Das Zeitliche segnen! – Herbstzeit ist Lernzeit! – Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbst“.

November-Rose

Wir leben auch, um fallen zu lernen. Nur wohin? – Antwort kann einer geben, der zu den wenigen gehörte, die das Zeitliche zu segnen vermochten.
Als Rainer Maria Rilke nach mehrjähriger Krankheit endlich sterben durfte – er litt an einer seltenen Form von unheilbarer Leukämie – ließen seine Freunde auf seinen Grabstein, den er auf dem im Wallis hoch über dem Rhonetal gelegenen Kirchhof der alten Kirche zu Raron wissen wollte, die von ihm dafür selbst entworfenen Worte eingravieren:

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Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,

Niemandes Schlaf zu sein unter soviel

Lidern.


Die Rose ist eines der großen Symbole des einstmals Christlichen Abendlandes, sinnbildlich für das, um was es Rilke ein Leben lang ging, und stehend zugleich für die unio mystica, das Eins in Gott. Wer um ihren Widerspruch, ihre Gestalt und ihr Wesen, ihren Duft und ihre Dornen weiß, schläft niemals.


Wir kennen in der deutschsprachigen Lyrik Herbstgedichte der unterschiedlichsten Art; viele vermögen ihre Spuren in uns zu hinterlassen, ich denke nur an jenes berühmte Traklsche Sonett über den Herbst, überschrieben Verfall:

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Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,

Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,

Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,

Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.


Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten

Träum ich nach ihren helleren Geschicken

Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.

So folg ich über Wolken ihren Fahrten.


Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.

Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.

Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,


Indes wie blasser Kinder Todesreigen

Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,

Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.


Im Grunde nimmt dieses Sonett, das so wunderbar beginnt mit seinem Ende in den Terzetten den bevorstehenden Ersten Weltkrieg und den mit ihm zusammenhängenden Tod des Zeit seines Lebens drogenabhängigen und so hochsensiblen Georg Trakl vorweg, der nicht verarbeiten konnte, dass ihm, der während der Schlacht von Grodek als Sanitäter eingesetzt war und Schwerverletzte und Sterbende in einer Scheune betreuen sollte, kein Arzt zur Seite stand und er kein Verbandsmaterial zur Verfügung hatte.
Einen ganz anderen Weg durfte Rainer Maria Rilke gehen, der von sich schreiben durfte:

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Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dingen ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.


Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.


Wenn ich seine Gedichte anschaue, möchte ich zu Letzterem,  zum großen Gesang neigen, denn sie sind geprägt von einer Musikalität und einer Fülle an Tönen, wie man sie selten findet.

Das gilt gerade auch für sein Gedicht Herbst:

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Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.


Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.


Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.


Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält. 

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Diese Zeilen bezeugen diese Musikalität, denn der Klang so vieler Wörter, deren Vokale aufeinander verweisen – man denke an assonante Worte wie welken, ferne,  schwere, Erde, Sterne oder fallen, allen, andre sowie Blätter, Gärten, Nächten, Händen erinnern an jene wundervollen orientalischen Teppiche, in denen wiederkehrende Farben und Muster uns Strukturen vermitteln und eine Ordnung, die wir in allem Sein brauchen

Unsere Seelen reagieren auf Töne und Musik und Strukturen, auch unbewusst. Damit hängt zusammen, dass solche Gedichte und der Klang der Worte in uns Spuren hinterlassen.

Hier aber geschieht dies noch aufgrund einer anderen Ebene:

Trakl lenkte in seinem Gedicht den Leser mit Hilfe der Augen seines lyrischen Ichs in die Höhe und Weite und auch seine Zeilen waren hohe Kunst, was sich allein in der Personifikation der Glocken zeigte, die läuten. Läuten ist ein intransitives Verb, es erfordert keinen Zusatz, doch hier läuten sie etwas, sie läuten Frieden. Auf dem Hintergrund des eindrucksvoll alliterativen Beginns – AAbend – wirkt, dass Glocken Frieden läuten, ganz besonders.

Rilkes Weg ist auf andere und ihm ganz eigene Weise ebenso beeindruckend und höchste dichterische Kunstfertigkeit:

Er lässt uns sehen, dass die Blätter wie von weit fallen. Obwohl doch jedes Blatt eigentlich nur einige Meter zurücklegt, so ist es für Rilke doch, als fielen sie von weit, von weit her.

Es ist, als ob in den Himmeln Gärten welkten

Welkten ist ein versteckter Konjunktiv II, und der beinhaltet gern eine Nicht-Wirklichkeit, einen Irrealis. Für Rilke aber ist dieses Fallen wie von weit, dieses Welken von himmlischen Gärten keine Nicht-Wirklichkeit, sondern eine Vorstellung, mit der er uns einlädt, im irdischen Fallen der Blätter mehr zu sehen.

Wir kennen das, wenn wir davon sprechen, jemand habe ein Dach über dem Kopf. Als Stilmittel sprechen wir dann von einem pars pro toto, einem Teil fürs Ganze. Mit einem Dach, das man über dem Kopf hat, ist angesprochen, dass jemand zwischen festen Mauern sich befindet, in einer Wohnung, einem Haus – das Dach steht als Teil für Letzteres. 

Ganz selten, dass sich das Gegenteil von pars pro toto findet, hier ist es der Fall, hier findet sich ein totum pro parte, das Übergeordnete verweist auf eine untergeordnete Ebene, die Gärten auf welkende und fallende Blätter. In das Geschehen des Welkens sind nicht nur die Blätter, es sind viel mehr Ebenen einbezogen, als wir sehen können.

Sieh, sagt dieser Dichter und Seher, sieh, dass hinter dem Kleinen ein Großes verborgen ist, sieh in den Dingen auf der Erde, dass sie ein Größeres spiegeln.

Deine Hand fällt. Unsere Hände fallen.

Fanden wir oben ein totum pro parte, so finden wir hier ein pars pro toto: unsere Hände stehen für unser aller Sein.

Rilke zeigt uns in unnachahmlicher Künstlerschaft, dass hinter dem Fallen der Blätter sich viel mehr verbirgt: Auch die Erde fällt – und deine Hand, unsere Hände, unser Sein.

Herbstzeit ist Lehrzeit. Sie kann uns das Fallen lehren.

Wir leben auch, um Fallen zu lernen.

Ältere Menschen, wenn sie sich nicht gegen den Prozess des Lebens stemmen, wissen darum, spüren, dass sich mit zunehmendem Alter die Verbindung zum Physischen lockert. Bei manchen ist es so: Die Seele wird freier. Manchen Älteren spürt man die damit verbundene Form der Gelassenheit an.

Sie ist auch eine Vorbereitung auf das Fallen.

Irgenwann löst sich ein Blatt vom Baum

Die Furcht vieler Menschen vor dem Tod kommt daher, weil ihnen die verneinde Gebärde eines Blattes fremd ist.

Wir bedürfen seiner Gelassenheit. Von jedem Blatt können wir sie lernen.

Irgendwann verlässt jede Seele endgültig ihren Körper.

Das aber ist kein trivialpsychologischer Vorgang, wie er sich in der Gesinnung derer findet, die davon recht leichtfertig schreiben und sprechen, wenn sie mit einem Rat zuschlagen, sagend: Lass dich einfach fallen! Lass einfach los!

Niemand kann wirklich auf eine friedliche Weise loslassen, wenn er nicht weiß, wohin er fällt.

Dieses Wissen hängt nicht mit den Worten, die jemand spricht, zusammen. 

Ich habe das Sterben eines Menschen begleitet, der ein so überzeugter Christ war und doch nicht sterben konnte.

Es geht nicht darum, dass wir „wissen“, ob Gott uns in seinen Händen hält, sondern es geht um diese Gebärde, von der Rilke spricht.

Eine Gebärde kann eine äußere sein und eine innere.

Rilke meint eine innere.

Die verneinende Gebärde weiß darum, dass Leben ein Steigen und Fallen ist, ein Geben und Nehmen, ein Einatmen und Ausnahmen, ein Ja und ein Nein.

Doch niemand kann wirklich loslassen, wirklich fallen, wenn er nicht um jene Hände weiß.

Es ist gut, wenn wir uns diese innere Gebärde eigen ist.

Wenn wir sie uns zu eigen machen.

Und wenn wir wissen, dass jene Hände, die, pars pro toto, für den Einen stehen, unser Fallen umgeben und halten.

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ROLLEI

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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3 Antworten zu Das Zeitliche segnen! – Herbstzeit ist Lernzeit! – Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbst“.

  1. Christiane schreibt:

    „Die verneinende Gebärde weiß darum, dass Leben ein Steigen und Fallen ist, ein Geben und Nehmen, ein Einatmen und Ausnahmen, ein Ja und ein Nein.“ Ja, ich bin derselben Ansicht, und dennoch frage ich mich, warum diese Gebärde als „verneinend“ beschrieben wird. Für mich ist das nicht so. Was wird verneint, was für eine Bewegung ist dieses Fallen?
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Hallo Christiane,
      vielleicht hätte Dir selbst Rilke nicht intellektuell präzise antworten können, warum er von einer verneindenden Gebärde spricht. Man darf das nein in verneinend nicht werten und es als negativ sehen, obwohl es ein Negationspartikel ist.
      Von der ersten Sekunde unseres Lebens ist unser Leben lebensverneinend; Leben nimmt ab. Auch jetzt fällst Du, falle ich. Wenn man so will, ist Leben bejahend während des Lebens nach dem Leben bis zur Geburt.
      Wenn ich die welken Blätter sehe und weiß, dass Leben fortwährend welkt, ahne ich, was Rilke meint. Manchmal wissen Dichter wohl selbst nicht, warum sie ein Wort nehmen. Niemand weiß, was Georg Trakl definitiv meint, wenn er in „Ein Winterabend“ davon spricht, dass der Baum der Gnade golden aus der Erde kühlem Saft blüht.
      Viel eher habe ich in meinem ahnenden Nachvollzug – mehr ist es ja oft nicht – Schwierigkeiten, warum die Erde schwer ist und in die Einsamkeit fällt, wo doch wir alle, die auf ihr leben, in die Hände Gottes gebettet sind.
      Ich mache es dann so, dass ich mir dieses Bild vorstelle und zu erahnen versuche, warum er der Erde eine Schwere gibt. Wenn wir wüssten, in welcher Situation er war und wie er sich fühlte, dann ahnten wir vielleicht viel eher, warum er die Erde schwer sein lässt. Rilke schreibt ja selten linear und logisch, viel eher so, wie er eines seiner Orpheus-Sonette beginnt: Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter / dir . . .
      Ich wollte gerade noch schreiben, dass die Bewegung des Fallens unser Leben symbolisiert, aber genau genommen stimmt das ja nicht, denn wenn das Blatt den Baum verlässt, entspricht das eher dem Zustand, wenn auch wir uns vom Baum des Lebens, vom Leben also getrennt haben . . . Ich hör´ hier mal auf, das sprengt wohl die Form des Kommentars :-)
      Wenn ich Dir auch nicht weiterhelfen konnte: Liebe Grüße,
      Johannes

      • Christiane schreibt:

        Ach Johannes, ich danke dir. Weitergedacht definiere ich mal für mich, dass Rilke hier eine Dualität von Steigen und Fallen mit „bejahen“ und „verneinen“ belegt: „bejahend“ als „zum Himmel hin“, „verneinend“ als „vom Himmel weg“. Das erklärt mir auch den „Fall“ der Erde, die im kabbalistischen Baum des Lebens ja auch ganz unten angesiedelt ist (ja, ein dynamisches Modell, ich weiß), also möglichst weit entfernt von Gott, der „Krone“.
        Ich bin immer noch nicht glücklich mit der Formulierung, aber mit dem Sinn könnte ich leben. ;-)
        Schönen Sonntag, liebe Grüße
        Christiane

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