Blicke in die Tiefenstrukturen: „Gedichtinterpretationen gestalten lernen“! – Mein erstes Buch :-)

Kennen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, das Venedig-Gedicht von Karl August Graf von Platen-Hallermund? Sein Verfasser gehörte weder zu Lebzeiten (1796-1825) noch heute zur Champions League deutscher Dichtung. Und dennoch ist sein Gedicht für mich faszinierend, weil es ein Beispiel dafür ist, wie die äußere Form den Inhalt trägt und veredelt, weil sich in ihm äußeres Geschehen in den Satzstrukturen widerspiegelt und dieses Gedicht dadurch eine Anmut und Tiefenwirksamkeit erhält, die man sich ansonsten nicht unbedingt zu erklären vermag.

Das erste Quartett lautet:

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Mein Auge ließ das hohe Meer zurücke,

Als aus der Flut Palladios Tempel stiegen,

An deren Staffeln sich die Wellen schmiegen,

Die uns getragen ohne Falsch und Tücke.

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Das klingt nicht spektakulär. Der ein oder andere mag sich vorstellen, dass sich von Platen und seine Frau vom Meer her endlich ihrem geliebten Venedig annähern – verheiratet war er mit Verlaub allerdings nie und neigte sich wohl eher Mitstudenten zu – und fasziniert sind von den um die Mitte des 16. Jahrhunderts vom Architekten Andrea Palladio erbauten Kirchen, deren sie näherkommend ansichtig werden und die so sehr die Sicht auf Venedig prägen.

Dann fahren sie in die Lagune ein und das zweite Quartett lautet:

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Wir landen an, wir danken es dem Glücke,

Und die Lagune scheint zurückzufliegen,

Der Dogen alte Säulengänge liegen

Vor uns gigantisch mit der Seufzerbrücke. 

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Diese zweite Strophe, in der Ankunft und Dank sich verbinden mit dem unmittelbaren so eindrucksmächtigen Eindruck der Säulengänge der Dodgenpaläste und der Seufzerbrücke, präsentiert sich von der Satzstruktur her ganz parataktisch: Es finden sich nur Hauptsätze.

In der ersten Zeile sind es gleich zwei; Vers 2 besteht im Anschluss aus einem einzelnen und der letzte, der vierte Hauptsatz, erlaubt sich, sich per Enjambement über zwei Verse auszudehnen, allerdings nicht ohne sich noch ein Sahnehäubchen zu leisten in Form einer Inversion, einer Abweichung also vom gewohnten Satzbau. Eigentlich müssten die Säulengänge gigantisch vor den Ankommenden liegen, aber von Platen lässt sie liegen, und zwar Vor uns gigantisch mit der Seufzerbrücke.

Auf einer unbewussten Ebene lösen solche Umstellungen immer etwas aus, manchmal fordern sie einfach nur mehr Aufmerksamkeit an und binden den Leser bzw. Hörer dadurch stärker ein, manchmal betonen sie auch ein Wort oder fordern zu einem stärkeren Nachspüren der Bilder heraus. So mag es hier sein: die Paläste der Dodgen – pars pro toto sind deren Säulengänge genannt – und die Seufzerbrücke: wie gigantisch (ein Wort, das sich zunächst ein wenig dem venezianischem Timbre versperren mag)!

Durch diese Zeilen fließt diese venezianische Atmosphäre, wie sie traulicher kaum sein kann. Das bewirken im Rahmen des ersten Verses nicht nur die anaphorischen Wir und dieses unauffällige und doch so wirkungsvolle es, das die Anlandung noch einmal unbewusst nachhallen lässt; das bewirkt ebenso dieser Blick zurück, der das Ankommen umso wirkungsvoller in den Mittelpunkt rückt im Verein mit dem Fluss des Enjambements und der angesprochenen Inversion, die beide die Fülle des Eindrucks so untermauern.

Erinnern Sie sich noch einmal des ersten Quartetts! Es begann mit einem Hauptsatz (Mein Auge ließ das hohe Meer zurücke), an den sich ein Temporalsatz fügt (als …), der wiederum einen Relativsatz an sich bindet, dem sich ein neuerlicher Relativsatz unterordnet. Eine Folge sich ineinanderschachtelnder Nebensätze, die kaum gekonnter die Annäherung und zunehmende Fokussierung auf Venedig hin auf einer grammatikalischen Ebene ins Innere des Lesers hineinzuwirken vermögen. Diese Gestaltung wirkt ganz unauffällig. Und auf ihre Weise ist sie unglaublich gut, weil sie zugleich in dieser Form die Annäherung spiegelt. Nebensatz für Nebensatz nähert man sich auch als Leser Venedig an.

Hinzu kommt noch, dass sich ein Ton findet, der einen berührt angesichts von Wellen, die sich anschmiegen und zuvor so zuverlässig getragen haben. Welch eine persönlich vertrauensvolle Atmosphäre hier alles erfüllt!

Dieses Gedicht enthält ja keinerlei spektakulären Inhalt und gehört für mich doch zu meinen Lieblings-Sonetten. Seine Wirkung entsteht aufgrund der Tiefenstruktur, die die unsere so unauffällig und doch so wirkungsvoll berührt. Die durchweg reinen Reime und das klare abba-Reimschema beider Quartette bewirken ein Übriges. Alles wirkt rein, einfach, übersichtlich. Und hat doch eine persönliche Tiefe.

Abschließend möchte ich noch kurz erwähnen, dass das Sonett rein parataktisch endet, mit verkürzten, also elliptischen Hauptsätzen in dem ersten Terzett beginnend, fortfahrend mit wirkungsvoller Alliteration und auffallendem Vokalspiel (kolossalischen Kolonne) und endend mit einer Frage, die den Fragenden in seiner demutsvollen Haltung als würdig dieser Stadt, seinem berühmten Platz und dem Licht der Sonne erweist:

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Venedigs Löwen, sonst Venedigs Wonne, 

Mit ehrnen Flügeln sehen wir ihn ragen 

Auf seiner kolossalischen Kolonne. 

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Ich steig ans Land, nicht ohne Furcht und Zagen,

Da glänzt der Markusplatz im Licht der Sonne:

Soll ich ihn wirklich zu betreten wagen? 

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Auch in meinem Buch

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bin ich auf dieses Sonett und seine Wirkunsweise eingegangen, weil es mir ein Anliegen ist zu vermitteln, wie Sprache, insbesondere lyrische Sprache wirkt, wie zumeist unbewusst unsere großen Dichter Werke schaffen, weil es ihnen ein inneres Vermögen erlaubt, auf dieser Klaviatur der Tiefenstruktur zu spielen. So junge und so früh verstorbene Dichter wie Georg Trakl – auf sein Gedicht Verfall gehe ich im Buch ebenfalls näher ein – taten dies gewiss nicht bewusst, aber ihre Dichtungen gehen auf der formalen und inhaltlichen Ebene Verbindungen ein, die ihresgleichen suchen und haben zudem oft eine unglaublich spirituelle Substanz, dass man sich wünschen würde,  manches ihrer Gedichte würde in den Schulen wieder auswendig gelernt

Die Kostbarkeit und Wirkungweise dieser Schätze erkennen zu können, führt nicht zu einem Zerpflücken, sondern zu einer wirklich großen Wertschätzung und inneren Bereicherung.

Damit dies möglich wird, gilt es zunächst, für Interpretationen ganz Handwerkliches zu lernen. Dieses Handwerk vermittle ich in obigem Buch, wobei es in seinem weiteren Verlauf zunehmend darum geht, die Fähigkeit zu erwerben, tiefere Ebenen an- und auszuleuchten. Um zu ihnen zu gelangen ist eine unabdingbare Voraussetzung, eigene Gedanken und Gefühle zurückzustellen und dem nachzuspüren, was die jeweilige Verfasserin, was der jeweilige Verfasser fühlt und vermittelt.

Tue ich das nicht, höre ich nicht in erster, in zweiter und dritter Linie auf die Schreibenden gehöre ich womöglich zu den Menschen, denen – ohne dass sie es merken – alles gleich wird. Sie wollen nur ein Stichwort, um im Grunde immer dasselbe zu sagen.  Um dies zu vermeiden, bedarf es eines ganz behutsamen Vorgehens, eines Hören-Lernens.

Dazu möchte ich Schülerinnen und Schüler anleiten, gern aber auch Erwachsene, die sich für Gedichte und deren Wirkungweisen interessieren. Möglich, dass auch dem ein oder anderen jüngeren Kollegen meine Hinweise zu Stil und Aufbau einer Interpretation und möglichen Vorgehensweisen eine Hilfe sein können.

Immer wieder habe ich beispielhafte Passagen eingeflochten, die Anregung sein wollen, wie man einen Anfang gestalten, zwei Punkte im Hauptteil verbinden oder einen Schluss schreiben kann.

Für das wunderbare Trakl-Gedicht Verfall habe ich zwei Möglichkeiten, einen Hauptteil zu beginnen, entworfen. Den ein oder anderen an dem Buch bzw. an Lyrik Interessierten mag das interessieren, auch als Beispiel für die Inhalte des Buches. Hier zunächst Trakls Sonett:

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Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,

Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,

Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,

Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

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Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten

Träum ich nach ihren helleren Geschicken

Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.

So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

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Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.

Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.

Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

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Indes wie blasser Kinder Todesreigen

Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,

Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

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Zunächst biete ich beispielhaft einen formalen Zugang an:

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Das vorliegende Gedicht ist ein Sonett und besteht daher aus zwei Quartetten und zwei Terzetten, wobei im vorliegenden auffällt, dass die Quartette in sich abgeschlossen sind, das erste Terzett jedoch in das zweite überfließt. 

Dies aber ist nur der Beginn einer Reihe von weiteren Auffälligkeiten:

So ist die Reimfolge nicht ganz lehrbuchmäßig, allerdings auch nicht sonderlich ungewöhnlich mit abba cddc efe fef, nur fallen die unreinen Reime, vor allem von I,1 zu I,4 und II,2 zu II,3 doch deutlich auf. In den Terzetten allerdings sind sie durchgehend rein.

Der fünfhebige Jambus verleiht dem Sonett einen ganz und gar unaufgeregten Charakter, wobei eine Stelle auffällt, an der er kurz, aber wahrnehmbar aus dem Takt gerät, nämlich in III,3, wenn nach der vorletzten Hebung zwei unbetonte Silben folgen. 

Gewiss hätte Trakl auch „an rost´gen Gittern” schreiben und damit das Metrum passend gestalten können und niemand hätte deshalb die dichterische Qualität dieses Sonetts vermindert gesehen, im Gegenteil; doch er lässt das Adjektiv in seiner korrekten Flexion stehen und das bewirkt, dass die Beschaulichkeit des am Gitter schwankenden Weines einen wahrnehmbaren Dämpfer erhält und rostig sozusagen auch metrisch rostig wirkt. So ist der Leser, möchte man fast sagen, schon ein wenig vorgewarnt, wenn er im Rahmen des im zweiten Terzett folgenden Vergleichs dem Todesreigen von Kindern konfrontiert wird (vgl. IV,1).

Durchaus auffällig sind auch die Tonversetzungen, die sich finden. Im Rahmen eines jambischen Metrums ist es bekanntlich immer empfehlenswert, nach ihnen oder ihrem schwächeren Geschwister, der Tonbeugung, zu schauen. 

Dieses Gedicht erweist eine solche Empfehlung als sehr berechtigt (…)

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Die folgende alternative Version enthält eine beispielhafte Einleitung sowie eine Überleitung zum Hauptteil mit einer längeren Hauptteil-Passage, die ich hier allerdings nicht in voller Länge wiedergebe, wobei ich noch vorausschicken möchte, dass Begriffe wie konnotiert und ähnliche bereits bekannt sind:

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Die meisten Menschen werden jenes bekannte Abendlied kennen, dessen erste Strophe lautet:

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Abend wird es wieder, 

Über Wald und Feld,

Säuselt Frieden nieder 

Und es ruht die Welt.

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Auch hier ist von Abend und von Frieden die Rede, auch hier befinden wir uns im Freien, in der Natur, die dem Menschen Ruhe gewährt; auch hier bleibt die Zeit fast ein wenig stehen – „es ruht die Welt” (Z.4) – und hat, wie bei Trakl, ihren Pulsschlag erheblich reduziert.

In dessen Gedicht läuten sogar noch Glocken. Wir sprechen davon, dass Glocken läuten, aber selten wird benannt, was sie läuten: Hier ist dezidiert gesagt, dass „die Glocken Frieden läuten” (I,1). Das können sie nur, weil sie ganz und gar personalisierten Charakter haben.

Abend, Glocken, Frieden: Was für ein Auftakt mit Worten, die so angenehm konnotiert sind. Ansprechender, wohltuender geht es fast kaum.

Und diese Stimmung setzt sich fort mit den Bildern von Vogelflug, frommen Pilgerzügen und klaren Weiten (vgl. I,2ff.).

Allem voran also eine erste Strophe, wie sie die Seele kaum mehr laben kann. Wer wünscht sich das nicht, auf der Erde zu stehen, den Blick nach oben, der Himmel gleichsam geöffnet, die Vögel in ihrem Element, der Freiheit des Himmels.

Genial, der alliterierende Auftakt gleich zu Beginn („Am Abend”), genial die Personifikation der Glocken, die ja wirklich Bewusstsein zu haben scheinen, indem sie „Frieden läuten” (I,1), beeindruckend die alliterierenden F-Laute (Folg-Vögel-vollen-Flügen) und das Spiel der Vokale zwischen ö und ü, sowie u und o (vgl. I,2), und meisterhaft der Relativsatz, in dessen Rahmen das Partizip Perfekt („geschart”; I,3) und der sich anschließende Vergleich, eingeleitet durch das eher ungewöhnliche „gleich” (I,3), jeden Leser zu höchstem Nachvollzug einladen.

Das geschieht, weil viel in Leserinnen und Lesern anklingt – gewiss wird ihnen nicht alles bewusst sein -, so dass ihr innerer Arbeitsspeicher vollauf beschäftigt ist, alles zu verarbeiten. Glocken sprechen das Religiöse in uns an – das Glockengeläut großer Kirchen ist auch in einer säkularisierten Welt immer noch etwas sehr Eindrucksvolles – und mancher reagiert auf ein Friede sei mit euch, auch wenn er nicht religiös ist, intuitiv und von innen heraus mit einem Innehalten. Wir hören in Redewendungen die Hochzeitsglocken läuten und Glocken erklingen auch für Verstorbene, wenn wir möchten, dass sie in Frieden ruhen.

Die Worte Trakls berühren innere Sinn-Speicher und aktivieren, was sich dort findet, wobei wir noch nicht über das ganz Besondere der Vogelflüge gesprochen haben. Den Völkern im Altertum war der Vogelflug heilig. Von den Griechen wissen wir, dass manche ihrer Seher die Fähigkeit besaßen, ihn zu deuten (. . .)

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So weit, so gut – die Hinweise zu den Kranichen des Ibykus lass ich dann mal weg, wenn ich auch die Schillersche Ballade mittlerweile einfach genial finde – hat ´ne Weile gedauert :-).

        H i e r  geht es für den, der möchte, zu einer gründlicheren Buchvorstellung mit dem Inhaltsverzeichnis und weiteren Buchauszügen.

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