Lieber Tier statt Krone der Schöpfung?

Bücher über Tiere haben Hochkonjunktur: Richard David Precht lässt sie denken, Peter Wohlleben befasst sich mit ihrem Seelenleben und für Baumgartner/Dahlke sind sie ein Spiegel unserer Seele. – Je komplexer die Welt, desto mehr wächst das Bedürfnis nach Einfachheit und schlichtem Abdrücken der elementaren Bedürfnisse. Vorgaben und Schablonen sind erwünscht. Tiere überlegen auch nicht lange.
Der Mensch als Krone der Schöpfung: ein endlich überwundenes Hirngespinst der Kabbala?

Doch so einfach ist es nicht. Es könnte sein, dass sich hinter dem Trend Überraschendes verbirgt.

Dem ein oder anderen mag bekannt sein, dass die Krone, von der gerade die Rede war, nicht irgendeine Königskrone ist oder die eines Faschingsprinzen, sondern Kether, jene Krone, die Ziel menschlichen Strebens und höchste Vollendung zum Ausdruck bringt und uns ein ewig wertvolles Geschenk der jüdischen Mystik ist als Krönung des Baumes der Sephirot.

Ein Philosoph als geistiger Nebelkerzenwerfer

Auch wenn ein richtiges Verständnis der menschlichen Schöpfungsgeschichte – ich habe jüngst darauf verwiesen, wie Hildegard von Bingen diese sieht – wissen lässt, dass der Schöpfungsprozess nicht vorbei ist, sondern der Mensch sich mitten darin befindet und er wohl noch weit von der Verinnerlichung der zehn Sephirot entfernt ist, wird so getan, als sei er bereits jene Krone der Schöpfung. Wer auch immer  verhindern möchte zu sehen, dasss der Mensch ständig in einer Entwicklung ist: die dienstbaren Geister der entsrechenden  Vernebelungstaktik sind zum einen nur auf ihr Spezialgebiet fixierte Wissenschaftler, zum anderen sympathisch-tierfreundlichste Förster wie auch Philosophen, von denen ich allerdings nicht annehmen kann, dass sie nicht wissen, was sie tun.

Als ich mich Prechts Buch Tiere denken widmete, wollte ich mehr über das Denken und die Einstellung dieses Mannes finden, der mir mittels einiger Aussagen als Möchtegern-Saulus und mit Halbwissen glänzender Philosoph auffiel, und traf auf Äußerungen in einer Lanz-Sendung, in der er sagte (manche syntaktische Unstimmigkeit ist natürlich der mündlichen Rede geschuldet):

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Das ist ja Zentrum von Jesu Lehre, so wie die Evangelien sie berichten, ist ja die Ankündigung eines nahen Reiches Gottes, vor dem dann all diese Qualitäten wie Liebe, Barmherzigkeit und Nächstenliebe usw. zählen. Das ist die ursprüngliche Idee, aber Jesus hat ja das Christentum nicht erfunden (…), sondern das Christentum wird ja dann einige Jahrzehnte später von Paulus erfunden. Und es wird von Paulus erfunden ja nicht dadurch, dass er sich auf alles das berufen hat, was Jesus gesagt hat, sondern dass er sich einige Rosinen dessen herausgezogen hat und dann gewildert hat in allen erdenklichen anderen Religionen der damaligen Zeit.
Also Paulus hat, um das Christentum zu einer schlagkräftigen Religion oder Ideologie zu machen, für all die Länder, wo er sich hin ausbreiten wollte, für Persien, für Griechenland usw., ist er hingegangen und hat geguckt, was finde ich hier vor. Er findet in Persien den Zoroastrismus vor. Der Zoroastrismus ist die Lehre vom ewigen Kampf von Gut und Böse. Der wird ins Christentum hineinmontiert.
Dann muss er eine ganz ganz große eigene Erfindung machen: Der Tod Jesu war ja für die Anhänger von Jesus erstmal eine große Katastrophe. Der war ja nicht vorgesehen. Also vorgesehen war, dass das Reich Gottes anbricht und nicht, dass der Wanderprediger, dem man gefolgt ist, ans Kreuz geschlagen wird. Und jetzt deutet Paulus das Ganze um und sagt, Jesus stirbt, weil er für die Sünde Adams, den Apfel gegessen zu haben, stellvertretend für die Menschheit büßt.
Das ist ja eine Idee, die nicht von Jesus kommt, sondern eine Idee, die von Paulus kommt und diese Idee, dass es so etwas wie eine Erbsünde gibt, das ist eine zoroastristische, eine persische Idee.
Im griechischen Kulturkreis greift er den Logos auf. Das, was schon vor Platon Heraklit und dann seit Platon das griechische Denken bestimmt, der Logos … der Geist. Das Johannes-Evangelium, das für den griechischen Raum geschrieben ist, fängt an mit Im Anfang war der Logos. Das heißt, das Christentum ist ein Synkretismus {Vermischung, Mischmasch} aus allen erdenklichen Dingen von Anfang an. Es ist also nicht irgendwann missbraucht worden, sondern es ist als eine Herrschaftsideologie von Anfang an geformt worden und nicht als eine wirkliche spirituelle Beseelungslehre.

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Wer ihn gesehen hat, weiß, dass dieser Mann seine Ansichten mit einer Selbstsicherheit vorträgt, die niemanden daran zweifeln lässt, dass das alles richtig sei, was er sagt. Tatsache ist, dass man der Wahrheit nur nahekommt, wenn man die Aussagen Prechts in ihr Gegenteil verkehrt.

Ich will zumindest zwei Punkte ansprechen, weil er in seinem Tiere denken zu diesbezüglichen Themen einen ähnlichen Unsinn vertritt und weil wir für unsere Schlussfolgerungen eine korrekte Basis brauchen.

Der Tod Jesu war Precht zufolge nicht vorgesehen und für seine Anhänger eine große Katastrophe?

Jesus hat seine Anhänger, vor allem seine Jünger, mehrfach auf seinen nahenden Tod aufmerksam gemacht, und wenn etwas eine Katastrophe war, dann, dass die eigenen Jünger an seine von ihm vorausgesagte Auferstehung nicht glaubten, wohl aber die Besatzungsmacht, die sein Grab auf Befehl des Pilatus bewachte. Nicht von ungefähr ist es eine Frau, die mutige Maria Magdalena, der sich der Auferstandene als Erstes am Grab zeigt.

Und was Precht schwungvoll übergeht – vielleicht auch gar nicht weiß:

Schon in den Büchern des Alten Testaments, deren Inhalte mittels der Pharisäer und Schriftgelehrten Jesu Mitbürgern zum Teil bekannt waren, ist sein Tod mehrfach angekündigt, nämlich beim Propheten Jeremia (31.15), mehrfach bei Jesaja, unter anderem in 53.12, bei Sacharja (12.10) oder auch im Buch des Propheten Daniel (9.25f):

Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wiederaufgebaut werden, bis ein Gesalbter, ein Fürst, kommt, sind es sieben Wochen; und zweiundsechzig Wochen lang wird es wieder aufgebaut sein mit Plätzen und Gräben, wiewohl in kummervoller Zeit. Und nach den zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden und nicht mehr sein.

Selbst in den Psalmen wird auf den in den Evangelien erwähnten Durst Jesu am Kreuz verwiesen (69.22) und dass, wie in den Evangelien bestätigt, Soldaten um seine Kleider würfeln (22.19).

Kann man das ernsthaft einen überraschenden Tod nennen?

Prechtige Rundumschläge

Im Zusammenhang mit der vielfach im Alten Testament angesprochenen Gestalt Jesu sind dort bereits christologische Aspekte zu finden, und Jesus selbst hat über die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung niemanden im Unklaren gelassen, genauso wie über die Tatsache, dass in der Tat das Reich Gottes nahe ist, in dem Augenblick nämlich, wenn anlässlich seiner Kreuzigung sein Blut auf Golgatha die Erde berühren und im Tempel der Vorhang zum Allerheiligsten zerreißen wird. Dass die damit einhergehenden Veränderungen und Möglichkeiten in der Folge von nur wenigen wahrgenommen worden sind und werden, liegt an dem nach dem 1. und 2. Jahrhundert zunehmenden Unverständnis und bewussten Verfälschungen von Jesu Aussagen.

In diesem eben angesprochenen Geschehen und den erwähnten Aussagen finden wir die Grundlagen paulinischen Denkens, und wie man angesichts seiner Aussagen in ingesamt 13 Briefen des Neuen Testaments, in denen es auch um Agape, die wahre Liebe geht, von einer Herrschaftsideologie von Anfang an sprechen kann und dass Paulus das Christentum erfunden habe: Das sind schon abenteuerliche und dunkle Verfälschungen.

Eine religiöse Lehre hat zudem für Precht offensichtlich auf einen Kulturbereich fixiert, linear und eindimensional zu sein. Ist sie das nicht, ist sie synkretistisch.

Leider können solch prechtige Rundumschläge uninformierten Gemütern imponieren.

Warum sollte ein Gott, der seit Ewigkeiten existiert, nicht im Bewusstsein anderer Kulturen vorhanden sein, zumindest in deren Mysterien?

In Kether, jener obersten Sephirot, zeigt sich jedenfalls jene Krone, die höchstes schöpferisches Sein bedeutet. Darauf also bezieht es sich, wenn der Mensch als Krone der Schöpfung bezeichnet wird.

Auf dieser Stufe wird der Mensch selbst zum Schöpfer.

Die damit verbundene wirkliche Freiheit und ein entsprechendes Bewusstsein sind weit von dem entfernt, was wir momentan verwirklichen können und was noch dazu zunehmend mit transhumanistischen Versatzstücken zugeschüttet wird.

Im Sinne dieser überkonfessionellen Christologie allein wird Freiheit realisierbar, eine Freiheit, die es erfordert, dass der Mensch die zehn Sephirot verinnerlicht, also Malkuth (das Königreich der Erde und damit auch des menschlichen Körpers), Jesod (Fundament), Hod (Mitgefühl), Nezach (Überwindung), Tiferet (Schönheit), Geburah (Stärke), Chesed (Güte), Binah (Intelligenz), Chochmah (Weisheit) und eben die Krone, Kether, mithin also 10 Wesenheiten des Kosmos, Emanationen des Ur-Göttlichen. Gewiss noch ein langer Weg, bedenkt man, dass zum Beispiel Schönheit im Sinne von Tiferet nicht unseren Ideal entspricht, sondern, dass der Geist durch alle Materie leuchtet.

Das ist eine ewige Wahrheit aus der Mitte des geistigen Judentums.

Auf diesem Weg der Verinnerlichung gibt es Gegenkräfte, die in Luzifer und Satan kulminieren und auf unterschiedliche Weise dem menschlichen Bewusstsein den Weg versperren wollen, es damit zu ständiger Wandlung und Entwicklung zwingend.

Ich hätte nicht gedacht und mir war lange nicht bewusst, dass die Veröffentlichungen zu Tieren – auch in Zeitschriften gibt es viele – eine Form der Strategie des sogenannten Bösen manifestieren, so gut sie im Einzelnen gemeint sein mögen. Doch es ist so, und es geschieht auf sehr subtile Weise.

Darüber möchte ich in meinen Beiträgen zu diesem Thema schreiben.

Bevor ich auf die oben genannten aktuellen und auf ihre Weise Interessantes offenbarenden Bücher eingehe, die, ob bewusst oder unbewusst auf die angesprochenen Gefahren hereinfallen, widme ich mich einem, das erste wichtige Einblicke in die Thematik vermittelt; ich meine das 2014 bei Springer Spektrum erschienene Klüger als wir denken von Juliane Bräuer, die im Vorwort bereits eine inhaltliche Richtung erkennen lässt, wenn sie formuliert: „(..) seit einiger Zeit wissen wir, dass Menschen sich weniger von den Tieren unterscheiden, als wir angenommen haben.“

Tier und Mensch: nur graduell, nicht prinzipiell unterschiedlich

Immerhin lässt die Autorin graduell den Menschen eine eigene Spezies sein, doch sind ihre diesbezüglichen Ausführungen sehr flach. Precht stellt Mensch und Tier auf eine Stufe; Wohlleben bleibt hier diffus – dazu im nächten Post mehr.

Ich möchte Bräuers Buch nur jenen empfehlen, die wirklich großes Interesse an Labor- und Freilandversuchen von Tieren haben und deshalb auch ein gewisses Durchhaltevermögen mitbringen, denn das Vorgehen der Leipziger Biologin in den einzelnen Kapiteln – bedingt durch die Thematik – wiederholt sich zunehmend und ermüdet; dafür ist das Buch allerdings übersichtlich gestaltet und informativ.

Dass der ganze wissenschaftliche Impetus Juliane Bräuers dem, was Tiere zu leisten in der Lage sind, gilt, ist verständlich; er hält sie aber nicht davon ab, an einigen Stellen darauf zu verweisen, was Tiere nicht vermögen:

So können Ratten zwar lernen, einen Hebel viermal zu drücken, bevor sie eine Belohnung erhalten; sie können darauf trainiert werden, nach zwei Tönen den rechten Hebel, nach vier Tönen den linken zu drücken und Rhesusaffen vermögen mit arabischen Ziffern umzugehen und sie verstehen, dass arabische Ziffern bestimmte Anzahlen repräsentieren und man sie vergleichen kann; allerdings entwickeln sie, so lässt uns Bräuer wissen, nur eine ungefähre Vorstellung davon, was Zahlen bedeuten und im Rahmen des Kapitels Zählen und Zahlen schreibt sie:

„Die meisten können Mengen gut ordnen, aber sie haben keine ganz exakte Vorstellung von der Anzahl. Generell gilt: Tieren fehlen die Zahlwörter, um ganz genau und sehr weit zählen zu können.“

Desgleichen scheinen Versuche zu untermauern, so lässt uns Bräuer wissen, dass Tiere keine Fairness kennen, weil sie keinen Sinn für Gerechtigkeit haben.

Um das und einiges andere zu erkennen, mussten allerdings zig Tiere durch die Mühlen zahlreicher Versuche.

Zahlreich sind auch die Versuche im Zusammenhang mit dem Werkzeuggebrauch von Affen. In acht gut untersuchten Schimpansengruppen beispielsweise waren diese in der Lage, bis zu 20 verschiedene Werkzeuge zu verwenden. Schimpansen stellen zudem komplizierte Werkzeuge selbst her; ja, sie benutzen ganze Werkzeugsätze und sind in der Lage, fünf verschiedene Werkzeuge in der richtigen Reihenfolge zu verwenden. Sie produzieren Stöckchen sogar im Voraus, allerdings – diesen Wermutstropfen erspart Bräuer dem Leser nicht – produzieren sie nicht genug: statt acht nur zwei. Immerhin entwickelten einige Schimpansen großes Geschick bei der schnellen Nachproduktion. Was sie allerdings nicht vermögen: unter fünf Flaschen diejenige mit einer weißen Markierung als jene zu ermitteln, die Fruchtsaft und nicht Wasser enthält. Sie scheiterten in 15 Versuchen.

Können Tiere mental durch die Zeit reisen?

Schon anlässlich dieser Beispiele – im Buch sind ja noch gefühlt unendlich mehr angeführt – , denen sich Bonobos, Wellensittiche, Stare, Japanische Wachteln, Neuseeländische Langbeinschnäpper, Hyänen, Saatkrähen, Moskitofische und andere Tiere unterziehen müssen, wird es manchem Leser gegangen sein wie mir, der beispielsweise lesen musste, dass es noch weiterer Versuche bedürfe – beteiligt waren hier unter anderem Totenkopfäffchen und Buschhäher -, um festzustellen, ob Tiere mental durch die Zeit reisen können oder um verifizieren zu können, dass Schimpansen möglicherweise Futtersorten zu benennen vermögen.

Wenn Bräuer schreibt, die Vergleichende Kognitionsforschung stehe ziemlich am Anfang, dann mag man erahnen, was für ein Schwall von Versuchen auf Krähen, Schweine, Papageien, Gorillas und Orang-Utans, Ratten, Zackenbarsche, Moskitofische und Weißnasenmeerkatzen noch zukommt.
Absolut fragwürdig empfinde ich es, wenn, wie im Fall von Blaukopfjunkern, die in Korallenriffen leben, zwei Fischpopulation verpflanzt werden, um zu klären, ob Tierpopulationen eine eigene Kultur und kulturelle Traditionen entwickeln.

„In dem Versuch wurden die erwachsenen Tiere einer Population A in das Gebiet einer Population B umgesiedelt. Die Fische der Population B waren vorher ausgesiedelt worden. Die Frage war: Würden die A-Fische die angestammten Paarungsplätze der B-Fische nutzen? Nein, das taten sie nicht.“

Damit war laut Bräuer relativ sicher, dass es keine ökologischen bzw. lokalen Gründe für dieses Verhalten gab, sondern dass sie eigene kulturelle Traditionen mitbrachten.

Ehrlich gesagt gehen mir solche Versuche zu weit, und ich frage mich ohnehin, was es bringt zu wissen, dass Tiere Symbole verstehen oder eine Kultur haben, wobei immer wieder betont wird, dass dieses Vermögen auch bei Kleinkindern vorliegt.

Dass Tiere auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung, die von Beginn an eine Zeitlang gleich der menschlichen verlief, um sich dann von der unseren abzukoppeln – die Zahlen klaffen zwischen hunderttausenden und wenigen Millionen Jahren auseinander -, erscheint mir ziemlich sicher und widerspricht auch nicht der . Die weiteren Entwicklungsschritte sind sie nicht mitgegangen. Dass sie also Fähigkeiten wie Kleinkinder haben – über vierzigmal wird der Vergleich mit Menschen, vor allem Kleinkindern im Buch bemüht – ist meines Erachtens klar, denn Kinder vollziehen nun einmal die Stufen unserer Phylogenese, unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung in ihrem Aufwachsen nach.

Wozu müssen, um das zu erkennen, weltweit so viele Tiere drangsaliert werden, denn, vergessen wir nicht: Es sind ja nicht nur die zahlreichen bei Bräuer aufgelisteten Versuche, sondern noch viel, viel mehr, von den nicht „erfolgreichen“, die meist gar keine Erwähnung finden, mal ganz abgesehen.
Generell bemühe ich mich, Versuche, die nicht zu viel Aufwand beinhalten, artgerecht sind und nur eine begrenzte Anzahl von Versuchen bezüglich derselben Tiere umfassen (170, wie ich an einer Stelle gelesen habe, sind m.E. eine Quälerei), zu akzeptieren, vor allem, wenn sie eine Abwechslung für die Tiere bedeuten. Bei vielen in dem Buch beschriebenen Versuchen aber war das meinem Dafürhalten nach nicht gegeben (Wohlleben berichtet von Versuchen an der kanadischen Universiät von Montreal, in deren Rahmen Mäusen empfindliche Körperteile auf heiße Platten gedrückt wurden). Juliane Bräuer steht wenigstens nicht artgerechten Versuchen selbst kritisch gegenüber, wobei mir allerdings ihre wissenschaftliche Heimat Leipzig nicht gerade zurückhaltend mit Tierversuchen zu sein scheint.

Wenn Orcas absichtlich stranden

Was sie nicht anspricht und was ohnehin unter Wissenschaftlern, die Versuche betreiben und darüber berichten, nicht thematisiert wird – ich habe jedenfalls in dieser Richtung nichts bisher gelesen -, ist, inwieweit nicht die Fixierung auf ein Ziel und der Einsatz gewaltiger innerer Energien der Versuchsbeteiligten ein Gutteil dazu beiträgt, dass Tiere auch das tun, was man erhofft. Durch die Quantenphysik wissen wir hinlänglich, dass eine Versuchsanordnung immer das Ergebnis beeinflusst. Das mag auch Tieren immanente Elementarteilchen betreffen, vor allem, wenn sie – man erlaube mir den Sprung aus der Physik – emotional aufgeladen sind.

Natürlich gibt es einzelne Tiere, die einfach Beeindruckendes zeigen, so der Border-Collie Rico, der die Namen von über 200 Gegenständen unterscheiden konnte, die Border-Collie-Hündin Chaser, die über 1000 Namen für verschiedene Gegenstände lernte oder der Yorkshire Terrier Baley, der 120 Spielzeuge erkannte. Auch der Graupapagei Alex beeindruckte, kannte er doch die Vokabeln für 50 verschiedene Objekte, sieben Farben und fünf Formen, zählte bis zur Sechs und konnte kurze Sätze sagen. Er benutzte sogar das Wort „nichts“, wenn beide Gegenstände weder in Farbe noch in Form noch in Material übereinstimmten. Zugleich hatte er die Zahlen von eins bis 8 drauf und konnte sie ordnen (das lernen bei uns Kinder in der ersten Klasse, wie Bräuer betont).

Mir persönlich imponierten noch Affenmütter, die ihre Gesten dem Alter ihres Nachwuchses anzupassen vermögen und an Argentiniens Küsten lebende Orcas, die ihren Nachwuchs das Jagen lehren – sie lassen sich im Rahmen ihrer Jagdtechnik an Land spülen, um dort liegende Robben an den Hinterflossen zu packen und ins Wasser zu ziehen. Ihre Jungen nun drängen sie in Richtung auf den Strand liegende Robben und erzeugen mit ihren Flossen einen Wellenschlag, wenn ihr Walenkind nicht mehr ins Meer zurückgelangt (Tiere lehren immer dann ihren Nachwuchs, wenn die notwendige Fähigkeit nicht genetisch vorprogrammiert ist oder diese Vorprogrammierung nicht ausreicht). Immerhin ist das Lehren der Orcas mit eigener Lebensgefahr verbunden, schließlich kann es geschehen,  dass auch sie dabei stranden.

Keine Frage, manche Informationen und Ergebnisse sind beeindruckend, aber wer Interesse an dem Thema hat – vor allem, wenn man ein entsprechendes Buch Jugendlichen schenken möchte – dem empfehle ich eher Peter Wohllebens Buch, verbunden mit den Einschränkungen, die gerade für Jugendliche nicht ohne Bedeutung sind (siehe den folgenden Post).

Auf dem Hintergrund von Bräuers Buch stellt sich jedoch die Frage, warum auf diesem Gebiet so intensiv geforscht wird.

Tierforschung als verkapptes Gnothi seauton!

Ich wurde und werde den Eindruck nicht los, dass es zum Teil, vielleicht sogar relativ häufig, um ein großes verstecktes Eigeninteresse am Erforschen von uns Menschen selbst geht, das uns ja mit seinem Gnothi seauton der delphische Apollotempel mittels seiner Inschrift auf den Weg gegeben hat; schließlich schaut der Mensch mit dem Blick auf Tiere in seine eigene Vergangenheit und es gibt zudem Exemplare der Spezies Mensch, die ein großes Interesse an Vergangenheitsaspekten der Menschheit haben (ohne sie wüssten wir vieles nicht über vergangene Kulturen und den Weg der Menschheit; ihr Interesse ist absolut wertvoll für ein Bewusstsein von uns).

Tiere lassen uns einen Blick werfen in unsere phylogenetische Vergangenheit, gleichzeitig aber vermitteln sie eine nicht zu unterschätzende Bandbreite von Gefühlen und Verhaltensweisen, die uns Menschliches spiegeln (Aspekte, denen sich Baumgärtner/Dahlke in ihrem Buch auf besondere Weise gewidmet haben) und über die, wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen, wir uns mit unseren eigenen Gefühlen beschäftigen (vgl., wie zärtlich ein Löwe seine Retterin umarmt und wie sich ein Schimpanse verabschiedet). Vergessen wir nicht, dass nicht wenige Menschen mittels Tieren Gefühle ausleben, wozu sie aus verschiedenen Gründen mit Menschen keine Gelegenheit haben oder es nur auf der Tier-Mensch-Ebene vermögen.

Vergessen wir auch nicht, dass die literarische Kleinform der Fabel aufzeigt, welche Eigenschaften sich in uns zeigen und was sie uns spiegeln; Vergleichbares gilt für Rilkes Gedicht Der Panther oder Kafkas Käfer-Mensch Gregor (Die Verwandlung). Und vergegenwärtigen wir uns, dass in früheren Zeiten die Evangelisten nicht von ungefähr Tieren und Sternzeichen zugeordnet waren und welch große Bedeutung dem Drachen in der Apokalypse zukommt, Drachen in Mythen überhaupt (noch heute sprechen wir von manchem (Mutter-)Typ Frau als einem Drachen) und Schlangen, ja dem Zodiakus, dem Tierkreis, der sich in den Taten des Herakles spiegelt – hinsichtlich einiger Taten ist es offensichtlich: der Kampf mit dem Nemäischen Löwen entspricht dem Tierkreiszeichen des Löwen, die Überwindung der Stymphalischen Vögel mit Pfeil und Bogen entspricht dem des Schützen oder die Bändigung des Stieres von Kreta verweist auf das Tierkreiszeichen des Stieres.

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Liebe Leserin, lieber Leser, auch wenn hinsichtlich Klüger als wir denken noch zwei – darunter der mir wichtigste Punkt im Hinblick auf eine gefährliche Entwicklung für unsere Seele – ausstehen, so möchte ich doch hier diesen Post beenden; er ist für dieses Genre eh schon sehr lang und ich freue mich, wenn Sie ihn bis hierher – womöglich interessiert – gelesen haben.

Im nächsten Post schließe ich also die Betrachtungen zu Juliane Bräuers Buch ab und widme mich dem Buch des Bestsellerautors Peter Wohlleben (wobei übrigens die e-book-Version von Klüger als wir denken immerhin bis 8. März 28 214 Downloads vorwies, durchaus eine stolze Zahl). Auch Wohllebens Buch gibt Aufschluss über Gründe für eine gefährliche Entwicklung, die momentan stattfindet, weil sie uns den Sephirot entfremdet und abkoppeln will von dem Gedanken, dass wir als Menschen uns in einer immerwährenden Entwicklung befinden, unabhängig davon, wie wertvoll das zunehmende Bewusstsein hinsichtlich eines angemessenen Umgangs mit Tieren ist.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Dichter und Philosophen wie Schiller, Hölderlin, Nietzsche, Camus, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein; dann können sie uns Anregungen geben, auch uns und unsere Zeit zu verstehen.
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2 Antworten zu Lieber Tier statt Krone der Schöpfung?

  1. luisman schreibt:

    In der evolutionaeren Psychologie versucht man ja die menschlichen Verhaltensweisen zu ergruenden, u.a. soll auch zwischen erlernten und ‚angeborenen‘ Mustern unterschieden werden. Tier-psychologische Versuche koennen dafuer schon hilfreich sein, da man menschliche Probanden aus ethischen Gruenden nicht immer einsetzen kann. Solche flapsigen Vergleiche wie Tier X hat Eigenschaft A, sieheda, das macht Kleinkind auch in Phase Y durch, sind aber meist ziemlicher Quatsch.

    Bei Precht werde ich auch immer oefter allergisch. Ich habe den Eindruck, dass er immer nur das naechste Aufregerthema sucht, auf desssen Basis er dann mal wieder einen „Bestseller“ schreiben kann.

  2. Danke für Deinen Kommentar, luisman. Freut mich immer, wenn jemand seine Meinung mit mir und anderen teilt!

    Natürlich hat Precht auch positive Seiten. Er ist ja unglaublich belesen und sieht weit über den Tellerrand der Philosophie hinaus. Zudem kann er Dinge – gerade auch in Gesprächen – echt gut auf den Punkt bringen (sein Buch finde ich im Übrigen über einige Passagen hin zu langatmig; seine Ausführlichkeit verwässert das Wesentliche).

    Aber seine große Intelligenz verführt ihn meiner Ansicht nach dazu, jegliche Demut und Bescheidenheit in Bezug auf menschliches Wissen, das sich zwar wirklich alle 5 bis 10 Jahre verdoppeln mag, aber dennoch ungeheuer beschränkt ist, vermissen zu lassen. Sie verführt ihn zum Teil auch zu unglaublich apodiktischen Urteilen. Aufgefallen ist mir das zum ersten Mal so richtig, als ich mir sein Gespräch mit Gerald Hüther ansah und hörte, wie er alle Lehrer in die Tonne trat, indem er meinte, dass an unseren Schulen die Kinder von den falschen Leuten mit den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet werden.

    Mir als Ex-Lehrer macht das nicht einmal was aus, aber wenn ich sehe – bei aller Kriik an Lehrerverhalten und an der Tatsache, wie schwerfällig unser Bildungssystem ist – wie engagiert doch nicht wenige Lehrer sich um Kinder bemühen – gerade in den Problembezirken von Großstädtnen – und dass sie es sind, die insgesamt den gesellschaftlichen Laden im Grunde am Laufen halten, finde ich solch eine Aussage einfach nur unverschämt und arrogant.

    Na ja, jeder ist für sich selbst verantwortlich und deshalb schaue ich am besten auf mich und meine Urteile :-))

    Liebe Grüße,
    Johannes

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