Mild und leise / wie er lächelt . . . – Ist die Zeit der unglücklich Liebenden endlich vorbei?

Noch vor Romeo und Julia sind Tristan und Isolde jenes Paar, dass, wie Siegfried und Brünhilde, jene Liebenden verkörpern, die ihre Liebe nicht wirklich leben konnten. Immerhin waren Tristan und seiner Isolde in Richard Wagners Oper eine fulminante Liebesnacht vergönnt, bei ihrem mittelhochdeutschen Gestalter Gottfried von Straßburg waren es sogar mehrere. Aber wirklich offen ihre Liebe leben, sie ohne Bedrückung genießen, das konnten sie wohl weder in einer noch in mehreren Nächten. Und eigentlich lag über ihrer Liebe immer der Schatten des Todes.

Obige Zeile stammt aus der Schlussarie, die Isolde angesichts ihres toten Tristan singt, der doch nicht hätte sterben müssen und doch sterben musste, liegt doch ein schickalhafter Fluch über den großen Lieben dieser Erde, die wohl für alle jene Liebenden stehen, die hätten zusammenkommen sollen und es doch nicht konnten.

Am einfachsten und gerade deshalb doch so überzeugend gestaltet ist dieses Unglück in dem Volkslied von den Königskindern:

.

Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb,
Sie konnten zusammen nicht kommen,
|: Das Wasser war viel zu tief. :|

„Herzliebster, kannst du nicht schwimmen?
Herzlieb, schwimm herüber zu mir!
Zwei Kerzen will ich hier anzünden,
|: Und die sollen leuchten dir.“ :|

Das hört eine falsche Norne1),
Die tat, als ob sie schlief.
Sie tat die Lichter auslöschen,
|: Der Jüngling ertrank so tief :|

Es war an ei’m Sonntagmorgen
Die Leut‘ waren alle so froh
Bis auf die Königstochter,
|: Sie weinte die Äuglein rot. :|

„Ach Mutter, herzliebste Mutter,
Der Kopf tut mir so weh;
Ich möcht so gern spazieren
Wohl an die grüne See.“

Die Mutter ging nach der Kirche,
Die Tochter hielt ihren Gang.
Sie ging so lang spazieren,
|: Bis sie den Fischer fand. :|

„Ach Fischer, liebster Fischer,
Willst du verdienen großen Lohn?
So wirf dein Netzt ins Wasser,
|: Und fisch mir den Königssohn!“ :|

Er warf das Netz ins Wasser,
Es ging bis auf den Grund;
Er fischte und fischte so lange,
|: Bis er den Königssohn fand. :|

Der Fischer wohl fischte lange,
Bis er den Toten fand.
Nun sieh‘ da, du liebliche Jungfrau,
|: Hast hier deinen Königssohn. :|

Sie schloß ihn in ihre Arme
Und küßt‘ seinen bleichen Mund:
„Ach, Mündlein, könntest du sprechen,
|: So wär mein jung Herz gesund.“ :|

Sie schwang um sich ihren Mantel
Und sprang wohl in den See:
„Gut‘ Nacht, mein Vater und Mutter,
|: Ihr seht mich nimmermeh‘!“ :|

Da hörte man Glockengeläute,
Da hörte man Jammer und Not,
Da lagen zwei Königskinder,
|: Die waren beide tot.  :|

.

Die Vorlage für dieses Volkslied geht wohl über den römischen Dichter Ovid hinaus, der aber der Sage um Hero und Leander in zwei Briefen, die er beide sie schreiben ließ und die damit über ihr Schicksal Auskunft gaben, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Sein Buch Lieder der Heroinen enthält 18 Briefe berühmter Liebender, so von Penelope an Odysseus, Paris an Helena, Helena an Paris, Ariadne an Theseus und eben auch Leander an Hero und Hero an Leander. Beide waren ja dieseits und jenseits des Hellespont zu Hause. Sie war eine Aphroditepriesterin im Tempel zu Sestos, er lebte in Abydos am kleinasiatischen Ufer. Eines Nachts – Leander musste immer im Dunkeln schwimmen, weil beider Liebe geheim bleiben musste – löschen die Winde das Orientierungslicht, dessen Leander bedurfte, in einer Nacht, als er trotz hohen Seegangs seine Hero aufsuchen will, aus und er ertrinkt.

Nacht ist die Sphäre vieler unglücklicher Liebenden, auch, weil das Dunkel oft ihre Liebe tarnen helfen muss, aber vor allem auch auf einer symbolischen Ebene deshalb, weil diese so großen Lieben im Unbewussten – dafür steht die Nacht – verankert sind, ansonsten würden wir Menschen immer wieder nicht so sehr uns in Sachen Liebe verirren. Zumeist denken wir doch zu Beginn einer Liebe, dass es die Liebe fürs Leben sei. Die Frage ist, warum wir uns, warum die Menschen sich so oft irren – von einer sich verselbständigt habenden Sexualität einmal ganz abgesehen, die den Seelen der Menschen gewaltigen Schaden zufügt.

Auch Richard Wagner stellt in seiner Oper sehr krass den Tag, der dort grell und Liebe verunmöglichend, ja verratend ist, der Nacht gegenüber auf eine fast überdeutliche Weise. Nacht und Tod und Liebe sind immer wieder eins, gerade auch in den Leitmotiven seiner Musik.

Richard Wagner ist ja ein Meister darin, einen Satz sagen lassen zu können, der nichts verrät, ja nicht einmal andeutet – nur die Musik spricht eine so deutliche Sprache, dass sie den Worten eine tiefe inhaltliche Prägung gibt, wenn beispielsweise in einer nüchternen Aussage von Tristan in der Bratsche das Sehnsuchtsmotiv aufklingt und Auskunft gibt, was wirklich in ihm vorgeht. Da kann er Buchstaben verwenden, wie er will: die Musik offenbart seine Seele.

Mit obigen zwei Zeilen jedenfalls beginnt der Schlussgesang Isoldes, dessen Text ich einfach eindrucksvoll finde. Gerade noch hatte sie zu hoffen gewagt, ihren Tristan lebend zu finden. Aber es war ein Irrtum – und dennoch singt sie ihm zu:

.

Mild und leise

wie er lächelt,

wie das Auge

hold er öffnet –

seht ihr’s, Freunde?

Seht ihr’s nicht?

Immer lichter

wie er leuchtet,

sternumstrahlet

hoch sich hebt?

Seht ihr’s nicht?

Wie das Herz ihm

mutig schwillt,

voll und hehr

im Busen ihm quillt?

Wie den Lippen,

wonnig mild,

süßer Atem

sanft entweht –

Freunde! Seht!

Fühlt und seht ihr’s nicht?

Hör ich nur

diese Weise,

die so wunder-

voll und leise,

Wonne klagend,

alles sagend,

mild versöhnend

aus ihm tönend,

in mich dringet,

auf sich schwinget,

hold erhallend

um mich klinget?

Heller schallend,

mich umwallend,

sind es Wellen

sanfter Lüfte?

Sind es Wogen

wonniger Düfte?

Wie sie schwellen,

mich umrauschen,

soll ich atmen,

soll ich lauschen?

Soll ich schlürfen,

untertauchen?

Süß in Düften

mich verhauchen?

In dem wogenden Schwall,

in dem tönenden Schall,

in des Welt-Atems

wehendem All –

ertrinken,

versinken –

unbewußt –

höchste Lust!

.

Isolde sinkt in den Armen ihrer Dienerin Brangäne auf ihren toten Geliebten und zu spüren ist, dass beide auch der Tod nicht trennen kann. 

Wagners Worte sind meisterlich gewählt. Der zweihebige Trochäus umfasst wiederholt Assonanzen, also gleichklingende Vokale, wie in immer lichter oder alles sagend; eindrucksvoll setzt er Anaphern ein, wenn er u. a. wie und soll sich wirkungsvoll am Zeilenbeginn wiederholen lässt, genauso wie er an entscheidenden Stellen den Rhythmus wechselt und den Leser/Hörer durch suggestive Fragen einbezieht, ganz  zu schweigen von den Alliterationen, die sich hier ja noch (im Gegensatz zur Rheingold-Oper: Weia! Waga! / Woge, du Welle, / walle zur Wiege! / Wagala weia! / Wallala, weiala weia! (…) Woglinde, wachst du allein? – die Wasser des Urstroms werden hier lautmalerisch nachempfunden) im Rahmen halten; aber dass das W einer seiner Lieblingskonsonanten ist, ist auch hier unübersehbar

Von Wagners Oper ging eine magische Wirkung auf seine Zeitgenossen aus. Und immerhin findet sich in dem umfassenden Opernführer von Kurt Pahlen, seines Zeichens Professor und zu seiner Zeit ein bekannter Musikdirigent, der Hinweis, dass es im Zusammenhang mit den ersten Aufführungen der Oper eine Selbstmordepidemie gegeben habe (ehrlich gesagt, glaub‘ ich das nicht so recht; bei Goethes Werther wurde das auch immer wieder behauptet, nachgewiesen aber ist wohl nur ein Fall).

Was aber gewiss stimmt: In gewisser Weise führt die Oper an Grenzen der Aufnahmefähigkeit heran, wobei sicherlich eine Rolle spielt, dass dieses Werk und seine Thematik an tiefste archetypische Strukturen appelliert, an Sehnsüchte, nicht ausgelebte Wünsche, an vieles, was wir gern, wie die Nacht, verschleiern, verbergen. Seltsam in diesem Zusammenhang ist auch, dass den Tristan-Tenor der Uraufführung, dessen Frau die Isolde gesungen hatte,  wenige Wochen danach eine Erkältung dahinraffte. 

Zunächst übrigens schien die Oper unaufführbar. Pahlen schreibt: „Straßburg, Karlsruhe, Paris, Dresden, Weimar planen die Aufführung, sagen diese aber immer wieder ab. Die Wiener Hofoper gibt nach 70 Proben die Partitur als ´unaufführbar´ zurück. (…) Tristan und Isolde war tatsächlich ein revolutionäres Werk (…) Es überstieg die Technik fast aller Orchester sowie die Musikalität und Ausdauer fast aller Sänger.“

König Ludwig II. von Bayern verdanken wir schließlich jenen 10. Juni 1865, den Tag der Uraufführung in München, auf die hin dennoch 9 weitere Jahre lang kein Opernhaus sich an eine weitere Aufführung wagte.

Was mich an dieser Oper beeindruckt, ist, dass hier ein Liebespaar gezeigt wird, das gewiss etliche menschliche Schwächen aufweist – man denke z.B. daran, dass Tristan der Isolde das Haupt ihres Verlobten, den er im Zweikampf besiegt hatte, zukommen lässt, weitere wären zu nennen – , dass aber dieses Liebespaaar der Ewigkeit seiner Liebe nicht entgehen kann, wie wir Sätzen aus dem zweiten Akt, der Liebesnacht entnehmen:

.

O sink hernieder, Nacht der Liebe,

gib Vergessen, daß ich lebe;

nimm mich auf in deinen Schoß,

löse von der Welt mich los!

So stürben wir, um ungetrennt –

ewig einig, ohne End’,

ohn’ Erwachen – ohn’ Erbangen –namenlos in Lieb’ umfangen,

ganz uns selbst gegeben,

der Liebe nur zu leben!

Ohne Nennen, ohne Trennen,

neu Erkennen, neu Entbrennen;

ewig endlos, ein-bewußt:

heiß erglühter Brust

höchste Liebeslust!

.

Für mich wird hier jenes Thema variiert, dass ich unter dem Schlagwort Dual oder Seelenpartner immer wieder auf diesem Blog angesprochen habe, die Tatsache, dass es das meiner Ansicht nach gibt, jene zwei Liebenden, die seit Urzeiten füreinander bestimmt sind, worauf nicht nur die Bibel verweist, sondern auch viele mythischen und literarischen Quellen (mittels des Tags/Schagwortes ´Dual´ oder auch der Kategorie ´Seelenpartner´ werden sie aufgelistet).

Tristan und Isolde als episches Werk Gottfried von Straßburgs und als Oper Richard Wagners verweisen uns zudem darauf, dass diese Liebe wirklich leben, sich wirklich finden zu können, mit zum Schwersten zählt, was uns Menschen in unseren Leben zuteil werden mag.

Besonders gravierend, ja erschreckend, sind jene Ausgestaltungen, im Rahmen deren der Liebende unwissentlich – bei Tristan scheint es fast wissentlich zu sein – seine Ur-Liebe einem anderen zuführt: Tristan macht den Brautwerber für König Marke um Isolde, nachdem er sie jenem richtiggehend angepriesen hat, eine weitere der erwähnten Grausamkeiten ihr gegenüber, die er begeht.

Solch eine Werbung findet nicht nur im Rahmen von Tristan und Isolde statt, sondern auch im Siegfried-Mythos, wie sich den Quellen der Edda und den Wagnerischen Ausgestaltungen im Rahmen seines Rings entnehmen lässt; das Deutsche Nibelungenlied entstellt, indem es die Ur-Liebe zwischen Brünhilde und Siegfried weglässt, den ganzen Sinn des Mythos, da so gar nicht deutlich wird, was Siegfried anrichtet, als er den Burgundenkönig Gunter der isländischen Königin Brünhilde zuführt; Ausführlicheres habe ich dazu im Rahmen eines anderen Post veröffentlicht.

Warum Wagner die Arbeit an seiner Siegfried-Oper, dem dritten Teil der Ring-Tetralogie, unterbricht, um die Oper Tristan und Isolde zu schreiben, hängt meines Erachtens damit zusammen, dass letztere Oper einen ganz entscheidenden Aspekt des Rings auf eine ganz besondere Weise zum Ausdruck bringt, nämlich jenen einer unseligen Brautwerbung und – damit zusammenhängend – einer nicht zu lebenden Ur-Liebe. Zugleich hängt dieser Einschub mit der Liebe Wagners zu Mathilde Wesendonck zusammen, einer, vielleicht seiner großen Liebe, die sich darin manifestiert, dass und wie er fünf Gedichte der Schriftstellerin vertonte – wenn man sie hört, ist eigentlich alles gesagt.

Abrupt endete beider Liebe, als Wagners Frau einen Brief Mathildens abfängt. Wagner floh – so möchte man sagen – nach Venedig und arbeitete dort an Tristan und Isolde, auch die Liebe zu Mathilde verarbeitend, wusste er doch: „Sie ist und bleibt meine erste und einzige Liebe.“

Das klingt wahrlich auch danach, als ob Wagner in ihr seine große Liebe erkannt hätte.

Der zweiten Ring-Oper, der Walküre, stellte er die Widmung voran: G.S.M – Gesegnet sei Mathilde.

Wie für Siegfried die Walküre Brünhilde ein Segen hätte sein wollen, so wäre dies auch Mathilde so gern für Richard Wagner gewesen.

Immer wieder treffen wir auf solche Konstellationen, und ich will hier nur stellvertretend zwei weitere nennen:

zum einen Goethe und Charlotte von Stein.

Gewiss war sie in beider Leben für dieses Mal so etwas wie eine Muttergestalt für den jungen Goethe. Seine sein Leben so veränderndee Italienreise – und ihr Beginn ähnelte einer Flucht, auch vor ihr – hängt gewiss damit zusammen. Goethes Worte aber weisen im Hinblick auf diese Liebe sehr tief, wissend:

.

Ich kann mir die Bedeutsamkeit, die Macht, die diese Frau über mich hat, anders nicht erklären als durch die Seelenwanderung. – Ja, wir waren einst Mann und Weib! – Nun wissen wir von uns – verhüllt, in Geisterduft.

.

Und so kommt es zu den Zeilen aus Warum gabst Du uns die tiefen Blicke:

.

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen, 
Spähtest, wie die reinste Nerve klingt, 
Konntest mich mit einem Blicke lesen, 
Den so schwer ein sterblich Aug´ durchdringt; 
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute, 
Richtetest den wilden irren Lauf, 
Und in deinen Engelsarmen ruhte 
Die zerstörte Brust sich wieder auf; 
.
 (…)
.
Und von allem dem schwebt ein Erinnern 
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, dass das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nich verändern mag.
.
 .
Nicht immer treffen sich zwei Ur-Liebende in einem Leben als Mann und Frau; manchmal auch als Bruder und Schwester, oder sie ist eher Muttergestalt wie bei Goethe und Frau von Stein.
Auch bei Rilke könnte es so gewesen sein mit seiner Lou Andrea-Salomé, die, als sie 1887 den Heiratsantrag ihres Mannes Friedrich Carl Andreas annahm, dies nur unter der Bedingung tat, dass es zwischen ihnen keine sexuelle Beziehung gäbe. Überliefert ist, dass für ihn ihre folgenden Liaisons nicht unproblematisch waren. Eine besonders intensive Beziehung über viele Jahre hatte sie mit Rainer Maria Rilke, die 1897 in München begann.
Ich glaube, ohne diese Frau wäre dieses übersensible Wesen Rilke nicht zu dem geworden, was er war. Unter ihrem Einfluss gewann seine Dichtungskraft Präzision und Klarheit.
Inwieweit sie seinen offensichtlichen erotischen Avancen nachgab, ist mir nicht bekannt – immerhin unternahmen beide alleine eine ausgedehnte Russlandreise.
Für mich findet sich eines der schönsten Rilke-Gedichte im Stundenbuch. Es wendet sich an Gott; adressiert aber hat es der 21-Jährige an Lou, nach deren Erinnerung es im Sommer 1897 entstanden ist.Wie in Goethes Marienbader Elegie mag das eine das andere nicht auschließen, im Gegenteil, sogar bedingen:
.
.
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

.

Dass Liebe ein heiliges, entsagungsvolles Opfer sein will: überzeugender ist das nie unter den Gedichten, die ich kenne, zum Ausdruck gebracht worden.

Zurück zu Wagner: Er war, auch wenn seine Musik nicht jedem liegt, wirklich ein Jahrtausendgenie, denn er hat meines Erachtens den Kern, das Wesen der von ihm gestalteten Mythen inhaltlich und in ihrer sinnhaften Zielrichtung unglaublich gekonnt mit Hilfe seiner Librettos, also der von ihm selbst verfassten Textbücher, auf den Punkt gebracht; das gilt auch für Tristan und Isolde (Gottfried von Straßburg brauchte immerhin über 19 000 Verse für sein Werk, bevor er starb und es als Fragment hinterließ).

Zugleich hat Wagner aber auch für oben angesprochenes Dilemma, der Schwierigkeit nämlich, seine wahre Liebe zu finden, eine Oper gestaltet, die den Ausweg aus diesem Labyrinth der Liebeswege zeigt: den Parzival.

Der Roman Wolfram von Eschenbachs macht deutlich, dass es der Gral ist, der dem Liebenden seine Geliebte zuweist, die wahre Frau seines Herzens. Wem diese Gnade widerfährt, findet seinen verlorenen Teil.

Der Gral ist nichts anderes als unser Herz. Und der Gralsweg ist der Weg des Herzens.

Wer ihn in der Liebe nicht geht, dem widerfährt, was Anfortas widerfuhr: Jener Gralskönig wurde, als er hinter einer Frau her war, die ihm nicht vom Gral zugewiesen war, tödlich an der Scham verletzt, konnte aber nicht sterben, weil ihm immer am Karfreitag seine Knechte den Gral zeigten, gewiss eine symbolische Handlung mit höchster spiritueller Bedeutung, wie ebenso die Qualität der Verletzung des Anfortas höchst symbolisch ist und uns erkennen lassen mag, dass auch hinter der Krankheit Aids eine höchste und zugleich sehr tragische Symbolik steht.

Dies mag auch darauf verweisen, wie krankmachend die Sexualität unserer Zeit ist, gegebenfalls für den Körper, in jedem Fall für die Seele.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch sagen, dass vor allem die Katholische Kirche endlich einsehen sollte, dass sie die Scheidung von Ehepaaren nicht mehr  sanktioniert, denn offensichtlich und zuallermeist trennen sich bei einer Scheidung zwei ehemals Verliebte, die Gott offensichtlich doch nicht zusammengeführt hat, wie ihnen anlässlich ihrer kirchlichen Trauung noch gesagt worden war.

Zu wissen, wen Gott zusammenführt, dazu bedarf es des Grals; von ihm aber sind Liebende oft weit entfernt, was keine Sünde ist, sondern ein Fehler, schlicht ein Fehlgehen, wie es Hänsel und Gretel im Wald unterlief. Luther übersetzt bekanntlich das griechische Wort hamartia mit Sünde; es bedeutet aber schlicht Fehler.

Und nur wer ohne Fehler ist, der darf einen Stein auf einen sogenannten Sünder werfen, sagt Jesus anlässlich einer vorgesehenen Steinigung, wohl wissend, dass das auf der Erde für niemanden gilt. Die Katholische Kirche bewirft aber Geschiedene mit Steinen.

Oder sie unterzieht sie einem entwürdigenden Verfahren, damit sie wieder kirchlich heiraten können.

Wer so oft, wie katholische Priester, Ehen segnet, die dann auseinandergehen, muss sich eigentlich selbst nach dem Sinn eines Sakramentes fragen, an dem Menschen so oft scheitern und Priester etwas weihen, was zu zwei Dritteln in die Brüche geht. Dann einfach nur die Schuld auf die Eheleute bzw. Geschiedenen zu schieben und sie abzustrafen, indem sie sich nicht wieder unter dem Segen der Kirche verheiraten dürfen: Das ist für mich einfach bigott und lenkt vom eigenen zu hinterfragenden Tun ab!

Jede Liebe führt uns zur Liebe, auch wenn es nur eine eingebildete war – vielleicht gerade dann in besonderem Maße. Vorausgesetzt, wir sind bereit, Fehler als Lernhilfen zu begreifen.

Helden der Vorzeit, so groß sie auch waren, waren zum Tode verurteilt. Jeder hatte seine verwundbare Stelle, Achill an der nach ihm benannten Fersenstelle, Siegfried auf dem Rücken an jener Stelle, die erst einer würde verschließen und ganzmachen können, die Verwundbarkeit also tilgen, weil er dort ein Kreuz tragen wird, das ihn zum Heiland, also zum heil und ganz Machenden werden lässt und diese unverschlossene Lindenblattstelle für immer verschließt.

Wagner weiß in Tristan und Isolde noch um diese Stelle, um diese Wunde; sie erweist beide als noch im vorchristlichen Geiste, lässt er doch Isolde angesichts des sterbenden Tristan nicht von ungefähr sagen:

.

Die Wunde? Wo?  
Laß sie mich heilen!  
Daß wonnig und hehr  
die Nacht wir teilen;  
nicht an der Wunde,  
an der Wunde stirb mir nicht:  
uns beiden vereint  
erlösche das Lebenslicht!  
Gebrochen der Blick!  
Still das Herz!  
Nicht eines Atems  
flücht’ges Wehn! –  
Muß sie nun jammernd  
vor dir stehn,  
die sich wonnig dir zu vermählen  
mutig kam übers Meer?  
Zu spät!  
Trotziger Mann!  
Strafst du mich so  
mit härtestem Bann? 

.

Gewiss ist hier eine konkrete gemeint. Dahinter aber steht jene archetypische, die Liebende an ihrer Liebe sterben lässt.

Wenigstens wäre Isolde gerne zusammen mit ihrem Tristan gestorben.

Vielleicht ist es Liebenden zukünftig mehr und mehr vergönnt, leben zu dürfen, weil es diese Wunde nicht mehr geben muss, weil sie zumindest nicht mehr tödlich sein muss, auch wenn Männer zu oft noch meinen, Schwerter ziehen und sich in Schwerter stürzen zu müssen, wie es in der Oper Tristan tut. 

Solange sich allerdings so viele Menschen gegen das Christentum wehren, nur weil es eine Religion sei, wird das kaum möglich sein.

Für mich ist das Christentum weniger eine Religion als eine Bewusstseinsstufe. Jeder Moslem, jeder Hindu, jeder Jude, jeder Sikh, jeder sogenannte Atheist  kann sie haben: sie ist keine Frage der Religionszugehörigkeit, wenn es auch kein Zufall ist, dass jenes Bewusstsein von einem Ort ausging, der drei großen Religionen Heimat ist.

Entscheidend aber ist, dass dieses Bewusstsein Heimat in uns hat, wo immer wir auch sind.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
Dieser Beitrag wurde unter über unsere Seele, Fülle des Lebens, Gedicht, geistige Welt, Leben und Tod, Liebe, Literatur, Mann und Frau, Mythologie, Seelenpartner, Symbol als Wirklichkeit abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

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