Was henkt denn da im Weihnachts-Tann? – Unbesinnliches von Gottfried Keller.

Kurz vor dem zweiten Advent mag das Gedicht von Gottfried Keller noch dahingehen. Noch keine Gefahr, dass die Weihnachtsgans im Hals stecken bleibt.

Der alten Wendel hätte das eh nicht passieren können. Von einer Gans konnte sie nur träumen.

Aber schön der Reihe nach. Zuerst sei einmal gesagt, dass es eigentlich schade ist, dass Gottfried Keller (1819 – 1890) so in der Versenkung  verschwunden ist. Rein körperlich kann man das durchaus nachvollziehen, schließlich war der gute Mann ja kaum mehr als 1,40 Meter groß, liebte allerdings bevorzugt große Frauen – bzw. verliebte sich in sie, mehr war nicht drin (vielleicht wählte er sie ja gerade deshalb aus) – und war im Übrigen ein ziemlicher Holterdipolter, was ihn zwar für die Berliner und Züricher Gesellschaft durchaus attraktiv machte – welche gut-bürgerlichen Kreise umgeben sich nicht gern mit einem etwas aus der Art geschlagenen Bohemien -, aber zumindest Frauen mag er nicht sonderlich geheuer gewesen sein.

Nichtsdestotrotz hat er sie sehr verehrt, noch im schmerzlichen Verlust, wie sein zärtliches Gedicht Schöne Brücke zeigt:.

Schöne Brücke, hast mich oft getragen,
Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
Und mit dir den Strom ich überschritt.
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
Sind in kühnerm Schwunge mitgezogen,
Und sie fühlten meine Freude mit.
.
Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe,
Wenn ich schweren Leids hinübergehe,
Daß der Last kein Joch sich fühlend biegt;
Soll ich einsam in die Berge gehen
Und nach einem schwachen Stege spähen,
Der sich meinem Kummer zitternd fügt?
.
Aber sie, mit anderm Weh und Leiden
Und im Herzen andre Seligkeiten:
Trage leicht die blühende Gestalt!
Schöne Brücke, magst du ewig stehen,
Ewig aber wird es nie geschehen,
Daß ein beßres Weib hinüber wallt

Selbst wenn SIE anderes im Sinn hat als ihn: Möge sie als blühende Gestalt dennoch von der Brücke getragen sein.

Das klingt fast zu selbstlos. – Aber die Zeilen wirken ehrlich.

Ehrlich gesagt, vermisse ich ihn, den Gottfried Keller, seine Präsenz im Bewusstsein der Menschen (in der Schule wird er ja kaum mehr gelesen – vielleicht ist er immer noch zu kritisch-subversiv, zumindest in manchen seiner Werke; die erste Fassung des Grünen Heinrich ist wirklich lesenswert).

Doch zurück zu Weihnachtsgans, Lametta, Tannenreis und Rauschgoldengelchen.

Gottfried Kellers Gedicht Weihnachtsmarkt beginnt:

Welch lustiger Wald um das hohe Schloss
hat sich zusammengefunden,
Ein grünes bewegliches Nadelgehölz,
Von keiner Wurzel gebunden!.

Anstatt der warmen Sonne scheint
Das Rauschgold durch die Wipfel;
Hier backt man Kuchen, dort brät man Wurst,
Das Räuchlein zieht um die Gipfel.

Es ist ein fröhliches Leben im Wald,
Das Volk erfüllet die Räume;
Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,
Die fällen am frohsten die Bäume.

Ein wenig irritierend mag ja sein, dass von einem lustigen Wald im Zusammenhang mit Weihnachten die Rede ist, dass Rauschgold durch die Wipfel scheint, dass das grüne Nadelgehölz gar nicht verwurzelt ist und dass zwei Verse vorkommen, die an tiefsinnige Goethesche Zeilen erinnern:

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ob unser Gottfried absichtlich eine Goethesche Wendung aufnahm? Gar,  um sich von ihr abzusetzen?

Zwar sind die von ihm angesprochenen Tränen gewiss auch mit Kummer verbunden, aber um die, die sie weinten, geht es gar nicht, sondern um die anderen, die ganz und gar keiner himmlischen Mächte bedürfen, fällen sie doch ganz tränenlos und sehr munter Bäume. – Denen, die weinten und noch weinen, ist wohl eher nicht danach. – Noch aber kommen sie nicht vor.

Es heißt bei Gottfried Keller dann weiter:

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs
Zu überreichen Geschenke,
Der andre einen gewaltigen Strauch,
Drei Nüsse daran zu henken.

Dort feilscht um ein winziges Kieferlein
Ein Weib mit scharfen Waffen;
Der dünne Silberling soll zugleich
Den Baum und die Früchte verschaffen..

Mit rosiger Nase schleppt der Lakai
Die schwere Tanne von hinnen;
Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,
Zu ersteigen die grünen Zinnen..

Gut, lieber Gottfried, das mit dem „henken“ wäre nun nicht nötig gewesen und zu Weihnachten passt eine durch eine Alliteration verbundene Wortkombination wie Weib und Waffen nun auch nicht gerade,  zumal noch scharfen.

Gut, dass da ganz diminutivmäßig ein Zöfchen ein Leiterchen nachtragen darf – Keller weiß doch noch, was sich gehört.

Und immerhin werden die Weihnachtsbaumspitzen zu Zinnen stilisiert.

Bei Matthias Claudius war der Wald schon personifiziert, er stand schwarz und schwieg. Hier ist er es auch, nämlich personifiziert, aber wenigstens singt er:

Und kommt die Nacht, so singt der Wald
Und wiegt sich im Gaslichtscheine;
Bang führt die ärmste Mutter ihr Kind
Vorüber am Zauberhaine.

Er kann´s nicht lassen, der Gottfried, diesen weihnachtszersetzenden Tonfall. Muss das sein, den Wald sich im Gaslichtschein wiegen zu lassen (Alliterationen mag er wirklich, der Keller).

Und muss das sein, den Weihnachtsmarkt als Zauberhain zu bezeichnen?

Haben sich da welche verzaubert wie der Zauberlehrling in Goethes berühmter Ballade?

Oder ist nicht Weihnachten unser aller willkommene Zauberlandschaft?

Jedenfalls war sich Gottfried Keller der Gesetze des aufkommenden Geldmarktes sehr bewusst und hat sie auch wiederholt in seinen Werken angesprochen.

Wie ich darauf komme: Hat die Mutter – sie wird als ärmste bezeichnet – Angst vor der Frage des Kindes: Mama, kaufst Du mir . . .  ?

Übrigens: Wenn ich das Gedicht im Netz gefunden habe, dann wiederholt nur in Ausschnitten und nur ein einziges Mal mit den folgenden, den letzten drei Strophen. Meistens wurden die zitiert, die rührselig weihnachtlich klingen können (obwohl das eigentlich kaum geht, aber wenn man will, geht alles . . .).

Die, die Kellers Zeilen so entstellend verwendet haben, waren wohl auch sehr im Zauberhain aktiv und gewaltig von ihm infiziert  :-(

Denn: respektloser und verunglimpfender kann man kaum mit einem Autor umgehen, als wenn man die letzten drei Strophen weglässt. Ohne sie ist das Vorausgehende nicht wirklich angemessen einzuordnen. Sie lauten:

Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:
Im düsteren Bergesbanne
Stand reifbezuckert auf dem Grat
die alte Wettertanne..

Und zwischen den Ästen waren schön
Die Sterne aufgegangen;
Am untersten Ast sah man entsetzt
Die alte Wendel hangen..

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
Das festlich still verkläret;
Weil auf der Welt sie nichts besaß,
Hatt‘ sie sich selbst bescheret.

Man weiß ja, dass Keller in seinem Werk wiederholt starke Anflüge nicht nur eines poetischen Realismus – dem man ihn literaturepochentechnisch zuordnete – sondern eines tatsächlich sozialen Realismus hatte, zu sehr gerät manches Mal sein Personal ins Schlingern angesichts der Anforderungen an eine Bürgerlichkeit, die manche gern überall sehen wollen, aber eher per soap als in Wirklichkeit – das war schon damals so, und Keller wusste darum.

Manches Mal zog er den Vorhang weg. – Wie hier.

Goethe spricht übrigens in der weiteren Folge der oben zitierten Verse  von den himmlischen Mächten weiter:.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Da nun steckt viel karmisches Pathos drin, und das kommt jenen Esoterik-Leutchen zupass, die gern darüber hinwegsehen, dass die Realität auf der Erde gar nicht zu dem prognostizierten Wassermann-Zeitalter-Eiapopeia passen will. Ganz im Gegenteil.

Ich denke, dass da Herr Luzifer mit wenig Aufwand ganze Arbeit leistet, denn anstatt mancher Meditationsrunde wäre es sinnvoller, Sprachkurse für Flüchtlinge anzubieten oder bei einer Tafel mitzuarbeiten. Vielleicht auch einer ärmsten Mutter zu helfen.

Jedenfalls kann man bei so viel aktuellem Helene-Fischer-und-Johannes-B.-Kerner- und-ein Herz-für-Kinder-Lametta schon mal übersehen, dass auch 2015 eine alte Wendel im Weihnachtsbaum hängen wird.

In Ruhe hängen aber lässt Gottfried Keller die alte Wendel im Bannwald der Gebirge seiner Schweizer Heimat. Auch wenn die Atmosphäre durch die Wahl seiner Worte seltsam gebrochen ist. – In den singenden Wäldern der Zauberhaine hätte sie keine ruhige Tanne gefunden.

Apropos ärmste Mutter: Im reichen Bad Kissingen sehe ich immer wieder Leute, die in Abfallbehälter schauen.

Steht nicht schon in der Bibel, wie wertvoll Hoffnung ist?

Ihre Blicke riskieren die Abfalleimer-Leute auch an Weihnachten.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.- Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Na ja, was soll´s. Armut verklärt sich selbst.

Jetzt wissen wir auch warum  der holde Knabe mit seinem lockigen Haar auf vielen Bildern so strahlend leuchtet:

Er war ja auch arm, und Armut verklärt!

Zudem heißt es in der Bergpredigt, dass die Armen selig sind, wenn auch die geistig Armen. – Was solls . . .

Hat schon alles seine Richtigkeit.

Zur Not und wenn alle Stricke reißen – nur bitte der letzte nicht – können Arme sich ja selbst bescheren.

So wie die alte Wendel.

Ein fröhliches Weihnachtsfest!

.
.
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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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2 Antworten zu Was henkt denn da im Weihnachts-Tann? – Unbesinnliches von Gottfried Keller.

  1. Hiltrud Hornung schreibt:

    Du hast wieder viel recherchiert, Vieles verglichen und Dir viel Arbeit gemacht
    mit diesem Text,der ja wahrlich nicht einfach ist…. DANKE dafür ….Um die Logik ,den Inhalt ,ganz zu verstehen,,zu verinnerlichen ,muss ich das sicherlich in Ruhe öfter noch mal durch lesen.Die Vergleiche ,die Du aufgeführt und ,aufgezeigt hast finde ich sind sehr gut. So wie Du Keller beschrieben hast,habe ich ihn nie entdeckt.Vieles weiß ich nicht über ihn… Du machst mich schlauer ! DANKE

  2. Vielleicht irritiert Dich ein wenig mein Stil, wie ich ihn hier verwende. Angesichts der alten Wendel und der vielen jungen und alten Wendels auf der Welt, die auch dieses Jahr in den Weihnachtstannen hängen, geht das kaum anders. Das Moralin der Pfaffen in den Weihnachtsmetten stecken die Leute eh locker weg und die müde Mark, die sie den Johannes-B-Kerner-und-Helene-Fischer-und-ein-Herz-für-Kinder-Spektakeln rüberwachsen lassen, tut niemand weh, verglichen mit dem Schmerz einer Welt, in der immer mehr Menschen voreinander flüchten.

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