Da ist in meinem Herzen / Die Liebe aufgegangen.

Dieser Post will ein Plädoyer sein für ein Rückbesinnen auf das, was Liebe einst war und – ich finde, es gibt wieder ein sanft mutiges Bewusstsein dafür – wieder sein möchte: Ein süßes Geheimnis, so kitschig das für manchen auch klingen mag.

Verzagen könnte man angesichts der Tatsache, dass es Liebe als Kostbarkeit, als vielleicht Wertvollstes, was wir Menschen besitzen, gar nicht mehr zu geben scheint.

In dem tollen Buch des Time-Life-Verlags über Zwerge – es gibt ja Bücher der Reihe Verzauberte Welten auch über Drachen, Feen, Riesen und Ungeheuer oder auch die Ritter der Tafelrunde nur noch antiquarisch (wer ein echt gutes und faszinierendes Geschenk z.B. für sein Kind oder Enkel sucht: zugreifen! Da werden ganz unerwartet Kinder zu Lesern) – in jenem Buch über Zwerge also findet sich jene Stelle, die berichtet, dass es die Zwerge deshalb nicht mehr gibt, weil sie sich von und vor den Menschen zurückgezogen haben, die es mehr und mehr verlernt hatten, ihr Wirken zu schätzen und mit ihnen angemessen umzugehen. In Wirklichkeit aber gibt es sie noch, und nicht nur ich, sicherlich noch mehr Menschen hoffen, dass sie einmal wieder zurückkehren mögen.

Warum ich das erwähne: Mit der Liebe ist es auch so, sie hat sich zurückgezogen. Zu groß war die Gefahr, dass die Menschen sie völlig vernichten.

Liebe als süßes Geheimnis gibt es doch angesichts der veröffentlichten erotischen Plattheiten und medialer Ergüsse, die vor keinem vulgären Level mehr zurückschrecken, nicht mehr. Eine geniale Schlussszene wie in Hitchcocks Der unsichtbare Dritte, als alle Geheimdienstintrigen tatsächlich lebend überstanden sind und Roger Thornhill alias Gary Grant seine Eve alias Eva Marie Saint in die obere Koje der Bett-„Suite“ des Schlafwagens zieht und just in diesem Moment der Zug in einen Tunnel donnert, schlitterte damals knapp an der Zensur vorbei und dünkt uns doch heute als eine fast unwiderbringliche Szene, die nicht alles vulgär ausmalt, sondern Liebe, auch Sexualität das sein lässt, was sie ist: ein intimes Zueinanderfinden, das für die Öffentlichkeit uneinsehbar im Tunnel zu sein hat! Die Symbolik spricht für sich und genug.

Liebe als Symbol: Das wollte übrigens die Rose sein.

Wie schön war alles Geschehen um Liebe noch, als sie noch im Reich der Phantasie sein durfte. Voller Phantasie. Und der, der um sie wusste, zeigte das dadurch, dass er nur so von ihr sprach wie Heine beispielsweise in seinem Buch der Lieder:

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Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

.

Ich erinnere mich eines Besuches vor ca. 15 Jahren von Sozialarbeitern in einer Schulklasse, die ich unterrichtete, die mit Schülerinnen und Schülern in diesem Alter regelmäßig über Drogen, safer Sex und all die Dinge, die man besser anspricht, bevor möglicherweise ein Unglück geschieht, spechen. Ich weiß noch genau, dass ich mit ihnen nach der Doppelstunde zusammensaß und mir die Sozialpädagogin, die im Übrigen zusammen mit ihrem Kollegen das Ganze brillant gemacht hatte, indem sie notwendige Punkte offen ansprach, aber immer so, dass sie für alle Jungen und Mädchen einen guten, weil zurückhaltenden und doch klaren Ton fand, mir erzählte, dass sie gerade bei Mädchen in letzter Zeit zumehmend anträfe, dass diese richtiggehend Angst vor Sexualität entwickeln würden, weil sie den Eindruck hätten, da kämen unvorstellbar hohe Anforderungen auf sie zu, denen sie niemals gerecht werden könnten.

Vielleicht erleben Sie das auch so: Manche Filme im Abendprogramm, ja, bisweilen auch im Vorabendprogramm, erträgt man alleine ganz gut, aber schaut man zu zweit oder dritt manche Sexszenen an, die scheinbar unumgänglich erscheinen, nimmt man erst so recht wahr, dass sie eine Grenze überschreiten, die man in Gesellschaft unkommentiert kaum erträgt.

Was Heine macht, ist für heutige Verhältnisse unglaublich: Er schreibt keine Strophe drei, vier und fünf. Er schreibt zwei Strophen, und die lauten:

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Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen..

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

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Wie sanft in seinen Worten der Tatbestand einer knospenden Liebe zum Audruck kommt, allein mit dem Wörtchen Da.

Da ist . . .

Das klingt so schlicht, zugleich so ehrlich.

Schau mal, schau doch, was geschieht!

Wenn Du siehst, was mit einer Knospe geschieht, weißt Du, was mit mir geschieht!

Für mich hätte es nicht einmal einer zweiten Strophe bedurft. Heine hat sie noch geschrieben. Vielleicht haben sie auch die Erwartungen seiner Leser ihm aus der Feder gezogen.

Allerdings: Inhaltliche Erweiterungen bringen die vier Verse, und wenn ich sie so genauer betrachte, denke ich: Doch gut, dass er sie geschrieben hat.

Nicht nur die Knospen sind aufgegangen, nun singen auch die Vögel, alle Vögel!

Da wird das Singen der Vögel zu dem, was es vielleicht einzig sein will: ein Konzert für die Liebe.

Und dann findet sich wieder dieses umwerfende Adverb Da.

Vielleicht ist es in der Literatur niemals mehr umwerfender, feinfühliger eingesetzt worden.

Zwei Buchstaben, und wer wissen möchte, was sich hinter ihnen verbirgt, muss schauen, ob er Vergleichbares in sich findet.

Sonst bleibt das Da versiegelt.

Und auch weiterhin bleibt das lyrische Ich fast bedeckt; es schreibt nicht einmal von Sucht, nicht von Sehnsucht; es erzählt von seinem Sehnen, seinem Verlangen. Ein nur scheinbar kleiner, doch so feiner Unterschied.

Das lyrische Ich ist nicht süchtig.

Geht es Ihnen auch so: Wie dankbar ist man für alle fehlenden Sexsucht- und -protz-Attitüden.

Und dann dieses eine Wort: ihr.

Die Anzahl der Buchstaben wieder kaum der Rede wert.

Personalpronomen im Dativ Singular, femininum.

Mehr gibt das lyrische Ich alias Heinrich Heine nicht preis über sie.

Kein Facebook-Foto-Akt.

Kein aufgesetztes Kuss-Selfie, bei dem jeder denkt: Kann sein, muss aber nicht sein.

Zu sehr werden wir überrannt von diesen zwanghaften öffentlichen Gefühlsausbrüchen, die so schrecklich ohne jedes Gefühl sind.

Narziss hätte wohl nie gedacht, dass er als Narzissmus einmal so durch die Welt toben muss.

Vielleicht geht es Ihnen auch hier so wie mir: Wir haben uns mittlerweile abgewöhnt zu denken: Eigentlich will ich das gar nicht sehen.

Man kommt ja nicht umhin, es zu sehen.

Auch der Umgang mit unseren Augen ist ein anderer geworden. Wer will noch alles sehen, was er sehen muss.

Zu guter Letzt:

Sehnen und Verlangen. – Das ist Heinesches Maximalprogramm. Dann ist aber wirklich Schluss. Nicht einmal Tunneleinfahrt.

Danke!..

 

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