Und nichts zu suchen, das war mein Sinn! – Goethes „Gefunden“, eine Liebeserklärung an die Frau an seiner Seite.

Vielleicht hätte Johann Wolfgang das Schattenpflänzchen gar nicht gesehen, wenn er einen Plan gehabt hätte, wenn er voll mit allem Möglichen gewesen wäre.

Vielleicht hätte er es gesehen, aber nicht wahrgenommen, dass es wie Sterne leuchtet.

Und goldig, wie Goethe Diminutive verwendet; von einem Blümchen spricht er, von Äuglein – da schwingt so viel Zärtlichkeit mit:

.

Ich ging im Walde

So für mich hin,

Und nichts zu suchen

Das war mein Sinn.

.

Im Schatten sah ich

Ein Blümchen stehn,

Wie Sterne leuchtend,

Wie Äuglein schön.

.

Ich wollt es brechen,

Da sagt es fein:

Soll ich zum Welken

Gebrochen sein?

.

Ich grub’s mit allen

Den Würzlein aus.

Zum Garten trug ich’s

Am hübschen Haus.

.

Und pflanzt es wieder

Am stillen Ort;

Nun zweigt es immer

Und blüht so fort.

                               1813

.

Goethe ist ja ein Meister im Brechen von Blumen:

.

Und der wilde Knabe brach

´s Röslein auf der Heiden.

Röslein wehrte sich und stach

half ihm doch kein Weh und Ach,

musst´ es eben leiden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

.

Damals kannte der Knabe kein zurück. Das war im Elsass und das Röslein hieß Friederike Brion.

In das Brechen des Rösleins ist  viel hineingeheimnisst worden. Niemand weiß Genaueres – nur die beiden.

Dass Goethes Sah ein Knab ein Röslein stehn als Volkslied solchen Zuspruch fand, mag daran liegen, dass es in der Seele der Menschen resonierte, dass etwas mitschwang, bei den Männern womöglich Männerphantasien, bei den Frauen Frauenschicksale, die jede Frau anders wahrgenommen haben mag. Möglicherweise würde Goethe heute eine vierte Strophe dazugeschrieben und nicht mit obiger dritten Strophe geendet haben. Dass des Rösleins Entgegnung auf des  Knaben Ich breche Dich, indem es sagt Ich steche dich heute so folgenlos bliebe, ist eher unwahrscheinlich. Goethes Lied endete ja damals mit dem Brechen der Rose und einem half ihm doch kein Weh und Ach / musst es eben leiden des Rösleins.

Das Bewusstsein der Frauen hat sich geändert, das ist gut so.

Das mancher Männer auch, das ist gut so.

Als Goethe seine spätere Frau Christiane Vulpius kennenlernt, ist er 39 Jahre. In 18 Jahren kann sich ein Mann weiterentwickeln oder verhärten.

Es scheint so, als ob Goethe sich weiterentwickelt habe: Er hört auf das feine Stimmchen des Blümchens.

Ein feines Stimmchen wahrzunehmen: Schon das ist nicht jedem gegeben. Wenn es noch dazu das eines Blümchens ist, erst recht nicht. Das lyrische Ich – ich habe weiterhin Goethe im Sinn, denn das Gedicht ist, wie ich nachher erläutere, sehr autobiographisch – tut es.

Ein wenig vermisst man als Leser unbewusst die Antwort Goethes, des lyrischen Ichs auf die Frage des Blümleins, ob es um Welken gebrochen sein solle. 

Es handelt sofort. – Das ist seine Antwort. Und wie er handelt! Da wird die Wortwahl ganz ungewöhnlich. Eigentlich reicht doch allen Würzlein, nein:

.

Ich grub´s mit allen / Den Würzlein aus.

.

Wie sehr kommt hier das allen zur Geltung, wie sehr die Würzlein! Wie liebkosend sind sie angesprochen. Wie liebevoll trägt das lyrische Ich sein Blümlein zum hübschen Haus! – Da ganz offensichtlich ist der richtige Platz für das zarte Pflänzchen. Die Alliteration von hüsch und Haus will das bestätigen.

Und noch ein ganz besonderes Kunstück ist Goethe hier gelungen:

Die erste und dritte Zeile jeder Strophe enden ja weiblich, das heißt, mit einer unbetonten Silbe. Und weil die Zeilen – oder sagen wir besser Verse – so kurz sind, immer nur zweihebig, erwartet man im zweiten und vierten Vers, zu Beginn der neuen Zeile also, eigentlich intuitiv eine betonte Silbe, die auch käme, wenn der Vers vierhebig wäre, also:

.

Ich grúbs mit állen Wúrzlein aús . . .

oder auch

Ich gíng im Wálde fúr mich hín . . .

.

Nun heißt es aber:

.

Ich gíng im Wálde

So fúr mich hín,

.

bzw.

.

Ich grúb’s mit állen

Den Wúrzlein aús.

.

Klar, alles ist korrekt, zweihebiger Jambus, immer schön unbetont / betont / unbetont / betont.

Dennoch holpert alles ganz sanft durch die zwei unbetonen Silben, eine am Versende, eine dann am Versanfang: statt

.

Ich grub’s mit allen

Würzlein aus.

.

heißt es eben:

.

Ich grub’s mit allen

Den Würzlein aus.

.

Diese metrische Gestaltung –  und das gilt ja für alle Strophen – erzwingt immer eine kleine Pause; ein leises Einhalten.

Ein Verweilen, das Raum gibt für Gedanken und Bilder.

Dass einfach nicht zulässt, das Gedicht runterzurattern.

Nein, da steht Goethe mit seiner Vers-Kunst vor :-)

Zufall oder nicht – ich finde es gigantisch gemacht! – Und Zufall, das glaube ich nicht!

.

Um den Faden wieder aufzugreifen: Selbstverständlich ist das Verhalten des lyrischen Ichs nicht.

Auf dem Hintergrund eines Gedichtes des englischen Dichters Tennyson wird das deutlich:

.

Blume in der geborstenen Mauer,

Ich pflücke dich aus den Mauerritzen

Mitsamt den Wurzeln halte ich dich in der Hand,

Kleine Blume – doch wenn ich verstehen könnte,

Was Du mitsamt den Wurzeln und alles in allem bist,

Wüsste ich, was Gott und Mensch ist.

.

Was Du alles in allem bist?

Nachdem er das Blümlein gepfückt hat und es eher fast zufällig erscheint, dass es bei diesem Pflücken seine Wurzeln nicht verloren hat?

Wie kann er erwarten, dass er die Blume aus einer Mauerritze unversehrt herauspflückt?

Wie kann er glauben, dass er auf diesem Wege Zugang zu dem Wesen der Blume findet? – Was sie alles in allem ist?

Immerhin ahnt er, dass sich im Wesen der Blume sogar Gott und Mensch verhüllen. Dass er durch den Zugang zu ihrem Wesen das Wesen Gottes und des Menschen findet. – Das sind gewiss ungewöhnliche Gedanken. Man ahnt allerdings, dass Tennyson noch ein weiter Weg beschieden sein könnte, diesen Zugang wirklich zu finden, gerade auf dem Hintergrund von Goethes Verhalten, das von Liebe und Wertschätzung gegenüber seinem Blümchen geprägt ist.

Noch deutlicher wird dies, wenn man das Haiku des großen japanischen Dichters Basho (1644-1694) liest:

.

Yoku mireba                            Wenn ich aufmerksam schaue 

Nazuna hana saku                  Seh´ ich die Nazuna

Kakine kana                             An der Hecke blühen!

.

In Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, einem Buch, das 1971 herauskam und noch heute aufgelegt wird, lesen wir im Rahmen des Aufsatzes von Daisetz Teitaro Suzuki, überschrieben Über Zen-Budddhismus:

.

Wahrscheinlich ging Basho eine Landstraße entlang, als er etwas bemerkte, das unscheinbar an der Hecke stand. Er näherte sich, sah genau hin und fand, daß es nichts als eine wilde Pflanze war, die recht unbedeutend ist und für gewöhnlich von Vorübergehenden nicht beachtet wird. Es ist eine einfache Tatsache, die in dem Gedicht beschrieben wird, ohne daß dabei ein besonders poetisches Gefühl zum Ausdruck kommt, außer vielleicht in den beiden letzten Silben, die auf japanisch »kana« lauten. Diese Partikel, die häufig an ein Hauptwort, ein Adjektiv oder ein Adverb angehängt wird, drückt ein gewisses Gefühl der Bewunderung, des Lobes, des Leidens oder der Freude aus und kann manchmal in der Übersetzung ziemlich treffend durch ein Ausrufungszeichen wiedergegeben werden. Im vorliegenden Haiku endet der ganze Vers mit einem solchen Ausrufungszeichen. Es ist nicht leicht, dem, der mit der japanischen Sprache nicht vertraut ist, das Gefühl zu vermitteln, das die siebzehn oder vielmehr fünfzehn Silben mit einem Ausrufungszeichen durchdringt. Ich will versuchen, so gut ich kann, es zu erklären. Der Dichter selbst wäre vielleicht mit meiner Interpretation nicht einverstanden; aber das macht nicht viel aus, wenn wir nur wissen, daß es überhaupt jemand gibt, der es so versteht wie ich.

Zunächst war Basho, wie die meisten Dichter des Ostens, ein Naturdichter. Sie lieben die Natur so sehr, daß sie sich mit ihr eins fühlen, daß sie jeden Pulsschlag in den Adern der Natur spüren. Die meisten Menschen des Westens neigen dazu, sich der Natur zu entfremden. Sie glauben, der Mensch und die Natur hätten außer in einigen wünschenswerten Punkten nichts gemeinsam, und die Natur sei nur dazu da, um vom Menschen ausgenützt zu werden. Den Menschen des Ostens jedoch ist die Natur sehr nahe. Dieses Gefühl für die Natur wurde angesprochen, als Basho eine unauffällige und fast unbedeutende Pflanze entdeckte, die an der alten, schäbigen Hecke entlang der abgelegenen Landstraße so unschuldig und anspruchslos blühte und keineswegs begehrte, von jemandem bemerkt zu werden. Und doch, wenn man sie betrachtet, wie zart ist sie, wie voll göttlicher Pracht und Herrlichkeit, die die Salomos weit übertrifft! Ihre Demut, ihre schlichte Schönheit erwecken Bewunderung. Der Dichter kann aus jedem Blütenblatt das Geheimnis des Lebens oder Seins lesen. Vielleicht war sich Basho selbst dessen gar nicht bewußt, aber ich bin sicher, daß sich damals in seinem Herzen ein Gefühl regte, in etwa mit dem verwandt, das die Christen göttliche Liebe nennen und das bis in die Tiefen des kosmischen Lebens reicht. (…)

Die Methode des Zen besteht darin, in den Gegenstand selbst einzudringen und ihn sozusagen von innen zu sehen. Die Blume kennen heißt, zur Blume werden, die Blume sein, als Blume blühen und sich an Sonne und Regen erfreuen. Wenn ich das tue, so spricht die Blume zu mir, und ich kenne all ihre Geheimnisse, all ihre Freuden, all ihre Leiden, das heißt, das ganze Leben, das in ihr pulst. Und nicht nur das: Gleichzeitig mit meiner »Kenntnis« der Blume kenne ich alle Geheimnisse des Universums einschließlich aller Geheimnisse meines eigenen Ich, das mir bisher mein Leben lang ausgewichen war, weil ich mich in eine Dualität, in Verfolger und Verfolgten, in den Gegenstand und in seinen Schatten, geteilt hatte. Kein Wunder, daß es mir niemals gelang, mein Ich zu erfassen. Und wie anstrengend dieses Spiel war!

(…) Während die wissenschaftliche Methode darin besteht, den Gegenstand zu töten, den Leichnam zu sezieren, die Teile wieder zusammenzusetzen und so zu versuchen, den ursprünglichen, lebendigen Leib wiederherzustellen, was in Wirklichkeit unmöglich ist, nimmt das Zen das Leben so, wie es gelebt wird, anstatt es in Stücke zu zerhacken und zu versuchen, es mit Hilfe des Verstandes wieder zum Leben zu erwecken oder in Gedanken die zerbrochenen Stücke zusammenzuleimen. Die Methode des Zen erhält das Leben als solches; es wird von keinem chirurgischen Messer berührt. (…)

Die Wissenschaften befassen sich mit Abstraktionen und besitzen keine Aktivität. Das Zen stürzt sich in die Quelle der Schöpfungskraft und trinkt aus ihr alles Leben, das sie enthält. Diese Quelle ist das Unbewußte des Zen. Die Blume ist sich jedoch ihrer selbst nicht bewußt. Ich bin es, der sie aus dem Unbewußten erweckt. Tennyson verfehlt sie, wenn er sie von der geborstenen Mauer pflückt. Basho hat sie, wenn er die Nazuna betrachtet, die bescheiden an der wilden Hecke blüht. Ich kann nicht sagen, wo genau das Unbewußte ist. Ist es in mir? Oder in der Blume? Frage ich: »Wo?«, ist es vielleicht nirgendwo. Wenn das so ist, so möge ich in ihm sein und schweigen.

Während der Wissenschaftler tötet, versucht der Künstler, etwas Neues zu schaffen. Er weiß, daß sich die Wirklichkeit nicht durch eine Sektion erfassen läßt, daher nimmt er Pinsel, Leinwand und Farben und versucht, aus seinem Unbewußten heraus zu schaffen. Wenn sich dieses Unbewußte wahrhaft und aufrichtig mit dem »kosmischen Unbewußten« identifiziert, sind die Werke des Künstlers echt.

.

Insofern mögen wir Künstler des Lebens sein und unser Reservoir möge das Unbewusste sein, dem C.G. Jung sogar den Namen Gott zuweist, indem für ihn das Unbewusste der spiritus rector des Lebens ist, nicht das, was wir als Bewusstsein ansehen. Ich verstehe ihn so, dass für ihn im Unbewussten alles enthalten ist – so wie in Gott.

Jedenfalls machen die Worte Suzukis den tragischen Irrtum des Westens deutlich, und er wird auch  zu einem des Ostens, der immer mehr den Westen kopiert hat. Mich dünkt, dass womöglich im Westen die Gedanken des Ostens einen wertvollen Hort finden; ich denke an Karfried Graf Dürckheim, Erich Fromm, C.G. Jung und andere, die ein tiefes Verständnis des Ostens entwickelt haben und dessen Gedanken bewahren.

Gewiss verhalten sich Osten und Westen wie Yin und Yang – beides muss zueinander finden; nur dann findet eine Vollendung statt. – Im Übrigen möchte ich sagen, dass nicht jeder Wissenschaftler tötet; ich glaube, auch unter ihnen gab und gibt es Menschen, die mit allem Leben – und auch ein Stein lebt; wenn wir den Mystiker Jakob Lorber ernst nehmen, atmet er sogar – verantwortungsbewusst umgegangen sind.

Das lyrische Ich, sprich Goethe, geht in Gefunden ja auch verwantwortunsvoll, man möchte doch sagen: liebevoll und zärtlich mit dem Blümlein um.

Findest Du auch, lieber Leser?

Eigentlich wirklich! Wenn da nicht etwas Seltsames wäre – und dazu muss ich Biografisches vorausschicken, nämlich dass Goethe dieses Gedicht seiner Frau Christiane Vulpius am 26. August 1813 zum 25. Jahrestag ihrer ersten Begegnung im Park an der Ilm zu Weimar schrieb. Offensichtlich war beider Liebe zumindest in den ersten Jahren sehr leidenschaftlich. Belegt sind Schreinerrechnungen, weil das Bett mehrfach der Reparatur bedurfte. Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen wurde Sohn August geboren. Vier weitere Kinder verstarben sehr früh.

Die Weimarer Gesellschaft lehnte die unstandesgemäße Liaison ab – Christiane kam aus einfachen Verhältnissen -, und der Weimarer Herzog veranlasste Goethe, vorübergehend sein Haus am Frauenplan zu verlassen und mit Christiane ins sogenannte Jägerhaus zu ziehen. Auch nach ihrer Eheschließung 1806 wurde die Frau Geheimrätin Goethe von der Gesellschaft nur zögerlich akzeptiert.

Christiane starb 1816 nach längerem Leiden.

Goethe widmet also das Gedicht Christiane ganz bewusst.

Auf diesem Hintergrund fällt einfach auf, dass er dieses Blümlein nicht mit in sein Haus nimmt.

Er pflanzt es im Garten ein an einen stillen Ort. Dort blüht es so fort.

So fort . . .

Das ist eine Formulierung, die einem Goethe nicht einfach so rausrutscht. Sie hat ihre Bedeutung.

.

Nun zweigt es immer

Und blüht so fort.

.

Mich befremdet diese Formulierung.

Aus den Augen aus dem Sinn?

Es könnte sein!

Ich verehre Goethe ungemein. Für mich war er, wie ich zu sagen pflege, ein Jahrtausendmensch.

Aber all diese großen Menschen waren eben Menschen, das heißt, sie hatten ihre Schattenseiten.

Gewiss hat Goethe auf eine bestimmte Weise seine Christiane geliebt und bewundernswert war, wie er zu ihr stand, entgegen dem Geschwätz der Weimarer Gesellschaft.

Sie wollte auch nicht nur eine Liebschaft sein. Auch im Gedicht fragt sie nicht von ungefähr: Soll ich zum Welken gebrochen sein? Christiane mag geahnt haben, dass es da ein Röslein-Schicksal geben mag, das Schicksal eines Röslein, das zwar wunderschön ist und sich geliebt fühlt, aber gebrochen wird und verwelkt – was ja auf die Beziehung des jungen Goethe zu Friderike Brion zutraf.

Dieses Schicksal möchte Christiane nicht erleiden. Goethe heiratet sie nach vielen Jahren ihrer Beziehung, nachdem Christiane mannhaft und allein sein Haus gegenüber französischen Besatzern verteidigt hat.

Allerdings ist überliefert, dass er sich mehr und mehr von Christiane zurückgezogen hat, dass er auf ihre Wünsche nicht nur einmal nicht reagierte, nicht einmal auf Geburtstagswünsche,  ja nicht einmal ihrer Beisetzung beiwohnte.

Das befremdet, ja enttäuscht. Wobei man wissen muss, dass Goethe mit dem Tod an sich, auch wenn er bisweilen sich anders äußerte, so seine Schwierigkeiten hatte.

Ich selbst glaube nicht, dass Christiane seine ureigentliche Seelenpartnerin war, etwas, was es für mich gibt;  ich glaube nicht, dass er sie ureigentlich und aus ganzer Tiefe wertgeschätzt hat. Aber sie war die Frau an seiner Seite, sie wollte die Frau an seiner Seite sein.

Und wie sie zu ihm stand, der doch sein Leben recht eigenwillig lebte, das bewundere ich.

Ich glaube, sie spürte einfach auch, dass man einen Menschen, der so voll ist mit dem, was es für ihn nach außen zu bringen gilt, nicht an eine kurze Leine legen kann. Vielleicht hat sie auch gespürt, dass sie ihn verlieren würde, wenn sie das versuchen würde. Damals ist man mit Ex-Geliebten so umgegangen, dass man sie auf irgendeinen Alterssitz abgeschoben und ihnen ein auskommendes Leben ermöglicht hat.

Als Mann glaube ich zu spüren, dass Goethe sie nicht so liebte, wie sie es als Mensch, wie es ihre Liebe vielleicht verdient hätte.

Doch steht es mir nicht zu, mich in die Beziehung der beiden hineinzuverästeln. Sie werden sich im Jenseits zur Genüge ausgesprochen haben.

Auch wenn Christianes Grab – kein Zufall – in Vergessenheit geriet und lange verschollen blieb, erst 1888, 65 Jahre nach Goethes Tod wieder gefunden wurde, so bleiben die Worte Goethes auf Christianes Grabplatte ein Vermächtnis:

.

Du versuchst, o Sonne, vergebens,

Durch die düstren Wolken zu scheinen!

Der ganze Gewinn meines Lebens

Ist, ihren Verlust zu beweinen.

 

.
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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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