Je animalischer, desto seelischer. – Wozu Tiere und Tierbücher herhalten müssen.

 

Dieser Post setzt den vorausgegangenen – Lieber Tier als Krone der Schöpfung – fort.

Den Menschen als Krone der Schöpfung bezeichnet zu haben, beinhaltete keine arrogante Abgrenzung gegenüber der umfassenden Natur, sondern wollte eine ständige Erinnerung an Anspruch, Weg und Ziel sein. Es gibt ein exoterisches und ein esoterisches Christentum. Nicht Ersteres, die Amtskirche also, sondern Letzteres, die Frömmigkeit der einfachen Menschen, war das Bindeglied unserer Gesellschaft. Dass dieses sich auflöst, läutet, das spüren momentan viele, das Ende von deren Wertegerüst ein.

Klar, dass die angesprochene Frömmigkeit dem Bewusstsein der Menschen entsprach und immer wieder hinterfragbar war. Doch für eine miteinander kommunizierende, aufwärtsstrebende Gesellschaft war sie unverzichtbar.

Mehr und mehr Mitbürger nehmen Abstand von ihr, wenn sie überhaupt noch wissen, was gemeint ist, profitieren aber gleichzeitig noch von ihr. Wenn sie einmal fehlen wird, werden diejenigen, die sie passiv oder aktiv ablehnten, die sein, die am lautesten greinen. – Ich kenne übrigens keine bessere Sicht darauf, was fromm sein bedeutet, als die Goethes in seiner Marienbader Elegie.

Mit dem Verschwinden dieser ethischen Grundlage schwindet auch rasant die Zahl derer, die Kindern und Jugendlichen vermitteln, wie sinnvoll es sein kann, auf etwas zu verzichten, um ein höheres Ziel zu erreichen. Anspruchsdenken muss bekanntlich nicht zwanghaft sein, sondern es ist, richtig verstanden, unersetzbar sinnvoll bezüglich der religiösen Einstellung (Kether lässt grüßen), bezüglich der beruflichen Arbeit oder in der Gestaltung einer Beziehung. Dass zunehmend in der Vergangenheit Anspruch und Krone gleich in einem Aufwasch recycelt wurden, kennzeichnet den sich breitmachenden inneren Phlegmatismus. – Der Mensch als Krone der Schöpfung: abgelehnt.

Seelisch wird gedümpelt, gerast wird stattdessen durch das Netz und auf den Straßen.

Der Weg der Tiere: Abspaltung und Stagnation

Es ist auch nicht mehr in, sich mit der eigenen Seele zu beschäftigen. Dafür beschäftigen sich manche mit der von Tieren, schließlich kommt animalisch von lat. anima, und das bedeutet Seele. – Je animalischer, desto seelischer.

Widerspruch ernten Bräuer, Wohlleben, Precht und Co kaum, wenn sie offen oder versteckt suggerieren, dass der Mensch ein Tier sei. Das ist eine kaum mehr diskutierte Grundannahme; manche drücken es nur vorsichtiger aus.

Für mich gingen die sich entwickelnden Wesen der Erde von Beginn an, also vor über 3 Milliarden Jahren, den gleichen Entwicklungsweg. Das änderte sich, aus welchen Gründen auch immer. In der Entwicklung zweigten die so bezeichneten Tiere sich ab. In der Schöpfungsgeschichte der Bibel treten sie vor dem Menschen in Erscheinung. – Zu früh, um Mensch zu werden.

Womöglich allerdings gäbe es den Menschen nicht ohne die Existenz von Tieren. Und wer wollte zudem auf das Singen einer Amsel, das Aufschwingen der Lerche, das warnende Zetern des Eichhörnchens im Wald oder das Spiel der Delphine leben!

Obwohl zuerst präsent, ist es jedenfalls aus meiner Sicht ganz und gar unangemessen zu sagen, der Mensch stamme vom Tier ab. Gewiss mag dessen Entwicklung nicht linear gewesen sein, wie ebenso das der Tiere nicht, aber wir sehen das Ergebnis des Menschseins. Es ist eine schöpferische Entwicklung, nicht eine, die sich aus dem Tier entwickelte, sondern von der das Tier sich abspaltete.

Wir sehen die Tiere, ihre vielfältigen Formen. Auf ganz unterschiedlichen Stufen stagnierte ihre Entwicklung. Das beinhaltet keine Wertung; eindeutig ist, sie haben einen physischen Körper, wie wir Menschen, sie können sich bewegen, sie haben Gefühle und sind zu Lautäußerungen fähig. Aber das Selbstbewusstsein ist ein Wesensmerkmal des Menschen, seine differenzierte Sprache, seine Vernunft, sein aufrechter Gang.

Auf die Stufen dieser Entwicklung weist in unnachahmlich prägnanter Weise die Schöpfungsgeschichte hin. Sie will keine Doktorarbeit sein, sondern ein Dokument, das in prägnanter Form uns auf unseren Ursprung, unseren Weg und unser Ziel, angesprochen in der Bibel unter anderem in der Offenbarung des Johannes.

„Der Mensch ist, rein biologisch gesehen, ein Tier“ (Wohlleben)

Die Tatsache, dass die mehrfach genannten Autoren der Tierbücher, vor allem Bräuer, Wohlleben und Precht also, den Menschen als Tier bezeichnen bzw. ihn zumindest von ihm abstammen lassen, halte ich für einen Virus, einen, der in diesem Ausmaß intensiv seit annähernd 200 Jahren wirkt und diese Wirkung verstärken die Bücher, die ich hier anspreche. Dieser Virus kommt aus der elementaren Gegenbewegung zu allem zielgerichteten Leben, einem letztendlich lebensfeindlichen. Kulturen und Religionen haben für diese die unterschiedlichsten Begrifflichkeiten gefunden.

Natürlich benötigt jede Seite, die der Lebensbejahung und die der Lebensverneinung, sozusagen Handlanger, um ihr Ziel umzusetzen.

Die Frage mag sich jeder stellen, welcher Seite er die Hand reicht.

Natürlich ist es ein Teil der lebensverneinenden Strategie, den Menschen als Krone der Schöpfung abzulehnen, indem man vermittelt, das sei anmaßend und arrogant und – das ist der aktuelle Tenor – religiöser Schwachsinn (aufschlussreich ist, wie diffamierend Precht in seinem Buch vorgeht); zugleich werden die Ergebnisse der Forschung als Dokumente präsentiert, die die Abstammung vom Tier belegen sollen. Welche Zeitspanne und welches Spektrum der Entwicklung aber überblicken wir bei einem Zeitraum von über drei Milliarden Jahren der Erdgeschichte, bei über 13 Milliarden kosmischer Geschichte? Und welchen Einblick haben wir in die Entwicklung der Seele sowohl des Menschen als auch des Tieres?

Auf einer viel oberflächlicheren Ebene mag mancher, den Menschen als Krone der Schöpfung zu bezeichnen, abgelehnt haben, weil er den Zusammenhang mit dem Baum der Sephirot (siehe dazu der Beginn des letzten Posts), der biblischen Schöpfungsgeschichte und den weltweiten Schöpfungsmythen nicht sehen konnte oder sehen wollte.

Mancher aber mag diese Charakterisierung deshalb ablehnen, weil er sich – das kann bewusst, das kann unbewusst sein – einer ständigen Entwicklung verweigert.

Das spielt der Strategie der Lebensverneinung in die Hände, den Menschen evolutionär den Tieren zuzuordnen. Bei Letzteren bewegt sich evolutionär wenig. In Zeiten wie diesen offensichtlich für viele genau das Richtige. Möglich, dass sich gerade eine Entwicklung hin zu „Tiere II“  andeutet. Zu erkennen ist jedenfalls, dass Teile der Menschheit sich fast rasend schnell voneinander entfernen. Auch im sogenannten Christlichen Abendland gibt es im Übrigen massive Bewusstseins-Vergreisungen und Verhärtungen des Menschlichen. Niemand möge annehmen, dass der Abstieg in den puren Materialismus ohne Konsequenzen für die Seele der solchermaßen reduziert lebenden Menschen sein werde.

Wenn wir die augenblickliche Zerrissenheit der Menschheit wahrnehmen, die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Einzelnen und wie sich Strömungen des Bewusstseins auf der Erde in einer verwirrenden Vielfalt zeigen, spüren wir, wie ungeheuer komplex das ganze Schöpfungsgeschehen ist. Da kommen einer Mehrheit Tiere als Mauer gegen Entwicklungsansprüche gerade recht.

Manchem ist die ständige Metamorphose zuviel, ein gutes Tierbuch tut´s auch, vor allem eines wie das von Peter Wohlleben über Das Seelenleben von Tieren. Da steht so wunderbar W/Richtiges auch für den Menschen drin, Sie werden gleich Kostproben lesen können.

Wie Tiere uns wohl sehen?

Im Rahmen des vorausgehenden Posts habe ich die Tatsache angesprochen, dass die Beschäftigung mit Tieren und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Tierreich momentan einen sehr hohen Stellenwert einnehmen und dass dies darauf zurückzuführen sein könnte, dass der Mensch insgeheim oder bewusst danach trachtet, über die Zuwendung zum Reich der Tiere, sei sie privater oder wissenschaftlicher Natur, mehr über sich selbst zu erfahren, weil bis zu einer bestimmten Zeit die Entwicklung aller Wesenheiten auf der Erde gemeinsam vonstatten ging, bevor sich, wie oben erwähnt, das Tierreich abtrennte und in gewisser Weise stehenblieb. Angesprochen habe ich im letzten Post, wie sehr Eigenschaften und Verhaltensweisen von Tieren immer wieder mit dem Verhalten und Vermögen von Kleinkindern verglichen werden; vor allem im Buch Juliane Bräuers finden sich zahlreiche Vergleiche. Mittels der Versuchsergebnisse meinen wir, Tiere immer besser zu verstehen. In Wirklichkeit aber, so glaube ich, sind wir meilenweit davon entfernt zu ahnen, wie Tiere uns sehen. Erst wenn wir das könnten, könnten wir Aussagen treffen, was Tiere und Menschen verbindet  und trennt, über alles bisher Erforschte hinaus.

Durchaus für möglich halte ich, dass jene indische Lebensweisheit – Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier und erwacht im Menschen – die Wahrheit über Tiere angemessen zum Ausdruck bringt. Vielleicht entspricht das Bewusstsein gerade der höheren Tiere einer Art Traumbewusstsein. Welches Grundgefühl aber muss dann in der Seele der Tiere sein, wenn sie dumpf wahrnehmen, dass es einen Bewusstseinszustand gibt, der ihnen verschlossen bleibt? Welches Grundgefühl löst das in ihnen aus?
Eine immanente Angst? Oder Traurigkeit? – Sehen wir sie in den Blicken von Tieren?

Ich möchte mit zwei Bemerkungen meine Ausführungen zu Juliane Bräuers Buch abschließen.

Zum einen fällt auf, wie sehr das Verhalten von Tieren aufgewertet wird. Bräuers Buchtitel lautet Klüger als wir denken. Ehrlich gesagt, ich war von keinem Versuch, von keinem Ergebnis wirklich überrascht, ja, ich könnte mir vorstellen, irgendwann findet sich ein Papagei, der laut bis 7 oder 8 zählen kann, oder ein Yorkshire Terrier, der 140 Spielzeuge zu unterscheiden vermag.

Tiere übernehmen von Menschen unglaublich viel, wie das Buch von Dahlke/Baumgärtner hinreichend belegen wird. Tier und Mensch, das gilt auch für Wissenschaftler, können eine Verbindung eingehen, die fallweise Tiere noch Erstaunlicheres leisten lässt. Aus welchen Gründen auch immer, es ist nur eine Frage der Zeit, dass das eintritt.

Was aber auffällt, ist, dass im Umgang mit Tieren, gerade von Seiten der Wissenschaftler auch von Juliane Bräuer, Begrifflichkeiten gewählt werden, die das Verhalten der Tiere auf Ebenen hebt und ein Niveau suggeriert, das absolut nicht der Realität entspricht. So wird in Studien das Kausalverständnis von Tieren getestet und ob sie arbiträre Hinweise nutzen oder kausale Zusammenhänge verstehen. An anderer Stelle fasst Bräuer Versuchsergebnisse zusammen, nachdem es zuvor darum ging, ob Tiere intentional und referentiell kommunizieren, indem sie darauf verweist, dass es „bei verschiedenen Tierarten komplexe Kommunikationssysteme“ gibt. Auch geht es darum, dem Rätsel reziproken Verhaltens auf die Spur zu kommen und um Reaktionen auf mangelnde Kooperationsbereitschaft des Partners.

Bienen wissen, so Wohlleben, wer sie sind

Ein eigenständiges Kapitel widmet sich der Frage: Haben Tiere eine Kultur?, wobei der Wikipedia-Definition, die sich nur auf den Menschen bezieht (wie diffamierend gegenüber Tieren, schrecklichschrecklich!), notgedrungen die von Biologen gegenübergestellt wird, die unter Kultur die langfristige Übertragung von Informationen von einer Generation zur nächsten auf nichtgenetischem Weg verstehen.

Am Ende des Buches denken Sie nicht mehr an ägyptische oder griechische Hochkulturen oder die des Christlichen Abendlandes, sondern haben sich einfach daran gewöhnt, dass Tiere Kultur haben, ja, auch eine Theory of Mind. – Sie wissen nicht, was das ist? Dann wissen Sie auch nicht, dass zu einer Theory of Mind gehört, dass man sich seiner selbst bewusst ist und eine Annahme von den Bewusstseinsvorgängen anderer haben kann. Dass man dem Blick anderer folgen und wissen kann, was andere sehen oder hören. All das vermögen manche Tiere bzw. Tierarten; sowohl Bräuer als auch Wohlleben führen Versuche an.

Letzterer weiß: Hunde können zählen und „Bienen wissen, wer sie sind.“ – Bienen hatten wohl einen Gott wie Jahwe nicht nötig, der dem Menschen das Bewusstsein seiner selbst, das ICH BIN brachte.

Irgendwie fehlt nur noch, dass Tieren ein hohes Maß an Empathie bescheinigt wird.
Vielleicht sehen Sie in Gedanken auch schon einen Bonobo einen Vortrag zum Achtfachen Pfad des Buddhismus und der Bedeutung von Achtsamkeit halten. Und wenn Sie all das Angesprochene gelesen haben, wundern sie sich auch nicht mehr, wenn Sie einen Konzertsaal betreten und einen Orang-Utan an der Harfe sehen oder im Theater ein Papagei als Souffleur agiert.

Fakt ist, am Schluss des Bräuer-Buches fällt Ihnen nicht mehr auf, wie reduziert doch der Kulturbegriff ist, der hier Verwendung findet, oder dass es nicht so wirklich viele Belege gibt, die über vereinzelte Tierarten hinaus Tieren eine Eigenschaft zugesteht, die man ansatzweise mit Theory of Mind, der Fähigkeit also, sich in andere hineinzuversetzen, bezeichnen kann.

Am Ende hat – so ging es mir jedenfalls – der Leser alle Ansprüche reduziert und ist ganz eingelullt von diesen unglaublichen menschlichen Eigenschaften von Tieren und ihrem hohen Niveau und nickt einfach nur noch mit dem Kopf, wenn Juliane Bräuer im abschließenden Kapitel Resümee: Wer ist klüger? schreibt:

Selbst wenn es darum geht, in die Zukunft zu blicken, scheinen Mensch und Tier sich nicht grundsätzlich zu unterscheiden. Und nicht nur Menschenaffen, sondern auch bislang weitgehend unbekannte Vogelarten bereiten sich flexibel auf die Zukunft vor.

Ach, also auch da: gar kein großer grundsätzlicher Unterschied!

Wenn Sie das Buch zuschlagen, haben Sie zwar noch im Ohr, dass die Leipziger Biologin Ihnen abschließend augenzwinkernd vermittelt: „In Wirklichkeit wird sicher kein Tier – auch keine Fledermaus – ein Buch wie dieses schreiben.“ Aber Sie trauen dem Frieden nicht mehr so ganz. Wer weiß. Und wenn Wissenschaftler eines Tages mittels eines Versuches ermitteln werden, dass Schimpansen unter vier Möglichkeiten ein Kreuz in jener Spalte machen, mittels dem sie wünschen, ein Buch schreiben zu können, anstatt Leckerli zu fressen, dann wird Sie das auch nicht mehr wundern.

Wenn der Mensch den Menschen abschafft

Irgendwie habe ich mich nach der Lektüre des Bräuer-Buches nach der Welt von Dr. Dolittle zurückgesehnt, die so schön wirklich unwirklich war und niemand Röhren auswählen, Tasten drücken oder Werkzeuge ineinanderstecken musste, um zu beweisen, wie klug er war.

Seltsam ist jedenfalls, wie sehr in diesen Tierbüchern die Ebenen von Mensch und Tier miteinander verschmolzen werden. Und wie reduziert alle Begrifflichkeit ist. Für mich ein Gefühl wie nach der Lektüre von Kafkas Prozess: Leben im Halbdunkel; alles ist auf seltsame Weise diffus, gelähmt.

Als ob es nicht einen Riesenunterschied gäbe zwischen dem Kulturbegriff, auf den sich Bräuer bezieht, und dem, den wir Menschen verwenden, wenn wir uns auf die alte ägyptische, babylonische oder griechische Hochkultur oder die des Christlichen Abendlandes beziehen und als ob die Theory of Mind beim Menschen nicht ganz andere Aspekte erfasst als beim Tier und es nicht angemessen wäre, für Tiere – bei allem Respekt – einen anderen Begriff zu wählen.

Warum forschen Wissenschaftler so zwanghaft, nur um immer wieder auf die Tatsache zu stoßen, dass Tiere Fähigkeiten aufweisen, die wir bei Kleinkindern auch finden?

Mit all diesen Versuchen geht zugleich eine Verflachung des Menschseins einher. Und der große Abstand zwischen Tier und Mensch wird höchstens an der ein oder anderen Stelle am Rande erwähnt.

Kein Rabe wird den Hamlet auf dem Theater geben können, kein Schwein wird je ein Müllauto durch die Straßen Münchens fahren, kein Storch einen Computer programmieren oder ein Schimpanse eine Predigt halten. Und das, obwohl doch das Genmaterial des Letzteren zu 98 Prozent mit dem des Menschen identisch ist.

Sie finden, dass ich zu allergisch reagiere und vielleicht ein verkappter Tierfeind bin?

Im Gegenteil, in zweiter Linie habe ich mit den vielen Tierversuchen echt ein Problem. Was kommt dabei wirklich heraus? Ich fände es sinnvoller, mit dem Geld verrottete Menschenschulen zu sanieren oder Wilderern und Walfängern intensiver das Handwerk zu legen.

Für mich aber am deprimierendsten ist, dass diese Tierbücher eine Tendenz verstärken, die momentan in vollem Gange ist: die bereits angesprochene Verflachung des Menschseins.

Manche Menschen wollen mit Teufelsgewalt den Menschen abschaffen.

Die angesprochene Verflachung ist ja nicht nur auf der moralischen Ebene zu beobachten oder auf der der politischen Kultur.

So oft wie in Tierbüchern von der Seele der Tiere gesprochen wird, so oft sprechen Menschen nicht mehr von ihrer eigenen.

Für Seelisches interessiert sich die Menschheit zunehmend weniger. Sonst müsste sie doch langsam artikulieren können, wie sehr gerade momentan seelisch kranke Männer das Weltgeschehen dominieren.

Und von Geist wird schon gar nicht mehr geredet.

Geist, was ist damit eigentlich gemeint?

Intelligenz?

Wirklich nicht. Aber wen interessiert das noch?

Mir scheint, als ob der Anspruch an Menschsein in einem erschreckenden Ausmaß sinkt, das aber das kaum noch jemand auffällt.

In den letzten Jahrzehnten ist weder die politische Kultur noch die Diskussionskultur so in sich zusammengebrochen wie zur Zeit.

Entweder gilt die Merkel-Devise, immer im Gespräch zu bleiben, um die Unfähigkeit, die zugleich eine spezifisch deutsche Schattenseite ist, zu kaschieren, dass man nicht zu klaren Worten in der Lage ist – Leute wie Erdogan baut das bekanntlich auf -, oder es gibt sofort eine Front, unerbittlich wie der Eiserne Vorhang. Wer einen einzigen falschen Satz sagt oder schreibt, wird sofort dem Feindeslager zugeordnet. Die Fronten laufen für viele absolut klar und dazwischen ist Niemandsland.

Eine handlungsorientierte Gesprächskultur gibt es nicht mehr: entweder es wird gelabert oder abrupt eine Mauer installiert.

Wir kennen dieses Verfahren. Es ist das, mit dem die Menschen den Raum zwischen Himmel und Erde bereinigten. Seitdem ist dort Platz für Zigarettenrauch, Abgasqualm und menschengemachten Orbitmüll. Für sonst nichts mehr. Eigentlich ist schon, seit Galilei, ins All linsend, die Jupitermonde fand, aber keinen Gott, eh alles klar.

Wie sollte das sich auch ändern bei Büchern, die angesichts des inneren Lebens der Tiere nicht die Frage nach dem Geist des Menschen und seiner Vernunft stellen, immer wieder aber auf die Verwandtschaft von Mensch und Tier verweisen. Peter Wohlleben gibt seinem Buch den stolzen Titel Das Seelenleben der Tiere; von Seele hat er allerdings so viel Ahnung wie vom Leben nach dem Tod, zu dem er sich wie folgt outet:

Ganz davon abgesehen glaube ich persönlich nicht an ein Leben nach dem Tod. Ich beneide jeden, der das kann, aber mein Vorstellungsvermögen reicht dazu nicht aus.

Warum er dann ausgerechnet seelisches Leben thematisch in den Mittelpunkt rücken will (im Buch selbst schreibt er des Öfteren zu allem Möglichen, nur nicht zum Seelenleben), bleibt wohl ein Rätsel, wenn man nicht anlässlich seiner zahlreichen Bücher den Verdacht haben könnte, dass er dem Verkaufserfolg auch ein gewisses Maß an Seriosität opfert.

Wo sitzt die Seele?, lautet die letzte Kapitelüberschrift seines Buches und Wohlleben fragt dann: Haben Tiere auch eine Seele im Sinne eines immateriellen Organs?

Er schließt sich zwei Definitionen, die der Duden anbietet, an, und weil dort das Denken zur Seele gehört, folgert Wohlleben, dass Denken eine Grundvoraussetzung für eine Seele ist. Denken, so lässt er uns wissen, ist Problemlösen.

Das aber genügt unserem sellernden Förster nicht, er möchte ein Plädoyer für die tierische Seele im religiösen Sinne halten und schreibt:

Eine Seele ist Grundvoraussetzung für ein Leben nach dem Tod, sofern man nicht an die körperliche Wiederauferstehung glaubt. Und wenn es in diesem Sinne beim Menschen eine Seele gibt, dann muss diese geradezu zwingend ebenfalls bei Tieren vorhanden sein. Warum? Weil sich die Frage stellt, ab wann Menschen in den Himmel kommen.

Hoffentlich hat sich Ihnen die Logik der Gedankenführung erschlossen, mir nicht.

Wohleben rätselt dann auf die gestellte Frage, ab wann also Menschen in den Himmel kommen, ob das seit 2000 Jahren der Fall gewesen sei oder seit 4000 Jahren oder seit es Menschen gibt und wer dann wohl im Rückblick nicht mehr als Individuum bezeichnet werden könne, irgendeine Vorfahrin oder ein Vorfahr, der vor 200197 Jahren gelebt hat, von der ganzen Reihe, die man über die primitiveren Vorfahren bis zu den Bakterien zurückgehen kann, ganz zu schweigen. (Ich habe es nicht verworrener dargestellt, als es ist.)
Bei so viel offenen Fragen weiß Wohlleben:

Wenn es keinen festen Zeitpunkt X gibt, ab dem Wesen der Art Homo sapiens hinzugerechnet werden können, dann gibt es auch keinen festen Zeitpunkt, ab dem eine Seele auftritt. Und wenn es eine höhere Gerechtigkeit im religiösen Sinne gibt, dann wird bei der Frage nach dem ewigen Leben wohl kaum eine scharfe Grenze zwischen zwei Generationen gezogen werden, bei der die Älteren außen vor bleiben und die Jüngeren Einlass finden. Ist es nicht eine schöne Vorstellung, dass im Himmel ein großes Getümmel an Tieren aller Art herrscht, die zwischen den unzähligen Menschen leben?

Und das, auch wenn es kein Leben nach dem Tod gibt! – Alles klar?

Ehrlich gesagt vermute ich, dass Wohlleben den Lektor des Verlags bestochen hat, damit dieser das Kapitel Wo sitzt die Seele? durchwinkt.

Mein Buch-Exemplar entstammt übrigens der 8. Auflage; recht viele Menschen haben also Wohlleben gelesen und ich gehöre zu denen, die glauben, dass solch ein Niveau abfärbt.

Mir ist nicht wohl bei diesem Gedanken und Wohllebens Gedankenleben.

Im Grunde ist Das Seelenleben der Tiere ein Dokument unserer Zeit und ihres Zustandes, sich mit unserer unersetzlichen Seele auseinanderzusetzen.

Tiere haben Gefühle, und diese machen eine Ebene einer jeden Seele aus, auch der menschlichen.

Man muss dazu nicht Jüttemann/Sonntag/Wulfs Die Seele. Ihre Geschichte im Abendland gelesen haben oder C.G. Jungs Der Mensch und seine Symbole (schaden hätte es Wohlleben nicht können, schon ein paar Seiten dort hätten ihn einiges erkennen und einiges nicht schreiben lassen).

Aber Wohlleben kommt wohl nicht der Hauch einer Ahnung an, dass er auf der derzeitigen Welle reduzierten Menschseins mitschwimmt und sie verstärkt.

Das Buch hat – das möchte ich keineswegs verschweigen – durchaus auch seine Stärken. Sie liegen, selbst wenn mancher nicht immer dem, was Wohlleben in seinen Auswertungen bezüglich der Fähigkeiten und Gefühlen von Tieren schreibt, folgen mag, in den mitgeteilten Erlebnissen und Erfahrungen, die insgesamt authentisch wirken und dem Buch über einige Passagen seine erfrischende und lebendige Note geben. Da ist einfach ein Mann, der mit wachen Augen durch die Natur geht, immer bereit, etwas ihm bisher Unbekanntes wahrzunehmen und auch die eigenen Tiere entsprechend beobachtet, Hunde, Ziegen, Bienen und Pferde. Man kann sich nur für seine Kinder freuen, die unter diesen Bedingungen aufwachsen konnten.

Eine Vorzeigefamilie, ein Vorzeigeförster, und so nimmt man in Kauf, dass einige Kapitel wenig bis nichts mit dem Thema zu tun haben (u.a. „Bequemlichkeit“, „Schlechtes Wetter“), auch ziemlich trocken sind und dass man manchmal wünschte, er hätte etwas mehr von der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit und dem Fundus Juliane Bräuers.

Wir geben dem Macht, dem wir uns zuwenden!

Natürlich werden einige die Abnahme der Moral und die Zunahme von Gewalt nicht mit solchen Büchern in Zusammenhang bringen, aber sie sind im Rahmen einer Gesamtentwicklung zu sehen, und da ist zu beobachten, dass die Abnahme einer Anspruchshaltung an das Menschsein Lücken hinterlässt, in die nichts Gutes nachfließt.

Viel zu sehr lassen sich weite Teile unserer Gesellschaft gehen.

Und diese Tendenz nimmt zu (ich hoffe, das ist nur ein vorübergehendes Phänomen).

Dazu tragen auch philosophische Rattenfänger wie Richard David Precht bei, die sich viel Mühe damit geben, den letzten Rest der in der Gesellschaft noch vorhandenen Spiritualität und Religiosität in die Tonne zu treten.

Wie jener das macht, davon im nächsten Post.

 

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Fortsetzung der Posts zum Thema Mensch und Tier hier

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Dichter und Philosophen wie Schiller, Hölderlin, Nietzsche, Camus, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein; dann können sie uns Anregungen geben, auch uns und unsere Zeit zu verstehen.
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