Endstation Herz: Leben wir die Stäbe in uns oder das Hohe unseres Willens? Noch einmal zu Rilkes „Der Panther“.

Dies ist ein Beitrag im Rahmen der Posts zum Thema Tier und Mensch, hier beginnend.

Zu den berühmtesten Zeilen, die je über Tiere geschrieben wurden, gehört Rilkes Gedicht Der Panther und wir verdanken dessen so eindrucksvolle Verse nicht nur Rilkes Begegnung mit Auguste Rodin und der Tatsache, dass er in der Folge tief in das Wesen der Dinge – belebter und unbelebter – eintaucht, sondern auch der französischen Revolution, so befremdlich das auf den ersten Blick klingen mag.

Anfang der 1790er Jahre wussten die Revolutionäre nicht, wohin mit den im Besitz privater Schausteller befindlichen Tieren, und so beschloss die Nationalversammlung 1793, sie entweder der Ménagerie royale in Versailles zu übergeben oder den Naturforschern des Jardin des Plantes, eines am südlichen Seineufer gelegenen über zwanzig Hektar großen botanischen Gartens, damit sie dort ausgestopft und ausgestellt würden. Doch die Naturforscher ließen die Tiere leben, ja, als die Königliche Menagerie aufgelöst wurde, kamen auch deren Tiere in den Jardin des Plantes, wo mittlerweile die Ménagerie du Jardin des Plantes gegründet worden war, ein Drittel des Jardin des Plantes umfassend. Ihr Gründer, Jaques Henri Bernardin de Saint-Pierre, eine sehr extravagante Persönlichkeit, Rousseau-Freund und u. a. auch Schriftsteller, sah eine naturnahe Haltung der Tiere unter Berücksichtigung ihrer Lebensbedürfnisse vor. Begünstigt dadurch, dass die Ménagerie dem Muséum national d’histoire naturelle angeschlossen war, wurde sie zum ersten wissenschaftlich geleiteten Zoo der Welt, der Öffentlichkeit zugänglich.

So auch Rilke.

Der war nach seiner Heirat mit Clara Westhoff angesichts ihrer beider finanziellen Situation nach Paris gereist, um eine gewinnbringende Studie über Rodin zu schreiben. Die Begegnung mit dem verehrten Meister – über die erste schreibt er: „Bin auf der Seine hingefahren. Er hatte Modell. Ein Mädchen hatte ein kleines Gipsding in der Hand, an dem er herumkratzte“ – veränderte ihn von Grund auf. Er nahm wahr, wie viel in den vielen Gegenständen, kleinen und großen, die im Atelier Rodins herumstanden und -lagen, zum Ausdruck kam, was alles der große Alte in solchen Dingen gestaltete und herausarbeitete und war u.a. fasziniert von den „Tieren, die auf den Kathedralen standen und saßen oder unter den Konsolen kauerten (…) Hunde und Eichhörnchen, Spechte und Eidechsen, Schildkröten, Ratten und Schlangen.“

Dort muss er auch die Plastik eines Panthers gesehen haben, und so mag diese im Verein mit einem schwarzen Panther des Jardin des Plantes die Zeilen ausgelöst haben, die zu jenem Gedicht führten:

.
Der Panther
…………Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.-

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

.
Zwar kommt es später zum Zerwürfnis mit Rodin, der ihn im Herbst 1905 in sein Haus nach Meudon einladen wird, damit er nebenamtlich gegen eine Vergütung die Korrespondenz des Maitre bearbeite. Doch die Arbeit übersteigt das Maß des vorgesehenen Umfangs bei weitem. Nach acht Monaten kommt es zu einem heftigen Auftritt; die Beziehung bricht. Rilke wird Rodin weiter verehren, durchaus aber auch kritisch sehen.

Was jedoch bleibt und sich seit 1902/1903 abzeichnet, ist, dass Rilke durch Rodin Abstand nimmt von den Themen seines Stundenbuchs, vom mönchischen Blick auf das Leben, vom oft schwärmerischen Kreisen um Gott, um Liebe und Tod (Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, / und ich kreise jahrtausendelang) und sich den Dingen (Das Karussell, Römische Sarkophage) zuwendet, einzelnen Figuren und Typen (Die Erblindende, Die Kurtisane), Orten (Die Kathedrale, Im Saal), Pflanzen (Die Fensterrose, Blaue Hortensie), Tieren (Der Schwan, Das Einhorn) oder auch Gestalten der Geschichte (Buddha, Früher Apoll, David singt vor Saul), um beispielhafte zu nennen.

Indem er sich in sie versenkt, sucht er Zugang zu ihrem Wesen, sucht, was hinter aller Materie ist, das Wesentliche.

Das gilt auch für obiges Gedicht, wobei ich jene im Titel zitierte Zeile nicht diesem, sondern dem Gedicht Eros entnommen habe, welches das Schicksal von Liebenden mit dieser Aussage enden lässt. Es ist eine Zeile, die zutiefst berührt und, wie ich finde, auch das Schicksal des Panthers zutreffend erfasst, von den Tränen seines Herzens sprechend – wenn es sie gibt.

Wie ist es, wenn das eigene Bewegen nicht mehr empfunden wird, wenn die Begrenzung des eigenen Seins soviel Macht über uns hat, dass diese Begrenzung sich bewegt, nicht mehr wir? Wenn Bewusstsein sich auflöst, man die Gitterstäbe nicht mehr erfassen kann und sie zu Hunderten verschwimmen? Und wenn hinter ihnen sich ein Nichts ausdehnt?

Stäbe: dreimal wiederholt Rilke in der ersten Strophe dieses Wort und wie sehr prägt die Assonanz von Stäbe und gäbe sich ein. Der Konjunktiv II ist längst Indikativ des seelischen Seins.

Es gibt sie nicht, diese tausend Stäbe; und es gibt sie, die Welt. Realität ist das nicht, was wir aus der Perspektive des Panthers zu sehen bzw. nicht zu sehen glauben. Und doch ist es seine Wirklichkeit: Es gibt sie eben doch, die tausend Stäbe, es gibt sie eben nicht, die Welt.

Haben Tiere einen Willen? Haben sie im Zentrum ihres Seins gar einen großen Willen?

Wie mag es einem großen Willen gehen, der sich im allerkleinsten Kreise drehen muss?

In diesen Zeilen spielt Rilke nicht mehr wie im Stundenbuch mit der Musikalität der Sprache und dem Klang von z.B. i- und ei-Vokalen (Ich aber will dich begreifen / Wie dich die Erde begreift, / Mit meinem Reifen / Reift dein Reich.). Ihm geht es nicht um Ästhetik, sondern um Kennzeichnendes, Zutreffendes, so wie er mit ein Tanz von Kraft um eine Mitte die dissoziierte Wirklichkeit des Panthers zu erfassen sucht mittels eines kleinen vorausgehenden Vergleichspartikels: wie ein Tanz.

Wie weit klaffen Möglichkeit und Wirklichkeit auseinander!

Und was für eine Metapher in der dritten Strophe: Das Lid als Vorhang der Pupille! Er, der Vorhang, hat sein Eigenleben: Er schiebt sich, schiebt sich auf, lautlos.

Fast numinos erscheint diese Bewegung. Wie weit weist sie über einen rein physischen Akt hinaus!

Unwillkürlich denke ich an den Menschen unserer Zeit, versinnbildlicht in dem kranken Gralskönig Anfortas, der, obwohl zu Tode erkrankt, nur deshalb nicht stirbt, weil er einmal im Jahr eines Bildes ansichtig wird. Einmal im Jahr, an Karfreitag, tragen seine Knechte den Gral an ihm vorbei.

Nicht von ungefähr hat auch das Bild sein Eigenleben: Es geht. Fast wie von selbst bewegt es sich. Bis zum Ziel: der Endstation Herz.

Meisterhaft, wie Rilke jedem Wort Bedeutung gibt.

Wie verschwenderisch hat Rilke früher mit stilistischen Mitteln gearbeitet. Hier, in der dritten Strophe, findet sich einmal eine Epanalepse – das geht wird wieder aufgenommen -, finden sich zwei Alliterationen (geht – Glieder, hört – Herz) und eine leise Tonversetzung: in der vorletzten Zeile wird die erste Hebung nach vorn auf das geht gezogen, statt, wie im Rahmen dieses Metrums an zweiter Stelle zu stehen. – Rilke braucht keinen Schnickschnack mehr.

Der fünfhebige Jambus ist durchgehend kreuzgereimt, alle Endreime brav männlich-weiblich alternierend und bis auf eine Ausnahme rein. Unaufgeregtes, lautloses Sein.

Am Ende soll Wesentliches in Rilke und im Leser sein.

Beispielsweise eben die Frage, ob es die Bilder sind, die den Panther noch am Leben erhalten.

Warum Panther keinen Suizid begehen.

Ob wir um den Panther in uns wissen.

Ob wir unsere Stäbe kennen und glaubten, wenn wir sie nicht kennen, wären sie nicht da.

Und was will unser hoher Wille?

Was macht das Hohe des Willens aus?

Wollen wir dieses Hohe leben?

Ja, es ist wahr:

Tiere – und sei es ein Panther – können uns den Zugang zum Wesentlichen öffnen.

∗ ∗ ∗ ∗ ∗ ∗ ∗
Beginn der Posts zum Thema Mensch und Tier hier

 

Advertisements

Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
Dieser Beitrag wurde unter Fülle des Lebens veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s