Den Weltgesang finden, den Tod überwinden, Erde gestalten: Friedrich Rückerts „Waldstille“.

Selten habe ich ein Gedicht gelesen, das thematisch so viel anspricht, so vielschichtig ist. Es ist wohl so wie jener Mann, der es geschrieben hat, der 50 Sprachen beherrschte und aus 44 Sprachen Texte übersetzte, der 10 Kinder zeugte, wobei seine auch durch die Vertonung von Gustav Mahler so bekannt gewordenen Kindertotenlieder zeigen, wie sehr er unter dem Tod zweier litt. 

Er hat über 1000 Gedichte geschrieben, was ein Leistungs-, aber noch kein Qualitätsnachweis ist. Als kleiner Anhaltspunkt aber sei gesagt, dass er mit einigen seiner Gedichte eigentlich in jeder Gedichtanthologie zu finden ist.

Das folgende findet sich nicht unter denen, die dort anzutreffen sind; wenn es nach mir ginge, stünde es dort. Es berührt mich schon gleich zu Beginn, wenn es über das eigene Leben und sein Verhältnis zur Welt heißt: Wo du mir geschwunden, / Hab‘ ich dich gefunden / Inniger in mir. – Worte, die mich berühren, weil sie eine Erfahrung betreffen, die auch ich gemacht habe: Wenn die Welt schwindet, die Vorstellung, die sich die Menschen und man selbst von ihr macht – und das geschieht eben manchmal und vor allem durch leidvolle Erfahrungen -, dann findet man etwas, was wert ist, Welt genannt zu werden und es ist möglich, dem Leben so produktiv-schöpferisch zu begegnen, wie Rückert das in der letzten Strophe tut.

Vorausschicken möchte ich zum besseren Verständnis noch, dass Rüster eine andere Bezeichnung für Ulmen sind, Brodem ausströmenden Dunst bzw. Dampf meint und Unke eine recht flache Kröte ist, bauchseits mit Warnfarben, an der Oberfläche braun-grau-schwarz.

Tief im Walde saß ich,
Und die Welt vergaß ich,
Die nie mein gedacht;
Mich in mich versenkt‘ ich,
Und mein Sinnen lenkt‘ ich
In des Daseins Schacht.
Welt, ich dein vergessen?
Erst dich recht besessen
hab‘ ich fern von dir.
Wo du mir geschwunden,
Hab‘ ich dich gefunden
Inniger in mir.
Wie durch Bachkrystallen,
Dir mit Wohlgefallen
Schau‘ ich auf den Grund.
Du bist nicht so böse,
Wie du mit Getöse
Selbst es thuest kund.
Draußen im Gewirre
Kann man werden irre,
Welt, an sich und dir;
Fern von deinem Rauschen
Kann ich dich belauschen
In mir selber hier.
Leise hör‘ ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.
Einen leisen Odem
Hör‘ ich, der den Brodem
Haucht hinweg vom Tag.
Du bist ohne Schleier,
O Natur, und freier
Geht mein Herzensschlag.
Durch des Waldes Stille
Tönt die Sommergrille,
Und die Unk im Sumpf;
Keine Stimm‘ ist heiser,
Keine Stimm‘ ist dumpf.
Wer den Ton gefunden,
Der im Grund gebunden
Hält den Weltgesang,
Hört im lauten Ganzen
Keine Dissonanzen,
Lauter Übergang.
O Natur, du große
Mutter die im Schoße
Viele Kinder hält!
Lächelst recht von Herzen,
Wenn sie fröhlich scherzen,
Wie dir’s wohlgefällt.
Wenn die Kinder streiten,
Schlichtest du beizeiten,
Brauchest deine Macht;
Wenn sie sich verlaufen,
Sammelst du den Haufen
Doch zu dir bei Nacht.
Deine Sonne wecket
Alles was bedecket
Goldner Schlummerduft.
Wache Lebenstriebe
Wiegst du ein in Liebe:
Wiege, Brautbett, Gruft!
..Deine Arbeitsbienen,
Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.
Wo die beiden ringen
Werden sie bezwingen
Leben und den Tod,
Sich zum Himmel schwingen,
Und zur Erde bringen
Ew’ges Morgenroth.
..Geisteswaffenschärfung,
Stoffes Unterwerfung,
Welterobrungskunst;
Hier den Forst zerschmettert,
Was ihn dort beblättert,
Stürmische Liebesbrunst.
Auch der Haß ist Liebe,
Schöpfend mit dem Siebe
Statt der Schal‘ im Born.
Als ich hassen wollte,
Fühlt‘ ich nur, es schmollte
Kind’scher Liebeszorn.
Du verzeihst den Kindern,
Aber weißt zu hindern
Ihre Unart auch.
Der ist wohlerzogen,
Dessen Hochmuthswogen,
Legt von dir ein Hauch.
Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.
Was der Vogel singet,
Was die Quelle springet,
Was die Blume blüht,
Was die Schöpfung rauschet,
Mutter, nur belauschet
Hab‘ ich dein Gemüth.
Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

.

Das Gedicht vermittelt sofort Eindruck; dies geschieht durch den Trochäus, das heißt, dass jeder Vers und damit auch das Gedicht betont beginnt. Gewiss legt der ein oder andere Vers eine Tonversetzung nahe, zum Beispiel der dritte, in dem man geneigt ist, die erste Silbe unbetont zu lassen und das nie zu betonen. Und natürlich bewirkt auch die Reimfolge innerhalb jeder Strophe einen Rhythmus, der sich auf das Innere des Lesers auswirkt: Jede Strophe beginnt mit einem Paarreim, gefolgt von einem umarmenden. Natürlich ist Rückert durch die Dreihebigkeit des Trochäus auch zu mancher gewagten Formulierung und Satzstellung gezwungen. So beginnt die dritte Strophe mit einer Ellipse, einer Auslassung – das Verb fehlt – und es folgt eine Inversion, also eine Abweichung vom gewohnten Satzbau; doch genau solche stilistischen Ereignisse geben dem Gedicht seine eigenartige und einmalige Prägung, die ganz besonders bedingt ist durch das epiphorische Ich; gleich viermal findet sich das Personalpronomen am Ende einer Zeile der ersten Strophe, die mich an Walther von der Vogelweides Gedichtanfang erinnert:

Ich saz ûf eime steine……………………………….Ich saß auf einem Steine
und dahte bein mit beine:……………………….und deckte Bein mit Beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen:………………darauf der Ellenbogen stand;
ich hete in mîne hant gesmogen……………..es schmiegte sich in meine Hand
daz kinne und ein mîn wange………………… das Kinn und eine Wange.
dó dâhte ich mir vil ange,……………………….. Da dachte ich sorglich lange,
wie man zer welte solte leben…………..dem Weltlauf nach und irdischem Heil;
deheinen rât kond ich gegeben (…)………..doch wurde mir kein Rat zuteil (…)

Liest man bei Walther jedoch weiter, gleicht sich nur das sinnierende Sitzen, beklagt er doch in seiner Reichsklage die Rechtsunsicherheit des Landes und warum es zu dem augenblicklichen Zustand kommen konnte. Das lyrische Ich Rückerts dagegen vergisst die Welt, doch stellt es fest, dass es sie in der Folge umso inniger gefunden hat, nachdem sie ihm entschwunden war und es sie durch dieses Dahinschwinden auf neue Weise finden konnte. Voraussetzung war, dass dieser Mensch sich versenkte wie in einen Schacht. Unwillkürlich kommt einem hier Hofmannsthals Weltgeheimnis in den Sinn und jener Brunnen, auf dessen Grund das Geheimnis unseres Seins sich findet. In einen ähnlichen Schacht muss das lyrische Ich auch hier hinab. Was es aber dadurch wahrnimmt, ist, dass die Welt gar nicht so böse ist, wie sie scheint. Und unser Mensch nimmt hier innen-unten Dinge auf einmal anders wahr, vielleicht so, wie sie wirklich sind, wenn der Dunst des wirren Gewirres nicht mehr den Eindruck, den man von der Welt hat, dominiert; fast wie von selbst geht der eigene Herzschlag freier – ein leiser Hinweis für Menschen kranken Herzens. Hier – und Rückert spricht selbst vom Grund – gibt es nichts Heißeres, Dumpfes, nichts Dissonantes und der in Schweinfurt geborene Dichter trifft eine wirklich große Aussage: Wer den Ton gefunden, / Der im Grund gebunden / Hält den Weltgesang.

In der Folge werden wir daran erinnert, wo jener Schacht, jene Tiefe sich befindet – da, wo jeder sich einfinden kann: in der Tiefe des Waldes, in der Natur also.

Im Grunde nimmt Rückert eines der griechischen Symbole für die Seele auf: Bienen. So wie sie es ihr Leben lang handhaben, sollte auch die menschliche Seele tätig sein: ständig Wertvolles in das eigene Innere einbringen (heute wissen wir, dass die Bienenkönigin unser Ich ist, nicht jenes egoistische, sondern jenes, das sich ableitet von I-CH, von der Jesus-Christus-Wirklichkeit in uns). So kann Rückert von einer Kunst, von einem Kunsttrieb sprechen. Nicht pure Liebeslust macht unser Leben aus oder purer Trieb des Lebens. Leben will sich mit Kunst verbinden; in ihrer Vereinigung überwinden sie des Menschen Abhängigkeit vom Tod. Die Hochzeit von Himmel und Erde kann stattfinden und die Polarität von Hass und Liebe kann sich auflösen; endlich vermag der Mensch erwachsen zu werden und einen entscheidenden Schritt auf den siebten Schöpfungstag zumachen.

All das spricht Rückert auf verdichtetem Raum, wie ihn eben vor allem Lyrik zu gestalten vermag, an.

Wer Mutter Natur wirken lassen kann – und zu ihr gehört auch die Sonne – kann die eigenen Wogen des Hochmuths sich legen lassen, muss nicht mehr, wie Faust in egoistischem Überschwang meinen, er sei dem Erdgeist gleich oder sei ein Gott seiner Vorstellung. Der kann, wie es Matthias Claudius am Ende seines Abendlieds so warmherzig tut, seines kranken Nachbarn gedenken oder seines Bruders – und man denkt unwillkürlich an den Bruder des Parzival, Feirefiz, der auf Grund seiner Entwicklungsstufe den Gral noch nicht sehen kann -, der blindgeboren ist und doch auch sehen lernen möchte. Wenn wir, tief im Wald oder wo immer wir sind, immer wieder die Natur belauschen, Pflanzen, Tiere und die Elemente wahrnehmen, wenn wir also uns den Grundlagen des eigenen Seins zuwenden und so achtsam leben, dann gelingt uns – und wir denken an Keplers harmonia mundi -, dass das Tönen der Erde immer wahrnehmbarer wird, tönend voller Freude, auch durch unser Tätigsein:

.Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

 

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