Träne auf Träne dann stürzet hernieder . . . Immer wieder stellt Eduard Mörike Einzelschicksale in den Mittelpunkt

Lange Zeit hat man seine Gedichte in eine biedermeierliche Ecke gestellt, schrieb er doch in einer Zeit, in der nach französischer Revolution und den napoleonischen Befreiungskriegen die deutsche Seele sich erholen wollte von den europaweiten Schrecknissen. Da malten Künstler wie Carl Spitzweg Themen aus einer kleinbürgerlichen und bürgerlichen Idylle. Aber auch Spitzweg wird man nicht gerecht, wenn man ihn mit biedermeierlich brandmarkt. Immer wieder ist es wichtig, dass wir Dinge im Detail betrachten und die Falten im Gesicht von Menschen sehen.

Und Mörike und Spitzweg hätten dies zu jeder Zeit getan, nicht nur in jenem Zeitalter, das wir heute unter der Bezeichnung Restauration bzw. Biedermeier erfassen.

Mörike litt unter seinem Pfarr-Beruf und es ist kein Wunder, dass er sich mit 39 Jahren krankheitsbedingt in den Ruhestand versetzen ließ. Von seinem schriftstellerischen Wirken konnte er kaum leben, aber heute weiß der ein oder andere seine Blicke zu schätzen, die er auf das Leben geworfen hat.

Immer wieder ist es so, als ob er den Vorhang zurückzieht und zu seinem Leser sagt: Schau hin!

Einer dieser Blicke gilt einem verlassenen Mädchen. Es sind nicht viel Worte, die Mörike macht, aber in den wenigen sammeln sich die Tränen und das Leid einer so bekümmerten Seele:

.

Früh, wann die Hähne krähn,

Eh‘ die Sternlein verschwinden,

Muss ich am Herde stehn,

Muss Feuer zünden.

.

Schön ist der Flammen Schein,

Es springen die Funken;

Ich schaue so drein,

In Leid versunken.

.

Plötzlich, da kommt es mir,

Treuloser Knabe,

Dass ich die Nacht von dir

Geträumet habe.

.

Träne auf Träne dann

Stürzet hernieder.

So kommt der Tag heran –

O ging‘ er wieder! 

.

Bewundernswert, wie es Mörike gelingt, mittels so weniger Worte so viel Atmosphäre einzubringen. Und auch wenn angesichts von so viel Leid, wie es hier in den wenigen Worten zum Ausdruck kommt, das Wort bewundernswert fehl am Platz ist: Dieser Dichter zeigt, was Worte und die mit ihnen vermittelten Bilder weiterzugeben vermögen.

Da findet sich in den ersten beiden Versen der ersten Strophe ein Einschub, der den Zeitpunkt dessen, woran wir teilnehmen, in den Mittelpunkt rückt, wenn von dem Krähen der Hähne und dem Verschwinden der Sternlein die Rede ist.

Weißt Du, wieviel Sternlein stehen … So beginnt ein Kinderlied. Und solche Diminutive zaubern auch eine kindliche Atmosphäre herbei. Hier aber, durch das zweimalige Muss wird sofort klar: idyllisch ist hier nichts, weder das Krähen der Hähne noch das Verschwinden der Sternlein.

Mörike arbeitet gern und immer wieder mit Diminutiven, mit diesen sogenannten Koseformen, diesem Volksliedton, der uns sofort ins Vertrauen zieht.

Die zweite Strophe lässt klar werden, warum man solche Gedichte Rollengedichte nennt: Wie Mörike hier seinen Leser in die Perspektive des Mägdleins hineinversetzt, das ist schon unglaublich gekonnt. In der letzten Zeile der zweiten Strophe aber bricht auch hier wieder eine mögliche Idylle, wenn vom dem Leid, in welches das Mägdlein versunken ist, die Rede ist.

Schnell wird klar, wie es dazu kam: Ein Traum war schuld, in dessen Mittelpunkt einer steht, der so persönlich angesprochen wird, dass sofort jeder spürt, wie sehr dieser treulose Knabe dem Mägdlein nahesteht, nahegeht. Und gerade dadurch, dass Mörike das Mägdlein sich an den Traum erinnern lässt, und nur über diesen an den Knaben, ist dieser noch mehr präsent!

Man nennt dieses stilistische Mittel ein Polyptoton: Gemeint ist, wenn ein Wort wiederholt wird, nur in einer anderen Flexion. Zu Beginn der letzten Strophe steht Träne erst im Nominativ, dann im Akkusativ. Aber genau mit solchen Wendungen wird deutlich, wie sehr sie stürzen, die Tränen.

.

Träne auf Träne dann

Stürzet hernieder.

.

Welch ein Leid.

Und als Leser versteht man so sehr, dass dem Mägdlein die Lust auf Leben, die Freude am Leben, ja der Wille, leben zu wollen, genommen ist.

Um so viel Leid zu vermitteln, greift mancher Autor zu recht brachialen Worten. Mörike muss das nicht.

Wie schlicht alles wirkt. Doch diese Schlichtheit verbirgt ein Wissen um Leid, wie es intensiver kaum zu spüren sein mag.

Dahinter verbirgt sich Mörikes Kunst.

In Wirklichkeit ist diese Form gar nicht so schlicht. Da variiert immer wieder der Jambus, liegen Tonversetzungen vor, finden sich Alliterationen, Anaphern und Inversionen, das heißt, Abweichungen vom gewöhnlichen Satzbau, und, wie das geträumet habe mittels eines Enjambements in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt wird, zudem noch am Strophenschluss: das ist für mich höchste Meisterschaft.

Auf solche Weisen hat Mörike immer wieder Leid thematisiert, gerade im Zusammenhang mit Mädchen, mit Frauen. Das findet sich ja schon in seinen Peregrina-Gedichten, aber auch in einem, das ich sehr zu Herzen gehend finde. Ein Stündlein wohl vor Tag ist auch scheinbar so schlicht wie obiges Gedicht und doch mit unsäglich viel Liebesleid erfüllt:

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Derweil ich schlafend lag,

Ein Stündlein wohl vor Tag,

Sang vor dem Fenster auf dem Baum

Ein Schwälblein mir, ich hört‘ es kaum,

Ein Stündlein wohl vor Tag:

.

Hör an, was ich dir sag‘,

Dein Schätzlein ich verklag‘:

Derweil ich dieses singen tu‘,

Herzt er ein Lieb in guter Ruh‘

Ein Stündlein wohl vor Tag.

.

O weh! nicht weiter sag‘!

O still! nichts hören mag!

Flieg ab, flieg ab von meinem Baum!

– Ach, Lieb‘ und Treu‘ ist wie ein Traum

Ein Stündlein wohl vor Tag.

.

Mit großem Kummer hat auch das Schwälblein in Mörikes Gedicht Ein Stündlein wohl vor Tag zu tun:

Die Frühe, die Zeit vor Sonnenaufgang, das ist Mörikes Zeit. Da spielen viele seiner Gedichte.

Und auch hier, wie in obigem Gedicht, liegt ein Kunstgriff vor, der die Wirkung des Gedichtes unbewusst beeinflusst, unbewusst auf den Leser wirkt:

Wie kann das lyrische Ich die Botschaft des Schwälbleins – auch in diesem Gedicht finden sich wieder Mörikes Diminutive – gehört haben, wo es doch schlafend lag?

Das Schwälblein hat seine so traurige Botschaft in den Traum des lyrischen Ichs hineingesprochen; im Grunde wird damit vorbereitet, das Lieb und Treu auch wie ein Traum sein müssen.

Lieb und Treu. Eigentlich müsste es grammatkalisch korrekt heißen: sind wie ein Traum.

Mörike schreibt aber:

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– Ach, Lieb‘ und Treu‘ ist wie ein Traum

.

Zufall oder nicht: Jedenfalls vermittelt und verstärkt das die Tatsache:

Lieb und Treu gehören doch eigentlich zusammen, eigentlich sind sie eins, eine Einzahl, eben Singular.

So wünscht es sich im Grunde in heißem Begehren das lyrische Ich.

Doch seine Realität ist eine andere und die Botschaft des Schwälbleins lässt keinen Zwefel: Lieb und Treu – das ist ein Traum.

Schwälblein machen Menschen eigentlich glücklich. Seltsamerweise findet man sie in der Literatur gar nicht so oft.

Sie finden sich in in Paul Gerhardts Geh aus mein Herz und suche Freud, auch in der Bibel kommen sie vor.

Für mich sind in diesem Zusammenhang Ovids Metamorphosen unvergesslich:

Da ist von Prokne, der Tochter des Königs Pandion von Athen die Rede, die Tereus, dem König von Thrakien, der ihrem Vater in brenzliger Situation zu Hilfe geeilt war, von jenem zur Frau gegeben worden war.

Prokne nun muss gewahr werden, dass ihre Schwester von ihrem eigenen Mann vergewaltigt worden ist. Furchtbar ist ihre Rache an jenem, indem sie mit Hilfe ihrer Schwester diesem seinen Sohn als Mahl vorsetzt, ein mythisches Geschehen, das seine reale und übertragene Bedeutung hat. Jedenfalls will Tereus – nicht zu verwechseln mit Theseus – sich an den Frauen blutig rächen, doch beide Schwestern bekommen Fittiche verliehen und die Schwester Philomeia fliegt als Nachtigall davon, Prokne als Schwalbe, während Tereus als Wiedehopf das Nachsehen hat.

Bei Mörike und in den Mythen finden wir so viel Leid im Zusammenhang mit der Liebe. Doch nützt es nichts, die Augen davor zu verschließen.

Warum ich Mörikes Gedichte in diesem Zusammenhang gerne wahrnehme: Sie sind so wenig aufdringlich, sie lassen dem Leser so viel Spielraum, sich in das Leid hineinzubegeben – oder auch nicht, dass sie für mich mit dieser Unaufdringlichkeit ein Vorbild sind, wie man mit einem möglichen Hörer oder Leser und Nächsten umgehen könnte.

Jedenfalls glaubt man zu spüren, dass Mörike solche Gedichte aus einem in seinem Inneren befindlichen Meer an Tränen schöpft.

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