer […] Gottseliges und Christliches gesungen und geklungen haben, das sollte dieses christliche Gesangbuch enthalten.

Es ist schon unglaublich, auf wie vielen Feldern dieser Mann aktiv war, aber gerade in der Zeit der Weimarer Klassik und der Romantik gab es diese Menschen zuhauf, die, meist auf vielen Gebieten tätig, Unglaubliches leisteten, man denke an die Gebrüder Schlegel, die Gebrüder Grimm und viele andere mehr.

Zurück zu Arndt muss allerdings angemerkt werden, dass sein Interesse nur sehr bedingt ein ökumenisches war, sondern er eine innige Verbindung zwischen seiner Liebe zum Vaterland und dem Glauben aller Christen sehen wollte.

Natürlich wünschte ich mir, Arndt hätte auch zu seiner Zeit sich das ein oder andere Mal nicht in geschehener Weise in Hassformulierungen hineinbegeben („Ihr Schützen, Gott segne euch jeglichen Schuß, durch welchen ein Franzmann erblassen muß.“) und hätte mit Menschen anderen Wesens toleranter umgehen können. Ich vermute, ja ich bin fast sicher, dass er als heute Lebender andere Worte wählen würde.

Arndt gehört zu jenem Menschenschlag, den wir in unserem Kulturbereich zahlreich vorfinden, der unsere Mentalität maßgeblich geprägt hat, weil seine Vertreter, wie erwähnt, alles, was sie getan haben, mit ganzem Herzen getan und mit allen Fasern gelebt haben, ein Leben in einer Bandbreite, wie ich es für Arndt in diesem Rahmen nicht annähernd aufzeigen konnte.  

Es gibt ohne Hölle keinen Himmel

Leben, um Himmel und Hölle zu erfahren, die Bandbreite von Gefühlen: das zeichnet viele Menschen unseres Kulturkreises aus und hat ihn auf vielen Feldern so Bemerkenswertes gestalten lassen.

Wohin Himmel und Hölle führen können, wissen wir mittlerweile, gerade auch als Deutsche, die wir in diese Kultur hineingeboren sind, doch gibt es keinen Himmel ohne Hölle – und diesem Wissen sollten wir uns endgültig stellen.

Unsere Kultur hat wie keine andere die Extreme ausloten müssen (das ist eines ihrer Kennzeichen, Frau Özoğuz). So schrecklich vieles war, so sehr zeigt diese Tatsache ihren Reichtum, und wer sagt, sie hätte darauf verzichten sollen, versteht das Leben nicht. – Und ich sage das gerade angesichts des schrecklichen Nationalsozialismus. Er ist nicht denkbar ohne die vorausgehenden kulturellen Höhenflüge, wie sie kaum eine andere Kultur aufweist. – Es gibt keine echten Höhenflüge ohne Untiefen.

Extreme leben zu müssen, ist in Wahrheit eine Gnade. Wir sehen unsere Kultur in diesen Extremen, wir sehen Menschen in diesen Extremen – eben einen Ernst Moritz Arndt. Ihn zu verstehen, Menschsein zu verstehen, nicht zu verurteilen und stattdessen diesen Menschen in seiner Ausprägung und seinem Wesen transparent zu machen: darin hätte die würdige Leistung eines akademischen Gremiums bestehen können.

Es hätte vielleicht dann auch darauf verweisen können, dass das eigentliche Ziel die Mitte sein muss, oder, um es anders zu formulieren, das Aufgehen des einen Extrems im anderen.

Wir wissen, dass menschliches Leben mit der Finsternis, dem sogenannten Tohuwabohu, der Lutherschen Wüste und Leere begann. Wir danken ihr die Erkenntnis des Lichts.

Zunehmend verlagert sich in unserer Zeit und in unserer geographischen Breite das Erleben dieser Extreme ins Innere; in gewisser Weise haben sich die Empfindungen verfeinert (auch wenn man das, dicht daran, oft nicht wahrnehmen mag), weshalb wir auch so erschrecken, wenn wir einem emotionalen und Konfliktverhalten begegnen, das nicht mehr dem unseren entspricht. Wie damit umzugehen ist, kann hier nicht Thema sein, aber es ist für unsere Kultur ein zentraler Punkt, denn hier entscheidet sich ihre Zukunft.

Auf das Leben mit ganzem Herzen und bis in Extreme hinein möchte ich in dem nächsten Beitrag noch einmal zu sprechen kommen und vor allem auf eine dritte Tugend hinweisen, die unsere Kultur gekennzeichnet hat; leider verliert sie sich in den letzten Jahren zunehmend beschleunigt. – Auch auf Arndts Gedicht möchte ich noch einmal eingehen. Es enthält ja einen Verweis auf für uns Menschen Schicksalhaftes, das wir annehmen können, um zielführender zu leben.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
Dieser Beitrag wurde unter über unsere Seele, Fülle des Lebens, Gedicht, geistige Welt, Literatur, Märchen, Mythologie, Symbol als Wirklichkeit abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus! – Ernst Moritz Arndt und sein deutsches Wesen. –

  1. Hiltrud Hornung schreibt:

    Großartig ! gut recherchiert, fundiert geschrieben ! Beim Lesen kamen mir manchmal die Tränen,weil es so treffend in allen Punkten ist.Ganz viele Menschen empfinden beim Lesen dieser Zeilen dass unsere Deutsche Seele sich ausleben soll/darf/muss und dass es Einer wagt das mit solch gewaltigen Worten auszudrücken.Vielen Dank für dieses wunderbare ergreifende Lesestück.

  2. Danke für Deine anerkennenden Worte! Ich hoffe, dass für etwas, was man Volksseele oder Volksgeist nennen kann, einzutreten, nicht in irgendeine politische Ecke geschoben wird. Mit rechts oder nationalistisch hat das nichts zu tun, sondern mit der inneren Realität, die – wie wir als Individuen – eben auch eine Nation, ein Kulturraum besitzt. Dass ich in dem unseren leben darf, weil ich dadurch so viele Anregungen bekommen habe, dafür bin ich sehr dankbar. Du bist das ja auch.

    Liebe Grüße,
    Johannes

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