Diktatur der hohlen Begriffe. – Eine Strategie.

Es ist keineswegs nur ein ärgerliches, im Grunde aber doch belangloses Phänomen, dass Menschen, vor allem Politiker, Begriffe, die sich aufgrund politischer Gegebenheiten an die Oberfläche geschwemmt haben, bevorzugt benutzen, um mit deren Hilfe indifferente, schwammige Inhalte zu vermitteln.

Die ständige Verwendung dieser Begriffe dokumentiert vielmehr eine zunehmende Erosion des Bewusstseins unserer Gesellschaft und gibt zugleich Zeugnis eines zunehmenden Desinteresses daran, verstanden werden und schwierige Zusammenhänge verstehen zu wollen.

Dieses Verwenden unklarer Begrifflichkeiten geschieht auch nicht nur aus Bequemlichkeit, weil man sich dadurch nicht um Präzision bemühen muss, sondern es verbirgt sich dahinter eine Strategie. Die Strategen sind gar nicht jene, die diese Begriffe verwenden, sie sind nur in Dienst gestellt. Oder sagen wir: Ihre geistige Veranlagung macht sie zu willigen Organen, ohne dass sie – zumeist jedenfalls – das geringste Bewusstsein davon haben, wie manipuliert sie selbst sind.

Ursprünglich wollte ich mich im Rahmen meiner Ausführungen dem Begriffspaar von links und rechts widmen, mit Hilfe dessen in unserer Republik seit Jahren das Wahrnehmen von Wirklichkeit erschlagen wird. Doch niemand kommt momentan an dem Wort Populismus vorbei. Mittlerweile ein Totschlagwort.

Modernes Brandmarken

Es gibt bekanntlich diese Worte, aufgrund deren, wenn man den Gegenüber beispielsweise in einer Diskussion mit ihnen belegt, er für den Rest der Zeit gebrandmarkt ist. Ein Beispiel ist ein Totschlagwort wie Gutmensch bzw. Gutmenschentum. Wer damit belegt wird, der ist gebrandmarkt als einer, der naiv Gutes tun will und es nicht blickt, dass er es im Dienst einer falschen Sache oder Einstellung tut.

Die meisten, denen das widerfährt, unterziehen sich meiner Beobachtung nach mittlerweile nicht einmal mehr der Mühe, sich zu wehren.

Das Peinliche für die Etikettenvergeber ist nur, dass sie es sind, die das eigene Verhalten nicht blicken, sonst würden sie, wenn sie noch einigermaßen wüssten, was Anstand ist, sich nicht an der Etikettenvergabe so eifrig beteiligen.

Populismus pur

Erst letzte Woche Donnerstag habe ich den Worthülsenexperten Oppermann, seines Zeichens Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, in den Nachrichten, wenn ich es recht wahrgenommen habe, dreimal innerhalb von zwei Sätzen das Wortfeld Populismus verwenden hören. Und es war traurig und faszinierend zugleich, wie der Chefredakteur der WeltN24, Ulf Poschardt, bei Markus Lanz in der Sendung vom 15.11. den Grünen Anton Hofreiter in Populismus-Vorwürfen förmlich ertränken wollte: von der klassischen Form des Populismus (was ist das eigentlich?) war da die Rede, von blankem Populismus oder auch von Populismus pur, um einige Variationen zu nennen.

Wenn da nicht Marianne Koch gewesen wäre. Mit einem Satz, einem Nadelstich gleich, mit dem sich die 85-jährige Ärztin, Buchautorin und Ex-Schauspielerin kurz in die Diskussion einschaltete, stellte sie dem Experten für populistische Angelegenheiten Poschardt die Luft für sein Wortgebläse ab; sie sagte schlicht: Wenn etwas stimmt, ist es doch nicht automatisch Populismus, Herr Poschardt!

Ab da verwendete dieser Meister aufgeblasener Wortballone besagtes Wort kein einziges Mal mehr. – In dieser Sendung zumindest. Denn wer so intensiv Etikette wie Populismus, Neoliberalismus, Gutmenschentum, Obergrenze, Globalisierung, Naroder das Adjektiv christlich in CDU und CSU verwendet, der bemerkt den Schwindel des eigenen Geistes nicht mehr und dass sein Denken die Wirklichkeit erschwindelt. – Christlich halte ich übrigens, vor allem auch dank dieser sich so etikettierenden Parteien, mittlerweile für eines der desavouiertesten Worte weit über Deutschland hinaus.

Die sagenhafte „europäische Lösung“

Dieses Phänomen betrifft auch Wortzusammenstellungen wie „europäische Lösung“. Als schon längst jeder wusste, dass es in Bezug auf die Flüchtlingsströme in Europa nie zu einer solchen kommen würde, verwendeten Frau Merkel und demzufolge auch alle anderen CDU- und SPD-Granden mit einer unglaublichen Penetranz diese Formel, um auf billig-primitive Weise zu kaschieren, dass sie nicht wirklich ein Konzept hatten.

Ehrlich gesagt wundere ich mich nicht, wenn es Bürger gibt, die gegenüber der Penetranz solcher ach so demokratischen Etikettenschwindler – Demokratie ist übrigens auch solch ein schwindelerregendes und leider mittlerweile verkommenes Wort – ausrasten und zu Worten greifen, die unflätig sind – man denke an den Tag der Deutschen Einheit -, weil sie mit unglaublicher Dreistigkeit wider besseres Wissen belogen werden.

Ohne sich wehren zu können.

Die Statements von Politikern sind nun einmal Einbahnkommunikation.

Bürger spüren sehr genau, dass Politiker nicht besser sind als die von ihnen eingesetzten Begriffe, die die Wirklichkeit nur verschleiern, nicht ehrlich beschreiben.

Dass sie ihre Volksvertreter bei passender Gelegenheit vom Acker jagen wollen oder sie zumindest nicht mehr ernst nehmen können, leider auch unflätig beschimpfen: Ich verstehe das und halte Letzteres für deutlich weniger schlimm als die penetrante Wirklichkeitsverschleierung durch die politischen „Eliten“.

Schwindel in wessen Dienst?

Eine Welt, die politisch aus den Fugen zu geraten droht, will sich nicht auch noch mit philosophischen, religiösen und kulturellen Problemen herumschlagen. Doch genau dort finden wir Aufschluss für die Ursachen. Gewiss ist es im Rahmen eines solchen Beitrages nur möglich, schlaglichtartig auf diese einzugehen. Aber gesagt sei zunächst, dass der Grund für die zunehmende Begriffsverwahrlosung eine geistige Verwahrlosung ist.

Sie ist eine der Ursachen dafür, dass die Länder dieser Erde von einer Krise in die andere schlittern, und es ist unschwer zu prognostizieren, dass sich das verstärken wird, wenn nicht ein Bewusstseinswandel eintritt.

Dem Agieren der Menschen und ihrer Politiker fehlt die geistige Substanz, wobei diese Substanz, dieser Geist, nicht, wie uns Zeitgenossen vermitteln wollen, der Intellekt des Menschen ist, sondern jener, der in der trinitarischen Formel von Vater, Sohn und Geist enthalten ist.

Im einstmals Christlichen Abendland muss jemand, der darauf verweist, mittlerweile mit Hohn und Spott rechnen.

Bedauerlich allerdings ist, dass nicht einmal mehr die christlichen Konfessionen in der Lage sind, darauf zu verweisen, dass mit dem Islam und seinem Gott Allah, der im Koran, von einem Sohn zu sprechen, sich strengstens verbittet, ein Gegenentwurf zu jenem geistigen Geschehen vorliegt, das zunächst wenigstens einige wenige Jahrhunderte auch gegen den Widerstand des römischen Reiches seine Wirkung entfalten konnte: dass nämlich mit dem Bewusstsein für den Sohn ein Bewusstsein für eine große menschliche Entwicklung in Gang gesetzt worden ist.

Es ist eben kein Märchen, dass in den großen Grimm-Märchen immer ein Sohn oder eine Tochter unterwegs sind. Immer setzen ein Kind, ein Sohn, eine Tochter Entwicklung in Gang, bringt sich Bewusstsein ein; auch in unserem Leben ist das schließlich so.

Nicht deutlich genug kann von meiner Seite aus gesagt werden, wenn es die Kirchen schon nicht tun, dass es kein Zufall ist, dass der Koran dieses Bewusstsein negiert, ja sogar, davon zu sprechen unter Strafe stellt, und dass es Aufgabe der christlichen Konfessionen gewesen wäre, den Menschen überzeugend zu vermitteln, dass und warum der christliche Gott keine auf ewig stagnierende Weisheit sein will.

Leider gehört es neben außerordentlich positiven zu den Hauptmerkmalen einer deutschen Kultur, dass ihre Protagonisten zu klaren und mutigen Worten in wichtigen Fragen nicht in der Lage sind, man sehe nur aktuell auf steinmeiersches und merkelsches Herumeiern in bestimmten politischen Fragen; Ausnahmen wie Luther bestätigen leider nur diesen Sachverhalt, weil sie erkennen lassen, was an klarem Verhalten möglich wäre.

Es waren bedauerlicherweise die Kirchen selbst, die das in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten noch vorhandene lebendige spirituelle Bewusstsein in abstrakte Dogmen und Formeln, die sich von der Wirklichkeit des Menschen beschleunigt entfernen, gossen; Menschen quittieren das mittlerweile mit ihrem Austritt.

Mit all dem einher geht der Verlust eines Bewusstseins für die geistigen Realitäten des Mikrokosmos Mensch und des Makrokosmos.

Wie oben, so unten

So lautet die Formel des ach so schrecklich heidnischen Hermes Trismegistos in seiner Tabula Smaragdina.

Wie im Himmel so auf Erden, so lautet die entsprechende Formulierung der Bibel.

Will heißen: der Mikrokosmos Mensch findet seine Entsprechungen im Makrokosmos – und umgekehrt. Dieses Bewusstsein ist ein zentrales Vermächtnis unserer Kultur.

Für unseren Kosmos gilt, dass wir der Ansicht unserer Astrophysiker nach gerade mal 5 Prozent der Materie des Alls kennen und verstehen, alles übrige, nämlich 95 Prozent sind dunkle Materie und dunkle Energie; von letzterer haben wir auch nicht die Spur einer Ahnung, wir sehen nur, dass das uns bekannte All auseinandertreibt.

Für uns als Mikrokosmos nimmt man gern das Eisbergmodell: Was sich an Masse unter der Wasseroberfläche befindet, entspricht dem Umfang des seelisch Unbewussten.

Vielleicht entspricht das Ausmaß unseres Bewusstseins aber auch nur der Kenntnis des Weltalls, den besagten fünf Prozent. Vielleicht wissen wir in Wahrheit auch nicht mehr über den Kosmos Mensch, den die Griechen als Gott Anthropos, als Gott Mensch bezeichnet haben.

Aus all dem ergibt sich, dass wir auch auf der Erde weit weniger Herren des Verfahrens sein könnten, nach meiner Meinung auch sind, als wir uns glauben machen möchten. Wir tun nur so.

Das spirituelle Gewissen der Menschheit hat uns schon immer darauf aufmerksam machen wollen, dass es etwas gibt, was wir Geist nennen, aus dem alles entsteht, eine Wirklichkeit, die die Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins möchte, wenn man überlieferten Dokumenten wie der Bhagavadgita, dem Dhammapada, dem Sohar oder der Bibel glauben mag.

Allerdings gibt es ebenfalls eine gewaltige Gegengewalt, die den Menschen und sein Ziel der Menschlichkeit destabilisieren, ja zugrunde richten möchte.

Wir haben vieles, was uns unklar über uns selbst ist, mit Hilfe der Psychologie und Psychoanalyse in den Bereich des Unbewussten verlagert. Dort ruht es und wir geben uns gern der Annahme hin, es ruhe dort so einigermaßen in Frieden.

Mit dieser Annahme allerdings machen wir den destruktiven Teil des Unbewussten in Wahrheit so stark, dass dessen Kräfte uns bisweilen wie ein Tsunami überrollen. Nur lassen sich jene negativen Kräfte nicht immer so deutlich wahrnehmen wie am 26. Dezember 2004. – Oft sind sie höchst wirkungsvoll ein schleichendes Gift.

Das schleichende Gift hohler Begriffe

Die Begriffe, deren wir uns heute bedienen, wirken wie ein schleichendes Gift. Sie sind eingesetzt, damit Menschen sich daran gewöhnen, etwas nicht wirklich zu verstehen. Das betrifft die Wirklichkeit, das betrifft den Mitmenschen, das betrifft das eigene Selbst.

Man kann nicht deutlich genug darauf verweisen, dass mittels dieser Begriffe und der Art, wie bei uns Politik gemacht wird, menschliches Bewusstsein erodiert, und damit auch die menschliche Wirklichkeit. Irgendwann, ich hoffe bald, werden Menschen, gerade auch Politiker und Journalisten, erkennen müssen, dass sie mit einer Sprache, die Wirklichkeit verschleiert, nicht nur die Wirklichkeit ihrer Adressaten, sprich Opfer crashen, sondern letztendlich auch ihre eigene.

Vielleicht werden manche sogar erkennen, dass sie mit einem solchen Verhalten, ob sie es wollen oder nicht, im Dienste dieser Gegenkräfte arbeiten.

Gerne macht sich unsere politische und geistige „Elite“ glauben, soweit sie diese Gegenkräfte überhaupt als Realität akzeptiert, sie seien harmlos, weil diffus. – Ein fataler Irrtum. Im Gegenteil haben diese aus dem Off des Unbewussten arbeitenden Kräfte ein messerscharfes Bewusstsein, wenn erforderlich auf die Tausendstelsekunde präzise.

Der derzeitige Status quo wird sich zwangsläufig solange negativ verstärken, solange Menschen diesen seit uralten Zeiten vorliegenden Kampf zwischen Dunkel und Licht nicht zur Kenntnis  nehmen. Wer ihn nicht oben genannten Schriften entnehmen mag, der lese einfach Astrid Lindgrens Brüder Löwenherz oder Tolkiens Herrn der Ringe und meinetwegen auch Marc Levys Sieben Tage für die Ewigkeit; all diese mythologisch-literarischen Zeugnisse sind wohl kaum nur Fiktion, wobei ich den Faust, den Parzival oder Platons Höhlengleichnis nicht einmal genannt habe. Diese Werke geben Zeugnis, dass ohne den bewussten Kampf gegen jene Kräfte, die den Menschen festgezurrt sein lassen wollen in der dunklen Höhle des Bewusstseins, das Beschreiten des Parzivalweges nicht möglich ist. – Notwendig ist, das eigene alte Bewusstsein, den zu Tode erkrankten Gralskönig Anfortas zu erlösen.

Unserer Kultur ist ein trinitarisches Bewusstsein von Vater, Sohn und Geist und von Leib, Seele und Geist in die Wiege gelegt. Immer mehr Menschen schütten diese Wiege wie das Kind mit dem Bad aus.

In der Weihnachtszeit aber mag manchem aus den Tiefen seiner Seele sich in Erinnerung bringen, dass ohne Wahrnehmen der Wirklichkeit des wahren Geistes die menschliche Seele verdorrt und dass die großen kosmischen Gegenkräfte, die in letzter Zeit sich erneut so vehement auf der Erde zeigen, zu ignorieren genauso wenig hilft, wie wenn man die Sehnsucht nach Sinn durch Entfernen des menschlichen Herzens zu beheben sucht.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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2 Antworten zu Diktatur der hohlen Begriffe. – Eine Strategie.

  1. Hiltrud Hornung schreibt:

    Danke ,Du hast es auf den Punkt gebracht !Ganz und gar richtig !

  2. Vielen Dank für Deine anerkennenden Worte, liebe Hiltrud.

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