Sonne oder Halbmond? – Ostern und das Weib der Apokalypse!

Mancher mag sie noch kennen, eine Monstranz, auch etwas weniger monströs Tabernaculum genannt, wie sie in manchen Darstellungen Sonne und Mond vereint, eine wohl erst ausgangs des Mittelalters kreierte plastische Ikone und köstlich, doch auch aufrüttelnd zugleich finde ich, was Jakob Lorber, der österreichische Mystiker des 19. Jahrhunderts in seinem Buch Himmelsgaben Jesus dazu sagen lässt:

Ich muß gewisserart die sonderbare Ehre haben, als ein immerwährender Arrestant in irgendeinem vergoldeten Tabernaculum zu sitzen und zu warten, bis der Priester, entweder durch seine Ordnung oder manchmal auch durch einen klingenden Beutel genötigt, Mich dem armen, halb und oft auch gar nichts glaubenden Volke zur meistens sehr uninteressanten Anschauung, Anmurmelung und Anrufung ausstellt. Nach einem ein- oder zweimaligen metallenen Segen mit Begleitung des Metallgeklingels und Chorgeplärrs aber muß Ich Mich dann von neuem wieder untätigermaßen einsperren lassen.
Daß solches ein allerbarster Unsinn ist, welchen die spätere Glanzsucht ausgeheckt hat, mögt ihr wohl ohne Fernrohr auf den ersten Blick aus Meinen Evangelien ersehen und an den ersten echtkirchlichen Gebräuchen zu den Zeiten der Apostel und ihrer Nachfolger durch mehrere Jahrhunderte hin.“

Auch jene, die dem medialen Vermögen des Schreibknechtes Gottes, wie sich Lorber selbst nannte, skeptisch gegenüberstehen, werden um die Erstarrung der ursprünglichen christlichen Religiosität wissen und werden ahnen, wie viele am Ende eines Gottesdienstes achtlos geplapperte Vater-Unser den Vater, um den es doch ging, mittels solcher Gebetshülsen aus der Kirche gejagt haben, während die Plappermäuler selbst, denen doch alle Sünden vergeben sind, noch frömmelnd in den Kirchenbänken saßen. – Von anderen achtlosen Frömmeleien abgesehen.

Zudem gibt die Geschichte des Christentums dem Tonfall von Jesus, alias Lorber Recht, denkt man an den Streit zwischen Arianern und Nicänern um die Existenz der Trinität oder jenen Krampf darum, ob eine Hostie nun der tatsächliche Leib Christi sei oder nur der symbolische, wie gleichermaßen, dass katholische und evangelische Christen nicht gemeinsam das Abendmahl feiern dürfen und ähnliche geistlosen Hirnverrenkungen mehr.

Die Geschichte des Christentums ist auch die Geschichte – eigentlich müsste man sagen: primär die Geschichte – einer Entfremdung von dessen ursprünglicher Wahrheit und auf diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass so viele der christlichen Religiosität Lebewohl sagen, in Wahrheit eine absolut nachvollziehbare Konsequenz (wenn ich auch glaube, dass, sich vom Niedergang des Religiösen durch Menschenhand blenden zu lassen, letztendlich zur Folge  hat, zum eigenen Nachteil das Kind mit dem Bade auszuschütten, mithin sich selbst).

Zu ihr, der Geschichte des Christentums, gehört im Übrigen auch, dass das institutionelle Monster namens Kirche in seiner Gestaltung eine eigenmächtige Kreation von Menschen war, die das berühmte Jesuswort Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen vor allem materialistisch-organisatorisch hatten verstehen wollen und nicht so, wie es gemeint war: als Bestätigung der großen Erkenntnis des Petrus und damit als Losung für all jene, die gemeinsam unerschütterlich – als Gemeinde vereint – an Christus glauben.

Nicht ein zukünftiger Peters-Dom, nicht ein zukünftiger Vatikan, nicht die Katholische Kirche waren damit gemeint, sondern die Gemeinschaft Gläubiger, die wahre Kirche, wobei eine organisatorische Struktur hätte durchaus sinnvoll sein können, wenn sie sich nicht verselbständigt und über den Glauben gestellt hätte.

Auch wenn ich selbst Lorbers obige Worte nur zu gut nachvollziehen kann, finde ich, enthalten sie allerdings höchstens die halbe Wahrheit, weil eine bestimmte Darstellung der Monstranz eine meines Erachtens viel umfassendere enthält:

Monstranz

mit freundl. Genehmigung:  http://www.kirchenausstattung.at  –  M. Gradinger, A-3110 Neidling, Bachstraße 12

Zu dieser Monstranz gehören wesentlich der Mond, der in dieser Form auch als Lunula bezeichnet wird und mehr ist als nur eine Halterung für das Allerheiligste, das Sanctissimium, die Hostie also, die für die Sonne steht und von der deshalb auch in vielen Monstranz-Gestaltungen Strahlen ausgehen.

Der Wahrheit und Bedeutung der Monstranz wird man nur gerecht, wenn man das Sonnenweib aus dem Fünften Siegel der Offenbarung des Johannes einbezieht:

Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.

Diese Frau ist meines Erachtens das, was Goethe als das Ewig-Weibliche bezeichnet, die mit 12 Sternen gekrönte menschliche Seele. In der Bibel finden wir sie im Gleichnis von den zehn Jungfrauen in den Gestalten jener fünf, die sich auf das Kommen des Bräutigams vorbereitet hatten, oder wir finden sie – wie ich auch glaube – im Hohen Lied Salomos in Sulamith, der Geliebten des Bräutigams, der sein ganzes Sehnen gilt.

Dieses Weib, das die Sonne gebiert – ein Vorgang voller Schmerzen und eines Lebens in der Wüste – steht auf dem Mond.

Für manchen mag das zu vereinfacht klingen, aber für mich repräsentiert die Unterteilung der Bibel in Altes und Neues Testament die Bedeutung von Mond und Sonne.

Der Mond, das ist die Basis. Ohne sie hätte das Weib keinen Stand. Er ist Voraussetzung für die Geburt des Sonnenbewusstseins.

Immer wieder weist die Bibel darauf hin, dass dieses kein Honigschlecken ist, wir denken an Noah und die Sintflut, wir denken an Hiob, an Jonas, an all das, was sich um die Kreuzigung Jesu ereignet, sei es das Schlafen der Jünger in Gethsemane, die Verleugnung des Petrus, der Verrat des Judas. Es sind ja Stationen, wie sie jede Seele auf ihre Weise mitmacht. Kein Mensch, der nicht auf seinem Weg durch die Welten-Tage der Schöpfungsgeschichte Christus verraten und verleugnet hat oder es noch tut und selbst ans Kreuz muss, um sein Ego zu kreuzigen.

ROLLEI

Golgatha. 12. Station des Kreuzweges Jesu, Bad Kissingen

Jesus ist nicht ersatzweise für alle gestorben, damit es allen Folgenden erspart bleibe, sondern er hat mit seinem Weg den Weg für alle Menschen gezeigt, gebahnt. Auch auf diesen Weg verweist – nicht von ungefähr bedeutet lat. monstrare zu deutsch zeigen – in verdichteter, bildlicher Form die Monstranz.

Zu jener Zeit des Alten Testaments – repräsentiert durch den Mond – gibt es nur ein Ahnen, ein wiederholtes Verweisen der Propheten auf etwas, was kommen wird. Und es wäre falsch anzunehmen, dass das, was da kommen soll, im Bewusstsein der Menschen heute da ist – meistens ist es nur als Zip-Datei vorhanden.

Menschen selbst und ihre Religionen blockieren Weiterentwicklungen: Weder erkennt das orthodoxe Judentum die Ankunft des Messias an, noch lässt der Islam den Sohn zu, ja er stellt sogar das Reden über und den Glauben an einen Sohn Allahs unter Strafe.

Es ist kein Zufall, dass das Symbol der Mondsichel zu dem bedeutendsten des Islam geworden ist und der sogenannte Halbmond Flaggen und Moscheenkuppeln ziert.

Es fehlt die Sonne.

Es ist ebenso kein Zufall, dass sich Juden und Palestinenser im ehemals Heiligen Land bis aufs Messer bekriegen. In oben angesprochenem Sinn ist es ein Kampf um den Mond.

Der Mond ohne Sonne ist gefrorenes Bewusstsein.

Niemand möge allerdings annehmen, dass die Kirche inclusive der Kirchensteuerzahler um ein Haar besser seien und sich im Besitz der Sonne wähnen sollten. Wer angesichts der weltweiten Not der Menschen wie die Kirche ein riesiges Vermögen hortet und zusieht, wie jährlich Tausende von Menschen verhungern, hat nichts begriffen, auch wenn angeblich sogenannten Christen die Sünden vergeben sind. Mancher mag die Geschichte des Kranken am Teich Bethesda kennen, der wohl fast ein Leben lang, 38 Jahre, krank war, und, geheilt von Jesus, nichts Besseres zu tun hatte, als diesen ohne Not bei den Juden zu verpfeifen, die hatten wissen wollen, wer ihn angewiesen habe, am Sabbat sein Bett nach Hause zu tragen.

Nicht einmal 38 Jahre Leidens vermögen verhindern, dass ein Geheilter dem, der ihn heilte, in den Rücken fällt.

Der Kirche haben zweitausend Jahre nicht gereicht.

Das Schreien des Weibes, von dem in der Offenbarung des Johannes Zeugnis gegeben wird, sollte den Kirchen und allen selbstsicher Gläubigen in den Ohren dröhnen:

2 Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt.
3 Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen,
4 und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.
5 Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.
6 Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertsechzig Tage.

Was der Apokalyptiker in einem Bild erfasst, erfasst auch die Monstranz ohne Worte in einem Bild. Allerdings mit jener großen Gefahr, auf die der Sinn der Worte Jakob Lorbers – man mag stehen zu ihm, wie man will – verweist: Alles sieht so schön vergoldet aus.

Das Gold wird der Bedeutung des Bildes gerecht, aber birgt zugleich große Gefahr, denn:

Die Monstranz anzuschauen muss auch heißen, das Blut zu sehen, mit dem jenes Gold erkauft ist. Es ist nicht nur das Blut Jesu, sondern das so vieler Menschen, die auf ihrem Weg über die Erde bluten wegen ihres falschen Bewusstseins oder leider auch, weil sie sich zu dem wahren Bewusstsein bekennen. Jüngstes Beispiel ist das schreckliche Sterben vieler Kopten. – Jedesmal schreit das Weib.

Ostern ist ein kosmisches Ereignis, weil sein Zeitpunkt durch den ersten Vollmond nach dem Frühlingseintritt bestimmt wird. Ostern aber verbinden wir auch mit den Sonnenstrahlen des Frühlings.

Leben erwacht. Nie ist die Erde so voller Energie.

Wir sollten um Sonne und Mond wissen, um deren beider Bedeutung, wenn wir eine Monstranz sehen, wenn wir an Ostern denken, an unser Leben.

So gesehen stellt sich nicht die Frage nach Sonne oder Mond. Beide sind ohne einander nicht denkbar und beide sind nicht nur physische Körper. Nach Hildegard von Bingen, Paracelsus und anderen, die davon wussten, hat eine falsch verstandene Aufklärung ein entsprechendes Bewusstsein verdunkelt. Daran konnten auch ein Goethe, ein Novalis, ein Michael Ende nichts ändern.

Für das 5. Siegel, für jenes Bewusstsein, das sich auch in der Monstranz zeigt, sind Sonne und Mond gleichermaßen notwendig. Ohne Sonne ist Erstarrung vorprogrammiert, ohne Mond gäbe es nicht die Erde, den Raum für uns Menschen, der nicht wie Ikarus an der Sonne scheitern oder sie sich per Lichtschutzfaktor vom Leib halten, sondern sie, fußend auf dem Mond, in sich gebären soll.

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