Diese stummen und manchmal unbelebten Kreaturen heben sich mir mit einer solchen Fülle, einer solchen Gegenwart der Liebe entgegen! – Der Chandos-Brief Hugo von Hofmannsthals

1902 schreibt Hugo von Hofmannsthal unter dem Namen Lord Chandos einen Brief an Francis Bacon, einen damals weithin bekannten Philosophen und Naturwissenschaftler, der doch eigentlich der völlig falsche Adresssat sein muss. Im Mittelpunkt des Briefes nämlich stehen im Grunde Gefühle, Gefühle für Gegenstände wie Gießkannen, aber auch für Tiere, wie z.B. Ratten.

Darüber ausgerechnet einem Mann wie Bacon schreiben zu wollen, dünkt aberwitzig, denn Francis Bacon (1561-1626), ein Zeitgenosse Galileis, ist ein Mann der kopernikanischen Wende:

Die Erde steht nicht mehr im Mittelpunkt, wie es seit Ptolemäus galt und dem bisher sogenannten ptolemäischen Weltbild entsprach. Alle früheren Koordinaten zählen nicht mehr.

Ein neues, ein mechanistisches Welt etabliert sich mit Folgen, die wir bis heute spüren. So entwirft nicht von ungefähr Rene Descartes (1596-1650) ein mathematisches Bild der Natur und lehrt, dass alles in der Natur auf sich bewegende Materie zurückgeführt werden kann. Sein berühmter Satz prägt über Jahrhunderte die Naturwissenschaften und ihre Orientierung am Materiellen:

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Gebt mir Materie und ich werde das Universum erschaffen!

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Obwohl die meisten der federführenden Köpfe tief religiös sind, ist keine Rede mehr von einem Geistwesen namens Gott, der die Welt erschaffen haben soll, keine Rede mehr von dem Buddhawort, dass alle Dinge im Geist entstünden. 

Eine unglaublich euphorische Aufbruchstimmung erfasste damals die Menschen, die Wissenschaftler. Wie Kolumbus, Magellan und andere von den Küsten des damals bekannte Landes ablegen, so legen nun auch die Wissenschaftler von den herkömmlichen Wissensgestaden ab mit dem Mut, aufs offene Meer zu segeln. Kein Wunder formuliert Bacon:

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Fort mit den geschichtlichen Autoritäten, den gepriesenen Meistern, fort mit Aristoteles und seinen Lehren (…) Weshalb ständig nach dem Warum der Dinge fragen – wichtig ist das Wie! (…) Allerdings lässt sich die Natur nur besiegen, wenn man ihre Gesetze befolgt; sie zu kennen bedeutet Herrschaft über die Natur: Wissen ist Macht!

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Warum ich darauf verweise, wird klar, wenn man die Ausführungen von Lord Chandos, alias Hugo von Hofmannsthal, liest:

Im Grunde hat er eine genau gegenteilige Auffassung, gerade, was die Natur betrifft. Deshalb verwundert mich zutiefst, warum Hugo von Hofmannsthal seinen Lord Chandos dessen Brief an Francis Bacon richten lässt. Eigentlich ist das der vollkommen falsche Adressat.

Mich wundert auch, dass ich bisher nirgends gelesen habe, dass Germanisten über diesen Tatbestand geschrieben hätten.

Jedenfalls hat selten jemand unmissverständlicher eine spirituelle Stufe seiner Entwicklung so überzeugend zum Ausdruck gebracht wie Hugo von Hofmannsthal, den Germanisten und Gedichtliebhaber als Verfasser zum Teil mystisch-magischer Gedichte kennen, ich denke an Ein Traum von großer Magie oder Weltgeheimnis.

Germanisten klassifizieren diesen fiktiven, also erfundenen Brief, den man in Fachkreisen gemeinhin als Chandos-Brief bezeichnet, unter dem Aspekt der Sprachkritik, denn ganz offensichtlich ist: Hofmannsthal sieht sich nicht mehr in der Lage zum Ausdruck zu bringen, was in ihm vorgeht.

Tatbestand allerdings ist, dass Hofmannsthal zu der Zeit, als er jenen Brief abfasst, durchaus sehr produktiv ist und auch der Brief selbst ja in keiner Weise von einem sprachlichen Unvermögen zeugt, im Gegenteil:

Zunächst schreibt Lord Chandos – man darf also nicht alles, was Letzterer über sich sagt, eins zu eins auf Hofmannsthal umlegen – über seine Pläne, die er auf dem schriftstellerischen Sektor vorgehabt habe und bekundet schon hier ein Bewusstsein, wie man es noch mehr Menschen wünschte:

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Mir erschien damals in einer Art von andauernder Trunkenheit das ganze Dasein als eine große Einheit: geistige und körperliche Welt schien mir keinen Gegensatz zu bilden, ebensowenig höfisches und tierisches Wesen, Kunst und Unkunst, Einsamkeit und Gesellschaft; in allem fühlte ich Natur, in den Verirrungen des Wahnsinns ebensowohl wie in den äußersten Verfeinerungen eines spanischen Zeremoniells; in den Tölpelhaftigkeiten junger Bauern nicht minder als in den süßesten Allegorien; und in aller Natur fühlte ich mich selber; wenn ich auf meiner Jagdhütte die schäumende laue Milch in mich hineintrank, die ein struppiges Mensch einer schönen sanftäugigen Kuh aus dem strotzenden Euter in einen Holzeimer niedermolk, so war mir das nichts anderes, als wenn ich, in der dem Fenster eingebauten Bank meines studio sitzend, aus einem Folianten süße und schäumende Nahrung des Geistes in mich sog.

Das eine war wie das andere; keines gab dem andern weder an traumhafter überirdischer Natur, noch an leiblicher Gewalt nach, und so gings fort durch die ganze Breite des Lebensbedingungen, rechter und linker Hand; überall war ich mitten drinnen, wurde nie ein Scheinhaftes gewahr: Oder es ahnte mir, alles wäre Gleichnis und jede Kreatur ein Schlüssel der anderen, und ich fühlte mich wohl den, der im Stande wäre, eine nach der andern bei der Krone zu packen und mit ihr so viele der andern aufzusperren, als sie aufsperren könnte. Soweit erklärt sich der Titel, den ich jenem enzyklopädischen Buch zu geben gedachte.

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So weit, so gut. Wir finden dieses Bewusstsein auch in vergleichbarer Weise bei dem jungen Werter in jenem berühmten Brief vom 10. Mai.

Doch dann muss Lord Chandos feststellen, dass sein Geist aus der aufgeschwollenen Anmaßung seiner Pläne und jenes eben angeführten Bewusstseins in sich zusammensinkt. Weder kann er sich dies auf einem religiösen Hintergrund erklären noch auf einem irdischen und er muss Francis Bacon, dem Adressaten mitteilen:

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Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.

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Die ganzen alltäglichen Anlässe, so lässt er wissen, z.B. sein Kind zu tadeln oder, worüber sich Nachbarn unterhalten, kämen ihm als bedenklich, ja lügenhaft und unbeweisbar vor. Was für ihn sonst wichtig und wirklich gewesen sei, zerrinne ihm:

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Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie gerannen zu Augen die mich anstarrten und in die ich wieder hineinstarren muß: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt.

( . . . ) Es überkam mich unter ihnen das Gefühl furchtbarer Einsamkeit; mir war zumuth wie einem, der in einem Garten mit lauter augenlosen Statuen eingesperrt wäre; ich flüchtete wieder ins Freie.

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Die Wirklichkeit, die  Hofmannsthal alias Chandos wahrnimmt, lässt sich nicht mit Worten erfassen.

Warum das so ist, wird in den folgenden Sätzen deutlich – wie wollen sich auch solche Offenbarungen wiedergeben lassen:

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Eine Gießkanne, eine auf dem Feld verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein ärmlicher Kirchhof, ein Krüppel, ein kleines Bauernhaus, alles dies kann das Gefäß meiner Offenbarung werden. Jeder dieser Gegenstände und die tausend anderen ähnlichen, über die sonst ein Auge mit selbstverständlicher Gleichgültigkeit hinweggleitet, kann für mich plötzlich in irgendeinem Moment, den herbeizuführen auf keine Weise in meiner Gewalt steht, ein erhabenes und rührendes Gepräge annehmen, das auszudrücken mir alle Worte zu arm scheinen.

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Offensichtlich kann alles an Leben gewinnen, alles beseelt sein, und offensichtlich gibt es da auch nicht die übliche Wertigkeit, die wir gern vornehmen, wenn wir Gegenstände bewerten.

Mich erinnert das an die Sichtweise indianischer Kulturen auf ihre Wirklichkeit:

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WAS SIEHST DU HIER, MEIN FREUND? Nur einen gewöhnlichen alten Kochtopf, verbeult und schwarz vom Ruß. Er steht auf dem Feuer, auf diesem alten Holzofen da, das Wasser darin brodelt, und der aufsteigende Dampf bewegt den Deckel. Im Topf ist kochendes Wasser, Fleisch mit Knochen und Fett und eine Menge Kartoffeln.
Es scheint, als hätte er keine Botschaft für uns, dieser alte Topf, und du verschwendest bestimmt keinen Gedanken an ihn. Außer, dass die Suppe gut riecht und dir bewusst macht, dass du hungrig bist.
Aber ich bin ein Indianer. Ich denke über einfache, alltägliche Dinge – wie diesen Topf hier – nach …  (vgl. Indianische Weisheit (II): Das Leben als Symbol begreifen)

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Hofmannsthal/Chandos sieht das ähnlich; er fährt fort: 

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Ja, es kann auch die bestimmte Vorstellung eines abwesenden Gegenstandes sein, der die unbegreifliche Auserwählung zu Theil wird, mit jener sanft oder jäh steigenden Flut göttlichen Gefühles bis an den Rand gefüllt zu werden. So hatte ich unlängst den Auftrag gegeben, den Ratten in den Milchkellern eines meiner Meierhöfe ausgiebig Gift zu streuen. Ich ritt gegen Abend aus und dachte, wie Sie vermuten können, nicht weiter an diese Sache. Da, wie ich im tiefen aufgeworfenen Ackerboden Schritt reite, nichts Schlimmeres in meiner Nähe als eine aufgescheuchte Wachtelbrut und in der Ferne über den welligen Feldern die große sinkende Sonne, tut sich mir im Innern plötzlich dieser Keller auf, erfüllt mit dem Todeskampf dieses Volks von Ratten.

Alles war in mir: die mit dem süßlich scharfen Geruch des Giftes angefüllte kühl-dumpfe Kellerluft und das Gellen der Todesschreie, die sich an modrigen Mauern brachen; diese ineinander geknäulten Krämpfe der Ohnmacht, durcheinander hinjagenden Verzweiflungen; das wahnwitzige Suchen der Ausgänge; der kalte Blick der Wut, wenn zwei einander an der verstopften Ritze begegnen. Aber was versuche ich wiederum Worte, die ich verschworen habe! ( . . . ) 

Vergeben Sie mir diese Schilderung, aber denken Sie nicht, daß es Mitleid war, was mich erfüllte. Das dürfen Sie ja nicht denken, sonst hätte ich mein Beispiel ungeschickt gewählt. Es war viel mehr und viel weniger als Mitleid: ein ungeheures Anteilnehmen, ein Hinüberfließen in jene Geschöpfe oder ein Fühlen, daß ein Fluidum des Lebens und Todes, des Traumes und Wachens für einen Augenblick in sie hinübergeflossen ist – von woher? Denn was hätte es mit Mitleid zu tun, was mit begreiflicher menschlicher Gedankenverknüpfung, wenn ich an einem anderen Abend unter einem Nußbaum eine halbvolle Gießkanne finde, die ein Gärtnerbursche dort vergessen hat, und wenn mich diese Gießkanne und das Wasser in ihr, das vom Schatten des Baumes finster ist, und ein Schwimmkäfer, der auf dem Spiegel dieses Wassers von einem dunklen Ufer zum andern rudert, wenn diese Zusammensetzung von Nichtigkeiten mich mit einer solchen Gegenwart des Unendlichen durchschauert, von den Wurzeln der Haare bis ins Mark der Fersen mich durchschauert, daß ich in Worte ausbrechen möchte, von denen ich weiß, fände ich sie, so würden sie jene Cherubim, an die ich nicht glaube, niederzwingen, und daß ich dann von jener Stelle schweigend mich wegkehre, und nun nach Wochen, wenn ich dieses Nußbaums ansichtig werde, mit scheuem seitlichen Blick daran vorübergehe, weil ich das Nachgefühl des Wundervollen, das dort um den Stamm weht, nicht verscheuchen will, nicht vertreiben die mehr als irdischen Schauer, die um das Buschwerk in jener Nähe immer noch nachwogen.

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Mancher könnte vermuten, Hofmannsthal sei bekifft oder anderweitig high gewesen. Bei Georg Trakl oder anderen könnte diese Annahme berechtigt sein (Trakl war bekanntlich über weite Strecken seines kurzen Lebens drogenabhängig); bei Hofmannsthal nicht.

Nein, es zeigt sich hier ein Bewusstsein, das wir holistisch nennen können, alles ist EIN Raum, ein Weltinnenraum, wie Rilke ihn nennen würde, und wer diesen so wahrnimmt, nimmt auch wahr, dass er andere Gesetzmäßigkeiten hat:

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In diesen Augenblicken wird eine nichtige Kreatur, ein Hund, eine Ratte, ein Käfer, ein verkrümmter Apfelbaum, ein sich über den Hügel schlängelnder Karrenweg, ein moosbewachsener Stein mir mehr als die schönste hingebendste Geliebte der glücklichsten Nacht mir je gewesen ist. Diese stummen und manchmal unbelebten Kreaturen heben sich mir mit einer solchen Fülle, einer solchen Gegenwart der Liebe entgegen, daß mein beglücktes Auge auch ringsum auf keinen toten Fleck zu fallen vermag.

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Der letzte Satz ist für mich einer der berührendsten, die ich je gelesen habe.

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Es erscheint mir alles, was es gibt, alles, dessen ich mich entsinne, alles, was meine verworrensten Gedanken berühren, etwas zu sein. Auch die eigene Schwere, die sonstige Dumpfheit meines Hirnes erscheint mir als etwas; ich fühle ein entzückendes, schlechthin unendliches Widerspiel in mir und um mich, und es gibt unter den gegeneinander spielenden Materien keine, in die ich nicht hinüberzufließen vermöchte.

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Weltinnenraum!

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Es ist mir dann, als bestünde mein Körper aus lauter Chiffern, die mir alles aufschließen. Oder als könnten wir in ein neues, ahnungsvolles Verhältnis zum ganzen Dasein treten, wenn wir anfingen, mit dem Herzen zu denken. Fällt aber diese sonderbare Bezauberung von mir ab, so weiß ich nichts darüber auszusagen; ich könnte dann ebensowenig in vernünftigen Worten darstellen, worin diese mich und die ganze Welt durchwebende Harmonie bestanden und wie sie sich mir fühlbar gemacht habe, als ich ein Genaueres über die inneren Bewegungen meiner Eingeweide oder die Stauungen meines Blutes anzugeben vermöchte.

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Das ist sein Problem und aus diesen und vergleichbarer Sätze haben Germanisten die Legitimation bezogen, die ganzen Aussagen auf ein Sprachproblem zu reduzieren und wundern sich dann, dass Hofmannsthal in dieser Zeit doch weitergeschrieben, erfolgreich weitergeschrieben habe.

Wie es Hofmannsthal aber wirklich erging, wie allein er in Wirklichkeit war, wird aus den folgenden Zeilen deutlich:

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Von diesen sonderbaren Zufällen abgesehen, von denen ich übrigens kaum weiß, ob ich sie dem Geist oder dem Körper zurechnen soll, lebe ich ein Leben von kaum glaublicher innerer Leere und habe Mühe, die Starre meines Innern vor meiner Frau und vor meinen Leuten die Gleichgültigkeit zu verbergen, welche mir die Angelegenheiten des Besitzes einflößen. Die gute und strenge Erziehung, welche ich meinem seligen Vater verdanke, und die frühzeitige Gewöhnung, keine Stunde des Tages unausgefüllt zu lassen, sind es, scheint mir, allein, welche meinem Leben nach außen hin einen genügenden Halt und den meinem Stande und meiner Person angemessenen Anschein bewahren.

Ich baue einen Flügel meines Hauses um und bringe es zustande, mich mit dem Architekten hie und da über die Fortschritte seiner Arbeit zu unterhalten; ich bewirtschafte meine Güter, und meine Pächter und Beamten werden mich wohl etwas wortkarger, aber nicht ungütiger als früher finden. Keiner von ihnen, der mit abgezogener Mütze vor seiner Haustür steht, wenn ich abends vorüberreite, wird eine Ahnung haben, daß mein Blick, den er respektvoll aufzufangen gewohnt ist, mit stiller Sehnsucht über die morschen Bretter hinstreicht, unter denen er nach Regenwürmern zum Angeln zu suchen pflegt, durchs enge vergitterte Fenster in die dumpfe Stube taucht, wo in der Ecke das niedrige Bett mit bunten Laken immer auf einen zu warten scheint, der sterben will, oder auf einen, der geboren werden soll; daß mein Auge lange an den häßlichen jungen Hunden hängt oder an der Katze, die geschmeidig zwischen Blumenscherben durchkriecht, und daß es unter allen den ärmlichen und plumpen Gegenständen einer bäurischen Lebensweise nach jenem einen sucht, dessen unscheinbare Form, dessen von niemand beachtetes Daliegen oder -lehnen, dessen stumme Wesenheit zur Quelle jenes rätselhaften, wortlosen, schrankenlosen Entzückens werden kann.

Denn mein unbenanntes seliges Gefühl wird eher aus einem fernen einsamen Hirtenfeuer mir hervorbrechen als aus dem Anblick des gestirnten Himmels; eher aus dem Zirpen einer letzten, dem Tode nahen Grille, wenn schon der Herbstwind winterliche Wolken über die öden Felder hintreibt, als aus dem majestätischen Dröhnen der Orgel.

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Das sind unglaubliche Worte. Sie mögen uns vermitteln, wie wertvoll gerade die einfachsten Dinge sind!

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Und ich vergleiche mich manchmal in Gedanken mit jenem Crassus, dem Redner, von dem berichtet wird, daß er eine zahme Muräne, einen dumpfen, rotäugigen, stummen Fisch seines Zierteiches, so über alle Maßen lieb gewann, daß es zum Stadtgespräch wurde; und als ihm einmal im Senat Domitius vorwarf, er habe über den Tod dieses Fisches Tränen vergossen, und ihn dadurch als einen halben Narren hinstellen wollte, gab ihm Crassus zur Antwort: »So habe ich beim Tod meines Fisches getan, was Ihr weder bei Eurer ersten noch Eurer zweiten Frau Tod getan habt.« 

( . . . )  Und über diese Figur, deren Lächerlichkeit und Verächtlichkeit mitten in einem die erhabensten Dinge beratenden, weltbeherrschenden Senat so ganz ins Auge springt, über diese Figur zwingt mich ein unnennbares Etwas, in einer Weise zu denken, die mir vollkommen töricht erscheint, im Augenblick, wo ich versuche, sie in Worten auszudrücken.

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Vielleicht könnten wir für dieses unnennbare Etwas einen Namen finden, aber vermutlich würde Hofmannsthal energisch protestieren. Was er ja genau nicht kann, ist dem, was sich in ihm abspielt, Worte und Namen zu geben.

Und nun wollen wir hingehen und Gott sagen oder, wie Schiller Höheres Selbst oder was auch immer. 

Genau das will Hofmannsthal nicht.

Für das, was er meint, gibt es keine Worte.

Hofmannsthal nennt sie eine Sprache,

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in welcher nicht nur zu schreiben, sondern auch zu denken mir vielleicht gegeben wäre, weder die lateinische noch die englische, noch die italienische oder spanische ist, sondern eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zuweilen zu mir sprechen, und in welcher ich vielleicht einst im Grabe vor einem unbekannten Richter mich verantworten werde.

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Auch dieser letzte Satz: wie weitreichend!

Ich weiß nicht, ob Hofmannsthal im Moment, da er seinen Lord Chandos diese Worte schreiben ließ, sich erinnerte, dass er von dieser Sprache schon gesprochen, geschrieben hatte – in seinem Gedicht Weltgeheimnis. Dessen erste Strophe lautet:

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Der tiefe Brunnen weiß es wohl

Einst waren alle tief und stumm,

Und alle wussten drum.

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Es ist jene mythische Zeit im Paradies – und wir wissen, Paradies ist kein Ort in unserem Sinne, sondern ein Raum und eine Zeit, raumlos und zeitlos -, als Gott und die Menschen durch den Garten Eden wandelten und sich verständigten und verstanden, ohne in unserem Sinne zu sprechen.

Wenn es in der Bibel in der Schöpfungsgeschichte zu Beginn immer wieder heißt „Und Gott sprach“, dann ist es dieses Sprechen – ein Sprechen ohne Worte, ein geistiges Sprechen, das dennoch im ganzen Weltenraum zu hören war.

Um dieses Sprechen weiß Hofmannsthal, im Chandos-Brief und in seinem Gedicht.

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Sprechen, wie wir es verstehen, beginnt in der Bibel durch eine ganz markante Formulierung – bezeichnenderweise nach dem sogenannten Sündenfall (eine Bezeichnung, die ich nicht mag, ja fehlsteuernd finde). Es heißt im 3. Kapitel des 1. Mose-Buches:

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Und sie hörten die Stimme Gottes des HERRN, der im Garten ging, da der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter die Bäume im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?

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Das Wissen um eine andere Sprache, die auch mit einem anderen Bewusstsein verbunden ist, davon hat die Menschheit nur eine zuckende Ahnung. 

Die letzte Strophe von Weltgeheimnis lautet deshalb:

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Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst aber wussten alle drum,
Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

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