Kennst Du Anaxagoras?

Aus der erhellenden Sicht des Anaxagoras und der Schöpfungsgeschichte ergibt sich, wie der Mensch mit Tieren, vor allem denen höherer Ordnung – sie stammen aus der Entwicklungslinie des Menschen (!) – umgehen sollte, denn im Tier tötet er auch immer einen Teil von sich.

Dieses Wissen tritt in den Kindern unserer Zeit immer mehr zutage. Viele lehnen es intuitiv ab, Fleisch zu essen. Dennoch ist, selbiges zu sich zu nehmen, meines Erachtens kein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten. – Dazu später mehr.

Dieser Beitrag setzt die Reihe vorausgehender über das Verhältnis von Tier und Mensch fort, beginnend hier, wer nachlesen möchte.

Dass Du Anaxagoras (ca. 490-428 v.Chr.) persönlich kennst, ist eher unwahrscheinlich, denn er lebte vor zweieinhalbtausend Jahren nahe Smyrna, dem heutigen Izmir, und dann in Athen, wo er maßgeblich daran beteiligt war, dass Perikles so weise das damalige Athen regieren und ein Dichter wie Euripides so wegweisend literarisch schaffen konnten. Wie Odysseus der erste uns bekannte Kriegsdienstverweigerer war, so war Anaxagoras der erste Atheist, ausgestattet mit außergewöhnlicher Weisheit.

Was ernst zu nehmender Atheismus ist, zeigte jener Mann aus dem kleinasiatischen Klazomenai, indem er nicht primitiv die Gottheit negierte, wie das Zeitgeist-Atheisten gern tun, sondern an deren Stelle einen höchsten Sinn setzte, Nous, den Weltenverstand, wie man dieses Wort übersetzen könnte, damit seelenverwandt dem vielleicht größten Philosophen des Altertums, Heraklit (um 520 – um 460 v.Chr.), der eine alles lenkende Vernunft im Weltall lehrte und dem es als höchstes Anliegen galt, das Tätigsein dieser Weltenvernunft in der Natur und im Menschen zu erkennen.

Was Anaxagoras die Anklage der Gottlosigkeit und seinen Prozess eintrug, der ihn in die Verbannung trieb – dass er der Todesstrafe entging, verdankte er wohl Perikles – war die Tatsache, dass er keine Götter anerkannte, sondern eben nur diesen Nous, den, wie er lehrte, feinsten und reinsten aller Stoffe. Für mich hat er im Übrigen auf der kabbalistischen Ebene des Lebensbaumes viel gemein mit der Sephirot Binah, der Intelligenz, dem Weltenverstand.

Precht: ein Thomas Gottschalk der Philosophie

Richard David Precht nimmt in Tiere denken kurz Bezug auf Anaxagoras, indem er, Aristoteles zitierend, Letzteren sagen lässt:

Für Anaxagoras steckte in ihm [dem Menschen] kein prinzipiell anderer Geist als in Pflanzen und Tieren. Ob Pflanzen-, Tier- oder Menschenseele – nichts davon sei spirituell, moralisch besser oder gar unsterblich.

So verkürzt dargestellt, will Precht vor allem, auch wenn sein Zitat das Wort Geist enthält, einer Welt ohne Geist Tür und Tor öffnen.

Als Thomas Gottschalk der Philosophie lädt er in bekannter Manier große Größen auf sein Wetten-dass-ich-ein-Philosoph-bin-Sofa ein, um sich vor allem mit ihnen zu schmücken, nicht, um auf sie zu hören.

Um den griechischen Philosophen zu verstehen, muss man wissen, dass er Materie für unendlich teilbar ansah. Im Gegensatz zu den sogenannten Atomisten wie Leukipp und Demokrit, die glaubten, die Wirklichkeit sei aus bereits kleinsten unteilbaren Partikeln zusammengesetzt, die eben in unterschiedlicher Gestalt und Größe arrangiert seien, war für Anaxagoras das Kleinste und das Größte nicht definierbar:

(..) es gibt auch keinen kleinsten Teil des Kleinen, sondern immer einen kleineren (…) Aber auch vom Größeren gibt es immer etwas Größeres.

Materielle Wirklichkeit war also für ihn ad infinitum teil- und zusammensetzbar, allerdings unter der Vorgabe: „(…) daß es mehr gibt als alles, ist nicht denkbar, vielmehr ist alles immer gleich.“

Für unser Thema, das Verhältnis von Tier und Mensch aber wird die Weisheit des Anaxagoras insbesondere durch folgende Aussagen fruchtbar:

Und nachdem die Anteile des Großen und des Kleinen [in den großen und kleinen Dingen] zahlenmäßig gleich sind, muß auch aus diesem Grund alles in jedem sein. Es ist dann auch nicht möglich, isoliert zu existieren; vielmehr hat alles in allem Anteil (…) In allen Sachen gibt es viele Dinge, und sie sind in den größeren und kleineren Sachen, die sich aussondern, zahlenmäßig gleich.

Und es folgt – zum Bedauern aller Pantheismusgläubigen – ein folgenreicher Satz: „In jedem ist ein Anteil von jedem – außer im Geist; es gibt aber auch Dinge, in denen Geist ist.“ (Ich zitiere jeweils aus dem in der Metzlerschen Verlagsbuchhandlung erschienenen Buch Die vorsokratischen Philosophen; Stuttgart 1994).

Yin-Yang: bitte nicht kollabieren!

Zum einen verweist Obiges auf die Wahrheit des Yin-Yang-Symbols (und ich bitte, dass orthodoxe Christen wegen dieses „heidnischen“ Symbols nicht gleich kollabieren), bezugnehmend darauf, dass von dem Anderen im Anderen immer zumindest ein Anteil vorhanden ist; Anaxagoras nennt diesen Anteil gern auch Samen, griechisch Sperma:

Grundsätzlich gilt, „daß in all den Dingen, die aus Gesondertem zusammentreten, vielerlei von jedweder Art enthalten ist, die Samen aller Dinge, die allerlei Formen und Farben und auch Wohlgeschmack haben (…)

Diese Samen, diese Spermata, sind die Grund- und Ausgangslage allen Seins, sie sind in allem, und was entsteht, mag uns deshalb überraschen, so erläutert Anaxagoras, weil etwas, durchaus als Samen vorhanden, „wegen der Kleinheit der Massen nicht wahrnehmbar“ ist.

Wie weise diese vorsokratischen Philosophen waren, zeigte schon das Denken des Heraklit, der darauf verwiesen hatte, dass von einem Gegensatzpaar das eine nicht ohne das andere sein könne. Wer denkt hier nicht an das Phänomen der Verschränkung in der Quantenphysik, dass also Elementarteilchen immer einem Pendant zugehören und auf dieses reagieren, seien sie auch noch so weit voneinander entfernt.

Es gibt im Übrigen auch Hinweise darauf, dass Anaxagoras an eine gleichzeitige Vielzahl von Welten geglaubt habe. Wir wissen, dass es auch heute nicht wenige Astrophysiker gibt, die ein Multiversum annehmen, also ebenfalls von der Existenz vieler gleichzeitiger Universen ausgehen.

All das zeigt die Weisheit und gedankliche Kraft der damaligen Menschen, wobei wir keinesfalls annehmen sollten, dass sie aus den gleichen Quellen schöpften, wie unsere Wissenschaftler das tun. Wir wissen zu wenig über die seelischen Möglichkeiten einer tieferen Sicht damals lebender Menschen und gehen viel zu selbstverständlich davon aus, dass sie ein reduzierteres Bewusstsein als wir gehabt hätten. Das ist meines Erachtens weit gefehlt. Ich halte dafür, dass der aufkommende Materialismus der letzten Jahrhunderte zwar die Möglichkeiten der Naturwissenschaften unglaublich gesteigert, gleichzeitig aber die seelisch-geistigen Fähigkeiten der Menschen immer mehr reduzierte. Wobei im Übrigen die ganz Großen ihrer Zunft wie Einstein und Planck nie den Geist außer Acht gelassen haben.

Natürlich interessiert mich das hier Angesprochene vor allem im Hinblick auf das Thema meiner letzten Beiträge, in Bezug also auf das Verhältnis von Tier und Mensch. Denn nichts anderes würden die Aussagen des Anaxagoras bedeuten, als dass in Bezug auf alle Materie, seien es Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen, das physische Reservoir gleich sei, nur eben die Verteilung ungleich. Das besagt im Hinblick auf Tier und Mensch, dass sich in der Tat beide keineswegs fremd sind, ganz im Gegenteil. Offensichtlich ist es möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass Tiere und Menschen sich im Rahmen einer großen evolutionären Linie entwickelt haben und dass, wer den Menschen sich als weiterentwickelt habenden Affen sehen möchte, das auf diesem Hintergrund durchaus tun kann, immer vorausgesetzt, er ist bereit, den Status quo des Menschen per Begriff, indem er wie beispielsweise Precht von dem Menschen als Tier spricht, einzufrieren, eben damit auch sich selbst.

Ich gehöre zu denjenigen, die annehmen, dass es eine Vernunft, einen Nous gibt, der eine viel größere Weisheit beinhaltet, als sie uns zur Verfügung steht, und dass es eine Weisheit von Menschen früherer Zeiten gab, die jenen die Möglichkeit zur Verfügung stellte, Dinge zu sehen, die wir nicht (mehr) erkennen oder in Bezug auf die wir nur rein Physikalisches und nicht Metaphysisches zulassen. Schon deshalb erscheint es mir ratsam, Urkunden der Menschheit ernst zu nehmen. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel schlägt ein Buch auf, in dem nur wenige Menschen wirklich zu lesen vermochten und in das zunehmend weniger Menschen wenigstens einen Blick werfen.

Der Beginn des Ersten Buches Mose verweist im Rahmen des 5. Schöpfungstages darauf, dass Tiere vor dem Menschen diese Erde betraten und dass erst im weiteren Verlauf der Mensch in Erscheinung trat.

In der ersten der beiden zu Beginn der Genesis niedergeschriebenen Schöpfungsgeschichten wird der Mensch nach dem Bilde Gottes als Geistwesen geschaffen (1. Mose 1,27), übrigens, präzise übersetzt, als männlich-weibliches Wesen, nicht als Mann und Frau, wie Luther im Grunde falsch übersetzte, in der zweiten (1. Mose 2,7) aus den Stoffen der Erde, aus Erde vom Acker, wie es in der Lutherbibel lange Zeit hieß, also in physischer Präsenz. Am 6. Schöpfungstag ist also von Adam die Rede, vom Menschen (nicht vom Mann). Und er ist es, der den Tieren einen Namen gibt.

Mit der Namensgebung ist nicht nur eine Benennung verbunden, sondern auch ein Erkennen, ein Anerkennen. Ein Vater und eine Mutter erkennen mit dem Namengeben ihr Kind als Sein von ihrem Sein an, zugleich aber als individuell selbständiges Wesen. Ein Vorgang, eigentlich im Range eines Sakraments.

An einem der heiligsten Orte Bad Kissingens, der Himmelswiese, sind Kinder beerdigt, die nur embryonal lebten, Sternenkinder, wie man sie nennt. Eltern ist es mittlerweile immer öfter ein Anliegen, ihnen einen Namen gegeben zu haben, auch deshalb, weil, wie ich glaube, sie die Seele des Kindes, ihres Kindes, das die Schwangerschaft nicht überlebte, wahrgenommen haben.

Auch der Mensch, indem er Tieren Namen gibt, nimmt mehr als nur ihr physisches Sein wahr und erkennt ihr Sein als Sein von seinem Sein an. Wenn Anaxagoras Recht hat, dann stammt Stoffliches von Pflanzen, Tieren und Menschen aus der gleichen Quelle, wenn es auch unterschiedlich verteilt ist. Wobei über Seelisches und Geistiges noch nichts gesagt ist.

Der Mensch: ein Tier de luxe?

Wer das so sehen möchte, kann das natürlich tun. Es gehört zu den Möglichkeiten, die uns unsere Freiheit des Denkens zur Verfügung stellt, Tier sein zu dürfen, wenn man Tier sein will. Schließlich liegt man hier durchaus auch auf der aktuellen wissenschaftlichen Linie, indem unter einem Begriff, dem der Hominiden nämlich, Affen und Menschen subsumiert werden. Biblisch aber und im Sinne des Anaxagoras ist es nicht. Niemand spricht von einer großen Karosserie, wenn er einen modernen Fernreisebus meint, niemand wählt begrifflich eine Vorstufe, wenn es eine am realen Ziel orientierte Bezeichnung gibt.

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel existiert in weiser Voraussicht genau deshalb, weil sie in Erinnerung halten möchte, dass es schon seit langem, vom Urbeginn an, eine andere Sicht gibt, für manche auch heute noch:

Was im Anschluss an vorausgegangene Entwicklungsstufen ins Sein tritt, ist kein Tier de luxe, es ist ein Mensch. Und diese Stufe will sich bis zum 7. Schöpfungstag zum Bild der Gottheit hin entwickeln. Die Genesis nennt diese Stufe Adam (dass Precht Adam mit Mann übersetzt und nicht korrekterweise mit Mensch, ist für einen Wissenschaftler ein eklatanter Fauxpas, der aber, liest man in gebotener Vorsicht sein Buch, nicht wirklich erstaunen kann).

Dieser Mensch war schon immer Mensch. Von Beginn an. Schon im Samen, dem von Anaxagoras verwendeten Wort für die Grundlage allen Seins.

Eine klare Sicht auf die Evolution ergibt, dass das, was sich gemeinsam entwickelte, was Wissenschaftler in seltener Einmütigkeit Tier nennen – manche, wie Precht, bevorzugen auch für den Menschen die Bezeichnung Tier -, sich über Millionen von Jahren gemeinsam entwickelte.

Nur stammt der Mensch eben nicht vom Tier ab; das ist eine absolute Verdrehung der Realität.

Das Tier stammt vom Menschen ab

Auch wenn ich diese Formulierung nicht glücklich finde, weil sie den eine lange Zeit währenden gemeinsamen Entwicklungsprozess sprachlich zu wenig deutlich macht und zugleich zu wenig herausstellt, dass das Tier sich zu einem bestimmten Zeitpunkt von einer möglichen Weiterentwicklung auskoppelte, muss man es zunächst so rigide formulieren, um dem unseligen Geschwätz, dass der Mensch vom Tier abstamme, ein Ende bereiten zu können.

Es ist kein Zufall, dass in den überlieferten Aussagen des Anaxagoras immer wieder das Wort absondern bzw. aussondern vorkommt.

Zu den Gesetzen der Entwicklung gehört, dass auf ihren Stufen immer wieder Wesen stehenbleiben, sich sozusagen aussondern.

Und die Existenz der Tiere beweist – fast möchte ich sagen: leider – dass die Entwicklung der einen, der Menschen nämlich, das Stehenbleiben, die Absonderung Anderer zur Folge hat. Ohne dass die Tiere sich nicht aus der Entwicklung zum Menschen hin ausklinken, ist der Mensch allerdings nicht möglich.

Fast könnte man von einem Opfer der Tiere sprechen.

Es gibt keine Entwicklung ohne Zurückbleiben.

Es gibt in der Evolution keine Entwicklung, ohne dass sich wie auch immer geartete Seinsstufen abspalten und eine eigene Entwicklungslinie gehen. Falsch wäre es, eine solche Linie negativ oder niederrangiger zu bewerten. Genau darum geht es nicht.

Man muss Tiere nicht bedauern, schon deshalb nicht, weil man ihrer Schönheit und der ganz besonderen Qualität ihres Seins nicht gerecht werden würde. Das vermitteln auf unnachamliche Weise Rilkes Gedichte über Tiere.

Es gibt im Übrigen auch weiterhin keine menschliche Entwicklung, ohne dass innerhalb des Menschenreiches Menschen zurückbleiben. Wie unterschiedlich menschliche Entwicklung sein kann, sehen wir auf der Erde. Selbst im phylogenetischen Bereich nehmen wir noch Unterschiede wahr; die Ureinwohner mancher Gegenden erinnern durchaus äußerlich noch an die Vorfahren des Menschengeschlechts. Und nimmt man die Überlieferungen der Hopi-Indianer in Bezug auf die Sintflut, den Untergang von Atlantis, so lief dieser sehr differenziert ab, abhängig von den moralischen und bewusstseinsspezifischen Entwicklungsstufen der damaligen Erdbewohner, nachzulesen in Kásskara und die sieben Welten, dem Buch eines führenden NASA-Ingenieurs über die Geschichte der Menschheit in der Überlieferung der Hopi-Indianer. Deutlich wird, dass für die nachatlantische Entwicklung eine ganz offensichtliche Differenzierung stattfand. – Auch in Zukunft wird es eine solche geben.

Aus meiner Sicht entwickelt sich die Menschheit hin zu einem Bewusstsein, wie es im Neuen Testament testamentarisch niedergelegt ist. Diese Entwicklung werden nicht alle Menschen mitgehen, wobei manche mit einer Freiheit, losgelöst von allem Glauben, kokettieren, obwohl sie tief im Inneren wissen, dass sie sich wie ein pubertierender Jugendlicher benehmen, reagierend auf eine Religiosität vergangener Zeiten, von der sie wissen könnten, dass es sie zu überwinden, weiterzuentwickeln, nicht pubertär abzulehnen gilt.

Wenn man die Geschichte der Menschheit seit Christi Geburt überblickt, erscheint sie dennoch recht homogen, bezieht man mit ein, dass es immer zu allen Entwicklungssträngen Gegenbewegungen gibt, die sich im Zuge der historischen Zeitläufe wieder auflösen bzw. eingliedern.

Zu einer vollgültigen Entwicklung des Menschen gehört allerdings alles triadische Wissen, das z.B. von Körper, Seele und Geist und das von Vater, Sohn und Heiligem Geist, weshalb Entwicklung nicht ohne den Gehalt des Neuen Testamentes möglich ist, wobei es nicht um das Nachplappern der Inhalte geht, sondern um das Bewusstsein zum Beispiel, was der Vater repräsentiert und warum wir zu unserer Entwicklung des Sohnes bedürfen; sie äußert sich in der Bereitschaft zu Opfer und Liebe. Wichtig ist nicht das theoretische Wissen darum, sondern es gilt das Wort des Neuen Testaments: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Eindeutig erkennen wir existentiell bedeutsame Gegenbewegungen zu dieser Entwicklung, die nicht ohne Folgen für die Betroffenen bleiben werden, indem wir wahrnehmen, dass ein Teil der Menschen darauf aus ist, das Wissen um den Geist zu untergraben.

Leider machte diese Tatsache nicht einmal vor den Toren der Kirche halt, wenn ich die Ergebnisse des 8. Ökumenischen Konzils zu Konstantinopel 869 richtig verstehe. Galilei, obwohl selbst ein tief religiöser Mensch, trug mit seinem Wirken ebenso dazu bei – überzeugend aufgezeigt von Morris Berman in Die Wiederverzauberung der Welt – wie Darwin und Freud, um nur einige wenige zu nennen. Heute sind wir bereits so weit, dass das Seelische zugunsten des puren Intellekts ins Abseits gekickt wird, beteiligt an vorderster Front Richard David Precht.

Entscheidend verstärkt werden diese Impulse durch die Entseelung der körperlichen Liebe und damit der Entheiligung des Heiligen.

Eine große Zahl der Politiker weltweit sind in diesen Prozess aktiv involviert, weil sie Verlogenheit, Machtmissbrauch und die Glorifizierung des Ökonomischen protegieren, ein Beitrag zur aktiven Enthumanisierung der Erde.

Eine nicht unerhebliche Bedeutung kommt auch der Mär vom Menschen als vom Affen abstammend zu. Man kann eine auf Geist basierte Wertesubstanz kaum gekonnter hintertreiben. Gegen diese Verunglimpfung des Geistes, die nun schon viel zu lange existiert, schreibe ich mit meinen Beiträgen zum Verhältnis von Tier und Mensch an.

Werte auf einem intellektuell basierten Ethikfundament funktionieren nicht. Manchen wird das gerade in unserer Zeit bewusst. Hoffentlich sind unter ihnen solche, die bald zu handeln bereit und fähig sind, um politisch umzusteuern.

Erschreckend trostlos: die Unterwelt

Die Folgen könnten für Infizierte und aktiv Seelen- und Geistlosigkeit Betreibende sehr unangenehm sein. In den Sinn kommt mir in diesem Zusammenhang immer wieder jene Szene aus Homers Odyssee, als Odysseus, durch die Hinweise von Circe vorbereitet, in die Unterwelt gelangt, um von dem Seher Teiresias Details zu einer möglichen Heimkehr nach Ithaka zu erfahren und im Rahmen dieses Geschehens mit zum Teil berühmten Gestalten der griechischen Geschichte konfrontiert wird, erschütternden Konfrontationen, weil die Stimmung der Toten so erdrückend und trostlos ist, dass man denken muss: Ist so das Reich der Toten, selbst für Menschen, die wir als groß erachteten? Noch die letzten Worte seines Aufenthalts, nachdem er Herakles gesprochen, geben das Schauerliche dieser Welt wieder:

Aber ich blieb, und harrete dort, ob etwa noch jemand
Von den gestorbenen Helden des Altertumes sich nahte.
Und noch manchen vielleicht, den ich wünschte, hätt‘ ich gesehen:
Theseus und seinen Freund Peirithoos, Söhne der Götter;
Aber es sammelten sich unzählige Scharen von Geistern
Mit graunvollem Getös, und bleiches Entsetzen ergriff mich.
Fürchtend, es sende mir jetzo die strenge Persephoneia
Tief aus der Nacht die Schreckengestalt des gorgonischen Unholds,
Floh ich eilend von dannen zum Schiffe, befahl den Gefährten,
Hurtig zu steigen ins Schiff, und die Seile vom Ufer zu lösen;
Und sie stiegen hinein, und setzten sich hin auf die Bänke.
Also durchschifften wir die Flut des Oceanstromes,
Erst vom Ruder getrieben, und drauf vom günstigen Winde.

Auch Dantes Bild der Hölle als Schau eines Menschen ausgangs des Mittelalters ist ebenso schaurig gezeichnet; man ist im Rahmen seiner Göttlichen Komödie sogar für jene froh, die, nicht in der Hölle, sondern „nur“ im Fegefeuer seiend, leise Hoffnung schöpfen dürfen und atmet auf, wenn Vergil, Dantes Führer durch Hölle und Fegefeuer, ihn an Beatrice übergibt, welche die Führung durch das Paradies übernimmt, ein Leben im Licht und in der Freude.

Ich gehöre zu denen, die annehmen, dass die Tatsache, dass weit entwickelte Menschen bzw. Wesen ihren Fuß auf die Erde gesetzt haben und hier gewirkt haben, heißen sie Zarathustra, Mose, Pythagoras, Buddha, Jesus, Hildegard von Bingen, Franz von Assisi, Gandhi und andere mehr, die Energie der Erde verändert haben (ich vermute fast, es gäbe uns auf ihr sonst nicht mehr). Und ich halte es für keinen Zufall, dass das Glaubensbekenntnis darauf verweist, dass Christus in den drei Tagen seines angeblichen Todes in der Unterwelt war und diese ebenfalls verändert hat. In der Folgezeit würden viele Toten dem Odysseus in anderer Weise begegnen können, zumindest jene, die in ihrem Leben für das Geistige offen waren; für die Anderen bleibt das Jenseits, auch heute noch, so vermute ich, ein großes Dunkel, eine große Orientierungslosigkeit und so trostlos wie zu vorchristlichen Zeiten.

Man muss den Wunsch und Willen eines jeden Menschen, welche Sicht er auf das All und sein Leben nehmen möchte, absolut respektieren. Mögen die, die all diese Berichte für minderwertig, weil mythisch oder literarische Fiktion, halten, ihre Zeit auf der Erde genießen, bevor sie die lang anhaltende Wahrheit erkennen.

Was ich bedaure, ist, dass zunehmend Menschen die Bedeutung ihrer Lebensgestaltung unterschätzen. Die Ablenkungsmöglichkeiten, die es in ihrem Leben gibt, die so gut funktionieren, weil die materielle Existenz so blendend wirkt, gibt es in einem Leben nach dem Leben nicht. Womöglich gibt es keinen Schlaf, der uns auf der Erde noch über manches Leid hinweghilft und den Heilungsprozess mancher Wunde erleichtert. Ich vermute, die Dunkelheit des Bewusstseins quält Nacht für Nacht. Ohne Tag.

Tieropfer manifestierten die Bedeutung der Tiere

Aus der erhellenden Sicht des Anaxagoras und der Schöpfungsgeschichte auf das Leben ergibt sich auch, wie der Mensch mit den Tieren, vor allem denen höherer Ordnung umgehen sollte, denn im Tier tötet er auch immer einen Teil von sich.

Bezeichnenderweise sind in der Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1,29) Tiere als Nahrung nicht genannt, nur Pflanzen und Früchte der Bäume.

Dieses Wissen tritt in den Kindern unserer Zeit immer mehr zutage. Viele lehnen es intuitiv ab, Tiere zu essen. Das heißt für mich nicht, dass es ein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten sei, wenn Menschen Fleisch essen; es war auch nicht vorgesehen, dass sie vom Baum der Erkenntnis essen. Getan haben sie es dennoch – und das bestimmt unser Leben bis heute.

Es war auch kein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten, dass zu früheren Zeiten den Göttern – oder in der Thora, den Büchern Mose also, dem einen Gott – Tiere geopfert wurden. Ich empfinde es als eine dümmliche Hybris, wenn Juden und Christen vorgehalten wird, im Alten Testament seien Tiere einem Gott zuliebe getötet worden.

Wer wie Precht im Rahmen von Tiere denken in seiner ein Kaptitel umfassenden Phillipika gegen das Verhältnis des alten Judentums zu Tieren, möglichst despektierlich auch die Inhalte der Thora darstellend, damalige Tieropfer an den Pranger stellt, dem spreche ich empathisches Vermögen für historische Prozesse ab und attestiere ihm die Arroganz eines zeitgenössisch Lebenden, der nicht in der Lage ist, historische Bewusstseinszustände vertsehend nachzuvollziehen.

Ich halte dafür, dass den damals lebenden Juden bewusst war, wie wertvoll Tiere waren und es war eine Form der Dankbarkeit gegenüber ihrem Gott und oftmals auch eine Bitte um Versöhnung, dass Sie ihm so Wertvolles opferten. Gerade weil sie den Wert eines Tieres kannten, hatte ihr Opfer für sie diesen Stellenwert. Dass wir Heutigen uns anders verhalten, ist Zeichen unserer Entwicklung. Nur muss man sich schon die Mühe machen, nicht nur von unserem Bewusstseinszustand auszugehen, sondern den der damals lebenden Menschen zu sehen und nicht immer nur aus heutiger Sicht zu werten (noch dazu tun das ja auch Menschen, die beispielsweise kurz zuvor genüsslich ein Frühstücksei geschlabbert hatten, obwohl sie wissen, dass für diesen fragwürdigen Genuss täglich hunderttausende von überflüssigen männlichen Küken geschreddert werden – das ist wahrlich ein bigottes Verhalten).

Anmerken möchte ich, dass auf dem Hintergrund unseres heutigen Bewusstseins das vor allem im Judentum und im Islam gebräuchliche Schächten von Tieren nicht mehr zu rechtfertigen ist. Im Alten Testament ist auch von ihm nie die Rede.

Ohne Tiere keine menschliche Existenz

Ich möchte noch einmal festhalten: Aus Sicht der Bibel ist es so, dass ohne die Tiere es gar keinen Menschen geben könnte. Die Abfolge der Schöpfungstage ist absolut folgerichtig und gibt kund, dass die Existenz des Menschen die der Tiere voraussetzt; ihre Entwicklung ist eine notwendige körperliche und sogar seelische Vorbereitung des Menschseins. Von daher ergibt sich auf dem Hintergrund eines langen gemeinsamen Weges von Tier und Mensch mit vielen Höhen und schrecklichen Tiefen, die in einem völlig unnötigen Ausmaß – man denke an Formen der Tierhaltung und Tierversuche – immer noch anhalten, auf dem Hintergrund also von Millionen gemeinsam verbrachter Jahre eine Sichtweise im Hinblick auf das Verhältnis von Mensch und Tier, wie es für einen bestimmten Bereich Dahlke/Baumgartner in „Das Tier als Spiegel der menschlichen Seele“ aufzeigen, indem sie vermitteln, dass Tiere, wenn wir achtsam mit ihnen umgehen, unsere Entwicklung unterstützen und sich auch auf der seelischen Ebene als Bereicherung unseres Lebens erweisen können, ein Buch, auf das ich ggf. zum Abschluss dieser Reihe eingehe, weil es einen weiteren Bewusstseinsschritt im Rahmen der Schöpfungspartnerschaft von Tier und Mensch signalisiert.

Was seelisch-geistig reifen will, braucht Zeit

Ich zitiere Precht, der sich eigentlich selbst eine Steilvorlage zum Verständnis der Menschwerdung gibt, indem er schreibt:

„Im Gegensatz zum Affenfötus jedoch entwickelt sich der Menschenfötus langsamer und behält einige entscheidende Merkmale seines embryonalen Stadiums bei, etwa die Schädelproportion oder die Nacktheit (…) Weil sich der Menschenfötus im Vergleich zum Affen verzögert heranbildet, hat sein Gehirn eine verlängerte Wachstumsphase (…) Noch der erwachsene Mensch“ – und Precht bezieht sich hier auf die Beobachtungen des niederländischen Arztes Louis Bolk (1866-1930) – „zeige Eigenschaften, die unter Affen nur im Kindesstadium zu finden sind, allen voran sein starkes Spielbedürfnis und seine im Tierreich einzigartige Neugier und Lernbereitschaft.“

Tja, so möchte man sagen, das kommt davon, wenn man nicht nur den Geist vertreibt, sondern auch die Seele außen vorlässt, dann erkennt man nicht:

Was seelisch-geistig reifen will, braucht Zeit.

Und man nimmt nicht zur Kenntnis, dass die embryonale und frühkindliche Entwicklung die Phylogenese des Menschen spiegelt.

Eigentlich hätte es selbst einem Precht trotz seiner Geist-Phobie einleuchten könnten, warum der Mensch erst ziemlich spät das Erdtableau betritt. Dabei sagt er selbst: „Der Clou der menschlichen Entwicklung ist demnach ihre Langsamkeit.“

Gut Ding will Weile haben. Den Menschen wurde diese lange Weile zuteil, den Tieren nicht.

Dass die Menschen nach den Tieren geschaffen wurden, das heißt, in der Urkunde makro- und mikrokosmischen Werdens, der Schöpfungsgeschichte, später auftauchen, liegt daran, dass im Verborgenen reifen muss, was sich zu höchster Stufe entwickelt.

Bemerkenswert ist – und Anaxagoras wusste es: Von Anbeginn ist alles Geschaffene im Ur-Samen enthalten.

Selbst Darwin, man mag es nicht glauben, vertritt eine durchaus vergleichbare Sicht, wenn er am Ende des letzten, des 15. Kapitels in Die Entstehung der Arten (1859) alles Leben auf möglicherweise eine Ur-Form zurückführt:

Es ist wahrlich eine große Ansicht, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder einer einzigen Form eingehaucht hat (…)

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2 Antworten zu Kennst Du Anaxagoras?

  1. Muriel schreibt:

    „Was ernst zu nehmender Atheismus ist, zeigte jener Mann aus dem kleinasiatischen Klazomenai, indem er nicht primitiv die Gottheit negierte, wie das Zeitgeist-Atheisten gern tun, sondern an deren Stelle einen höchsten Sinn setzte, Nous, den Weltenverstand, wie man dieses Wort übersetzen könnte, damit seelenverwandt dem vielleicht größten Philosophen des Altertums, Heraklit (um 520 – um 460 v.Chr.), der eine alles lenkende Vernunft im Weltall lehrte und dem es als höchstes Anliegen galt, das Tätigsein dieser Weltenvernunft in der Natur und im Menschen zu erkennen.“
    Witzig. Ich hätte die beiden Varianten genau umgekehrt bewertet. Aber man weiß ja, dass jeder Jeck anders ist. Und viel jecker als altgriechische Philosophen gehts bekanntlich eh kaum noch.

  2. luisman schreibt:

    Hat dies auf Nicht-Linke Blogs rebloggt und kommentierte:
    Werte auf einem intellektuell basierten Ethikfundament funktionieren nicht.

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