Deutschland zwischen 1815 und 1848: Restauration, Biedermeier, Vormärz und Junges Deutschland

Dies ist ein Beitrag, der geschichtliche Hintergrundinformationen zu dem im Anschluss veröffentlichten Post Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm´ zu Haus! – Ernst Mortiz Arndt und sein deutsches Wesen geben möchte. Auch wer ein grundsätzliches Interesse an einer der turbulentesten Zeiten Deutschlands und der Vorgeschichte seiner einzigen fast gelungenen Revolution, der Märzrevolution 1848, hat, an Turnvater Jahn, Wartburgfest, der Einordnung des Deutschlandliedes und Ähnlichem, findet im Folgenden eine überschaubare Zusammenfassung:

Die nach den napoleonischen Befreiungskriegen am Wiener Kongress teilnehmenden Großmächte Europas waren um ein Kräftegleichgewicht auf dem europäischen Kontinent bemüht. Unter anderem deshalb gründeten sie, festgelegt in der Bundesakte (Teil der Wiener Kongressakte), den Deutschen Bund, der aus 39 souveränen Staaten bestand, deren Bewegungsfreiheit jedoch vor allem außenpolitisch stark eingeschränkt war. Den Fürsten der Einzelstaaten kam dieser Bund entgegen, blieb durch ihn doch ihre Souveränität gewahrt. Sie schickten ihre Gesandten an den Deutschen Bundestag in Frankfurt (Vorsitz Österreich), der somit nur zu einem Instrument der Restauration, gemeint ist also die Bewahrung alter Ordnungen, werden konnte. – Den Bürgern dieser Einzelstaaten versprach man Verfassungen und Freiheit der Presse.

Dem Deutschen Bund war allerdings nicht daran gelegen, die wirtschaftlichen Verhältnisse des deutschen Raumes zu vereinheitlichen. Wie unhaltbar auf diesem Gebiet die Situation war, mag man daraus ersehen, dass es noch 1790 1800 Zollgrenzen in Deutschland gab und noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts 67 lokale Zolltarife. Dem entsprechenden Wikipedia-Artikel ist zu entnehmen, dass ein Handelstreibender, der damals seine Ware von Königsberg nach Köln transportierte, achtzigmal kontrolliert wurde und gegebenenfalls auch Zoll zu zahlen hatte. Den restaurativen Kräften in Deutschland, den Fürsten und Landesherren, kam diese Situation durchaus gelegen, da sie, abgesehen von je nach geographischer Lage sprudelnden Einnahmequellen, ein aufstrebendes handeltreibendes Bürgertum schwach halten zu können schien. Allerdings vermochten sie es nicht auf Dauer, die Gründung von Zollverbünden und den 1833 gegründeten Deutschen Zollverein aufzuhalten.

Die Vorstellungen von dem, was ein Deutscher Staat sein sollte, waren vielfältiger Art; sie wurden nach 1815 v. a. von Jugendlichen, Studenten und aus von den napoleonischen Befreiungskriegen heimgekehrten jungen Kriegsveteranen bestimmt. Insbesondere die Mitglieder der großen deutschen Studentenvereinigung – der Deutschen Burschenschaft, gegründet 1815 in Jena – wollten ein Deutsches Reich, belebt von edler Tugend, christlich und germanisch, fromm und frei. Mit dieser und ähnlichen Bewegungen war auch die des Turnvater Jahn verknüpft, der in nationaler Gesinnung die Jugend des Landes auf einen möglichen Kampf gegen die französische Besatzungsmacht zur Rettung Preußens bzw. Deutschlands vorbereiten wollte. Durch den Deutschen Bund nämlich fühlten Burschenschaftler, Turner und zahlreiche Landsleute die Deutsche Nation um ihre Kraft betrogen.

Die weniger revolutionäre, als vielmehr umstürzlerische Bewegung der Deutschen Burschenschaft war natürlich den Siegermächten ein Dorn im Auge, da mit ihr auch die nachdrücklichen Forderungen auf Verwirklichung der in der Bundesakte gegebenen Versprechungen einhergingen, so geschehen v. a. 1817 auf dem Wartburgfest, wo sich von fast allen deutschen Hochschulen über 500 Studenten trafen und eine Allgemeine deutsche Burschenschaft gründeten.

1818/19 erhalten die süddeutschen Staaten tatsächlich Verfassungen, die für die süddeutschen Regierungen jedoch mehr ein Mittel, die Bevölkerung gegenüber den Nachbarstaaten zusammenzuhalten, als ein liberaler Einsicht entsprungenes Zugeständnis waren; der preußische König aber gab seinem Land keine Verfassung.

Als 1819 der Schriftsteller August von Kotzebue, der die nationale Gesinnung der Jugendlichen verspottet hatte und vielen als „Spion“ der Regierungen und sogar des russischen Zaren galt, von dem Studenten Karl Ludwig Sand ermordet wird, nutzt der österreichische Kanzler Metternich die Gelegenheit für die Karlsbader Beschlüsse:

  • Verbot gesamtdeutscher Studentenvereinigungen – Überwachung der Universitäten. 
  • Strenge Zensur aller politischen Druckschriften .

Eine noch im selben Jahr in Mainz eingerichtete Zentraluntersuchungskomission gegen alle demagogischen Umtriebe sollte diese Beschlüsse umsetzen.

Deutschland war zu dieser Zeit noch im Wesentlichen Agrarland: etwa zwei Drittel der Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig, knapp ein Viertel lebte in den Städten. Doch die industrielle Revolution begann schon – ausgehend von England – ihre Schatten vorauszuwerfen (allerdings: noch 1846 verbrauchte allein London mehr Steinkohle als ganz Deutschland); sie sollte zugleich eine soziale Revolution mit sich bringen.

Auf die ereignisreichen Jahre nach dem Wiener Kongress folgte jedoch zunächst ein Jahrzehnt erzwungener politischer Ruhe; die Zeit von 1820 – 1830, die sogenannte Biedermeierzeit – man bezeichnet diese Jahre auch als Restauration -, wird unter anderem geprägt durch strenge Zensur.

Die trügerische Ruhe dieser Jahre endet 1830, ausgelöst allerdings durch Vorgänge in Frankreich. Dort schränkt 1830 Karl X. das von Ludwig XVIII. 1814 den Bürgern in der charte constitutionnelle zugesicherte Recht auf Pressefreiheit ein, er ändert das Wahlrecht zugunsten des Adels und löst die neugewählte Kammer auf, in der die Liberalen die Mehrheit gewonnen hatten. Doch die Pariser Arbeiter errichten Barrikaden, Studenten hissen auf den Türmen von Notre Dame die Tricolore, die Fahne der Revolution. Karl X. muss fliehen. Es entsteht jedoch keine Republik, denn Studenten und Arbeiter setzen sich nicht durch, sondern das liberale Großbürgertum; dieses macht Louis Philippe zum König.

In Deutschland, in dem der größte Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft und vom Handwerk lebt, sind es einzelne gebildete Bürger, Beamte, Journalisten und Gelehrte, die gegenüber fürstlicher Willkür mutig für die persönliche Freiheit und Gleichheit aller vor dem Gesetz sowie für die Mitregierung der Bürger, zugesichert in einer Verfassung, eintreten.

Ausgelöst durch die Julirevolution in Frankreich, erhalten ihre nach 1819 durch die Regierungen gewaltsam unterdrückten Reformforderungen in Deutschland ein breites Publikum, Menschenmassen ziehen in den Residenzstädten vor die Schlösser der Fürsten. In Kurhessen, Hannover, Braunschweig und Sachsen beugen sich die Fürsten dem Druck der Öffentlichkeit und gestatten notgedrungen Verfassungen. – Der König von Preußen verweigert sie allerdings weiterhin.

Wiederum ist es Metternich, der im Einvernehmen mit den Regierungen heftig mit Zensurverschärfung und Demagogenverfolgung auf zwei Ereignisse reagiert:

  • 1832 Hambacher Fest: Feier zum Jahrestag der Bayrischen Verfassung; 25000 Menschen, v.a. Studenten, Kleinbürger und Handwerker protestieren gegen die Wortbrüchigkeit der Fürsten und bewundern lautstark die Ideen der Französischen Revolution.
  • 1833: Studenten versuchen, den Frankfurter Bundestag aufzulösen.

Den Tod des englischen Königs, demzufolge sich die durch männliche Erbfolge tradierte Personalunion England – Hannover auflöst, kann nun König Ernst August von Hannover zum Anlass nehmen, 1837 die Verfassung in Hannover aufzuheben. 7 Göttinger Professoren (darunter die Gebrüder Grimm) protestieren gegen den Rechtsbruch; sie werden ausgewiesen und finden Jahre hindurch in ganz Deutschland keine Anstellung mehr.

Doch die eingekehrte Ruhe ist wiederum nur oberflächlich; in ganz Deutschland gärt es, bedingt und verursacht durch die Revolutionierung des Verkehrswesens (Eisenbahn, Dampfmaschine), der Industrie überhaupt, den wirtschaftlichen Aufschwung und seine (sozialen) Krisen, eine Radikalisierung der Literatur und die Expansion der Bevölkerung.

Die Anzeichen von Arbeiterelend und Notständen, v. a. unter den Handwerkergesellen, nimmt zu. Sie sind es auch, die auf Grund ihrer Mobilität ein Unruheelement darstellen. Ihre Zahl wächst, die freien Stellen nicht. Sozial unzufrieden sind auch die Landarbeiter und Weber; eine Folge sind die dann blutig niedergeschlagenen Weberaufstände 1844 (vgl Heine/Weerth-Gedichte).

Die Sozialordnungen schwanken. Die bewegende Kraft für die Revolution aber sind nicht die sozial Schwachen, sondern das mit seinen politischen Wünschen in den Staat hineindrängende Bürgertum.

Ganz und gar ungewollt bereitet jedoch eigentlich Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die Revolution vor. Mit großen Erwartungen 1840 begrüßt, schürt er die Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme der seit 1819 ruhenden Verfassungspolitik, u.a. durch seine Wiedergutmachung an den Opfern der Demagogenverfolgungen. Im Grunde war jedoch seine Einstellung durch patriarchalisches und ständisches Denken gekennzeichnet. So schürt er zwar mit den 1842 einberufenen Vertreterversammlungen aus den 8 Provinziallandtagen und dem Vereinigten Landtag die konstitutionellen, also auf eine Verfassung hin orientierten Gedanken der Zeit, wollte aber lediglich eine unter seiner Führung stehende monarchische Staatseinheit demonstrieren. Über die Rechte dieses Berliner Landtages war sich niemand im Klaren; jedoch wurde er zum Schauplatz von Auseinandersetzungen moderner Ideen.

Eine Konfliktsituation, und damit ein Vorspiel zur 1848er Revolution entstand, als der Landtag eine Anleihe zum Bau einer Bahn nach Königsberg ablehnt, weil ihm unter anderem das Recht auf periodische (= regelmäßige) Einberufung beschnitten war.

Schwere wirtschaftliche Krisen und Hungerepidemien sowie die Berliner Ereignisse schürten die politische Gärung. War die Arbeiterschaft im Grunde nicht revolutionsbewusst und hatte die herrschende Klasse als auch das privilegierte Bürgertum Angst vor einer Revolution, so begann sich doch eine einheitliche politische Bewegung abzuzeichnen, die auf Veränderung drang. Um die publizistischen Organe scharten sich die in ihren Zielsetzungen unterschiedlichen (Partei-)Richtungen; so waren zum Beispiel die Hallischen Jahrbücher Organ der radikalen Liberalen.

Das Gesetz von 1832 verbot zwar politische Vereine, doch die politischen Kontakte über die Grenzen hinweg mehrten sich (z.B. 1846 u. 1847 Germanistentage). 1847 stand das Deutsche Sängerfest im Zeichen eines gesamtdeutsch-nationalen Enthusiasmus. Nach wie vor war jedoch kein Revolutionswille unter den bürgerlich gemäßigten Kräften vorhanden.

Wieder kam der Anstoß von außen.

  • Februar 1848 in Paris: Demonstration v. a. der arbeitslosen Bevölkerung für eine Wahlrechtsreform; Barrikadenkämpfe; der König muss fliehen; provisorische Regierung, von Republikanern gebildet.
  • März 1848 in Deutschland [Märzrevolution]: Aufgrund der Nachrichten aus Frankreich empören sich die Bürger der süd- und mitteldeutschen Staaten; Bauern erheben sich gegen die Adelsherren; die Fürsten können sich auf ihre Beamten und Soldaten nicht mehr verlassen; sie bewilligen die Märzforderungen: Pressefreiheit, Bürgerwehr, Deutsches Parlament. Am 13. März siegt die Revolution in Berlin, am 18. März in Wien.

Für uns heute bleibt die Tatsache, dass diese Phase einer Umsetzung radikal-demokratischen Gedankengutes in die Tat nur von kurzer Dauer war.

Auf obigem Hintergrund muss man das von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland auf eine Melodie von Joseph Haydn gedichtete Deutschlandlied sehen. Es bringt die Sehnsucht nach einer Einheit aller deutschsprachigen Gebiete zum Ausdruck. Die erste Strophe allerdings richtet sich natürlich in chauvinistischer Manier, der Zeitstimmung entsprechend, gegen Frankreich, den damaligen Erzfeind westlich des Rheins, wobei allerdings auch dessen Minister Alphonse Thiers, um von diplomatischen Niederlagen abzulenken, diese Stimmung kräftig geschürt hatte.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die zweite und die dritte Strophe des Deutschlandliedes nicht mehr bei öffentlichen Anlässen gesungen, lediglich die erste Strophe war die Nationalhymne. Wenn diese gespielt und gesungen wurde, folgte in der Regel das Horst-Wessel-Lied (Die Fahne hoch. / Die Reihen fest geschlossen. / SA marschiert …) die Parteihymne der Nationalsozialisten.
Jene Zeit und die über 50 Millionen Toten des 2. Weltkrieges haben die Gründungsväter der Bundesrepublik veranlasst, auf eine Nationalhymne zu verzichten. Erst nach der Wiedervereinigung 1990 wurde die dritte Strophe des Deutschlandliedes offiziell zur Nationalhymne erklärt. Die ersten beiden Strophen, das sollte man berücksichtigen, sind von Hoffmann von Fallersleben im Sinne eines damals durchaus fortschrittlichen Nationalismus geschrieben gewesen, der etwas erreichen wollte, was sinnvoll war, ein politisch vereintes Deutschland. Vergessen wir auch nicht, dass das Bewusstsein der Menschen in Bezug auf eine friedliche Koexistenz unter den Völkern bei weitem noch nicht so ausgebildet war; man sollte deshalb weniger die Nase rümpfen als vielmehr sehen, dass nach den schrecklichen Erfahrungen der Weltkriege  viele Menschen heutzutage, vor allem Jugendliche, ein Bewusstsein haben, das sich deutlich weiterentwickelt hat und das zunehmend hoffentlich das Deutschlandlied geschichtlich einzuordnen weiß:

.

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
|: Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt! :|

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
|: Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang! :|

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
|: Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland! :|

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Hier noch zwei Gedichte, welche die Not der damaligen Zeit auf eindrucksvolle und literarisch gekonnte Weise thematisieren:

.

   Georg Weerth

Es war ein armer Schneider

Es war ein armer Schneider,
Der nähte sich krumm und dumm;
Er nähte dreißig Jahre lang
Und wusste nicht warum.

Und als am Samstag wieder
Eine Woche war herum;
 Da fing er wohl zu weinen an
Und wusste nicht warum.

Und nahm die blanken Nadeln
Und nahm die Schere krumm;
Zerbrach so Scher und Nadel und –
Und wusste nicht warum.

Und schlang viel starke Fäden
Um seinen Hals herum;
Und hat am Balken sich erhängt
Und wusste nicht warum.

Er wusste nicht – es tönte
Der Abendglocken Gesumm.
Der Schneider starb um halber acht,
Und niemand weiß warum.

.

GEORG WEERTH, Dichter des VORMÄRZ, wurde 1822 in Detmold geboren. Sein Vater war für das Schulwesen im Fürstentum Lippe verantwortlich.
1836 verließ er das Gymnasium und wurde kaufmännischer Lehrling; von Studium und Universität hielt er nicht viel.
1840 schreibt er erste Gedichte und Liebeslieder.
1843 deckt er die Doppelzüngigkeit des Bonner Oberbürgermeisters auf; es kommt zum Skandal und Weerth verlässt Bonn. Er geht nach England als Kontorist in eine Bradforder Textilfirma. Im industriell fortgeschrittenen England erkennt er die Möglichkeiten intensiver Produktionsweisen; gleichzeitig besucht er die Elendsquartiere englischer Arbeiter. Diese Eindrücke und die Bekanntschaft mit Friedrich Engels geben seinem dichterischen Schaffen neue Impulse.
1846 tritt Georg Weerth auf dem Brüsseler Freihandelskongress in einer Rede für die Belange der Arbeiter ein; die gesamte europäische Presse berichtet darüber.
1847/48 gründet er mit anderen zusammen die Neue Rheinische Zeitung.
1849 wird diese Zeitung verboten; er hört auf zu schreiben, da er mit seiner Schriftstellerei kein Ziel mehr verfolgen kann.
1856 stirbt Georg Weerth auf einer Geschäftsreise nach Kuba an Gelbfieber.

In Abgrenzung zu den Dichtern des Vormärz bezeichnete man eine weitere literarisch aktive Gruppe der damaligen Zeit als Junges Deutschland; unter dieser Bezeichnung jedenfalls wurden sie und ihre Schriften 1835 auf Beschluss des Deutschen Bundestages von den Fürsten verboten. Kennzeichnend ist für sie eine weniger revolutionäre Programmatik als vielmehr ein liberales Gedankengut, das natürlich auf politischem Gebiet die damalige restaurative Politik ablehnte, zugleich aber auch auf kulturell-literarischem Gebiet die traditionelle Romantik und Klassik, und sich eher an dem Denken eines Hegel und Saint Simon orientierte; auch war vor allem für ihren bedeutendsten Vertreter Heinrich Heine (1797-1856) unabdingbar, dass sich literarisches Schaffen an ästhetischen Grundsätzen orientiert; insofern lehnte er den zum Teil propagandistischen und agitatorischen Stil der Vormärzler ab, der allerdings z.B. auf obiges Georg-Weerth-Gedicht nicht zutrifft.

Hier eines der bekanntesten Heine-Gedichte, bezugnehmend auf die dann, wie oben schon erwähnt, blutig niedergeschlagenen Weberaufstände in Schlesien:

.

 Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie Hunde erschießen lässt –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
    Wir weben, wir weben!

.

Heines Flüche richten sich gegen die altehrwürdige und für ihn so überholte Dreieinigkeit von Gott, König und Vaterland, für ihn in seiner veralteten Verfassung ein falsches Vaterland repräsentierend.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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Eine Antwort zu Deutschland zwischen 1815 und 1848: Restauration, Biedermeier, Vormärz und Junges Deutschland

  1. luisman schreibt:

    Hat dies auf Nicht-Linke Blogs rebloggt.

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