Herz im Himmel! – Über ein wunderschönes Bild und bemerkenswertes Gedicht von Arno Holz.

Wenn jemand von sich sagt, er liege im Gras und sein Herz sei im Himmel – wo ist es dann?
Da oben sind doch nur Gase und Gesteinsbrocken und eine Atmosphäre, in der wir nicht leben können.
Der Engländer spräche hier von sky.
Jemand aber, der sagt, sein Herz sei im Himmel, der spricht doch von heaven.
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Warum aber glauben wir fast selbstverständlich, dass der Dichter den Menschen, der da im Gras liegt – es kann eine Frau, es kann ein Mann sein – sicherlich in den Himmel nach oben schauen lässt?
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Weil wir mit den Augen gewohnt sind, nach außen zu schauen. 

Deshalb schauen wir nach oben, zu den Sternen. Sonst würden wir nach innen schauen. Da aber suchen wir den Himmel so ohne Weiteres nicht, obwohl er eigentlich da nur sein kann. – Oder?
.
Es gibt noch einen anderen Grund: Wenn wir schauen, vor allem, wenn wir mit dem Herzen schauen, dann tun wir das wie ein Kind. Und das singt:
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Weißt du, wie viel Sternlein stehen
An dem blauen Himmelszelt
Weißt du, wieviel Wolken gehen
Weit hin über alle Welt
Gott der Herr hat sie gezählet
Dass ihm auch nicht eines fehlet
An der ganzen großen Zahl.

.Unser inneres Kind interessiert nicht, was da oben wirklich ist. Und da ist ja ohnehin viel mehr, als wir wissen; schließlich wissen wir und kennen nach wissenschaftlicher Auffassung ungefähr fünf Prozent vom sky.

.Und ein Kind singt auch:.

Wer hat die schönsten Schäfchen?
Die hat der goldne Mond,
der hinter unsern Bäumen
am Himmel droben wohnt.

Übrigens die erste Strophe eines Liedes, das der Dichter des Deutschlandliedes Hoffmann von Fallersleben schrieb.

Wie ich auf all das oben Geschriebene kam? 

Weil mir ein Gedicht von Arno Holz – er lebte von 1863 bis 1929 – über den Weg lief und ich basserstaunt war, von ihm, den ich als naturalistischen Dichter par excellence, mir bekannt durch Drama und Prosa, die er mit Johannes Schlaf zusammen verfasste, vom Studium her noch kannte, solche Zeilen zu lesen. Sie stammen aus seinem als Weltgedicht konzipierten Gedichtzyklus Phantasus, der sein Weltbild präsentieren und die inneren Kräfte vermitteln sollte, die diese Welt ausmachen, wobei er schlussendlich weit mehr als 3000 Seiten umfasste. 

Arno Holz war mit seinen Ansichten und seinen literarischen Plänen ein hochinteressanter Mann, der es allerdings nie bis in die vorderste Reihe seiner Dichterkollegen brachte; für seine Entwicklung aber mag jenes Leben um die Jahrhundertwende eminent wichtig gewesen sein – nun aber zu seinem Gedicht:.

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Hinter blühenden Apfelbaumzweigen,
steigt der Mond auf.

Zarte Ranken,
blasse Schatten,
zackt sein Schimmer in den Kies.

Lautlos fliegt ein Falter.

Ich strecke mich selig ins silberne Gras
und liege da
das Herz im Himmel!

.Die letzte Zeile berührt zutiefst, weil sie einen Bogen spannt von der Erde zum Himmel und zurück.

Das ist einfach auch ein berührender Gedanke, dass jemand sein Herz im Himmel habe, obwohl er auf der Erde im vom Mond beschienenen Gras liegt.

Irgendwie denkt man, es hat dies alles mit Liebe zu tun, mit einer persönlichen, vielleicht aber auch mit einer kosmischen. 

Das Herz im Himmel jedenfalls, das mag man mitnehmen als eine Vorstellung, die weniger Gedanken als vielmehr Gefühle auslöst und die jedem Herzen und der Brust, in der es schlägt, guttun.

Zugleich lassen mich die Worte und Gedanken dieses Gedichtes diesen Arno Holz, dessen Herz jetzt hoffentlich im heaven schlägt, auf ganz neue Weise wahrnehmen.

Wie viele Menschen lebten und leben unter uns, von denen wir nichts wissen und per Zufall – weil es uns zufällt – etwas von ihnen erfahren, was viel zu schade ist, vergessen zu werden.

.Von seiner Struktur und Sprache her wirkt das Gedicht recht unbedarft, ist es aber nicht. Es sind nicht nur die Alliterationen (fliegt – Falter; selig – silberne; Herz – Himmel), die ja immer in unserer Seele etwas zum Schwingen bringen, es ist auch nicht nur die Wortneuschöpfung des Verbs zacken; es ist vor allem die zweite Strophe, die total beeindruckt, mich jedenfalls. Ihre vier ersten Wörter sind alle trochäischer Natur, sind in der Silbenfolge also betont/unbetont; das gilt für zárte, für Ránken, für blásse und Schátten; es sind gleichermaßen Assonanzen, also Worte mit gleichen Vokalen aber ungleichen Konsonanten, gefolgt, wie gesagt, von der Wortneuschöpfung, die sofort Bilder hervorruft von einem Mond, der hier personalisiert ist, er zackt Schimmer in den Kies.

Dann folgt eine Strophe mit einer Zeile, auch trochäischer Natur, die synästhetische Assoziationen weckt, denn lautlos betrifft das Hören, das Fliegen des Falters aber betrifft das Sehen; fast möchte man sagen, man höre den Falter lautlos fliegen.
Zu guter Letzt aber folgt in gewisser Weise ein Bruch, nicht nur, weil, etwas überraschend so am Schluss, das lyrische Ich sich fast vehement anmutend einbringt, sprachlich ohne jede Metrik, von einem Trochäus also weit entfernt, es ist einfach Prosaton, in Zeilen umgebrochen – mit diesem Herz-Himmel-Schlussakkord.
Übrigens begann das Gedicht auch sprachlich auf diese Weise. So hat es gewissermaßen einen Rahmen, der in einer wunderschönen Vorstellung endet, und es hat ein Binnenleben, metrisch auffallend und klanglich, wobei der Falter uns daran erinnern mag, dass ein Schmetterling gern für die Seele steht, die hier schon ganz lautlos unterwegs ist, zum Himmel!
.
Was fast etwas unscheinbar wirkt, ist für mich ein kleines Kunstwerk!
.
Noch einmal zum Abschluss das Gedicht, einfach, weil es so etwas Besonderes ist:
.
.

Hinter blühenden Apfelbaumzweigen,
steigt der Mond auf.

Zarte Ranken,
blasse Schatten,
zackt sein Schimmer in den Kies.

Lautlos fliegt ein Falter.

Ich strecke mich selig ins silberne Gras
und liege da
das Herz im Himmel!

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7 Antworten zu Herz im Himmel! – Über ein wunderschönes Bild und bemerkenswertes Gedicht von Arno Holz.

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    Ein sehr schönes Gedicht, eine Momentaufnahme, so lese ich es. Wie ein glückliches Bild oder ein Bild vom Glück. Das lyrische Ich ist glückselig, es träumt, es hat den Kopf in den Wolken sozusagen, das Herz im Himmel. Es ist zeitlos und friedlich, man wird beim Lesen gleich fortgetragen in diese schönes Atmosphäre.

    Interessant, Deine Gedanken dazu zu lesen. Das „zackig“ gefällt mir auch sehr. Und den Falter höre ich auch flattern, leise. Eben dachte ich, man könnte das Gedicht aus als eines lesen, das vom Tod, d.h. vom Ende des Menschen in diesem Körper erzählt.

  2. Liebe wolkenbeobachterin,

    wenn so von unserem Tod erzählt wird oder wir selbst das tun, das wäre schön. Himmel ist ja nicht einfach Himmel, jedenfalls in meiner Vorstellung nicht, aber ich glaube, dass wir Menschen, wenn wir sterben, erstmal Himmel erleben, weil jener weiß, wie das Leben auf der Erde ist. Kein Zuckerschlecken.
    Ich entnehme das jedenfalls den Nahtodberichten, die ich gelesen habe.

    Ich glaube ja, dass nicht alle Dichter ihr Gedicht so bewusst gestalten, wie das meine Gedanken nahelegen könnten. Ich glaube eher, dass ihre Gedichte oft solche Strukturen aufweisen, weil ihre Gedanken so sind. Da wird einem dann manchmal bewusst, wie wunderschön gedacht sie sind. Und wenn sie dann noch unser natürliches Empfinden ansprechen, dann finde ich das träumend schön für unsere Realität.
    Das tut dann einfach gut.
    Ich glaube, Du weißt das auch von Deinem Scheiben.

    Liebe Grüße!

    • wolkenbeobachterin schreibt:

      Lieber Johannes, seitdem ich gestern Nacht diesen Gedanken hatte, dass dieses Gedicht vom nahenden Tod eines Menschen erzählen könnte, ist nun dieser Gedanke wieder da, nach dem erneuten Lesen des Gedichtes. Es ist für mich einerseits eine Art Sinnbild für Abschiednehmen, aber auch Momentaufnahme eines glücklichen Augenblicks (ohne den Tod dazu gedacht). Das ist ja das schöne, wenn das Gedicht verschiedene Interpretationen und Leseweisen ermöglicht.
      Himmel ist nicht gleich Himmel, da hast Du wohl recht.
      Auch damit, dass das Schreiben eines Gedichtes etwas Eigenes ist. Und der Leser/in, der sich den Worten nähert, tut dies sehr individuell und es ist möglich, dass sich Intention des Dichters/der Dichterin mit dem „Lesenden“ deckt, manchmal gänzlich, manchmal teilweise, manchmal wenig oder aber eine Sichtweise eröffnet auch dem Dichter/der Dichterin einen neuen Raum. Manchmal ist es so, als wäre da noch ein anderes Gedicht über dem Eigentlichen, ich finde das sehr interessant und spannend.
      Deine Gedanken zu meinem Gedicht haben mir sehr gefallen. Vielen lieben Dank dafür. Das mit dem „Hauch“, wovon Du schreibst, hat mir darin ganz besonders gefallen.
      Und nein, was das eigene Schreiben angeht und die Einschätzung davon, … das ist für mich häufig sehr schwer einzuschätzen. Umso mehr freue ich mich über Deine freundliche Rückmeldung dazu.
      Liebe Grüße zurück!

      • Liebe Wolkenbeobachterin, das ist schön, sich so mit Dir auszutauschen, und was mich nochmal zur Tastatur greifen lässt, ist, dass Du schreibst, manchmal ist es so, als wäre da noch ein anderes Gedicht über dem Eigentlichen.
        Das ist ein Gedanke, der mich schon sehr bewegt hat.
        Ich glaube, dass es genau so ist, nicht immer, aber dann, wenn wir in uns selbst sind bei dem, was wir tun. Anlässlich der Komposition von Musik habe ich das schon gedacht, nachdem ich einmal gelesen hatte, wie jemand schrieb, dass immer, wenn das Große Hallelujah Händels gesungen wird, ein Engelchor im Himmel mitsingt. Wenn das so ist, vielleicht hat Händel ihn beim Komponieren gehört.
        Töne und Worte, die tief empfunden sind – und dazu muss man kein bekannter großer Dichter sein, nur ein nach Wahrheit suchender Mensch – haben im Himmel vielleicht eine Urform, die ein Mensch wahrnimmt. Womöglich können die menschlichen Übersetzungen in Worte und Töne nie die himmlische Vorlage genau wiedergeben, aber nicht von ungefähr sagen wir manchmal: Das ist himmlisch. Ich habe das anlässlich Beethovens Musik gedacht: Was Beethoven im Inneren gehört hat, hat er ja versucht, in Töne umzusetzen. Und manche Sätze seiner Symphonien sind doch tatsächlich so sphärisch schön, dass man glaubt, auch im Himmel kann es kaum schöner klingen.
        In allem, was wir tun, suchen wir letztendlich doch das Eigentliche, das Sein hinter allem Schein. Kein Wunder war das für den guten Schiller so ein wichtiges Thema.
        Manchmal nur ist es so – das ist eine Erfahrung von mir -, dass ich, wenn mir selbst etwas toll vorkommt, weit von der Wahrheit entfernt bin. Das ist einfach die Egofalle in all unserem Tun. Deshalb ist es so wichtig, dass wir bei all dem, was wir tun, in unserem stillen Kämmerlein bleiben, selbst wenn wir weitergeben, was uns in den Sinn kam.
        Liebe Grüße!

        PS Kennst Du eigentlich das Gedicht von Ingeborg Bachmann, das beginnt: Mein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind / mein unbedeckter Kopf hat´s Wolken angetan / mein Herz hat anderswo zu tun . . . eines meiner Lieblingsgedichte (überschrieben ist es: „Erzähl mir, Liebe“, ich hab´s mal auswendig gekonnt); es kam mir gerade, weil Du doch eine wolkenbeobachterin bist.

  3. wolkenbeobachterin schreibt:

    Lieber Johannes, auch mir bereitet dieser Austausch viel Freude, danke dafür! Ich habe gerade mal nach dem von Dir erwähnten Gedicht geschaut und es hier gefunden:

    Ganz besonders gefällt mir dieses:
    http://www.lyrikline.org/de/gedichte/erklaer-mir-liebe-268#.VebPLbGBWrY

    dein Herz hat anderswo zu tun,
    dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,

    weil das die Zeilen sind, die besonders mit dem, worüber wir hier sprechen zu tun hat.

    Denn das mit dem Gedicht hinter dem Gedicht und mit dem Lied hinter dem Lied – Du hast ein paar sehr schöne Beispiele dafür gefunden, das trifft es. Und vielleicht ist es ein glücklicher Zufall :-), dass ich gerade vor ein paar Tagen das mit dem Unaussprechlichen gepostet habe. Denn manchmal ist es benennbar und sagbar, was sich ausdrücken möchte, manchmal „schwingt es“ lediglich mit und bleibt unaussprechlich.

    Und Du schreibst so schön, als hätte Händel den Engelschor im Hintergrund gehört, vielleicht ja, die Vorstellung ist eine schöne, aber vielleicht war es so, dass dieser Chor erst durch seine Musik gerufen wurde, sich also erst hinterher oder gleichzeitig dazu gesellte und er wusste gar nicht davon, – hat es aber gespürt.

    Und so ist es ja oft, dass man – gerade als Wahrheitssucher / als Wahrheitsliebender -, etwas spürt, das nicht mit Worten zu benennen ist aber doch mitschwingt. Und das hat Frau Bachmann (ich hatte gerade spontan einen Tippfehler in ihren Namen gebracht – Frau Bachmann wurde zu Frau Bauchmann ! – interessant, nicht? Wieder so ein Fall. :-) ) … jedenfalls hat Frau Bachmann das fein in den obigen Zeilen transportiert und mitgeteilt, ohne direkt auszusprechen, was damit gemeint ist.

    Und das ist ja das Schöne, beim Schreiben, beim Sprechen, bei dem, was Mensch tut – dass nicht immer klar ausgesprochen werden MUSS, was in uns bewegt und berührt ist. Und doch gibt es dann manchmal jemanden, der genau das erspüren oder benennen und sagen kann.

    Du schreibst, dass vielleicht Worte nicht ganz das wiedergeben können, was wir (Dichter/in oder nicht) spüren und das ist auch meine Erfahrung beim Schreiben. Dass sich nicht alles mitteilen lässt (wie auch in meinem Gedicht geschrieben). Dass sich manches, auch in uns manchmal nur andeutet, mehr nicht. Oder dass die Worte nicht ausreichen, das zu benennen und zu beschreiben, was wir wissen, spüren, mitteilen wollen, aber dass es eben doch etwas gibt, dass zumindest angedeutet werden oder kurz (mit einem Hauch!) angedeutet werden kann und im aufmerksamen, sensiblen Leser offenbart sich dann eben doch das, was dahinter liegt.

    Herzliche Grüße von Nebenan,
    und ganz lieben Dank für das schöne Gedicht, das ich bislang noch nicht kannte von Frau Bauchmann :-)

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