… und jede nimmt und gibt zugleich … – Wenn doch nur Conrad Ferdinand Meyer mit „Der römische Brunnen“ unsere Politiker lehren könnte!

Manchmal sind Dichter Philosopen und wären doch besser noch Politiker gewesen!

Wären sie es nur heute! Man ahnt, warum es Platon so angelegen war, nur Philosophen Staatsmänner sein zu lassen. Allerdings hätten sich die Seinen auch nicht so in die Öffentlichkeit gedrängt, wie das heute mancher Philosoph tut.

Conrad Ferdinand Meyers Leben – er lebte von 1825 bis 1899 –  war gewiss nicht immer glücklich, seine Depressionen, seine Melancholie, seine Mutterproblematik – an all dem hat er ein Leben lang gearbeitet und auch deshalb zeigt sein Werk  immer wieder Perlen eines großen Bewusstseins. Zu ihnen gehören jene faszinierende Ballade aus den Hugenottenkriegen mit ihrem so eindrücklichen Schluss, Die Füße im Feuer, und eines meiner Lieblings-Liebesgedichte, Stapfen; selten gibt es ein Gedicht, das in so zärtlichem Ton geschrieben ist.

Auch sein Gedicht Der römische Brunnen gehört zu diesen Perlen. Es nimmt Bezug auf die fontana dei cavalli marini in der Villa Borghese – Rilke hat ebenfalls zu diesem Brunnen ein Gedicht geschrieben; er findet sich im Übrigen im Kloster Maulbronn nachgebildet.

Dieses Gedicht ist oft wegen seines genial-phänomenalen Auftaktes zitiert worden, denn es beginnt mit einer extravaganten Tonversetzung, wie man jenen metrischen Kunstgriff nennt, wenn im Rahmen eines Jambus der Akzent nach vorn auf die eigentlich unbetonte Silbe gezogen wird, so gleich zu Beginn – doch ist das, weiß Gott, nicht alles:

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Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

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Gerade weil der Strahl entgegen der metrischen Richtung aufsteigt – eigentlich müsste steigt betont sein – tut er das um so gewisser. Man kann kaum wirkungsvoller ein Gedicht beginnen lassen.

Viel ist über diese gerade mal acht Zeilen geschrieben worden, dass beispielsweise die ersten drei Strophenpaare jeweils einer Schale zugeordnet sind und wie schnörkellos und fast schmucklos es gefasst ist, die Form des Brunnens widerspiegelnd, die es erst ermöglicht, dass das Wasser so lebendig wirken kann. Rainer Maria Rilke hat mit seinem Gedicht dem Wasser noch ungleich mehr Raum gegeben; Meyer ging es, wie ich glaube, um Anderes.

Das wird vor allem am Schluss ersichtlich, der erneut die Meisterschaft dieses Schweizer Autors belegt.
In der letzten der acht Zeilen finden wir das Gedicht zweihebig, vorher war der Jambus durchgängig vierhebig. Zusammen mit der männlichen Kadenz – sie finden sich ja im ganzen Gedicht, dass also die letzte Silbe jedes Verses betont wird – wirkt diese Schlusszeile wie ein Amen: Genau so ist es:

Wer nimmt und gibt, kann strömen und ruhen.

Meyer hat dies unnachahmlich dadurch gestaltet, dass er seinen klar strukturierten Aussagen, der klaren Metrik und dem pointierten Schluss auch sprachlich das Fließen gegenüberstellte, nicht nur durch das anaphorisch in der letzten Zeile wiederaufgenommene Und, sondern, indem er diese Konjunktion, die ja – entsprechend ihrer Bezeichnung, abgeleitet von lat. coniungere, übersetzt verbinden – das Fließen auf der grammatikalischen Ebene repräsentiert, in den letzten beiden Versen viermal vorhanden sein lässt; fasst die Hälfte der Wörter sind reines Verbinden.

Wir alle sehnen uns ja immer wieder auch nach Ruhe und Frieden in aller Bewegung, die wir – das wusste schon Heraklit mit seinem panta rhei – dem Leben zugestehen, sonst leben wir nicht wirklich.

Genau aber diese Verbindung zeigt Meyer auf, dass Leben nämlich antithetisch und synthetisch zugleich sein will und muss.

Wir leben unser Leben in und durch Gegensätze, ohne das Männliche und Weibliche gäbe es kein Leben, ohne Erde gäbe es keinen Himmel (für die Griechen war Gaia, die Erde sogar vor dem Himmel, vor Uranos da; für die Griechen war Erstere allerdings mehr als ein Planet).

Eine Kultur von Nehmern, von Einatmern

Und doch wollen viele Zeitgenossen dieses Gesetz außer Kraft setzen:

Wir sind zu weiten Teilen zu einer Kultur von Nehmern, von Einatmern geworden; Menschen wollen nehmen, nehmen, nehmen; geben tun sie nur vor und an Weihnachten oder wenn sie zu sehr betroffen sind, z.B. weil ein toter Junge auf einem Strand liegt.

Eine Kultur, die so lebt, wird notwendig untergehen, wird an sich selbst ersticken und die westliche ist inmitten dieses Prozesses, den ein Goethe in seiner allem Leben zugrundeliegenden heilsamen Form so unnachahmlich in Worte fasste:

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Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich presst,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt.

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Von all diesem Wissen zehrt unsere Kultur – noch. Ausatmen aber wollen viele wirklich schon lange nicht mehr.
Mir fällt dabei die Geschichte ein von jenem europäischen Professor, der zu einem zen-buddhistischen Weisen gereist war und von ihm etwas über diesen Weg der Erlösung und Befreiung von menschlichem Leid wissen wollte. Höflich bat ihn der Weise, sich zu setzen, nahm die Teekanne zur Hand und goss dem Professor aus Europa in seine Tasse ein. Doch zu dessen Entsetzen hörte er nicht mehr auf, er goss und goss. Schließlich rief, ja, schrie der Professor fast:„So hören Sie doch auf, die Tasse ist doch voll!” – „Sehen Sie”, sagte der Zen-Buddhist zu ihm:„Sie sind wie diese Tasse. Sie sind zu mir gekommen und wollen etwas über den Zen-Buddhismus erfahren. Aber Ihre Tasse ist voll, Sie sind voll von Ihrem Wissen, Ihren Einstellungen und Vorstellungen. Wie wollen Sie wirklich etwas von mir hören? Wie soll das gehen?”

Leider weiß ich nicht mehr, wo ich diese Geschichte gelesen habe. Aber sie gibt auf köstlich-ernste Weise wieder, um was es geht, dass nämlich manche Menschen einen vollen Speicher haben und in Wirklichkeit nichts Neues mehr wissen wollen.

Von können kann keine Rede sein – oder haben wir es verlernt, unsere Tasse zu leeren?

Ja, offensichtlich, und deshalb geht es nicht nur um die Polarität von Geben und Nehmen, sondern um noch viel mehr, um eine Wahrheit, die wir in der Bibel finden: 

Geben ist seliger denn nehmen.

Tatsächlich hängt von diesem Satz unser Seelenheil ab, unser Leben, unser Überleben.
Drähte und Zäune können Wasser nicht aufhalten, genauso wenig wie Flüchtlinge. Wir können Wasser nicht in den Griff bekommen, genauso wenig wie Flüchtlinge. Wir können nur dem Wasser Richtung geben.

Zu lange hat diese Kultur ihm eine Richtung gegeben, ohne auf die Folgen zu achten. Nun staut es sich gewaltig an einer Stelle.

Aber man muss das Wasser verstehen lernen. Die Seehofers und Orbáns und Erdogans dieser Welt verstehen es nicht.

Ist es denn wirklich nicht erkennbar, dass solche Menschen reine machtphallische Narzissten sind?

Wenn wir ihnen folgen, wird das Wasser uns lehren, um was es wirklich geht, bis wir es verstehen wollen.

Oder wir werden untergehen.

Dann werden viele nicht einmal mehr die Wahl zwischen der Titanic und der Arche Noah haben.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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